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Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel IX, Teil 1

Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.

Kapitel IX, Teil 1

Michel und Asmodi kannegießern. Die Republik Al-Quitschi-Quatschi. Geheime Beratung auf dem Römer zu Frankfurt am Main, um die Malefikanten Michel und Asmodi auf eine pfiffige Art zu fangen. Reise nach Al-Quitschi-Quatschi. Raritäten und Kuriositäten dort.

Wie immer fand sich Asmodi bei Michels Lever in dessen Hauptquartier ein und leistete ihm zum Frühstück konversierend Ge­sellschaft.

»Die Sache mit den Auswanderern in Havre ging mir die ganze Nacht im Kopf herum«, sagte Michel.

»Was sieht dich an?«, erwiderte der Teufel.

»Die Leute ziehen da mit Kind und Kegel, mit dem Rest ihrer wenigen Habe in ein ihnen unbekanntes Land und rennen so in ihr Verderben.«

»Du irrst; es sind meistens Landleute, tüchtige Feldarbeiter, sie bringen etwas Bargeld mit, und diejenigen, die so klug sind, sich in den noch unangebauten Gegenden Nordamerikas eine Strecke Landes zu kaufen, die sie für wenige Dollar, ja fast um­sonst erhalten, und gehörig bearbeiten, sind schon in einigen Jahren wohlhabende Leute. Das Land gilt dann zehn und zwanzig Mal mehr als der Ankaufspreis betrug, das rentiert sich trefflich, und ihre Kinder und Kindeskinder werden reiche Gutsbesitzer. Alle die es so gemacht haben und Ordnung und Tätigkeit walten ließen, befinden sich jetzt wohl in Amerika.«

»Gut, aber der Heimat, dem deutschen Vaterland, haben sie auf immer den Rücken gekehrt?«

»Was tut das? Ubi bene ibi patria, das Vaterland ist da, wo es dem Menschen gut geht und er gute Freunde findet. Die deutschen Auswanderer finden ihren Vorteil in dem neuen Vaterland, und Deutschland verliert nichts dabei.«

»Wieso, tätige Arbeiter und das Geld, das sie mitneh­men, ist dies kein Verlust?«

»Nein; die meisten, ja fast alle Länder Deutschlands leiden eher an Übervölkerung als an Mangel der Bevölkerung, Grund und Boden können sie nicht mitnehmen, und das ist der reelle Reichtum, Geld ist nur ein konventioneller und oft imaginärer, und immer zu ersetzen. Die deutschen Regierungen, welche diesen Auswanderungen keine Hindernisse in den Weg legen und sie ge­hörig ordnen und leiten, sind gut inspiriert, und zu sehr überhandnehmende Armut wird dadurch gesteuert.«

»Meinst du? Dann wundert es mich, dass die Franzosen nicht auch auswandern, denn das wirst du mir doch eingestehen müs­sen, dass es nicht leicht ein armseligeres Dasein gibt als das der französischen Landleute in den meisten Departements.«

»Ganz wohl; aber der Franzose klebt weit mehr an seiner Scholle als irgendein anderes Volk; man hat ihm so viel und so häufig vorgeschwätzt, Frankreich sei das Paradies auf Erden, es gebe kein zweites so herrliches Land mehr, und er ist voller Vorurteile, so sehr für dasselbe eingenommen, dass er bei Grütze, schlammigem Wasser und nicht zu erschwingenden Abgaben noch immer sein on peut ou être mieux singt.«

»Ich fürchte aber, dass dies für die Zukunft nicht guttut; die immer mehr überhandnehmende Armut der unteren Klassen, der dieselbe zu höhnen scheinende Überfluss der oft übermütigen Reichen, der schon jetzt den bittersten Hass der Armen erzeugt hat, und den sie so unverhohlen äußern, kann mit der Zeit eine furcht­bare Katastrophe herbeiführen.«

»Pah, mit der Zeit! Die Zeit ist gar nicht mehr so fern; wenn dies so fortgeht, so bedarf es nur einer unbedeutenden Veranlassung, um diesen Hass zum alles verheerenden Ausbruch zu bringen.«

»Aber das Mittel diesem zuvorzukommen?«

»Liegt auf der flachen Hand.«

»Und das wäre?«

»Eine bessere und gerechtere Verteilung der Abgaben und eine vernünftigere, menschlichere und rücksichtsvollere Gesetzgebung.«

