Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 9 – 6. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 9
Die Lady mit dem Kanarien-Brillant
6. Kapitel
Schlome Hersch, der Trödler
Das Schneegestöber, welches vorher niedergegangen war, hatte sich zu einem wahren Schneesturm angefacht, und der Wind blies so kräftig Sherlock Holmes entgegen, dass er sich kaum behaupten konnte, als er um die Ecke der Baker Street bog.
Aber mit schnellen Schritten verfolgte der Detektiv seinen Weg, und tiefer und immer tiefer tauchte er in das Gassengewirr der City ein, dort, wo dieselbe noch ganz und gar von dem modernen Geist der Baukunst verschont geblieben ist.
Kleine, krüpplige Häuser reihen sich hier in engen, winkligen Straßen aneinander, ab und zu schmalbrüstige Hochbauten, denen man es ansieht, dass schon Jahrhunderte über sie dahingegangen sind.
Es gibt fast kein Gebäude hier in der alten City, welches über zwei Stockwerke hoch wäre. Dazu die großen Torbogen, durch welche man, wenn sie geöffnet sind, in schmierige Höfe hineinschaut, die schmalen, niedrigen Fenster, die seltsamen, allegorischen Figuren an den Mauern, welche zumeist die Beschäftigung der Bewohner des Hauses ausdrücken sollen – so hat man gebaut, als noch Königin Elisabeth, die jungfräuliche Königin, über England herrschte, oder zur Zeit des Diktators Cromwell, auf dessen Befehl das gekrönte Haupt Karls I. unter dem Beil des Henkers fiel.
Sherlock Holmes bog nun in ein Gässchen ein, das so schmal war, dass kaum ein Wagen hindurchfahren konnte.
Die Gasse war menschenleer, nur hinter sehr wenigen Fenstern brannte noch ein kleines, unbedeutendes Licht, und nur hin und wieder hörte man ein Klopfen, als ob hinter einem Fenster gehämmert wurde, oder man vernahm den kreischenden Ton einer Säge.
Es gibt viele fleißige Menschen in London, die wohl oder übel die Nacht zu Hilfe nehmen müssen, um einen genügenden Verdienst zu erzielen.
In dieser Gasse aber war man ganz besonders darauf bedacht, zu arbeiten, Geld zu erringen, gute Geschäfte zu machen, denn es war die Gasse der Trödler, welche bezeichnenderweise den Namen Old Street führte.
Alte Straße, vielleicht nannte man sie deshalb so, weil man hier alles, was alt, aber doch nicht ganz unbrauchbar war, haben konnte.
Wenn sich die niederen Läden öffneten, die nun wohl verschlossen waren und man in dieselben hineinblickte, hätte man jedes dieser Häuser für ein Museum halten können, so verschiedenartige Waren und Artikel waren hier aufgestapelt.
Sherlock Holmes steuerte auf ein Haus zu, das ganz am Ende der Gasse lag, nur ein Parterre und oberes Stockwerk hatte und so altersschwach aussah, dass man wirklich fürchten musste, es würde im nächsten Moment zusammenstürzen.
Zwischen dem Schaufenster und der Tür dieses Hauses war ein schmales Schild angebracht, auf welchem die Hand eines Dilettanten im Malfach die Worte hingemalt hatte: Ein- und Verkauf von Allem. Schlome Hersch, Trödler.
Diesem Schlome Hersch wollte der Detektiv offenbar einen Besuch abstatten; denn er klopfte nun zweimal schnell hintereinander scharf an die Tür des alten verwitterten Hauses.
»Es sollte mich wundern«, murmelte Sherlock Holmes vor sich hin, »wenn der Alte schliefe. Der Maulwurf baut bei Nacht, und Schlome Hersch macht es ebenso; um diese Zeit ist er für solche Kunden noch zu sprechen, die das Licht des Tages scheuen.«
Da näherten sich schlurfende Schritte der Tür, Schritte, die ein Beobachter, selbst wenn er nicht ein Sherlock Holmes gewesen wäre, sofort als die eines alten Mannes, dem der Gebrauch der Beine schon schwer fiel, erkennen musste.
