Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 4 – Die Weltallschiffer – 5. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 4
Die Weltallschiffer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 5
Landung auf dem Mond
Nach weiteren zwei Tagen kam der Mond mit Riesengeschwindigkeit auf das Weltallschiff zugeeilt. So schien es wenigstens, obwohl doch die umgekehrte Bewegung stattfand.
Deutlich sah man schon die Gebirge, die mit Kratern versehenen Berge, die Täler und Schluchten, die alle mit Schnee oder Eis bedeckt und angefüllt waren. Auch die geheimnisvollen Rillen waren zu erkennen, die man so lange und so gern für die Kanäle intelligenter Mondbewohner gehalten hatte. Inzwischen sind sich die Gelehrten, ohne den Mond betreten zu haben, darüber im Klaren, dass diese Rillen nichts weiter als Risse in der Mondkruste sind, die durch ein gleichmäßig fortlaufendes, sogenanntes rollendes Erdbeben oder richtiger Mondbeben erzeugt wurden. Daher rührt auch die große Regelmäßigkeit in ihrer Richtung.
Richard drängte es ebenso wie die Gelehrten, den Mond zu umschiffen, nur um einmal die der Erde stets abgewandte Seite kennenzulernen, die noch niemand gesehen hat. Selbst wenn er nun den Befehl zu einem Landungsmanöver gab, tat er es nur, um die Leistungsfähigkeit seines Schiffes auf einem anderen Himmelskörper zu testen.
Denn sonst versprach er sich nicht viel von der Oberfläche des Mondes. Da ihn keine Atmosphäre umgibt, musste dort ewige Weltallkälte herrschen. Von Vegetation und tierischem Leben konnte also gar keine Rede sein. Außerdem fehlte den Ätherschiffern auch noch ein Mittel, um einer solchen Kälte außerhalb des Schiffes zu trotzen. Ein Taucheranzug hätte den Aufenthalt in einem solchen luftleeren Raum vielleicht möglich gemacht, aber gegen diese Kälte schützte kein Eskimopelz. Zunächst musste ein geeigneter Anzug erfunden werden. Richard zweifelte nicht daran, dass dies bald geschehen würde, sobald man die Verhältnisse kannte. Die Fahrt des Schiffes wurde gebremst und die Bewegungsenergie in Wärme umgesetzt, was später noch von Nutzen sein würde. Doch der Ball näherte sich dem Mond mit der Geschwindigkeit eines fallenden Steins. Über die den Stoß abhaltende Elastizität der Almitplatten herrschte kein Zweifel.
Aufgrund dieser doch immer noch ungeheuren Schnelligkeit war es der Mannschaft jedoch nicht möglich, etwas Näheres zu beobachten. Nur eins konnten sie bewundern: Sie hatten sich dem Mond von unten herauf genähert und taten es auch jetzt noch. Dennoch kam es ihnen so vor, als würden sie von oben herab auf den Mond stürzen.
Richard stand am Bremsapparat, die Augen auf ein Instrument gerichtet. Nun drehte er den Hebel. Das Weltallschiff war gewichtlos gemacht worden. Nur ein ganz schwacher Stoß erfolgte. Als dann die Schwerkraft wieder eingeschaltet wurde, lag der Riesenball nach einigen noch weniger schwachen Stößen fest. Damit hatte er die Probe auch auf einem fremden Himmelskörper bestanden.
Durch die Fenster sah man eine wilde, zerklüftete Gebirgslandschaft. Alles war blendend weiß und überall erblickte man zu Eis gefrorenen Schnee. Aber wenn man nicht daran dachte, sich auf dem Mond zu befinden, war dies nichts Besonderes.
Doch je schärfer das Auge unterschied, desto seltsamer wurden die Dinge, die es entdeckte.
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