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Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 1

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 1

Nick Carters Ankunft in Kansas City

Vom Vorderende einer Rauchcar des nach Westen fahrenden Schnellzugs schwang sich ein Bauer auf den Stationsperron herab. Dabei hantierte er so ungeschickt mit einer unförmigen Reisetasche, dass er der Länge nach auf den Boden hinschlug.

Schwerfällig rappelte sich der biedere Landonkel wieder auf, ließ seinen Ingrimm an dem sicherlich schon von der seligen Großmutter gestickten Reisesack aus und versetzte ihm einen derben Tritt. Dabei knurrte er halblaut: »Bin nur froh, dass es meine Alte nicht gesehen hat. Sie würde wieder meinen, ich hätte mir einen Rausch geholt. Hol der Teufel alle Eisenbahnen und diese verd… Arche Noah zuallererst!«

Er nickte den anderen auf dem Perron vertraulich zu, die über seine Tölpelei noch immer lachten, und wandte sich dann einem Mann zu, dem er fast vor die Füße gefallen war.

»He, Mister, lachen kann jeder, aber nicht besser machen«, knurrte er mit einem breiten Grinsen.

»Ich kutschiere viere lang und treibe sechs Ochsen im Joch … In einer Stunde kann ich mehr Kartoffeln lesen als irgendein Mann in Pike County, und mein Mund ist größer als der des alten Esels auf der Rock Cut Farm. Dem geht es gerade wie einem Langohr: Er wird weißer, aber nicht weiser. Ja, lacht nur, darum habe ich doch eine Farm im Staat Vermont. Doch mit dem verdammten … neumodischen Fahrzeug kenne ich mich aus. Kaum sitzt man drin, heißt es schon wieder raus aus den Kartoffeln. Da bin ich kein Freund von. Wenn es nicht gerade so weit wäre, meiner Treu, dann würde ich lieber auf dem Rückweg laufen, auch wenn es mich einen vollen Dollar für die Stiefelreparatur kosten würde. Habe ich nicht recht? Kann so eine Schienenfuhre einem ordentlichen Christenmenschen passen?«

»Well, Mister!«, rief der Angeredete, der aus dem Kauderwelsch des biederen Farmers nicht klug wurde.

»By Jove! Nennt mich nicht Mister, ich bin kein Herr, sondern einfach Josua Juniper – ja, der bin ich, und wenn Ihr das Maul noch so weit aufreißt, werdet Ihr schon von mir gehört haben, Mister? Ich baue immer die größten Kartoffeln an, und bei der letzten Rindviehausstellung habe ich in der Mastochsenabteilung den ersten Preis bekommen.«

»Das sehe ich«, brummte der andere in seinen Bart, wohlweislich aber so leise, dass der biedere Farmer es nicht hören konnte.

»Well, Mister, glaubt Ihr es etwa nicht?«

»Aber gewiss, lieber Freund. Nur begreife ich nicht, warum Ihr Euch gerade an mich wendet, denn ich habe bisher noch mit Mastochsen äußerst wenig Umgang gehabt!«

Josua Juniper starrte ihn zuerst groß an, als begriff er nicht, was das eigentlich für eine spitzfindige Antwort war. Dann aber lachte er dröhnend auf und klopfte dem anderen so derb auf die Schulter, dass es ordentlich krachte.

»Ha, ha, ha! Das haben Sie gut gesagt. Nun, Mister, es ist die Wahrheit, mein Mastochse kann sich sehen lassen, er ist beinahe so groß wie Sie. Aber sagen Sie«, fuhr er unter erneutem Lachen fort, »der schwarze Schaffner drinnen in der Car hat mir gesagt, das hier wäre Kansas City?«

»Aber selbstverständlich, das ist Kansas City«, gab der andere zur Auskunft, dem augenscheinlich daran gelegen war, die ihm aufgezwungene Unterhaltung mit dem Bauern abzukürzen.

»Wenn das nicht wieder so ein verd… neumodischer Schwindel ist! Wo ist denn die Stadt? Ich sehe keine!«

Der andere musste lachen.

