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Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 28

Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung

11. Der Zauberer vom Geiersberg

Über der Rabendocke ragt der Geierberg bei Goldberg empor. Dort hatte einst ein mächtiger Zauberer sein Schloss er­baut, aus dem er über die Täler hinwegschaute und das mensch­liche Leben und Treiben beobachtete. Er half mit Rat und Tat den Armen und Kranken, schützte die Unschuld und belohnte die Tugend.

Der Burgherr auf der Rabendocke aber war der wilde Geier, ein böser Geselle, der von seinem Söller auf Raub auslugte und die friedlichen Wanderer überfiel, welche zu seinem Nachbar zogen, um demselben Bitten zu unterbreiten oder Dank abzustatten. Er verhöhnte den mächtigen Zauberer und verlachte dessen Warnungen. Darüber ergrimmte dieser aber endlich und beschloss, den Raubritter zu strafen.

Bei Morgengrauen zog wieder einst ein Zug Goldberger Kaufleute durch das Seifenauer Tal und der Geier lugte von der Warte herab nach der kommenden Beute. Schon rief er seinen Knappen, die Rösslein zum Überfall zu satteln, als der Zauberer durch die Wolken rauschte und neben dem Räuber stand. Der Geier zog lachend sein Schwert und wollte den wehrlosen Nachbarn durchbohren, dieser aber berührte den Ritter und dessen Burg mit seinem Zauberstab und sofort erstarrten beide zu Stein. Noch heute grinst der grimmige Geier von seinem versteinerten Schloss in das Tal und erleidet Höllenqualen, dass er die friedlich vorüberziehenden Wanderer nicht überfallen und berauben kann.

12. Der schwarze Christoph

Im Goldbergschen liegt das Dorf Nieder-Alzenau. Dort stand ehemals eine feste Burg, auf der Christoph von Czedlitz, ein gefürchteter Raubritter, hauste, der ganz Niederschlesien durch Brand und Mord verheerte. Sein Name trieb den Wanderern die Gänsehaut heraus und die Buben flohen vor ihm auf der Mütter Schoß. Seiner schwarzen, langen Haare halber wurde er der schwarze Christoph von Alzenau genannt. Als er sein Räuberhandwerk mit seinem Kumpanen, dem Panthenauer Stephan (von Rothkirch) aber gar zu arg trieb, sandte der Herzog Friedrich I. von Liegnitz, dessen Günstling Christoph früher gewesen war, die Goldberger gegen ihn ab. Diese belagerten das feste Raubnest vergeblich und hätten wohl endlich unverrichteter Dinge abziehen müssen, wenn nicht Christophs verlassene Geliebte aus Rache den Städtern den Weg durch einen heimlichen Gang gezeigt hätte. Als Christoph bei seinem Nachtmahl saß, wurde er überfallen und nach Liegnitz vor den Herzog geführt. Dieser ließ den gefährlichen Räuber mit einem Diener zusammen aufknüpfen. Die Sage er­zählt darüber genau:

Und aus dem Urteil blickte
Des Herzogs heller Zorn:
Den Ritter hängt im Hemde
Mit Stiefel und mit Sporn,
Dem nieder’n Knecht daneben
Doch lasst die Füße baar,
Damit die Wand’rer schauen,
Wer Herr, wer Diener war!

Die Alzenauer Burg wurde von den Goldbergern darauf in Brand gesteckt.

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