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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 2. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
2. Kapitel
Der Straßenaraber

Harry Taxon trug einen vielfach geflickten und durchlöcherten Anzug, alte, zerrissene Stiefel und einen braunen, zerschlissenen Hut, der wie ein umgestürzter Topf auf seinem Kopf saß. Er führte einen kleinen, achtjährigen Jungen an der Hand herein.

Es war ein blonder, hübscher Knabe, der jedoch höchst verwahrlost aussah.

Die Fetzen, die um seinen hageren Leib hingen, konnte man kaum als Anzug bezeichnen.

Seine Füße waren vollkommen unbekleidet und zeigten die Hornhaut, die entsteht, wenn man barfuß über hartes Pflaster läuft und dabei mit Steinen, Nägeln und Glassplittern in Berührung kommt.

»Das ist wohl einer von Joe Jeffersons Gästen?«, fragte Sherlock Holmes und schaute den Jungen mit seinen großen, dunklen, durchdringenden Augen an.

»Ein herziger Junge, nicht wahr?«, rief Harry aus.

»Ich bin ganz verliebt in ihn.«

»Und weil ich glaubte, dass Sie, Mr. Sherlock Holmes, für das Kind etwas tun könnten, habe ich ihn mit hierhergebracht.«

Sherlock Holmes winkte, und der Junge trat ohne Furcht dicht vor ihn hin.

»Wie heißt du denn?«, fragte der Detektiv.

»Dandy.«

»Das ist dein Beiname, den man dir gegeben hat?«

»Ich habe keinen anderen Namen«, versetzte der Junge. »Sie haben mich immer Dandy genannt, zuerst die alte Brandymike und dann die Jungen auf der Straße.

Überhaupt nannten mich alle nur Dandy.«

»Wer ist denn die Brandymike?«

»Kennen Sie diese denn nicht?«, fragte das Kind. »Sie liegt gewöhnlich betrunken auf der Straße. Aber sie hat sich zuerst um mich gekümmert, als ich in den Straßen Londons spazieren ging, ohne zu wissen, wer ich bin und wohin ich eigentlich gehen soll.«

»Du hast die Alte bestimmt schon oft genug gesehen, denn Harry hat mir erzählt, dass du ganz London wie deine Westentasche kennst.«

»Sie hat ein kupferrotes Gesicht, ist sehr dick und trinkt viel Brandy.«

»Brandymike war also gewissermaßen deine Pflegemutter? Und wo habt ihr gewohnt?«

»In einer Tonne auf der Market Street oder in einem Kanalrohr in der Nähe der Broad Street. Im Sommer war es besser, da haben wir im Grünen geschlafen.«

»Hat sie dir denn auch Brandy gegeben?«

»Sie nannte mich einen dummen Jungen, weil ich das Zeug nicht trinken wollte. Aber es brannte so sehr in der Kehle und auf der Zunge.«

»Und hat sie dich auch geschlagen?«

»Oh ja, wenn ich ihr zu wenig Geld nach Hause brachte. Ich musste nämlich für sie betteln gehen.«

»Jetzt bist du nicht mehr bei der Brandymike?«

»Nein, ich bin ihr weggelaufen. Sie hat die Strafe mit den Zähnen eingeführt und das wollte ich mir nicht gefallen lassen.«

»Welche Strafe war das denn?«

»Wenn ich nicht mindestens einen Schilling und sechs Pence brachte, wollte sie mir einen Zahn herausreißen. Sie hatte eine niedliche Zange dafür. Aber ich habe ausgerechnet, dass ich nur zweiunddreißigmal Pech haben dürfte, um den Schilling und die sechs Pence nicht zusammenzubringen. Dann hätte ich überhaupt keinen Zahn mehr im Mund. Und weil ich die Zähne zum Beißen brauche, bin ich ihr halt fortgelaufen.«

»Und wovon lebst du denn jetzt?«

»Ich verkaufe Zeitungen wie die Straßenverkäufer. Oh, ich habe schon meine Kunden, die mir die PALL MALLl GAZETTE abkaufen – ich komme auf 5 bis 6 Pence täglich.