»Nun, Sie sehen doch den Bahnhof hier!«

»Na, das ist auch was Rechtes. Was sieht man denn da? Eine elende Bretterbude, Schienen und Weichen, ein Haus für diese feuerfressenden Eisenpferde, einen Stall für die Cars, einen schmutzigen Fluss und dort eine steile Felswand, die aussieht, als sei dahinter die Welt mit Brettern vernagelt. Wenn das alles ist, dann kann ich mir das verd … Kansas City heimgehen lassen, und ich verlange mein Fahrgeld zurück.«

»Ja, die Stadt liegt hinter jenem Höhenzug, Fremder. Wenn Sie die Straßencar nehmen, so …«

»Nein, das fällt mir nicht ein. Nicht für eine Million, junger Mann. Ich habe schon alle möglichen Cars genommen, und sie haben mich so durchgeschüttelt, dass mir vierzehn Tage lang die Knochen wehtaten. Laufen ist gut genug für mich. Sagt, Pard, kann man auch zu Fuß über jenen Hügel kommen?«

»Gewiss, steigt über den Hügel, dann seht Ihr die Stadt auch schon.«

»Sagt, Pard, gibt es einen Weg, der dorthin führt, oder ist man hier schon mitten in der Prärie und muss sich einen Scout für Geld und gute Worte anstellen?«

»Folgt nur der Schienenspur, auf welcher die Straßencars laufen. Aber das Gehen wird Euch beschwerlich fallen, lieber Freund.«

»Beschwerlich? Ha, ha, ha! Ihr seid ein Spaßvogel, Fremder«, lachte Josua Juniper wieder, sodass er kirschbraun im Gesicht wurde. »Jener Maulwurfshaufen dort beschwerlich? Wart Ihr schon einmal in Vermont, Fremder? Seid Ihr schon einmal den Glebe, den alten Cobbel oder den Markham hinaufgeklettert? Nein? Ich wette mit Euch, Euch sollte die Puste ausgehen, junger Mann. Doch sagt …!«

»Well?«

»Sagt einmal, Ihr kennt den Mann nicht, der gegenwärtig in Kansas City so ein Schaugeschäft mit Abnormitäten … so ein Schaugeschäft betreibt, eh?«

»Allerdings, den kenne ich.«

»Na, das ist wenigstens etwas. Dann werdet Ihr wohl auch Jeremy Stone kennen?«

Der Angesprochene stutzte augenscheinlich und schaute dann schärfer in das plumpe Gesicht des gesprächigen Farmers.

»Gewiss, ich kenne Jeremy Stone«, antwortete er zögernd.

»Könntet Ihr mir nicht sagen, wo ich den Mann finden kann?«

»Nun, Sie sprechen eben mit ihm«, antwortete der Gefragte zurückhaltend.

»Ist es denn möglich!«, rief der Farmer, offenbar ganz starr vor Überraschung. »Ich habe nämlich einen Brief für ihn in meiner Tasche.«

»Dann würdet Ihr gut daran tun, mir diesen Brief auszuhändigen, denn ich bin Jeremy Stone!«, entgegnete der andere.

»Ja«, fuhr der Farmer fort, als ob er die letzte Bemerkung nicht gehört hätte. »Im Osten habe ich einen Freund, der gehört hat, dass Jeremy Stone eine neue Attraktion für sein Museum sucht – irgendein besonderes Schaustück. Wenn ich nicht das schönste Schaustück bin … mit meinem Diplom von der Rindviehausstellung in der Tasche, dann wollte er sich in einer Sardinenbüchse begraben lassen, so sagte mein Freund. Und damit gab er mir auch schon den Brief, Fremder!«

»So gebt ihn mir!«

»Mein Freund sagte mir auch, dass Ihr Euch auf der Station befindet und auf mich wartet. Hol der Teufel, da falle ich Euch auch gleich vor die Füße. Sagt, Pard, kann man höflicher sein, eh?«

»Wo ist der Brief?«, fragte der andere ungeduldig.

»Hier ist er«, meinte der Bauer, indem er ein zerknittertes Briefkuvert aus der Tasche kramte und es dem anderen überreichte. »Ich meine, wir machen uns derweil auf die Strümpfe, während Ihr den Brief durchlest«, fügte er hinzu. »Da sind eine ganze Menge neugieriger Burschen, die den Hals wie eine Giraffe machen – ja, das gilt euch!«, meinte er grob und wandte sich an eine Gruppe Umherstehender, die den Landonkel belustigt betrachtet hatten und nun schnell zurückwichen.

