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Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten – Teil 2

Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten

Memoiren eines Scharfrichters aus den Zeiten des Mittelalters
Herausgegeben von Wilhelm von Chézy

Arnulfs Märlein vom Diebesdaumen

Es ist schon lange, lange Jahre her, da zog ein junger Mann, seines Zeichens Schäffler und Brauknecht, von Rosenheim nach München im Bayernland. Auf dem Rücken trug er sein Wanderbündel, in der Hand hielt er seinen Knotenstock und pfiff ein Schelmenliedchen, als ihm von Perlach aus die Türme des Münsters zu Unserer Lieben Frau mit ihren runden Kuppeln über den Buchenwald hinweg sichtbar wurden. Denn so ergeht es jedem Wanderer, sei er ein Bayer oder nicht. Als er das schlanke Zwillingspaar nur erblickte, wurde ihm das Herz leicht und voller Lust. Das war eben das Wahrzeichen der edlen Stadt München am Strand der grünen Isar.

Bevor er sich weiter in den Schatten des Waldes begab, wischte Friedel den Schweiß von der Stirn, warf seinen Rucksack von den Schultern und setzte sich auf die Bank unter der Linde. Von deren altem Stamm schaut das Muttergottesbild so mildselig aus seiner Blende herab, dass selten ein Vorübergehender es versäumt, es zu grüßen. Das tat auch Friedel, ehe er zur kurzen Rast Platz nahm. Als er sich gerade wieder erheben wollte, um seinen Weg fortzusetzen, sah er etwas im Gras blinken und glitzern. Als er sich danach bückte, sah er, dass es ein kostbares Geschmeide war: ein Fingerlein aus purem Gold mit einem Karfunkelstein, in dessen hellgeschliffene Fläche ein Siegelring geschnitten war. Doch der Finder war vom Glanz geblendet und konnte, selbst wenn er es verstanden hätte, darauf zu achten, das Siegel nicht deutlich erkennen. Der glückliche Knabe betrachtete den Fund mit blitzenden Augen, dankte der Gnadenmutter fein demütig für die reiche Gabe und verwahrte sie sorglich in seinem ledernen Beutel, wobei er still und ohne es sich selbst einzugestehen von Herzen wünschte, den rechtmäßigen Eigentümer des Kleinods nie zu erfahren, obwohl er versprach, nach ihm zu fragen. Im schlimmsten Fall verdiene ich dabei doch eine stattliche Belohnung, dachte er schließlich, schritt rüstig weiter und gelangte in kurzer Zeit hinab zur Isar, wo sich die lange, mit festen Toren und Türmen gesicherte Brücke von Insel zu Insel über den breiten Strom spannte.

Jenseits blickten aus frischem Grün die zerstreut liegenden kleinen Häuser der Vorstadt, die Wohnungen der Schiffer und Floßleute. Sie wurden von der gedoppelten Ringmauer überragt, hinter deren sicherem Umfang sich die stattlichen Gebäude der schönen Stadt erhoben. In der Mitte lag das herrliche Haus der himmlischen Beschützerin des Bayerlandes, zur Rechten die Hofburg des Herzogs und zur Linken Sankt Peter. Auf allen Seiten erhoben sich unzählige Glockentürme, Türmchen, Giebel, hohe und niedrige Dächer, deren bunt durcheinander geworfene Gruppen den Blick des Betrachters zugleich ergötzten und verwirrten. So trat er wie berauscht auf die Brücke und wusste nicht, wie ihm geschah, als er, vom Tor aus der Straße folgend, an einen Schwibbogen gelangte. Dahinter erschloss sich der von Käufern und Verkäufern wimmelnde Schrannenplatz, geziert mit dem steinernen Brunnen, umgeben von Bogengängen und belebt vom betäubenden Geschrei so vieler Stimmen.

Der Ankömmling sah nur, was ihm der erste flüchtige Blick zeigte, und hatte keine Muße, die offenen Läden und Werkstätten unter den Bögen, die hohen Häuser mit ihren Schildereien oder den großen Christoph zu seiner Linken zu betrachten, der noch viel länger und breiter anzuschauen war als der gewaltige Ritter Ronegas am Tor seiner Vaterstadt Villingen. Denn er bedurfte aller seiner fünf Sinne, um in dem Gedränge den Stößen, Püffen und Tritten des geschäftigen Volkes zu entgehen und die Herberge zu finden. Die er endlich nach vielen vergeblichen Fragen erreichte, und wo er auch zu dieser Stunde vom Meister Grubenhofer, dem Löwenbräu, in Arbeit genommen wurde. Der braute damals in ganz München den besten Trank, sodass seine Märzkeller gewöhnlich schon bis zum Sankt-Jakobstag geleert waren. Er konnte nie genug Gesellen auftreiben, um so viel des Getränks zu siedeln und Fässer dazu zu bauen, wie die durstigen Kunden vom kunstfertigen Meister begehrten.

