Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 2
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 2
Das Rätsel des Frachtwaggons
Stone zündete sich ebenfalls eine Zigarre an, lehnte sich in seinem Schaukelstuhl zurück und berichtete dem aufmerksam lauschenden Detektiv: »Also hört meine Geschichte. An dem Morgen, an dem ich meinen Brief an euch schrieb, begab ich mich zum Frachtbahnhof, um nach einer Sendung zu fragen, die sich unterwegs befand.«
»Aber es war nicht der besagte Frachtwaggon, oder?«, meinte Nick Carter und zwinkerte mit den Augen.
»Allerdings, der war es nicht. Es war ungefähr neun Uhr vormittags, als ich mich auf den Weg zum Frachtbahnhof machte. Ich stellte bald fest, dass meine Frachtsendung noch nicht eingetroffen war. Der Aufseher der Güterhalle ist ein alter Bekannter von mir, und so kam ich mit ihm ins Gespräch. Ich gab ihm eine Zigarre, wir setzten uns draußen vor dem Güterschuppen nieder und kamen unversehens ins Plaudern.
Während wir sprachen, fiel mein Blick auf einen Frachtwaggon, anscheinend ein Spezialwagen, der auf einem Nebengleis stand und augenscheinlich völlig neu war. Ich weiß selbst nicht, warum, doch das Äußere des Waggons fesselte sofort meine Aufmerksamkeit. Unter diesen Umständen ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich mit meinem Freund Durland über denselben sprach.
»Was befindet sich in dem Wagen?«, fragte ich ihn.
»Das weiß der liebe Gott!«, antwortete er mir. »Ich gäbe viel darum, hätte ich eine Ahnung von dessen Inhalt.«
»Aus welchem Grund?«, fragte ich ihn.
»Nun, erstens ist mir der Waggon im Wege«, berichtete er. »Ich musste ihn von einem Ort zum anderen schieben lassen und nun hängt mir die ganze Geschichte zum Halse heraus. Jetzt habe ich ihn auf ein totes Gleis bringen lassen, wo er mir wenigstens nicht mehr in die Quere kommt. Man sollte doch meinen, dass so ein ganzer Waggon vom Empfänger eingefordert wird. Aber auf Gottes weiter Welt scheint es keinen Menschen zu geben, der sich um den Wagen kümmert!«
»Was ist denn mit diesem merkwürdigen Wagen los?«, fragte ich ihn weiter und er gab mir breitspurig Antwort.
»Der Frachtwagen gondelt nun schon seit drei Wochen hier auf den Frachtgleisen herum, und seit seiner Ankunft sind schon mehr als vier Wochen vergangen. Er ist adressiert an Z. T. Rauk, Esq., und sowohl auf dem Waggon als auch auf dem Frachtschein steht vermerkt: In dem Güterbahnhof zu verwahren, bis der Empfänger danach fragt.«
»Hm«, brummte Nick.
»Ähnlich schön drückte ich mich auch aus«, fuhr Stone fort. »An und für sich ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Frachtwaggon derart adressiert wird, vorbehaltlich natürlich, dass es sich mit dem Inhalt der Sendung verträgt und die Vorschriften der betreffenden Bahngesellschaften nichts dagegen einzuwenden haben.«
»Welche Vorschriften sind das denn?«, erkundigte sich der Detektiv.
»Zunächst soll in solchen Fällen dem Waggon eine Erklärung beigegeben werden, die besagt, dass er nichts enthält, was leichtem Verderben ausgesetzt ist, ebenso wenig Sprengstoffe oder sonstige explosive Ware. Zum anderen müssen für jeden Tag, den die Gesellschaft den Waggon über eine Woche hinaus lagert, fünf Dollar bezahlt werden. Zu diesem Zweck muss der Betrag für 31 Wartetage bei Absendung bezahlt werden. Läuft diese Zeit ab, ohne dass der Waggon abgefordert wurde, hat die Bahngesellschaft das Recht, ihn zu öffnen, den Inhalt in den Güterschuppen zu schaffen und in öffentlicher Versteigerung zu verkaufen. Ebenso können die sich im Wagen befindlichen Güter losgeschlagen werden, natürlich an den Höchstbietenden. Drittens muss am Bestimmungsort aber auch Platz genug sein, um einen solchen Waggon 31 Tage nach Ablauf der üblichen einwöchigen Wartefrist aufbewahren zu können.«
»Well, das leuchtet mir ein«, warf der Detektiv ein. »Doch weiter im Text.«
»Nun setzt das Rätsel ein. Die Car trägt nämlich weder den Eigentumsvermerk irgendeiner Eisenbahnlinie noch den eines Privatbesitzers. An ihrer Außenseite befindet sich nichts, was in dieser Beziehung irgendwelchen Anhalt gewährt.«
»Wo wurde dieser herrenlose Waggon denn aufgegeben?«, erkundigte sich Nick Carter.