»Gerechtere Verteilung der Abgaben, wie meinst du das?«

»Dass die Reichen im Verhältnis ihrer Reichtümer und Einkünfte zu den Lasten des Staates beitragen und diese Last nicht so überwiegend und drückend auf die Schultern der Armen gebürdet wird, wie dies jetzt der Fall ist. Du siehst hier in Paris so viele Parvenüs, Millionäre, die alljährlich Hunderttausende, ja wohl auch Millionen Revenuen haben und kaum einige lumpige Tausend Franc an den Staat abgeben, während der Arme, der sich schinden, plagen und placken muss, um sich und den seinen das Notdürftigste herbeizuschaffen und den Hunger mit den gröb­sten Speisen zu stillen, die Blößen mit den erbärmlichsten Lumpen zu decken, im Verhältnis Tausendmal mehr abgeben muss als jener Reiche, und wäre es auch nur durch das ungeheure Octroi. Aber jeder Reform der Art widersetzen sich diese gefühllosen Geldsäcke, so dumm wie kurzsichtig, und es wird ihnen gehen wie 1789 dem Adel und der Geistlichkeit in Frankreich, die, weil sie nicht einen kleinen Teil von ihrem Zuviel und Überfluss opfern wollten, al­les, ja sogar das Leben verloren. Und dazu kommt noch der stu­pide Batzenhochmut dieser Parvenüs und Krämerseelen, der sie, da sie ohnehin nur Zahlen und Nullen in ihren sonst so hohlen Schädeln haben, so verächtlich als auch lächerlich macht und immer größere Erbitterung erzeugt.«

»Dass der Teufel selbst so etwas sagen muss!«

»Der Adel wusste doch seine Vorzüge, Privilegien und Reichtümer durch eine artige Höflichkeit, ein feineres Benehmen, gute Manieren, wenn auch nur äußerlich, verzeihen zu machen; aber diese Geldaristokratie ist das plumpste und unverschämteste Tier, das sich denken lässt, nicht nur alle wissenschaftliche Bildung geht ihr in der Regel ab, sondern auch die ganz alltägliche Höflichkeit lässt sie außer Augen, in dem unseligen Wahn befangen, auf ihre Geldsäcke klopfend damit alles erzwingen und ertrotzen zu können, nicht bedenkend, dass all diese Geldsäcke am Ende doch nur Kotstaub und Seifenblasen sind, wie sie selbst. Die einzigen und wahren Güter dieser Erde lassen sich nicht mit Gold erkaufen.

Lass doch jenen einfältigen, an Leib und Seele kranken Millionenesel seinen Goldsack auf den Rücken nehmen, und sag ihm, er solle sich dafür ein bisschen Verstand, Gesundheit, Talente, Geist, An­mut, Jugend, Freundschaft, wahre Liebe erkaufen, der armselige Schächer wandert von Haus zu Haus und kommt ebenso erbärm­lich zurück, wie er fortgegangen war, wirft unmutig seinen Goldsack zur Erde und gibt über kurz oder lang nicht den Geist auf, da man nicht aufgeben kann, was man nicht hat, sondern das bis­schen tierische Leben, und wird prächtig begraben! Und nun erwarten wir ihn dort drüben in jenen Gegenden, die ich dich kennenlernte. Das ist dann das Ende vom Lied.«

»Aber es gibt doch auch Ausnahmen, ich habe auch schon manchen menschlichen, wohlwollenden, kenntnis- und geistreichen Alaun unter den Leuten kennen gelernt, von denen du eine so widerliche Schilderung machst.

»Das sind weiße Raben; dass es weder des Geistes noch des Verstandes noch ungewöhnlicher Kenntnisse oder außerordent­licher Talente bedarf, um Millionen zusammenzuscharren, lehrt dich das täglich vor Augen habende Beispiel, und die Mildtätigkeit der ungeheuren Mehrzahl dieser Reichen beschränkt sich darauf, den Menschen die das unverzeihliche Verbrechen begehen, arm und hilfs­bedürftig zu sein, und doch noch ein unglückliches Dasein fristen wollen, auf die verächtliche Weise einen Brosame ihres Überflusses vor die Füße zu werfen, statt dem dürftigen Bruder liebreich und schonend unter die Arme zu greifen und ihm wahrhaft zu helfen, wie es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit wäre. Aber die Nemesis wird nicht ausbleiben.«

»So hört es doch, ihr hartherzigen Beutelschneider im Gro­ßen, solche Lehren gibt euch der Teufel selbst, beherzigt sie, und wäre es auch nur um eures eigenen Vorteils willen!«, sagte Michel knirschend.