Davon lebe ich. Wenn die Nacht kommt, gehe ich zu Joe Jefferson und schlafe dort.«

»Und hast du gar keine Ahnung, wer deine Eltern gewesen sein könnten? Wie alt warst du, als Brandymike dich in den Straßen Londons fand?«

»Ich weiß es nicht genau. Aber jetzt bin ich bald neun Jahre alt, so meinen zumindest die anderen Jungen. Ein Jahr bin ich jetzt schon selbstständig, drei Jahre war ich bei Brandymike. Wenn Sie gut im Rechnen sind, Mr. Sherlock Holmes, werden Sie feststellen, dass ich etwa fünf Jahre alt gewesen sein muss, als man mich in London ausgesetzt hat!«

»Und wer mag das getan haben?«

»Ah, daran ist doch kein Zweifel, wahrscheinlich meine Eltern, denen ich zu viel war. Aber ich habe immer das Gefühl, als hätte ich früher in einem schönen, großen Haus gewohnt. Ich weiß nicht, ob es ein Traum ist oder Wirklichkeit. Es lag mitten im Wald, und durch ein Fenster sah ich hohe Berge. Ich hörte auch Wasser rauschen, das an unserem Haus vorbeifloss. Eine schöne, blasse Frau liebte mich sehr und küsste mich oft. Ich erinnere mich auch an einen Mann, der wohl mein Vater gewesen sein muss.

Doch dann wird alles dunkel und sie sind verschwunden: die bleiche Frau, der große, stattliche Mann, die schönen Zimmer, das Silbergeschirr, von dem ich gegessen habe, und, was ich am meisten bedauere, die schönen Beefsteaks, die süßen Speisen und die Früchte – alles ist verschwunden.«

»Harry, führe den kleinen Straßenaraber zu Mrs. Bonnet und sage ihr, sie möge ihm ein ordentliches Frühstück bereiten. Komm jeden Tag wieder, Dandy, und hole dir ein ordentliches Mittagessen, hörst du? Jeden Tag. Aber erzähle es nicht den anderen Straßenarabern, Dandy, sie würden mir sonst das Haus stürmen.«

»Danke, Sir«, antwortete Dandy, der während der ganzen Unterredung einen komischen Ernst bewahrt hatte.

»Danke – ein Lunch ist immerhin etwas. Bei Joe Jefferson bekomme ich meine Frühstückssuppe, also muss ich nur noch für das Abendessen sorgen. Wenn mich nicht Brandymike eines Tages findet und mit sich fortschleppt, kann ich mit meinem Leben ganz zufrieden sein. Leben Sie wohl, Sir.«

Der Junge reichte Harry die Hand und ließ sich von ihm fortführen.

Sherlock Holmes aber blickte dem armen Jungen ernst, beinahe traurig, nach.

»Wer zählt sie, wer kennt ihre Namen, deren Schicksal dem dieses Kindes ähnlich ist?

Sie sind Legion. Von erbarmungslosen Eltern oder gleichgültigen Verwandten auf die Straße hinausgestoßen, führen diese armen Kinder ein Leben wie wilde Tiere. Wenn sie einen gütigen Menschen finden, der sich ihrer annimmt, werden sie treue Haustiere.

Geschieht dies aber nicht, werden sie zu Bestien, die der menschlichen Gesellschaft früher oder später gefährlich werden.

Doch nun will ich den Brief Mary Haltons ablegen, er kommt in mein Archiv. Sieh einmal an«, rief Sherlock Holmes, nachdem er den Brief zusammengefaltet und wieder in das Kuvert gesteckt hatte. »Dieser Brief ist ja statt 24 Stunden volle zehn Tage von Ashkirk in Schottland nach London gegangen. So lange ist er herumgereist, bis er in meine Hände kam. Freilich ist die Adresse Sherlock Holmes’ in London etwas unvollständig, aber immerhin sollte die Post einen Mann wie mich finden – was gibt es denn, Harry?«

»Es muss ein Irrtum sein, Mr. Sherlock Holmes«, antwortete Harry, der indessen seine Lumpen abgelegt hatte und sich nun als schmucker junger Mann präsentierte.

»Unten vor der Tür stehen zwei Rollkutscher, die einen großen gelben Koffer bringen.

Sie behaupten, dass der Koffer für Sie bestimmt sei, Mr. Sherlock Holmes.«

»Kein Irrtum!«, rief der Detektiv. »Der Koffer soll sofort heraufgebracht werden.«

»Wohin, Mr. Sherlock Holmes?«

»In dieses Zimmer.«

Nach wenigen Minuten hörte man das Stampfen der Träger, die die Treppe hinaufkamen.

»Donnerwetter!«, fluchte einer von ihnen, »das Ding ist ja so schwer, als ob es mit Eisen vollgepackt wäre.«

»Und dabei steht noch auf dem Deckel Vorsicht, nicht stürzen«, versetzte der andere.