»In Philadelphia.«
»Welche Eisenbahnlinie beförderte den Wagen?«
»Die Pennsylvania- und Hudson-River-Linie.«
»Und seid Ihr Eurer Sache sicher, dass es sich nicht um einen Waggon dieser Gesellschaft handelt?«
»Ganz und gar. Die Garage gehört niemandem. Eingetragen wurde sie allerdings als Waggon der Pennsylvania- und Hudson-River-Linie. Doch, wie gesagt, außen befindet sich keine Aufschrift, welche die Eigentumsrechte der Gesellschaft feststellt. Nachforschungen haben bereits ergeben, dass sie keinen Wagen besitzt, der die auf der Außenseite befindliche Nummer trägt.«
»Woher wisst Ihr das, Stone?«
»Weil ich zwei Briefe schrieb, einen an die Bahngesellschaft und den anderen an die Zentrale, welche die Verteilung der Frachtwagen durch das ganze Land leitet. In beiden Briefen fragte ich nach dem Eigentümer des Waggons und gab die Nummer an. Doch auch die Zentrale, die sämtliche Frachtcars der Vereinigten Staaten gebucht hat, weiß von keinem Waggon mit einer solchen Nummer.«
»Aber …«
»Begreift Ihr nicht, Nick, dass der Waggon auf irgendeine Weise eingeschmuggelt worden sein muss?«, fuhr Stone hastig fort, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Er muss in Eile gebucht worden sein, und auf irgendeine Weise muss der Absender die Beamten in der Güterexpedition hinter das Licht geführt haben.«
Der Detektiv lachte.
»Na, Sie sind auf dem besten Weg, Stone, einen spannenden Kriminalroman aufzubauen«, äußerte er und zog lässig an seiner Pfeife.
»Pah, das ist noch gar nichts! Hört nur erst weiter, Nick!«
»Nur weiter im Text, ich bin ganz Ohr!«
»Wie der Frachtbrief ausweist, wurde der Inhalt des Waggons als Hausrat aufgegeben und außerdem versichert, sodass alle Bedingungen, welche den Transport einer derartigen Sendung regeln, erfüllt worden sind.«
»Nun, was weiter? Die 31 Tage sind noch nicht um.«
»Aber die 31 Tage laufen übermorgen ab.«
»In diesem Fall wird Mr. Z. T. Rauk seinen Waggon mit Hausrat wahrscheinlich noch vor Ablauf der Frist in Empfang nehmen«, meinte der Detektiv achselzuckend.
»Da bin ich anderer Meinung, Freund Nick. Hier ist ja gerade der springende Punkt.«
»Wieso? Ihr müsst Euch deutlicher ausdrücken, denn ich verstehe nicht, worauf Ihr hinauszielt.«
»Nehmt mir das Blatt Papier hier auf dem Tisch und schreibt den Namen Z. T. Rauk darauf.«
»Das ist bereits geschehen«, meinte Nick Carter lachend. »Was weiter?«
»Habt nun die Freundlichkeit, den Namen rückwärts zu lesen.«
»R-u-a-r-t-z —«
Rein mechanisch hatte der Detektiv buchstabiert. Im selben Moment aber kam Leben in seine machtvolle Gestalt. Mit einem raschen Ruck hob er das Kinn.
»Alles, was Ihr zu tun habt, ist, statt des K ein Q zu lesen«, bemerkte Stone trocken.