Auf Gottes weiter Erde gibt es keine schöneren Frauen und Jungfrauen als in Bayern. Deshalb ist noch keiner nach München gezogen, ohne dort vor Liebeskummer krank zu werden. So erging es in den ersten Tagen auch dem guten Friedel, sodass er völlig vergaß, nach dem Eigentümer des gefundenen Karfunkels zu fragen, obwohl er zahlreiche Gelegenheiten dazu hatte. Denn er hatte für seinen Meister im Schloss zu Perlach nach den Fässern zu sehen und dem Herrn Hastreiter für sich selbst und sein Gesinde den Haustrunk zu bringen. Er hätte sich leicht denken können, dass ihm der gestrenge Herr eher auf die rechte Fährte helfen könnte als manch anderer. Dies fiel ihm jedes Mal wie ein schwerer Stein aufs Herz, wenn er bei der Linde mit dem Bildstock vorüberging und grüßend sein Hütlein lüpfte. Dann aber dachte er wieder daran, wie gut der Ring der schönen Pepi im Kreuzelgießergarten anstehen würde. Alle guten Vorsätze und frommen Erinnerungen an die Lehren seines greisen Vaters entwichen vor diesem eitlen törichten Gedanken.

Dennoch war er mit der Pepi lange noch nicht so weit, dass er ihr einen Ring hätte anbieten dürfen. Sie sah ihn nicht freundlicher an als jeden anderen, egal, ob er mit Bierfässern kam oder sich am Sonntag seine Maß des braunen Trankes aus ihren Händen goss. Und obwohl sich die schöne Wirtstochter nach und nach weniger spröde und trotzig gegen ihn erwies, fand der blöde Friedel nicht einmal den Mut, sie zum Tanz zu bitten. Er beschloss, um des Gartens willen den Tag zu grüßen und sich mit Pepis Vater und Bruder zu befreunden. Die beiden, der alte Franz und der junge Hans, gehörten zu den besten Gästen im Kreuzelgießergarten, was das Trinken anging. Sonst waren sie aber ein paar wüste Gesellen, um derentwillen ehrbare Leute das Haus gemieden hätten. Wenn nicht Pepi als die eigentliche Wirtin angesehen worden wäre, während sich das Tun und Treiben des Alten und seines Jungen auf die entlegene Kegelbahn beschränkte, wo eine Rotte übelgeratener Muttersöhne vom frühen Morgen bis in die späte Nacht spielte, lästerte, zechte, stritt und raufte, ungesehen und ungehört von den Gästen. Diese saßen vor dem Haus oder in der großen Unterstube an den langen Tafeln, führten beim vollen Krug ein vernünftiges Gespräch über Krieg und Frieden und erfreuten sich der Aussicht über die klaren grünen Wogen des Stromes auf die Stadt. Unter ihnen fehlte der Herr Hastreiter von Perlach nicht allzu oft.

Da Friedel diese ruhigen Gäste aber plötzlich mied und sich den Keglern anschloss, um seiner Liebsten das Herz zu gewinnen, hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Von diesem Tag an besah ihn die Pepi gar nicht mehr, zog ihre Hand zurück, wenn er danach haschte, und gab ihm keine Antwort, egal, was er fragte.

Darüber wurde dem armen Schwabenkind das Herz schwer und immer schwerer. Er sah bald blass und hohläugig aus, trank sich jeden Sonntag einen Rausch, fing dabei regelmäßig Streit an und wurde von den groben Bayern jedes Mal richtig braun und blau geschlagen. Das erbitterte und stärkte ihn statt ihn zur Vernunft zu bringen.