Der Farmer lächelte ein dummdreistes Bauernlächeln und schritt dann neben seinem neuen Freund dahin, der damit beschäftigt war, den Brief aus dem wenig einladend aussehenden Umschlag zu nehmen.

Was der Leser erblickte, war nichts anderes als sein eigener Brief, den er genau eine Woche zuvor an Nick Carter, den berühmten Detektiv, in New York geschickt hatte.

Das Schreiben lautete:

Mein lieber Mr. Carter. Wie Ihnen der Vordruck dieses Briefbogens beweisen mag, befinde ich mich noch immer im Museumsgeschäft, obwohl ich meine Schaustellung von San Francisco nach Kansas City verlegt habe. Seit jener berühmten und berüchtigten Angelegenheit mit Dr. Quartz hatten wir keine Gelegenheit mehr, uns zu sehen – und das ist bereits einige Jahre her. Wie Sie sich erinnern werden, war ich es, der Sie damals nach dem Westen berief, um das Geheimnis der Klavierkiste zu lösen.

Nun ist mir etwas unter die Hand geraten, das mindestens ebenso rätselhaft sein dürfte wie jener seither berühmt gewordene Fall. Wüsste ich nicht, dass Dr. Quartz tot und begraben ist, würde ich meinen Kopf darauf verwetten, dass er auch in dieser neuen Angelegenheit seine Hand im Spiel hat.

Sollten Sie nicht zu beschäftigt sein und gewillt, sich mit der Sache zu befassen, so will ich gern alle Kosten bezahlen und Sie auch im Übrigen schadlos halten, egal, ob Sie sich hier vor Ort zur Übernahme des Falles entschließen oder nicht. Schreiben Sie mir, ob Sie kommen werden. Ich werde Sie dann hier am Bahnhof abholen.

Der Brief war mit seinem eigenen Namen – Jeremy Stone – unterschrieben und tatsächlich derselbe Brief, den er an den berühmten Detektiv gesandt hatte.

Da durchzuckte ihn aber auch schon die Erkenntnis, dass dieser biedere Landonkel niemand anderes als Nick Carter selbst war, der sich wiederum einer seiner unübertrefflichen Verkleidungen bedient hatte, um sich ihm unerkannt nähern zu können. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und meinte laut, da sie immer noch in Hörweite der Personen auf dem Bahnhofsperron waren: »All right, Mr. Juniper, da Sie keine Straßencar benutzen wollen, ist es Ihnen vielleicht recht, wenn wir einen Wagen nehmen?«

»Gewiss, von einem Dampfpflug bis zu einem Buggy ist mir jedes Fuhrwerk recht, nur lasst mich mit euren neuartigen Funkenkutschen zufrieden, in denen nicht einmal ein ehrliches Pferd vorgespannt ist!«

Bald darauf saßen sie in einem bequemen Mietwagen und fuhren rasch der Stadt zu.

»Nun, Nick, diesmal habt Ihr mich aber richtig zum Narren gehalten, das muss ich sagen«, meinte Stone lachend, als sie nebeneinander saßen.

»Wirklich?«, hakte der Detektiv nach. »Das geschah aus besonderen Gründen. In Ihrem Brief ließen Sie nichts darüber verlauten, um was für einen Fall es sich eigentlich handelt. Da hielt ich es für das Beste, hierherzukommen, ohne dass meine Ankunft gleich an die große Glocke gehängt wird. Wohin begeben wir uns nun?«

»Ich hatte vor, Euch zum Coates House zu bringen«, meinte Stone und nannte den Namen des besten Hotels in der Stadt.

»Unsinn! Sie wohnen doch nicht dort – oder doch?«

»Nein, ich habe mein Junggesellenquartier in der Oak Street aufgeschlagen.«

»Warum wollen wir nicht dorthin gehen? Es liegt doch ruhig, oder?«

»Gewiss, ruhig genug.«

»Dann ist es der perfekte Ort für mich.«

Als sie bald darauf die Wohnung des Museumbesitzers erreichten, war es Nick Carters erste Sorge, sich seiner Verkleidung zu entledigen, um wieder so zu erscheinen, wie seine Freunde ihn kannten. Dann setzten sie sich einander gegenüber an einen Tisch, der zwischen den beiden Zimmerfenstern stand.