Nick Carter ließ ein leises Pfeifen hören und nickte dann nachdenklich.
»Mit anderen Worten, Stone, Sie meinen, der Name muss rückwärts gelesen werden und lautet dann Quartz.«
»Jawohl, das ist es genau, was ich meine«, stimmte der Museumsbesitzer zu.
»Wenn man Quartz umkehren will, muss man den Namen mit K schreiben, da sonst kein Name zustande käme.«
Der Detektiv war erregter, als er sich nach außen hin gab. Fragend fuhr er fort: »Darauf baut Ihr also Euren Roman auf, Stone, nicht wahr?«
»Ich glaube, Nick, Sie helfen mir bei der Romanabfassung noch, ehe wir alles durchgesprochen haben werden!«, konterte der andere mit einem Lachen.
»Möglich!«, meinte Nick Carter leichthin. »Die Sache erscheint ja eigentümlich genug, doch Ihr fallt mit all Euren Vermutungen kläglich herein, sollte bis übermorgen doch noch ein Mr. Rauk auftauchen und den Waggon abfordern.«
»Er kam bisher nicht zum Vorschein und wird es schwerlich in den beiden noch übrigen Tagen tun!«, beharrte Stone.
»Ist das alles, was Sie über den Waggon wissen?«
»Das ist so ziemlich alles«, meinte der Gefragte nickend. »Doch ich bin mir sicher, dass der Waggon ein viel tieferes Geheimnis birgt als die Klavierkiste damals.«
»Wenn sich dieser Mr. Rauk wirklich nicht meldet, dann wird die Bahngesellschaft jedenfalls übermorgen zur Öffnung des Waggons schreiten, nicht wahr?«
»Dazu ist die Gesellschaft durchaus nicht verpflichtet. Sie ist nur dazu berechtigt, falls es an Raum mangelt oder der Waggon selbst benötigt wird.«
»Ich verstehe«, meinte Nick Carter, der gerade seine Pfeife neu anzündete.
»In unserem Fall wird der Waggon aus dem einfachen Grund nicht anderweitig beansprucht, weil er niemandem gehört – und ebenso ist er nicht im Wege, denn auf den Frachtgleisen ist Platz genug.«
»Das soll wohl heißen, die Gesellschaft wird den Waggon nicht öffnen, wohl aber dessen Inhalt unbesehen an den Meistbietenden versteigern lassen!«
»Ganz gewiss, das kann und wird sie wohl auch tun.«
»Wer wird sich aber dazu verstehen, die Katze im Sack zu kaufen?«, wandte Nick Carter ein.
»Der Mann bin ich«, entgegnete der Museumsbesitzer bedächtig.
»Ich habe der Bahngesellschaft bereits eine große Summe für den ganzen Kram geboten, vorausgesetzt natürlich, dass der Waggon mit Inhalt nicht noch im letzten Augenblick vom rechtmäßigen Empfänger abgefordert wird.«
»Soll ich das so verstehen, Stone, dass Sie für den Waggon und seinen Inhalt eine bestimmte Summe Geldes bezahlen wollen?«, erkundigte sich der Detektiv gespannt.
»Gewiss, Nick, das ist meine Absicht.«
»Aber, mein lieber Stone, wie kann Euch die Bahngesellschaft Rechtsansprüche an ein Eigentum übertragen, das Ihr selbst nicht besitzt?«
»Sehr einfach«, erklärte der Museumsbesitzer mit pfiffigem Lächeln. »Ich habe der Bahngesellschaft Bürgschaft dafür gestellt, dass sie von allen zukünftigen Ansprüchen auf Schadenersatz und dergleichen entlastet bleibt. Ich verpflichte mich also, den Waggon nebst Inhalt jederzeit unbeschädigt an den rechtmäßigen Empfänger auszuliefern und für alle Beschädigungen aufzukommen, die während meiner Besitzzeit geschehen sollten. Mit anderen Worten: Die Bahngesellschaft ist bereit, mein Angebot anzunehmen, falls der Waggon mit Inhalt bis zum Ablauf der Wartefrist nicht abgefordert wird. An dem Inhalt hat die Gesellschaft kein Interesse, denn Fracht und Wartegeld sind im Voraus entrichtet worden. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, den Rechtsanspruch auf den Waggon selbst zu regeln. Wenn ich die Gesellschaft jedoch gegen jeglichen Verlust absichere und sie zugleich den gesamten Versteigerungserlös erhält, macht sie damit natürlich auch einen ganz gehörigen Schnitt und ist zugleich der Sorge enthoben, den herrenlosen Waggon vielleicht noch einige Jahre aufbewahren zu müssen.«
»Sicherlich.«
»An der Klavierkiste verdiente ich damals rund 100.000 Dollar, und es verschlägt mir deshalb nichts, würde ich diese zehn Millionen auch umsonst ausgeben, zumal ich, wenn meine Voraussetzungen eintreffen, mit leichter Mühe weitere 100.000 Dollar dazu verdienen kann.«
»Das leuchtet mir ein«, meinte Nick Carter in seiner gelassenen Weise.
