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Eine Reise ins Jahr 2000 – Kapitel 10

William Wallace Cook
Eine Reise ins Jahr 2000
Kapitel 10
Die Freibeuter des Weltraums

Tagsüber zu fliegen hatte seinen eigenen besonderen Reiz, der jedoch nicht mit den Freuden des Nachtfliegens zu vergleichen war. Dennoch war der Ausflug für Lumley nicht ohne Nachteile.

Seine Hoffnungen ruhten auf Tibilus Ny Achtundvierzig. Wenn dieser Mann, ein Nachfahre des im Jahr 1900 verstorbenen Osborne, der Lumleys Seelenfrieden so gestört hatte, den Beweis für Lumleys Unschuld in Bezug auf diesen Bankraub erbringen könnte, wäre poetische Gerechtigkeit vollbracht.

Wenn Lumley dann der Anerkennung überdrüssig wäre und sich nach den alten Zeiten sehnte, könnte er in das Zeit-Coupé steigen und mit dem Beweis in der Tasche ins Jahr 1900 zurückkehren. So könnte er Kinch verblüffen und sich mit den Menschen seiner eigenen Zeit versöhnen.

Im Bug der AURORA schoss ein Auge aus komprimiertem Sonnenlicht seinen Blick tief in die Schatten und erhellte den luftigen Pfad, der vor ihnen lag. Andere Lichter waren zu sehen, die auf allen Seiten schwirrten wie riesige Glühwürmchen. Ab und zu erreichte eine Musikexplosion die Ohren der beiden in der AURORA.

»Dies ist die Stunde, lieber Lumley«, erklang die Stimme von Fräulein Tibijul, »in der Liebende das Schiff besteigen und durch den Weltraum segeln.«

Ihre Worte verklangen in einem tiefen Seufzer.

Lumley hatte nichts gegen die Bemerkung, aber warum verehrte sie ihn und welche Emotion schwang hinter diesem Seufzer mit? Er wünschte sich, der Muglug würde sich beeilen und sie zum Haus von Tibilus bringen.

»Als wir uns das erste Mal trafen«, säuselte Fräulein Tibijul, »erinnere ich mich, dass ich Sie fragte, ob Sie in diese fortschrittlichen Zeiten gekommen seien, um das Vergessen im Hinblick auf irgendeine katastrophale Herzensangelegenheit zu suchen …«

Lumley rührte sich ungeduldig.

»Und Sie versicherten mir«, fuhr Fräulein Tibijul fort, »dass dies nicht der Fall sei. Wenn ich mich recht erinnere, fragte ich Sie auch, ob der Wunsch, zu sehen, wie das Jahr zweitausend mit Sentiment umgeht, nicht etwas mit Ihrem Flug durch die kommenden Jahre zu tun haben könnte. Ich erinnere mich nicht mehr, welche Antwort Sie mir gaben.«

»Ich mich auch nicht«, sagte Lumley mit sinkendem Herzen. »Aber ich werde es jetzt sagen. Fräulein Tibijul, ich bin Philosoph. Das sollte die Frage des Sentiments so weit klären, wie es mich betrifft.«

»Philosophen gibt es in vielen Ausführungen, Lumley«, erwiderte Fräulein Tibijul. »Und Philosophien sind bekanntlich veränderlich, wenn der Glanz des Tages dem Mondlicht und den Sternen Platz macht.«

Lumley hustete verlegen und wünschte sich, dass etwas geschehen würde, um seine Begleiterin von ihrem gegenwärtigen Thema abzulenken. Da dies ausblieb, unternahm er selbst einen halbherzigen Versuch, das gewünschte Ziel zu erreichen.

»Wenn ich ganz grob schätzen müsste, Fräulein Tibijul«, sagte er mit einem plötzlichen Anflug von Interesse, »wie viele Flugmaschinen, glauben Sie, gibt es in New York?«

»Ich habe die Zahlen nicht im Kopf, Lumley«, antwortete Fräulein Tibijul. »Aber sobald wir angekommen sind, werden wir eine Anfrage an das Statistikbüro senden, Hof machen und …«

»Ich wundere mich auch«, unterbrach Lumley hastig, »wie viele Muglugs derzeit damit beschäftigt sind, die industriellen Richtlinien der Stadt New York umzusetzen.«

»Die Zahl variiert. Jede Minute kommt ein Muglug aus der Fabrik und alle zwei oder drei Minuten wird einer auf den Schrottplatz geschickt. Wie ich schon sagte …«

»Erzählen Sie mir etwas über die Neunzehnhundert-Kolonie«, bat Lumley.

»Ich interessiere mich nur für ein Mitglied der Kolonie«, sagte Fräulein Tibijul leise, doch ihre Bedeutung war kaum zu überhören, »und deshalb müssen Sie es mir nachsehen, dass ich diese Frage nicht beantworte. Hof machen ist in unserer Zeit ganz anders, Lumley, als es in Ihrer war«, fügte sie hinzu.

Lumley fügte sich ihren weiteren Ausführungen.

»Ja?«, erwiderte Lumley schwach.

»Ja, wirklich«, fuhr die Dame fort. »Damals machten die Männer die Avancen und die Heiratsanträge. Eine Frau konnte sich verlieben, aber falscher Stolz hinderte sie daran, mit dem Objekt ihrer Zuneigung zu sprechen. Zu oft heiratete dieses dann eine andere Frau. Denken Sie an die untröstliche Frau, lieber Lumley, die so zum Opfer törichter Konventionen wurde. Wenn eine Frau einen Mann liebt und seine Hand in der Ehe wünscht, zögert sie heute nicht mehr, ihm das zu sagen.«

Lumley zitterte. Er wollte etwas sagen und versuchte es sogar, aber es kam kein Ton heraus, als seine Lippen die Worte formten.