Als er eines Montags mit schmerzendem Kopf voller Beulen und zerschundenem Gesicht nach Perlach kam, sagte der Hastreiter zu ihm:

»Du bist ein liederliches Tüchlein, Villinger. Du führst dich nicht auf wie ein frommer Handwerksgeselle. Wenn ich du wäre, würde ich lieber gleich unter die Staudenkechte gehen und auf diejenigen Märkte und Dulten ziehen, wo sie das Tuch mit der längsten Elle ausmessen.«

Da antwortete Friedel trotzig: »Habe ich den gestrengen Herrn schon etwas genommen?«

»Schon gut!«, sagte der. »Ich wollte allenfalls noch auf der Kegelbahn im Kreuzelgießergarten einen von denen finden, die am Pankrazitag bei mir eingestiegen sind und mich bestohlen haben. Doch lassen wir das. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie es nicht wert sind, dass eine Dirne wie die Pepi sich wegen Ihnen die Äuglein rot weint.«

Mit diesen Worten kehrte der Hastreiter dem Brauknecht den breiten Rücken zu, ohne dass Friedel mehr vernehmen wollte, denn ihm war ein Licht aufgegangen. Er spürte, wie es ihn drängte, spornstreichs zu seiner Liebsten zu laufen, Besserung zu geloben und ihre Vergebung zu erflehen. Aber er schämte sich seines verschandelten Gesichtes, ließ sich daheim vom Meister Bader eine heilsame Salbe reichen, wusch sich fleißig mit frischem Brunnenwasser und wartete trotz nagender Ungeduld bis zum Sonntag. An diesem ging er nach der Vesper mit glattem Antlitz und in sauberem Gewand über die Brücke, fest entschlossen, sein Wort diesmal bei der Pepi anzubringen, damit sie ihre schönen nussbraunen Äuglein nicht länger um seinetwillen mit salzigen Tränen schädigt.

Wie schön sie heute wieder war! Sie hatte das reiche dunkle Haar von der glänzenden Riegelhaube festgehalten, das Mieder vorn mit schweren Silberketten zusammengeschnürt und reichte dem Gast den Krug, nahm die Pfennig von ihm, ohne ihn nur eines Blickes zu würdigen. Vor Bewunderung für ihren hohen Liebreiz und vor bitterem Herzeleid verging ihm schier das Sehen und Hören. Doch er hielt standhaft aus und beschloss, nicht zu wanken und nicht zu weichen, wenn die Dirne ihn auch noch so schnöde behandeln würde. Seine Blicke hefteten sich an ihre Schritte und er war wie mutterseelenallein unter den vielen gesprächigen Zechern, bis er plötzlich gegen Abend eine raue Stimme seinen Namen rufen hörte. Im Fenster sah er einen struppigen Kopf, dessen Glotzaugen ihn anstarrten, während der breite Mund zähnefletschend zu ihm sprach: »O du mein Friedel, wo bleibst du denn so lang? Hast du etwa den Weg zur Stoßbudel vergessen? Komm, komm, sonst nimmt das Scheiben ohne dich sein Ende.«

»Lass mir meine Ruhe, Hansel«, sagte der Villinger und wandte sich ab. Daraufhin schrie der andere hellauf lachend: »Aha, hast du endlich genug bekommen? Es sind wieder frische Buden da, für deren Faust und Schlagring deine schwäbischen Knöchlein nicht fest genug sind. Aber komm nur, der Mucki und ich wollen dir schon beistehen.«

»Oho«, entgegnete Friedel, sich erhebend, »ich brauche etwa noch des Beistandes, gelt?« Doch setzte er sich sofort wieder nieder, da die Stimme seines Nachbarn, eines ehrsamen Bürgers, ernst und gemessen den Spruch hersagte: »So die bösen Buben dich locken, folge ihnen nicht!«

Zugleich traf ihn ein zwar nur flüchtiger, aber vielsagender Blick aus Pepis Augen, sodass er dem Versucher ganz entschieden den Rücken kehrte. Er ließ sich nicht locken, versprechen oder drohen, bis Hans dessen müde wurde und den Frieden seinen Gedanken überließ. Aus diesen erwachte er nicht eher, bis Pepi zu ihm sagte: »Mach, dass du fortkommst, und ich kann schließen.«

Es war fast dunkel und die Stube leer. Er erhob sich, nicht aber, um zu gehen, sondern, um das Wort seiner Liebeswerbung zu sprechen. Und obschon die Dirne von Anfang an spröde tat, war die Stunde dennoch ihm günstig, weil er durch Hastreiters Worte vom Montag ermutigt war. sich nicht gleich abschrecken und stumm machen ließ wie ehedem, sondern mit beredter Zunge in Pepi drang. Sie wusste nicht, wie ihr geschah, als sie Hand in Hand mit dem Friedel auf der Bank vor der Tür saß und ihm versprach, ihn treu zu lieben. In drei Jahren wollte sie ihm gen Villingen als seine Hausfrau folgen. Als Pfand dafür gab sie ihm einen Ring und nahm den Karfunkel von ihm. Beide drückten sich noch einmal die Hände, die Verlobte duldete im Dunkeln einen flüchtigen Kuss auf ihre glühende Wange, dann schlüpfte sie behänd ins Haus, während ihr Liebster noch lange stehen blieb und sich nur schwer entschließen konnte, von dannen zu weichen, als hätte er geahnt, dass seines Lebens Glück und Freude in diesem einzigen seligen Augenblick ihr Ende gefunden hatten.

