Frank Reade Library – Nummer 1 – Kapitel 2
Frank Reade jr. und sein neuer Dampfmann
Oder: Die Reise des jungen Erfinders in den Wilden Westen
Kapitel 2
Der neue Dampfmann
Der junge Erfinder hielt vor seinem Vater inne und sagte mit tiefem Ernst: »Bedeutet das, dass ein unschuldiger Mann des Mordes überführt wurde?«
»Ja.«
»In diesem Fall ist es die Pflicht eines jeden Philanthropen, zu versuchen, den Unschuldigen zu retten.«
»Das ist es.«
Wir müssen das tun.«
»Ich bin froh, dass du das sagst.«
»Aber jetzt stellt sich die Frage, wie wir das schaffen sollen. Gibt es keine Spur zu den wirklichen Mördern?«
»Keine eindeutige Spur.«
»Das ist sehr seltsam. Natürlich muss es ein Motiv gegeben haben. Dieses Motiv scheint zu sein, Travers aus dem Weg zu räumen.«
»Ja.«
»Und er hat keine Feinde?«
»Keine, von denen er wusste.«
»Ah, aber was würde jemand gewinnen, indem er ihn aus dem Weg räumt?«
Frank Reade jr. hielt inne. Er sah seinen Vater fest an. In diesem Blick wurde vieles zwischen ihnen ausgetauscht.
»Sein Vermögen ist beträchtlich«, warf der ältere Reade ein. »Das Erbrecht wäre das beste Motiv. Es gibt nur einen Erben: Artemas Cliff, ein Neffe, der irgendwo im Fernen Westen Viehzüchter ist. Es könnte nicht er sein.«
»Könnte nicht?« Frank Reade jr. setzte sich und versank in tiefes Nachdenken. Nach einer Weile erwachte er aus seinen Gedanken.
»Ich bin an diesem Fall interessiert«, erklärte er. »Und mein Dampfmensch steht jederzeit im Dienste der Gerechtigkeit. Aber du hast von den Prärien gesprochen. Gibt es eine Spur im Westen?«
»Die einzige mögliche Spur, die wir derzeit erhalten können«, erklärte Mister Reade sr., »ist die, dass Detektive zwei verdächtige Männer bis nach Kansas verfolgt haben. Dort verloren sie ihre Spur. Alle glauben, dass sie die Mörder waren.«
»Nun, das glaube ich«, rief Frank Reade jr. impulsiv. »Ich sehe nur eine logische Erklärung für diese Angelegenheit. Entweder hat Artemas Cliff zwei Raufbolde beauftragt, um diese schreckliche Tat für Travers’ Geld zu begehen, oder der Fall ist nicht leicht zu lösen.«
Der ältere Reade zeigte keine Überraschung über diese Aussage seines Sohnes.
»Jetzt hast du die ganze Sache auf den Punkt gebracht, mein Junge«, sagte er. »Natürlich kannst du tun, was du willst, aber wenn du mit deiner neuen Erfindung eine Reise unternehmen willst, hier ist eine Gelegenheit mit einem edlen Ziel. Du solltest die Mörder verfolgen und Jim Travers entlasten. Möglicherweise ist Artemas Cliff der eigentliche Schuldige, aber ich glaube, dass du im Westen die Lösung des Rätsels finden wirst.«
»Das ist auch meine Überzeugung«, stimmte Frank Reade jr. zu. »Aber nun, da diese Angelegenheit geklärt ist, lass mich dir die Pläne meines Dampfmenschen zeigen.«
Frank Reade jr. zog ein Bündel Papiere aus seiner Tasche und breitete sie auf dem Tisch aus.
Darauf befanden sich die Blaupausen und Zeichnungen des Mechanismus des Dampfmenschen.
Frank Reade senior untersuchte sie sorgfältig und kritisch. Von einem Stück zum anderen ging er und zog nach einiger Zeit tief Luft und sagte: »Nun, junges Blut ist doch das Beste. Ich muss sagen, Frank, du hast mich übertroffen. Es besteht kein Zweifel, dass du meinen Dampfmenschen verbessert hast. Ich gratuliere dir.«
»Danke«, sagte Frank Reade jr. zufrieden.
»Aber ich bin gespannt, dieses Wunderwerk in Aktion zu sehen.«
»Das wirst du«, antwortete der junge Erfinder. »Morgen wird der Dampfmensch seine erste Probefahrt machen.«
Ein paar Minuten später war Frank Reade jr. auf dem Weg zu seinem Haus.