»Seht, Nick, ich bin ein Spekulant, genauso wie die Leute an der Börse. Ich bin Schausteller und wenn ich das Publikum anlocken will, muss ich auch etwas wagen. Denn heutzutage ziehen Mädchen ohne Unterleib und bärtige Damen nicht mehr. Wenn ein Farmer den Acker bestellt, muss er auch Geld wagen, ohne voraussagen zu können, ob ihm die Ernte im Herbst auch nur einen Cent einbringen wird. Da habt Ihr mein ganzes Geschäftsprinzip in kurzen Worten ausgedrückt.«
»Verstehe ich Euch recht, Stone, so habt Ihr Eure gesamten Vorbereitungen schon getroffen und der Frachtwagen geht, falls er in letzter Stunde nicht noch reklamiert wird, in Euer Eigentum über?«, erkundigte sich Nick Carter.
»Das habe ich. Wenn ich bei der öffentlichen Versteigerung nicht überboten werde, gehört die Garage mir.«
»Ah, so, es kommt also trotz Ihres Angebots auf jeden Fall zu einer öffentlichen Versteigerung?«
»Natürlich. Die Versteigerung wird in den Zeitungen bekannt gemacht. Sie findet übermorgen Vormittag um zehn Uhr statt, und dann wird auch die Höhe meines bereits erfolgten Angebots bekannt gegeben. Sollte sich jemand einfinden, der ein höheres Angebot macht, werde ich ihn natürlich überbieten. Wenn es mir möglich ist, ersteigere ich den Güterwagen, denn ich habe es mir einmal in den Kopf gesetzt!«
»Hat die Bahngesellschaft Eure Offerte bereits erhalten?«
»Gewiss, und ebenso ist der Bürgschaftsschein schon ausgestellt und unterzeichnet. Außerdem habe ich der Bahn einen Scheck über 20.000 Dollar ausgestellt, den ich natürlich zurückerhalte, sollte mir der Waggon nicht zugeschlagen werden.
»Was aber, wenn sich der Eigentümer der Gar doch noch im letzten Augenblick melden sollte?«
»Wenn der Himmel herunterfällt, dann sind alle Spatzen gefangen. Natürlich bekommt er dann seinen Waggon, vorausgesetzt, er weist seinen Besitzanspruch nach. Doch merkt Euch, was ich Euch sage, Nick: Der Eigentümer wird niemals auftauchen. Ihr werdet im Inneren der Car so gewiss ein Geheimnis vorfinden, wie ich Jeremy Stone heiße. Weil ich das so genau weiß, obwohl ich es noch nicht gesehen habe, habe ich das Geld riskiert und Euch hierherkommen lassen, Nick. Aus diesem Grund sollt nur Ihr den Waggon öffnen. Das ist meine Art der Reklame, und ich bilde mir ein, sie wird durchschlagen. Nun, das ist alles, und bis Donnerstag unterhaltet Ihr Euch am besten so gut wie möglich. Am Donnerstagmorgen werden wir beide den Wagen öffnen, so früh es nach stattgefundener Versteigerung nur bewerkstelligt werden kann!«
»Abgemacht!«, erklärte Nick Carter.
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