»wer ist da?« fragte eine näselnde Stimme in englischer Sprache, aber mit einem Akzent, wie ihn die in London lebenden russischen Juden sprechen, »wer kimmt noch so spät?«
»Ich bin’s, Schlome Hersch, macht auf – ich – Sherlock Holmes.«
»Wie haißt, Sherlock Holmes kommt so spät in der Nacht zu mir? Gott der Gerechte, wollt ich mich soeben legen in die Federn, aber Sherlock Holmes ist immer willkommen.«
Ein Riegel wurde zurückgezogen, der Strahl einer Laterne fiel über die Schwelle auf die schneebedeckte Straße hinaus. Im nächsten Moment stand Sherlock Holmes vor ihm und schüttelte die Flocken von seinen zerlumpten Kleidern ab.
Wenige Schritte von dem Detektiv entfernt, stand ein alter knickbeiniger Jude. Er war nur mit einer Hose und einem Wollhemd von zweifelhafter Reinheit bekleidet. Sein Gesicht war von einem struppigen, weißen Bart umrahmt, während sein Kopf schon vollständig kahl war und gegen die Kälte durch ein schwarzsamtenes Käppchen geschützt wurde.
Auf der scharfgebogenen Nase saß eine große, in Blei gefasste Brille, welche die Augen des Alten wie die eines Uhus erscheinen ließ.
Mit der einen Hand die Laterne hochhaltend, beschattete er mit der anderen seine Augen, und erst, nachdem er einige Minuten lang Sherlock Holmes prüfend betrachtet hatte, stieß er mit seiner fettigen Stimme im Ton der Überraschung hervor:
»Er ist’s, soll mer Gott helfen, Mr. Sherlock Holmes. Also wieder emol auf der Jagd – ha, ha, wer würde in diesem Tramp vermuten den berühmten Detektiv? Kein Mensch in ganz London.«
»Ich habe mit Euch zu reden, Schlome Hersch«, sagte der Detektiv sehr eilig. »Lasst uns eintreten und entschuldigt, dass ich so spät noch Euch gestört habe, aber eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit führt mich zu Euch.«
»Sherlock Holmes kann kommen bei Tag und bei Nacht, der alte Schlamme Hersch weiß, dass der berühmte Detektiv ihm hat geleistet einen unbezahlbaren Dienst. Wißt Ihr noch, Sherlock Holmes, wie mir damals ein Betrüger verkauft hat das gefälschte Bild, e Rubens hat er gesagt, viertausend Pfund Sterling hat er gefordert, fünfhundert hab ich ihm gegeben Angeld für e Bild, das gewesen ist e ganz gemeine Kopie von e obskuren Maler, aber Sherlock Holmes hat mer wieder geschafft mei Geld, denn er hat den Banditen gebracht, wohin er hat gehört, in den Tower.«
»Es ist mir angenehm, Schlome Hersch«, sagte der Detektiv, als er nun mit dem Juden ein Zimmer betrat, in welchem eine gigantische Unordnung herrschte, denn alle möglichen Möbel, alte und neue, standen hier umher, aufeinander und übereinander. Die Wände waren mit Bildern bedeckt und auf Regalen erhoben sich Nippes und Waffen und andere unzählige Dinge.