»Mache dir doch keine vergebliche Mühe«, höhnte Asmodi, »dazu ist das Volk viel zu blind und zu dumm. Sie scharren und kratzen für lustige Erben zusammen, und es findet sich immer einer oder der andere unter der werten Nachkommenschaft, der den Mammon des nichtseligen Papas oder Großpapas fröhlich wieder in alle Welt gehen heißt.«

»Die Gesetzgeber sollten aus Mittel denken, diesem Übel zu steuern.«

»Bist du nicht kindisch, die Gesetze werden nicht von den Armen und Bedürftigen gemacht, sind also auch nicht für, sondern eher gegen diese, namentlich die sogenannte Zivilgesetzgebung, fast in allen Ländern eine wahre Verarmungsanstalt, wozu mit weni­gen Ausnahmen, wie in Frankreich, England etc. noch kommt, dass alle Verhandlungen der Zivilgerichte jeder Öffentlichkeit entbehren und so der Ungerechtigkeit und Bestechung Tore und Türen ge­öffnet sind. Bei diesen Gerichten kommt in der Regel alles auf den Referenten an. Wer diesen nicht gewonnen und auf seiner Seite hat, der ist unwiederbringlich verloren. Die Richter urteilen nach seinem Vortrag, geben sich fast nie oder höchst selten einmal die Mühe selbst die Nasen in die Eingaben und Akten zu stecken, sind mei­stens von einer verzweifelnden Indolenz und Indifferenz befallen, stimmen mit rührender Harmonie nach dem Vor- oder Antrag des Referenten oder kommen nacheiner an dem Busen einer feilen Dirne durchschwelgten Nacht zur Sitzung und schlafen wohl gar bis zur Aburteilung.«

»Höre, es geht doch gräulich in der Welt zu.«

Der Teufel lachte und fuhr fort: »Ich könnte dir ein Liedchen davon singen, das manches schläfrige Ohr wach machen würde; doch ich will dich vorerst noch damit verschonen, es findet sich vielleicht ein anderes Mal eine Gelegenheit dazu.«

»Da wäre denn doch die Öffentlichkeit bei dem Zivilgerichtsverfahren wünschenswert, sie zwänge wenigstens die Herren Richter sich wach zu halten.«

»Und verhütete oft himmelschreiende Ungerechtigkeiten, welche deshalb in Frankreich in solchen Fällen niemals stattfinden können, da sie sogleich alle Welt rügen würde. Die Publizität ist in Zivilsachen noch ersprießlicher als in Kriminalfällen, weil bei den Letzteren die Veranlassung zu absichtlichen Ungerechtigkeiten und Bestechungen weit seltener verkommt und in der Regel außer dem Verbrecher niemand ein besonderes Interesse hat, die Tatsachen zu verunstalten. Dagegen wird, wie die jetzige Justiz und Gesetz­gebung organisiert ist, der Reiche und Vermögende immer im un­geheuren Vorteil gegen seinen unbemittelten Gegner stehen.«

»Dem allein wäre durch die Öffentlichkeit der Gerichte und billige Justiz abgeholfen.«