Am nächsten Tag bestieg der Schlossherr von Perlach schon zu früher Stunde sein Ross, um zu Hof zu reiten. Als er in die Au kam, lenkte er vor der Brücke rechts gegen Haidhausen ab, um noch einen Stegreiftrunk zu nehmen, denn er wusste, dass er in der Pfalz des Herzogs allenfalls glatte Worte, aber weder Speise noch Trank erhalten würde. Auf das Zeichen, das er mit der klatschenden Peitsche gab, brachte ihm Pepi selbst die begehrte Labung. Er hielt die Hand fest, die ihm den Krug reichte, um den Siegelring am Goldfinger zu betrachten, den er zuvor nie daran gesehen hatte.

»Was ist das für ein Ring?«, fragte er. Das Mädchen nahm nicht wahr, wie er dabei kirschrot im Gesicht wurde, weil es verschämt die Augen senkte und den alten Freund des Hauses mit leiser, bebender Stimme erwiderte: »Der Ring bedeutet, dass ich Adlerwirtin in Villingen im Schwarzwald werden muss.«

»Wieso?«

»Friedel und ich, wir sind ein Paar.«

»Der Ring ist also von ihm?

Pepi bejahte und wunderte sich sehr, als sie statt des erwarteten Glückwunsches die Worte »Gott tröste dich, armes Dirndl!« aus Hastreiters Mund vernahm. Daraufhin trabte er ohne weiteren Gruß davon, sodass sie fast mehr noch erzürnt als erschrocken war.

Der Perlacher aber hatte auf dem Karfunkel sein Siegel, den Reiter mit dem Feuerzeichen auf flüchtigem Ross, wiedererkannt. Er stieg vor dem Rathaus ab, ehe er zur Pfalz ging, und berichtete dem Stadtschreiber in eiligen Worten, wie er durch Gottes Fügung dem Dieb am Pankrazitag verkündet habe. Der kein anderer sei als des Grubenhofers Bierknecht aus Villingen. Er begehrte, dass sie den Spitzbuben mit Spießen und Stangen abholen sollten. Dies wurde zur Stunde befohlen und war vollführt, bevor der Angeber noch vor dem Angesicht des Herzogs erschien.

Vergebens harrte Pepi am anderen Tag ihres Verlobten; stattdessen erschien ein Gerichtsbote und verlangte den Ring.

»Was soll das?«, fragte die Dirne voller tödlichen Schreckens.

»Das wird die Jungfer wenig angehen«, versetzte der Scherge, »und wenn es sie angeht, desto schlimmer für sie.«

Mit diesen Worten zog er ihr ohne Umstände den Karfunkel vom Finger, leerte einen Krug, ohne ihn zu bezahlen, und ging seines Weges, die Ärmste in peinlicher Unruhe und Angst zurücklassend. Diese wurden nicht geringer, als die Gäste am Abend einander erzählten, die Häscher hätten beim Löwenbräu einen gefährlichen Gauner abgeholt und in den Turm gelegt.

»Wie heißt er?«, fragte Pepi voller banger Ahnung.

»Ich weiß nicht«, sagte einer, »aber er saß gestern Abend noch neben uns.«

Ein anderer rief dazwischen: »Es ist halt der liederliche Schwab von Villingen!« Die Dirne hatte genug gehört, ihr wurde schwarz vor Augen, sie taumelte, stürzte und wurde für tot vom Boden aufgehoben.