Er war in besonders fröhlicher Stimmung. Er hatte mit seiner neuen Erfindung große Erfolge erzielt und hier bot sich ihm durch ein glückliches Schicksal die Gelegenheit, den Dampfmenschen für einen philanthropischen und heroischen Zweck zu nutzen.
Die Idee, durch die Wildnis des Westens zu reisen, fand er spannend.
Frank konnte sich bereits die Wirkung des Dampfmenschen auf die wilden Eingeborenen der Ebenen und die Gesetzlosen von West-Kansas und Colorado vorstellen.
Auch der ebene Prärieboden jener Region würde sich hervorragend für die neue Erfindung eignen.
Frank Reade jr. war ein Abenteurer aus Leidenschaft.
Diese Liebe war ihm angeboren. Das vor ihm liegende Vorhaben entflammte seine Seele. Es war genau das, was er sich wünschte.
An diesem Abend enthüllte er all seine Pläne seiner Frau.
Natürlich war Mrs. Reade dagegen, dass ihr Mann eine so gefährliche Reise unternahm. Aber nach einiger Zeit überwanden sich ihre Bedenken und sie fand sich damit ab.
Am nächsten Morgen war Frank frühzeitig im Maschinenhaus der Stahlwerke. Die weiten Tore waren geöffnet und ein wunderbarer Anblick zeigte sich ihm.
Dort stand der Dampfmensch.
Frank Reade Sr. und eine große Anzahl von Freunden waren anwesend. Auch Pomp, der Schwarze, war da, ebenso wie ein seltsam aussehender kleiner Ire mit einem typisch iberischen Gesicht und funkelnden Augen, die eine verspielte Natur verrieten. Das war Barney O’Shea.
Barney und Pomp waren lange treue Diener der Reades gewesen. Sie hatten sie auf all ihren Reisen mit ihren Erfindungen begleitet. Über diese beiden Charaktere werden wir nicht mehr sagen und überlassen es den Lesern, sie im Verlauf der Geschichte kennenzulernen.
Der ältere Reade untersuchte den Mechanismus des neuen Dampfmenschen mit größtem Interesse.
»Bei meinem Wort, Frank«, rief er, »du hast mich übertroffen. Ich kann meinen Augen kaum trauen.«
Frank Reade jr. lachte gutmütig.
Dann ging er herum und zeigte einer Gruppe von Freunden den Mechanismus des neuen Dampfmenschen.
Dieser war eine Struktur aus Eisenplatten, die in Segmenten mit Nieten, Scharnieren oder Stangen verbunden waren, je nach Erfordernis.
Im Gesicht und in der Form war die Maschine eine gute Nachbildung eines Mannes aus Stahl.
Er wirkte in keiner Weise schwerfällig oder ungeschickt, obwohl er eine Statur von neun Fuß hatte.
Er stand aufrecht und hielt die Wellen eines Wagens an seinen Hüften.
Der Wagen selbst war leicht, aber geräumig, hatte vier Räder und ein Verdeck aus feinem Stahlnetz. Dieses war kugelsicher, während man innen alles um sich herum gut sehen konnte.
In dem Netz gab es Schießscharten, um im Falle eines Kampfes die Gewehrläufe hindurchzustecken.
Ein Teil des Wagens diente als Kohlebunker. In anderen kleinen Fächern wurden eine begrenzte Menge an Vorräten, Munition und Waffen aufbewahrt.
Auf dem vorderen Kotflügel befand sich eine Bremse, um den Wagen bei steilem Gefälle zu regulieren. Ein Schlitz im Netz erlaubte den Durchgang der Zügel, die mit den Drossel- und Pfeifenventilen verbunden waren. Ein Wort zum Mechanismus des Mannes.
Hier war die feine Arbeit der Erfindung wirklich zu sehen.
Dampf war die Antriebskraft.
Die hohlen Beine und Arme des Mannes bildeten die Behälter oder Kessel. In seiner breiten Brust befand sich der Ofen. Es konnten vollständig zweihundert Pfund Kohle platziert werden, um das Feuer aufrechtzuerhalten und über einen längeren Zeitraum Dampf zu erzeugen.
Der Dampfkasten befand sich auf dem Rücken des Mannes und enthielt eine Reihe von Ventilen. Der große Hut, den der Mann trug, bildete den Schornstein.
Die Treibstangen erstreckten sich in Segmenten die Beine des Mannes hinunter und konnten so geschickt in Bewegung gesetzt werden, dass ein gewaltiger Schritt erreicht wurde und eine Geschwindigkeit, die jenseits der Vorstellungskraft lag.
Das war der neue Dampfmensch. Die Verbesserungen waren zahlreich und offensichtlich.