»Wahrhaftig, es ist mir sehr angenehm, dass Ihr Euch gerade jetzt des kleinen Dienstes erinnert, den ich Euch einmal geleistet habe, denn heute verlange ich von Euch den Gegendienst, den Ihr mir seinerzeit zusagtet!«
»Braucht Ihr Geld?«, flüsterte der Jude geheimnisvoll, »Ihr sollt es haben – Ihr seid e guter Mann, e ehrlicher Mann, Schlome Hersch wird Euch borgen auf Euer ehrliches Gesicht.«
»Danke bestens«, sagte der Detektiv trocken, »ich habe es nicht auf Euren Geldbeutel abgesehen. Ich wünsche nur eine Auskunft von Euch, die aber wahrheitsgemäß sein muss.«
»E Auskunft? Ich kann mir’s schon denken, wahrscheinlich über einen auf der Old Street, wo es wackelt, wo es nicht koscher ist, wo die Polizei wird bald haben ihre Hand im Spiel.«
»Ihr habt Unglück im Erraten«, sagte Sherlock Holmes, indem er sich mit einer Körperhälfte auf die Marmorplatte eines Waschtisches setzte, »es handelt sich um etwas ganz anderes. Sagt einmal, Schlome Hersch, erinnert Ihr Euch, dass Ihr mir ein antikes Stück verkauft habt, einen eichenen Schreibtisch, zu dem es keinen Schlüssel gab, weil er kein Schloss besaß?«
»Ob ich mich erinnere«, rief der Jude. »Gott sei Dank, ich habe en sehr guten, behaltsamen Kopf, es war e Prachtstück, der Schreibtisch, aber wie ich ihn gesehen habe, habe ich gedacht, das ist etwas für Mr. Sherlock Holmes. Nu, Ihr habt ihn sogleich gekauft und ihn anständig bezahlt.«
»Ihr erinnert Euch also auch noch«, fuhr Sherlock Holmes fort, »dass dieser Schreibtisch auf vier kleinen Untersätzen ruhte?«
»Weiß ich – weiß ich ganz genau. Ich habe doch den Schreibtisch aufgestellt in Eurer Wohnung, und ich hab Euch noch gezeigt, dass das rechte Vorderbein von dem Schreibtisch war auch e Geheimfach. Es ist zu öffnen gewest mit einer Feder, und in den hohlen Raum hat man legen können Geld und Kostbarkeiten. Damals hab ich Euch noch gesagt: Sie sind schlau die Schwindler in London und die Banditen, aber das Versteck werden sie niemals finden.«
»Und was habe ich Euch darauf geantwortet, Schlome Hersch? Ah, Ihr wisst es nicht mehr, wie ich sehe. Ich habe Euch schwören lassen, dass Ihr niemand, aber niemand das Geheimnis dieses Versteckes verraten würdet. Und Ihr habt geschworen bei den Gebeinen Eures Vaters und Eurer Mutter, und Ihr habt diesen Schwur doch nicht gehalten.«
Der Jude taumelte zurück, das Licht der Laterne, die er auf ein altes Pianino gestellt hatte, fiel mit bleichem Schein auf sein verzerrtes Gesicht, dessen Lippen sich bewegten, ohne dass sie einen Laut hervorzustoßen vermochten.
»Gesteht also«, fuhr Sherlock Holmes fort, indem er dem Juden einen Schritt näher trat, »wem habt Ihr das Geheimnis verraten?«
»Der Schlag soll mich treffen auf der Stell«, rief Schlome Hersch in winselndem, heulendem Ton aus, »wenn meine Lippen sich geöffnet haben, um preiszugeben e Geheimnis, was ich beschworen hab bei den Gebeinen meiner seligen Eltern. Mr. Sherlock Holmes, was redet Ihr da, um Gottes willen, ich werd doch nicht geschändet haben meine Eltern im Grab, und bin ich nicht e alter Mann, was bald versammelt werden kann zu seine Väter?
Ich schwöre Euch noch einmal, und Ihr sollt mich nennen e Schuft, e Hund, e Gauner, e Sohn einer Hündin, wenn ich leiste e falschen Schwur, dass ich geschwiegen hab wie das Grab selbst über das Geheimnis des Schreibtisches.«
Sherlock Holmes ersah in diesem Moment, dass der Jude ihn nicht belüge. Er kannte den Trödler schon viele Jahre und wusste, dass er im Großen und Ganzen ein ehrlicher Mann war. Außerdem hatte Schlome Hersch einen so weitgehenden Respekt vor Sherlock Holmes, dass er tatsächlich niemals gewagt haben würde, etwas zu tun, was der Detektiv ihm ausdrücklich verboten hatte.