Dem Friedel war unterdessen auch gar übel zumute in seinen Eisen unter Mördern, Räubern, Dieben und Landstreichern, denen er in seinem Äußeren ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Als er seit drei Tagen ungewaschen und ungekämmt vor den Richter trat, bezichtigte dieser ihn des nächtlichen gewaltsamen Einbruchs und Diebstahls. Vergebens beteuerte der Gefangene seine Unschuld, vergebens bot er an, durch Eid und Zeugen seine Aussage zu erhärten, dass er erst einen Tag nach dem Einbruch von Rosenheim nach München gekommen sei. Vergebens erzählte er den wahren Hergang und gab zu, Unrecht getan zu haben, indem er den Fund verhehlt hatte. Der Richter wandte ein, dass er jedenfalls zu Pankrazi auf den Wegen gewesen sei, wenn er auch nicht nach München hineingekommen sei. Er habe auch später oft genug das Wappen des Hastreiters am Portal zu Perlach gesehen, um davon den Eigentümer des vorgeblich gefundenen Ringes zu erkennen, sofern er nur den guten Willen dazu in sich gespürt hätte. Er mahnte ihn, in Güte sein Verbrechen zu gestehen, wenn er nicht begehre, vom Züchtiger in scharfe Frage genommen zu werden.

Die Mahnung blieb ohne Erfolg, doch die Drohung war nicht eitel. Da die scharfen Ruten an der Leiter ihm die straffgespannte Haut durchhieben, sodass sie alsbald in Fetzen niederhing, und die unbarmherzigen Streiche nun in das wilde Fleisch schnitten, bekannte Friedel alles, was der Richter von ihm wollte. Als er in den Daumenstöcken nach seinen Komplizen gefragt wurde, schändete er in der unsäglichen Pein den christlichen Namen zweier guter Landleute und Handwerksgenossen, von denen er wusste, dass sie gestorben waren und sicher in kühler Erde ruhten, wo kein Steckbrief sie mehr erreichen konnte.

Was der Gepeinigte auf der Leiter und in den Schrauben bekannte, widerrief er in der Gerichtsstube. Dann gestand er in der Folterkammer erneut. Nachdem er zweimal also mit Bekenntnissen und Leugnungen gewechselt hatte, wurde das Urteil gesprochen und schnell vollstreckt, noch ehe die mitleidige Hand des Todes das geknickte Leben vollends pflücken und so der Faust des Henkers zuvorkommen konnte. Den letzten Atem bot der arme Villinger noch auf, um seine Unschuld zu beteuern, und starb dann wie ein Mann.

Die Pepi erhob sich erst vom Schragen und wankte wie eine wandelnde Leiche umher, als längst schon die Raben ihres Herzallerliebsten die frischen blauen Augen ausgehackt hatten. Tag für Tag schlich sie hinaus zur Linde mit dem Muttergottesbild bei Perlach, zu der sie seit ihrer Kindheit eine besondere Andacht gehegt hatte. Dort gelobte sie, ihr Leid und ihr Leben zu opfern und sich in den Dienst der Himmelskönigin zu stellen, sofern sich die Unschuld des Friedels herausstellen würde, an die sie selbst fest und unwandelbar glaubte, erleuchtet, wie sie war, von dem Licht treuer und frommer Liebe. Und weil sie eine so reine, heilige Seele war, geschah es durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau, dass der Himmel ein Wunder wirkte, um seine Magd vor Verzweiflung zu bewahren und sie in seinen Dienst zu nehmen.

Seitdem die Pepi erkrankt war und nach ihrer Genesung still und trübsinnig geworden war, sodass sie sich um irdische Dinge nicht mehr kümmerte, mieden ehrliche Leute nach und nach die sonst so besuchte Wirtschaft. Der Kreuzelgießergarten in Haidhausen wurde in Kürze zu einer berüchtigten Gaunerherberge, in der alles herrenlose Gesindel Unterschlupf suchte und fand. Das wilde Treiben dort gedieh bald zu solch heilloser Frechheit, dass die Schergen des Rates und die Reiter des Herzogs nicht umhin konnten, ein wachsames Auge auf das Haus, seine Bewohner und seine Gäste zu richten. Das verdross Hans jedoch, und als er in einer dunklen Nacht einen Anschlag ausführen wollte, merkte er, dass die Häscher seine Fährte genau verfolgten. So beschloss er, ehe er sich zu seinen Gesellen auf den Versammlungsplatz begab, ein unheimliches und verzweifeltes Wagestück auszuführen und sich den Daumen von der rechten Hand eines gehängten Diebes zu verschaffen, um sich so jeglicher Verfolgung zu entziehen. Denn unter Gaunern ist es ein gemeiner Glaube, dass ein solcher Daumen sie frei mache und sie bei nächtlichem Werk unsichtbar mache, so wie betrügerische Wirte dergleichen an einem Faden ins Bier hängen, damit es wohlschmeckend werde und schneller wirke.