»Aber daran ist nicht zu denken, bis nicht abermalige blu­tige Erfahrungen diese Notwendigkeit einleuchtend gemacht haben, obwohl sich überall mehr oder minder die Symptome einer bevor­stehenden furchtbaren Katastrophe zeigen. Zunehmende Armut der unteren Klassen in allen Ländern, namentlich in Frankreich und England, an der unbegrenzte Konkurrenz ebenso wie beschränkende Privilegien ihren Anteil haben, die hie und da alle Augenblicke entstehende Auflehnung der Arbeiter jeder Art, die immer steigende Zahl der grässlichsten Verbrechen sind die traurigen, höchst bedenk­lichen Vorzeichen eines allgemeinen Sturmes, der einst über Nacht einzubrechen und alles niederzureißen droht. Dazu noch die heil­lose nichts bessernde peinliche Gerichtsbarkeit, die so oft schauder­hafte Taten erzeugt und an wahren Unsinn grenzt, wie zum Beispiel vor Kurzem noch in England ein Bettler auf sieben Jahre nach Botany Bay transportiert wurde, weil, als man ihm in der Küche eines reichen Bankiers ein bisschen Essen verweigert hatte, er, um seinen wü­tenden Hunger zu stillen, sich nun selbst ein Stück Brot von ei­nem daliegenden Laib abschnitt und deshalb von der Jury als des Diebstahls oder Raubes für schuldig erklärt wurde! … Wenn er selbst in des Großsatans Hofküche einen Höllenbraten entwen­det und verzehrt hätte, würde er mit einer weit gelinderen Strafe, ja mit einem Verweis vom großsatanischen Oberhofküchenmeister davongekommen sein. Überhaupt stehen die Strafen für die peinlichen Verbrechen in eurer sogenannten zivilisierten Welt mei­stens in gar keinem vernünftigen Verhältnis mit denselben, und zehnmal wirksamer, passender und bessernder sind die der Völker, die ihr so gerne Barbaren nennt. Wenn Türken einen Diebstahl mit einer tüchtigen Bastonade bestrafen, den Dieb sodann laufen lassen, so ist es weit vernünftiger, als ihn eine halbe Ewigkeit in Zuchthäuser zu sperren oder auf Galeeren zu schmieden. Der Kerl ist expediert, erinnert sich zeitlebens an die gehämmerten Fußsohlen, und sucht dann oft durch ein ehrliches Gewerbe seinen Lebensun­terhalt zu verdienen, während der Züchtling und Galeerensklave nur Tag und Nacht darauf sinnt, ein ausgelernter Galgenstrick zu werden und dazu von seinen Kameraden alle Anleitung und jeden Unterricht erhält, um, wenn er seine Freiheit wieder erlangt hat, mit desto größerer Virtuosität der wachsamen Polizei und Ju­stiz Nasen drehen zu können. Ha, ha, ha!«

»Hört ihr den Teufel, hört ihr ihn?«

Asmodi lachte und fuhr fort. »Ja, da predigt man tauben Ohren, denn so will es die Zivilisation, dass durchaus nicht mehr geprügelt werden soll, und dort prügeln sie schon in den Verhö­ren, in den Zuchthäusern und Bagnis darauf los, dass es eine höl­lische Lust ist. Vivat die Zivilisation! Der arme Teufel, der ein Stück Brot aus Hunger stiehlt, wird auf sieben Jahre transportiert, der Beutelschneider en gros, der Millionen durch umso schändlichere Kniffe in seinen Säckel fallen zu machen versteht, wie er sie strafloser zu verüben weiß, wird betitelt und mit Orden be­hängt!«

»O, die heillose Welt!«

»Nur ein Mittel könnte noch die bevorstehenden Stürme beschwören, aber zu dem werden sie nie oder nur dann greifen, wenn es zu spät ist.«

»Und das wäre?«

»Das schon erwähnte; eine vernünftige und billige Verteilung der Abgaben und totale Reform der vernunftwidrigen Gesetzgebung.«

»Wohlan, ich will es ihnen beißend klar unter die Augen reiben«, sagte Michel.

»Dummer Teufel, das wird nichts bessern, und dann muss ich es mir verbitten, das würde mir und meinem großmächtigen Herrn gar manche Höllenfreude verderben und die Zunahme der Bevölkerung unsers Reiches, das noch für Billionen und Trillionen Sünder Raum hat, vermindern. Soeben ist wieder eine irdische Heiligkeit in der Hölle eingekehrt, das wird ein Gaudium sein!«

Asmodi rieb sich freudig die Krallen.

»Du bist doch ein recht hämischer Teufel! Aber jetzt genug des heil- und erfolglosen Salbaderns. Du hast mir ver­sprochen, dass ich ein merkwürdiges, noch unentdecktes Land im Inneren von Afrika kennenlerne; ich bin bereit, lass uns abfahren.«

»Gut, aber erlaube mir dir vorher noch einige Notizen über dasselbe mitzuteilen, damit deine Reise und dein Aufent­halt in demselben auch von einigem Nutzen für dich ist.«

»Wohl, ich höre.«