»Wenn es so ist, dann bleibt nur die Vermutung offen«, sagte der Detektiv, »dass man Euch einmal belauscht hat, als Ihr, während der Schreibtisch sich noch in Eurem Magazin befand, das Versteck geöffnet habt. Denkt nach, Schlome Hersch, ist das möglich? Denkt scharf nach, denn es kommt mir viel auf Eure Erinnerung an.«
»Wie lang ist es her, dass Ihr gekauft habt den Schreibtisch, Mr. Sherlock Holmes?«, brummte der Jude vor sich hin. »Lasst sehen, – damals ist meine Tochter, ich weiß es genau, schon verheiratet gewesen – ah, sie ist längst schon verheiratet gewesen, sie hat schon gehabt den Nat1, ah, sie hat ihn gehabt: Der Nat ist damals schon elf Jahr gewesen, und ich hab’s, Mr. Sherlock Holmes, ich hab’s – ich kenn den Mann, welcher mich beobachtet haben mag damals, als ich das Versteck öffnete.«
»Und dieser Mann ist?«
»Ist mein Enkelsohn, der Nat, Nat Bunker. Ausgerottet soll er werden, tot soll er daliegen vor meine Füß. Er ist gegangen weg vom jüdischen Weg, er hat sich lassen taufen und ist geworden e Schurke. Und der Fluch Gottes liegt auf ihm und wird ihn treffen, denn Gott lässt sich nicht spotten!«
Sherlock Holmes rieb sich die Hände, und seine Finger knackten, was bekanntlich bei ihm immer ein Zeichen von Wohlbehagen war.
»Erzählt mir noch mehr von dem Nat«, sagte er, »Euer Enkelsohn interessiert mich.«
»Mich nicht«, rief der Jude, »er ist mir geworden fremd, wenn ich ihm begegne draußen auf der Straße, spucke ich dreimal aus vor ihm und gehe meiner Wege,
als wäre er ein Fremder.«
»Hat der Nat Euch so viel Herzeleid angetan?«, fragte Sherlock Holmes voll Teilnahme und mit dem Interesse des Detektivs, der alles zu verwerten weiß.
»Wie heißt Herzleid«, rief der Jude mit zitternder Stimme aus, »Sie wissen, Mr. Sherlock Holmes, Sie sind e Christ und ich bin e Jud, trotzdem sind wir gute Freunde, aber, wenn e jüdischer Sohn geht hin und lässt sich taufen, ohne dass er’s hat nötig, nur damit ihn die Christen nicht ansehn mit e verächtlichem Blick – Mr. Sherlock Holmes, Sie werden selbst sagen, dass das is e schlechter Mensch.«
»Was ist aus dem Nat geworden – wohl nichts Rechtes?«
»Im Gegenteil, er ist geworden e ganz feiner Herr«, antwortete der Jude. »Er hat gelernt gut auf den Schulen, denn er hat gehabt e feinen Kopf. Er ist gewesen in Oxford und hat studiert. Aber dann ist er wieder zurückgekommen nach London, und ich weiß nicht, er dreht sich herum in der feinen Gesellschaft, und ich hab’ ihn gesehen mit Leit, die mer nicht gefallen.«
»Zum Beispiel, mit wem?«, fragte Sherlock Holmes.
»Was weiß ich?«, rief Schlome Hersch, »kennen Sie e Frauenszimmer namens Lydie Forster. Sie tritt auf in ainer Singspielhalle in Midland Street. Sie färbt sich die Haare, dass sie aussehen wie goldgelb, obwohl sie sind schwarz. Mit der hab ich ihn gesehen, und wissen ’Se, das Frauenzimmer is e Totenvogel; wenn die hat e Mann in ihrer Mache, mit dem dauert’s nicht lange, dann hat sie ihn ruiniert. Dann ist ainer dabei gewesen, dem ich auch nichts Gutes zutraue, e gewisser Fred Archer, was als Fechtmeister sai Brot verdient hat.«
»Fred Archer – ich danke Euch, Schlome Hersch, für Eure Auskunft. Sie ist mir wichtiger als Ihr glauben könnt. Ihr habt meine kühnsten Erwartungen übertroffen und mir weit mehr gegeben, als ich hoffte. Noch eins – könnt Ihr mir die Wohnung Eures Enkels Nat Bunker angeben?«
»Das kann ich leider nicht«, sagte Schlome Hersch, »wie gesagt, ich kümmere mich nicht um ihn, ich habe keine Gemeinschaft mehr mit dem Verräter seines Glaubens.«
Sherlock Holmes hatte keine Zeit zu verlieren. Er hatte die richtige Spur gefunden, nun galt es, dieselbe zu verfolgen.
Der alte Jude leuchtete ihm bis zur Haustür, dort drückte der Detektiv ihm die Hand und trat wieder in das Schneetreiben hinaus.