Wohin steuerte Fräulein Tibijul? Lumleys Bedenken machten ihn zu einem Feigling.

»Ich kenne Sie noch nicht sehr lange, Lumley«, schnurrte Fräulein Tibijul, »aber ich habe lange ein Ideal gehegt und man könnte annehmen, dass ich dieses Ideal erkennen würde, sobald es auftaucht. Als ich vor einigen Stunden aus dem Raum stürmte und Sie vor den Muglugs rettete, sah ich, dass … dass Sie …«

Sie stockte und brach abrupt ab.

Lumley stöhnte und strich sich mit einer Hand über die feuchte Stirn. Wäre die AURORA näher an der Erde gewesen, hätte er den Sprung über die Reling riskiert.

»Haben Sie geseufzt, Lumley?«, flüsterte Fräulein Tibijul.

Lumley gab eine unzusammenhängende Antwort.

»Everson«, fuhr Fräulein Tibijul fort, »ich habe das Gefühl, dass ich Ihnen sagen muss, was mir auf dem Herzen liegt. Glauben Sie, dass Sie jemals fühlen könnten?«

In diesem Moment kam Fräulein Tibijul Lumley zu Hilfe. Aus der Dunkelheit rief eine heisere Stimme: »Ahoi! Welches Luftschiff ist das?«

»Das Schiff AURORA des Erklärer-Generals«, erwiderte Fräulein Tibijul. »Und welches Gefährt ist das?«

»Der GEIER«, kam die wilde Antwort, »mit Totenkopf und Knochen am Mast. Bleibt liegen, sonst schleudern wir euch einen Blitz aus unserer Elektrokanone entgegen!«

»Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!«, jammerte Fräulein Tibijul. »Die Freibeuter! Die Freibeuter!«

Lumleys Dankbarkeit kannte keine Grenzen. Wären die Piraten nur eine Minute später gekommen, wäre es zu spät gewesen, um ihn zu retten!

»Halt das Schiff an!«, rief er dem Muglug zu.

Sofort begann die AURORA, langsamer zu werden, bis ihre breiten Flügel gerade genug flatterten, um sie in der Luft zu halten. Das andere Schiff schwebte dunkel über ihnen, ein Schattenfleck vor dem Hintergrund der Sterne.

Sein Rumpf stand im rechten Winkel zu dem der AURORA und war etwa drei Meter höher. In dieser Position bebten die beiden Schiffe in jeder Faser.

Gestalten lehnten sich über die Seite des GEIERS und ließen eine Strickleiter herab, die gerade so über das Deck der AURORA hinwegschwebte. Schnell kletterte ein Mann aus der Piratenmaschine und ließ sich auf das darunterliegende Schiff hinab.

»Was!«, rief der Pirat, als er das Geschlecht von Lumleys Begleiterin erkannte. »Nur eine Frau, ein Muglug und ein Regenbogenjäger. Die Luftpiraten sind galant genug, um Frauen zu verschonen, nicht arm genug, um Muglugs zu berauben, und klug genug, um Regenbogenjäger zu entführen und ein Lösegeld zu verlangen. Hinauf mit dir, mein fröhlicher Einwanderer!«

»Es ist Lumley, Everson Lumley«, jammerte Fräulein Tibijul und warf sich vor dem Piraten auf die Knie. »Hab Gnade!«

»Gnade ist mir fremd«, antwortete der Pirat mit heiserem Lachen. »Bevor ich Freibeuter wurde, war ich Offizier im Lufttrust. Sprich nicht von Gnade. Hoch mit dir, Lumley! Rechts- und Ordnungsschiffe wimmeln um uns herum und die Zeit ist knapp!«

»Hör zu!«, flehte das verzweifelte Fräulein Tibijul. »Lumley legte erstmals die Prinzipien des unterbewussten Ego nieder.«

»Das ist mir schnuppe!«

»Aber er ist der Gast der Stadt!«

»Umso mehr sollten wir dann Lösegeld für ihn bekommen. Ha! Meines Erachtens fliegt dort eine Polizeimaschine vorbei. Es ist eine, bei Gott! Klettere, Lumley, oder ich schneide dich nieder.«

Das Kommando war unnötig, denn Lumley kletterte bereits. Er fürchtete, dass die Polizeimaschine eintreffen und die Entführer vereiteln würde. Er begrüßte jedes Schicksal, das eine Fortsetzung seiner Fahrt auf der AURORA mit Fräulein Tibijul verhinderte.

Er kletterte die Strickleiter so schnell er konnte, dicht gefolgt vom Piraten. Bevor Lumley die Seite erreichen konnte, wurde ein Lichtstrahl der Polizeiflieger auf den GEIER gerichtet.

»Ahoi!«, brüllte eine autoritative Stimme. »Welche Flugmaschine ist das?«

An Bord des GEIERS kam es zu einer schnellen Bewegung. Im nächsten Moment schoss das Flugzeug in die Dunkelheit ab und ließ die Frage des Polizeioffiziers unbeantwortet.

Eine Hand griff Lumley am Kragen und zog ihn über die Reling des Freibeuters.

»Ah, ha, mein festlicher Flüchtling«, zischte eine ihm vertraute Stimme in sein Ohr. »Entkomm mir jetzt, wenn du kannst!«

Lumley erstarrte vor Entsetzen. Geistig und körperlich gelähmt lag er starr und hilflos auf dem Deck des Outlaw-Schiffes und starrte mit glasigen Augen hinauf in das Gesicht von … Jasper Kinch!

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