»Nun, kommen wir gleich zu unseren Geschäften«, begann Nick Carter. »Wie Sie sehen, Stone, habe ich Sie beim Wort genommen und bin sofort hierher geeilt.«

»Ich bin sehr froh darüber, dass Ihr Euch dazu entschlossen habt, Nick.«

»Offen gestanden«, fuhr der Detektiv nachdenklich fort, »haben mich die Andeutungen in Eurem Brief mächtig interessiert, denn in meinem ganzen Leben hat mich kein Fall derartig zu fesseln vermocht wie der des Dr. Quartz unseligen Angedenkens. Ich konnte mir auch denken, dass Sie mich nicht gerufen hätten, handelte es sich nicht um eine Angelegenheit, deren Lösung etwas Nachdenken erfordert.«

»Da können Sie Ihren Kopf darauf wetten, Nick, ich würde mich schön hüten, Sie aus New York zu lotsen, wenn sich die Sache nicht lohnen würde!«

»Übrigens habe ich sowieso gerade eben ein bisschen Zeit zum Luftschnappen«, meinte der Detektiv, lässig ein Bein über das andere schlagend, während er seine geliebte kurze Pfeife hervorholte und stopfte. Nachdem er sie in Brand gesetzt hatte und einige kräftige Züge daraus getan hatte, fuhr er fort: »Das New Yorker Einerlei fing an, mich zu langweilen, und ich dachte daran, mir eine kleine Zerstreuung zu gönnen. Nun, Ihr wisst, Stone«, meinte er mit dem ihm so gut stehenden verschmitzten Lächeln, »ich erhole mich immer am besten, wenn ich recht viel zu tun bekomme. Es soll mich freuen, habt Ihr für mich etwas auf Lager, Stone, das einer harten Nuss gleichkommt.«

»Daran soll es nicht fehlen, Nick. Ihr werdet Euch wundern!«

»Nun, dann schießt los, alter Junge, denn ich bin ganz Ohr!«

»Wie ich Euch sagte, Nick, es ist eine ganze Handvoll Geheimnisse. Damals war es eine Klavierkiste, diesmal ist es gleich ein ganzer Frachtwaggon!«

Nick Carter lächelte.

»Ja, ich entsinne mich«, meinte er und rauchte dabei gemächlich. »Damals kauftet ihr auf der Versteigerung eine Klavierkiste, welche die Express-Gesellschaft als unbestellbar öffentlich verauktionieren ließ. Ihr wartetet, einen guten Schnitt zu machen und in der Kiste ein wertvolles Piano zu finden. Stattdessen fandet Ihr eine leere Kiste, die in ganz besonderer Weise innen gepolstert und künstlich durch Bleieinlagen beschwert war – und wir entdeckten zusammen, dass in dieser Kiste ein Mann und eine Frau gemeinsam die weite Reise von New York zum großen Ozean zurückgelegt hatten.«

»Gewiss, doch wir entdeckten außerdem, dass der Mann, der sich später als Dr. Quartz entpuppte, seine Reisegefährtin ermordet hatte.«

»Stimmt auffallend.«

»Nun, wenn mein heutiger Fall den anderen nicht übertrifft, dann will ich mein lebelang Wasser trinken.«

»Ich sage Euch, so eine perfekte Sache hattet Ihr noch nie in den Fingern. Betrachtet man es bei Licht, so handelt es sich eigentlich um denselben Fall. Wenn mich nicht alles täuscht, hat ein zweiter Dr. Quartz seine Aufwartung gemacht – doch gegen ihn erscheint sein Vorgänger als ein stümperhafter Anfänger!«

»Ihr nehmt den Mund gewaltig voll, Stone. Dann muss es sich allerdings um einen Prachtkerl handeln, so viel ist sicher«, warf Nick Carter ein.

»Nun, Ihr sollt selbst hören und sehen. Ich will Euch alles über den Fall berichten, was ich selbst weiß. Anschließend werde ich Euch an den Ort des Geschehens mitnehmen, damit mein Freund Nick wieder einmal beweisen kann, was in ihm steckt! Wenn Ihr nicht zugebt, dass es das interessanteste und zugleich verblüffendste Rätsel ist, das Euch in Eurer ganzen gesegneten Laufbahn vorgekommen ist, dann will ich mich auf eine Rindviehausstellung begeben und noch einen viel größeren Preis als Mastochse davontragen, wie Euer guter Freund, der Farmer Josua Juniper aus Vermont!«

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