»Ein Kleeblatt«, murmelte er vergnügt, während er, gegen Wind und Wetter ankämpfend, vorwärts segelte, »Nat Bunker, Fred Archer und die Tänzerin Lydie Forster. Ich glaube auch bereits jetzt die Rollen zu erkennen, die jeder von diesen drei vortrefflichen Leuten in unserer Komödie gespielt hat.
Fred Archer muss durch irgendeine Person gehört haben, dass der Kanarienbrillant sich in meiner Wohnung befände.
Diese Person festzustellen, wird nicht allzu schwer sein – ich habe gewisse Vermutungen.
Lydie Forster ist die Dame, welche dem Lord Tanbury auf dem Viktoria-Bahnhof den Brief in die Hand steckte, der ihn mit den 5000 Pfund Sterling nach dem Finchley-Road-Tunnel bestellte.
Und der Enkelsohn des Juden, Nathaniel Bunker, hat so gut die Rolle Pattys, des Briefträgersohnes, gespielt, dass die würdige Mrs. Vonnet sich vollständig täuschen ließ.
Diese Bestie von einem Renegaten hat also in Briefträgeruniform mein Zimmer betreten. Er hatte ein Stück Holz, welches den Schreibtischuntersatz ersetzen sollte, bei sich, und seine ganze Arbeit bestand darin, das Schreibtischbein mit dem Stück Holz zu vertauschen, und sich schnellstens damit aus dem Staub zu machen.
In dieser Kette fehlt kein einziges Glied.
Denn selbst, wenn man sich die Frage vorlegt, woher die Burschen wussten, dass ich den Kanarienbrillanten dort verborgen hielt, so kann ich mir dieselbe dahin beantworten, dass Nathaniel Bunker, der als Kind im Magazin seines Großvaters spielend das Versteck gesehen hatte, wusste, dass ich den Schreibtisch gekauft hatte und leicht daraus folgern konnte, dass ich diesen einzig schönen Brillanten dort und nirgends anders verwahren würde.
Und noch heute Nacht hoffe ich die Vögel in meinem Garn zu fangen.
Verstohlen zog Sherlock Holmes eine silberne Uhr aus seiner Hosentasche und warf beim Schein einer Laterne einen Blick auf das Ziffernblatt derselben.
»Fünf Minuten über halb zwei Uhr, das ist schon ein wenig spät. Aber wenn ich Glück habe, so erreiche ich den Tunnel von Finchley-Road doch noch, bevor Lord Canbury dort mit dem ehrenwerten Gesindel zusammentrifft. – Kutscher, he, haltet!«
»Verdammter Lump, willst du mich zum besten haben?«
Der Cabkutscher, der soeben mit seinem Gefährt an Sherlock Holmes vorübergekommen war und den der Detektiv angerufen, hatte nur einen einzigen Blick auf die zerlumpte Kleidung Sherlock Holmes’ geworfen und glaubte natürlich, dass das kein reeller Kunde für ihn sei, und beeilte sich, aus der Nähe des vermeintlichen Rowdys zu kommen.
Aber Sherlock Holmes lief dem Cab nach und, während der Kutscher die Peitsche ergriff, um sie ihm über das Gesicht zu schlagen, stieß er hastig die Worte hervor: »Ich bin nicht, was ich scheine – da, seht mein Metallschild – Detektiv.«
»Ah, das ist etwas anderes«, antwortete der Kutscher, indem er die Pferde zum Stehen brachte, »was wünschen Sie, Sir?«
»Wie lange fahrt Ihr von hier nach Finchley-Road?«
»Beinahe eine Stunde – verdammtes Schneewetter heute.«
»Wäre es nicht möglich, mich in einer halben Stunde dorthin zu bringen?«
»Ja, wenn ich meine Pferde tothetzen würde.«
»Fünfhundert Pfund Sterling, wenn wir um zwei Uhr an der Finchley-Road sind.«
»All right, Sir, steigt ein!«
Der Detektiv sprang in das Cab, der Kutscher nahm die Pferde fest in die Zügel, gab ihnen die Peitsche, und mit ungeheurer Schnelligkeit sauste der Wagen durch die Nacht dahin.
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