Der gesamte Mechanismus war besser ausbalanciert, die Teile waren stärker verbunden und der Stahl war von höherer Qualität. Größere Geschwindigkeit war garantiert.
Das Feuer brannte im Ofen, Dampf zischte aus der Retorte und der Rauch stieg aus dem Schornstein des Mannes auf.
Frank Reade jr. sprang plötzlich in den Wagen.
Er schloss die Schiebetür hinter sich. Pomp war mit der Arbeit im Kohlebunker beschäftigt.
Frank nahm die Zügel und zog daran. Er öffnete die Drosselöffnung und ebenso das Pfeifenventil.
Dreimal schrillte der neue Dampfmensch, dann war er auf seiner Probefahrt.
Er verließ den Hof und fuhr auf die Straße.
Alle eilten zu den Toren und ein großer Jubel brach aus. Der Dampfmensch ging mit gewaltigem Tempo die Straße entlang.
Seine Schritte waren lang und kraftvoll. So schnell wurden sie gemacht, dass er eine gewaltige Strecke zurücklegte.
Es war eine gute, glatte Straße.
Vor ihm ritt ein Mann auf einem Pferd. In seiner Nähe war ein Radfahrer, der als sehr schnell bekannt war.
Beide hatten gehört, dass der Dampfmensch an diesem Morgen seine Probefahrt machen würde.
Sie schlossen Wetten ab, dass sie den Mann schlagen könnten.
Frank erriet die Wahrheit sofort.
»Ki dar, Marse Frank«, rief Pomp mit einem Lachen und schüttelte dabei seinen wolligen Kopf. »Diese beiden Kerle haben eine Menge Mut. Zeigen Sie ihnen, dass sie nicht im Rennen sind. Nicht wahr?«
Pomp hatte mehr als einen Grund, das Pferd und das Fahrrad zu schlagen. Er hatte selbst eine kleine Wette auf das Ergebnis abgeschlossen.
Es war offensichtlich, dass die beiden vorne liegenden Parteien für den Spaß bereit waren.
Frank Reade jr. lächelte grimmig und öffnete die Drossel weiter.
Im nächsten Moment jagten der Dampfmensch, der Radfahrer und der Traber im Kopf-an-Kopf-Rennen die Straße entlang.
Himmel! Was für ein Rennen!
Wie ein Wirbelwind flogen sie die Straße hinunter. Der Staub wirbelte in einer Wolke hinter ihnen auf.
Doch der Dampfmensch trabte mühelos an seinen Konkurrenten vorbei. Frank drehte sich mit einem Lachen um, um zu sehen, wie sie ihre Konkurrenten distanzierten.
Nach einer gründlichen Erprobung kehrte der neue Dampfmensch in den Gießereihof zurück. Als Frank aus dem Wagen stieg, kam sein Vater herbei, ergriff seine Hand und umarmte ihn voller Freude.
»Bravo, mein Sohn!«, rief er. »Du hast meine Erfindung übertroffen. Ich wünsche dir Glück, und ich weiß, dass du Erfolg haben wirst, Jim Travers zu entlasten.«
»Ich werde nur Barney und Pomp mitnehmen«, sagte Frank Reade junior. »Im Wagen wird es nicht genug Platz für mehr geben.«
»Nun, sie werden nützliche Begleiter sein«, sagte Senior Reade. »Mein Sohn, möge Gott dir bei deinem Unternehmen zur Seite stehen.«
Frank Reade junior begann sofort mit den Vorbereitungen für seine Reise in den Westen.
Er besuchte Travers im Gefängnis und sprach mit ihm.
»Um die Wahrheit zu sagen, ich misstraue meinem Neffen Artemas Cliff. Er ist ein habgieriger Schurke und hat mehrfach versucht, mich um Geld zu betrügen. Ich weiß, dass er an der Grenze ein Leben als Gesetzloser geführt hat.«
»Aber wenn er bestrebt wäre, dein Vermögen zu erhalten, warum hat er dann nicht direkt auf dein Leben gezielt?«, fragte Frank.
»Ich nehme an, er hat sich vielleicht vor der Entdeckung gefürchtet«, antwortete Travers. »Wenn ich für den Mord an diesem unbekannten Mann gehängt werde, wird das Rätsel für immer ungelöst bleiben. Der wahre Mörder wird nie bekannt werden.«
»Ich glaube, du hast recht«, stimmte Frank Reade jr. zu. »Ich werde diesen Artemas Cliff finden und mein Bestes tun, um das Rätsel zu lösen und dich zu rehabilitieren.«
»Danke!«, sagte Travers gerührt. »Ich habe das Gefühl, dass du Erfolg haben wirst.«
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