Er wusste ebenso wenig wie der Hastreiter, wessen der Villinger eigentlich beschuldigt worden war. Denn sonst hätte er die Unschuld des armen Knaben kennen müssen, da er selbst mit seinem Vater den Einbruch zu Perlach verübt hatte. Also hielt auch er den zu Unrecht Gerichteten für einen wahren Schelm und schlich auf leisen Sohlen zum Hochgericht. Als er näher kam, hörte er es rascheln und rauschen, sah einen Schatten vorbeigleiten und in der Dunkelheit verschwinden. Dem sonst so furchtlosen Gesellen sträubten sich die struppigen Haare gleich den Borsten eines Ebers, und alles Blut wich ihm zu Herzen. Doch ermannte er sich in kurzer Frist, trat hart an das unheimliche Dreibein, überstieg das verfallende Gemäuer und sah, dass die Leiter neben dem Gehenkten angelehnt stand. Da zog Hans sein krummes Messer hervor, stieg beherzt aufwärts, griff nach der starren, kalten Hand des Toten und erkannte alsbald, dass ihr der Daumen fehlte. Er ließ los, warf sich die Leiter hinab und floh, wie von des Satans wilder Jagd gehetzt, von dannen.

Noch in derselben Nacht wurde Hans beim Stehlen ergriffen, in die Eisen gelegt und am nächsten Tag ins Verhör genommen. Doch so gewaltsam sie ihn auch angriffen, er bekannte dennoch weder seine Genossen noch sich selbst außer dem einen Diebstahl, bei dem die Schergen ihn ertappten. Da ließen meine Herren von München ihn an einem schönen Morgen durch das Kaufingertor zum Galgenberg hinausführen.

Als Hans oben auf der Leiter stand und der Freiknecht ihm die Schlinge festknüpfte, sah er den toten Friedel an und sagte frech und laut: »Ich wollte auch nicht hier sein, wenn ich den Daumen meines Nachbarn hätte gewinnen können. Da ich ihn aber holen wollte, war mir ein anderer zuvorgekommen.«

Der Henker grinste, wollte ob dieser Rede lachen und die Schlinge vollends zuziehen, doch urplötzlich verging ihm das Lachen, denn er hörte deutlich sagen:

»Mein Daumen hängt in deines Vaters Bierfass!«

Es war niemand anderes als der Tote, der diese Worte gesprochen hatte. Alle Umstehenden hatten sie vernommen und schrien nun »Wunder«, erhoben großen Lärm und Tumult und hätten beinahe den Rabenstein gestürmt, um den redenden Leichnam näher zu betrachten und abzunehmen. Mit Mühe dämpften die Stadtknechte den Aufruhr. Sie wären damit kaum zu Stande gekommen, hätten nicht die Reisigen des Herzogs ihre Trompeten hören lassen und ihre langen Speere drohend gesenkt. Darauf wälzten sich die erregten Massen nach der Stadt zurück und schlugen den Weg nach Haidhausen ein. Sie zerstreuten sich erst, als sie das Brückentor geschlossen und von Geharnischten besetzt fanden. Währenddessen wurde in allen Gassen unter Trommelschlag verkündet, dass der Kreuzelgießergarten bereits umringt sei, die gesamte Gaunerbande darin gefangen genommen und der Diebesdaumen im Bierfass gefunden worden sei.

Der alte Franz bekannte unter vielen anderen Verbrechen auch den Einbruch in Perlach. Er gestand, dass er die dort gestohlenen Kleinode im hohlen Stamm der Linde mit dem Bild unter Reisig und Laub verborgen hatte. Dabei war ihm wahrscheinlich der Siegelring entfallen. Um dessentwillen hatte der arme Friedel den schmählichen Tod erleiden müssen. Er fluchte dabei der Arglist des bösen Feindes, der ihm statt des schützenden Daumens von einem wahren Dieb den eines unschuldigen Opfers in die Hände gespielt hatte, um ihn dadurch elend zu verderben.

Nun wurde Friedel mit einem stattlichen Leichengepränge ehrerbietig zur Erde bestattet und für ihn ein Seelenamt bestellt, alles auf Kosten meiner Herrn von München. Der Herzog büßte außerdem zwanzig ungarische Gulden des besten Goldes; Franz und sein Sohn erlitten die verdiente Strafe. Mit dem wiedergefundenen Kleinod startete Hastreiters tätige Reue die arme Pepi für das Kloster aus, da für die Gerichtskosten ihres Vaters Hab und Gut draufgegangen waren.

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