»Ja, wer bezahlt uns denn für diese Vorsicht?«

»Ich«, rief Sherlock Holmes, der die Tür seines Arbeitszimmers geöffnet hatte.

»Ich bezahle euch. Stellt den Koffer hierher, mitten ins Zimmer, und gebt mir dann den Frachtbrief.«

»Hier ist er!«, antwortete der Kutscher.

Dabei wischte er sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn und zog mit der anderen den Begleitbrief aus seiner Latzschürze hervor.

»Es sind 10 Schilling und 7 Pence zu bezahlen.«

»Hier sind sie, und das andere ist euer Trinkgeld!«, entgegnete Sherlock Holmes.

Dann legte er die geforderte Summe und etwas mehr auf den Tisch.

»Danke, Sirr, danke!«, versetzte der Kutscher. »Bitte aber um die Unterschrift auf der Empfangsbestätigung – jetzt haben wir hier nichts mehr zu tun.«

Die beiden Männer gingen.

Harry Taxon betrachtete kopfschüttelnd und verwundert den großen gelben Koffer.

Dieser war reich mit Messing beschlagen, sodass er recht vornehm aussah.

»Das ist ja ein Riesenkoffer«, rief Harry aus. »Wenn es zu fragen gestattet ist, Mr. Sherlock Holmes, was enthält er denn eigentlich?«

»Wahrscheinlich das, was im Frachtbrief steht: Kleider und Wäsche. So steht es jedenfalls hier, und ich habe keinen Grund, an der Wahrheit dieser Angaben zu zweifeln. Aber jetzt, Harry, hole mir meine Nachschlüssel und bringe das ganze Bund.«

»Wie, Mr. Sherlock Holmes, Sie wollen den Koffer öffnen?«

»Mit deiner gütigen Erlaubnis«, versetzte der Detektiv lächelnd.

»Ja, gehört denn der Koffer Ihnen?«

»Keineswegs, mein Junge, indessen habe ich das Recht, ihn zu öffnen. In diesem Koffer schickt mir eine Unglückliche, die aus qualvollen Verhältnissen entfliehen will, vorläufig wahrscheinlich ihre Garderobe. Wir werden sie treulich bewahren.«

Während Harry ins Nebenzimmer eilte, um die verlangten Schlüssel zu holen, zündete sich Sherlock Holmes wieder seine Pfeife an. Er schritt dabei überlegend um den Koffer herum.

»Er ist in Ashkirk aufgegeben«, murmelte er, »und da eine Sendung mit der Bahn von Ashkirk nach London mindestens sechs Tage braucht, dürfte dies nicht viel später nach Aufgabe des Briefes geschehen sein. Ah, da bist du ja, mein Junge. Gib die Schlüssel her, ich will probieren, ob einer davon passt«, sagte er dann zu dem eingetretenen Harry.

»Ist dies nicht der Fall, so brechen wir den Koffer einfach auf – was macht übrigens der Straßenaraber?«

»Dandy? Der sitzt unten bei Mrs. Bonnet in der Küche und frisst wie ein Wolf. Mrs. Bonnet hat ihre Freude daran und ist entzückt von der Aussicht, den hübschen Burschen täglich füttern zu dürfen.«

»Sie ist ja eine gute Seele«, sagte Sherlock Holmes.

Dann kniete er vor dem Koffer nieder und probierte einen Schlüssel nach dem anderen im Schloss aus.

Aber er sah, dass das Schloss gar nicht so einfach zu öffnen war. Mit einem gewöhnlichen Schlüssel war hier nichts auszurichten, er musste kunstvollere probieren.

Im nächsten Moment, als Sherlock Holmes wieder einen seltsam geformten Schlüssel in das Schloss gesteckt hatte, rief er erfreut aus: »Er lässt sich herumdrehen – so, ich habe ihn aufgeschlossen – heb mit mir den Deckel, mein Junge.«

Langsam öffnete sich der Deckel des Koffers.

Doch plötzlich warf Harry ihn mit einem Schrei zurück, denn ein penetranter Geruch entstieg dem Behältnis.

Mr. Sherlock Holmes stand ganz ruhig und in sich gekehrt.

Seine Pfeife war ihm aus der Hand gefallen und aus seinen großen, dunklen Augen schien alles Leben entwichen zu sein. Starren Blickes starrte er in den Koffer hinein.

In dem großen, gelben, ledernen Koffer lag auf einem Haufen blutgetränkter Kleider und Wäsche die Leiche einer jungen Frau.

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