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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 5 – 2. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 5
Die Menschenfalle im alten Haus
2. Kapitel

Der Mann mit dem spanischen Rohr

Ehe die beiden Männer das Haus verließen, trat der Detektiv an das Fenster, das ein leichter weißer Vorhang bedeckte. Er lüftete denselben ein klein wenig und schaute durch den Spalt eine geraume Zeit auf die Straße hinaus, indem er die Umgebung auf das Genaueste prüfte.

Dann rief Sherlock Holmes seine Wirtin herein, eine gutmütig aussehende Frau, die jedenfalls sehr stolz darauf war, dass ein solch berühmter Mann bei ihr wohnte.

»Gehen Sie einmal die Treppe hinab, Mrs. Bonnet«, wandte sich Sherlock Holmes an die Frau. »Gehen Sie bis zum Haustor und kommen Sie dann wieder zurück. Ehe Sie aber diese Wohnung wieder betreten, steigen Sie noch eine Treppe höher hinauf und achten Sie dabei unauffällig auf jeden, den Sie sehen.«

»Na, was haben Sie denn wieder vor, Mr. Holmes?«, meinte die gutmütige Frau, »da ist doch irgendetwas Besonderes im Werke. O jemine, wie sehen Sie

denn aus? Sie sind viel dicker als sonst. Was haben Sie denn da angezogen?«

»O, nichts, nichts«, erwiderte Sherlock Holmes, »tun Sie nur, wie ich es Ihnen gesagt habe, und sollten Sie jemand treffen, den Sie nicht kennen, so betrachten Sie ihn möglichst genau, damit Sie ihn mir beschreiben können.«

Die Wirtin ging, kehrte aber nach kurzer Zeit mit dem Bescheid zurück, dass sie weder auf der oberen noch auf der unteren Treppe einen Fremden gesehen hätte.

»Gut«, meinte Sherlock Holmes, als ob er nichts anderes erwartet hätte. »Ich dachte es mir schon. Wenn wir beobachtet werden, so sind die Betreffenden der Meinung, wir werden das Haus bald verlassen. Kommen Sie, Mr. Donelson, unserem Fortgehen steht nichts mehr im Wege. Alles Weitere werde ich Ihnen schon gelegentlich sagen.«

»Wollen wir nicht einen Mietwagen nehmen und gleich zu meiner Wohnung in Southend fahren?«, fragte Donelson.

»Es würde nichts schaden«, entgegnete Sherlock Holmes, »andererseits aber gelüstet es mich danach, recht bald zu erfahren, wer derjenige ist, der Ihnen folgte und der auch jetzt höchstwahrscheinlich mich beobachtet. Gut, nehmen wir einen Mietwagen. Höchstwahrscheinlich wird man an Ihrer Wohnung ebenso auf uns warten wie hier bei meinem Haus.«

»Aber Sie sprechen ja, als ob es sich um eine richtige Verschwörung handelt«, rief Donelson, der immer mehr in Schrecken geriet.

»In der Tat, das ist auch der Fall, und höchstwahrscheinlich haben wir es mit einer ganzen Anzahl Gegner zu tun, die es sich jetzt vor allen Dingen angelegen sein lassen werden, mich zu beseitigen. Denn ich bin ja derjenige, welcher den Unbekannten gefährlich werden kann.«

Die beiden Männer traten auf die Straße, welche nur mäßig belebt war.

Dennoch prüfte Sherlock Holmes mit ungewöhnlicher Sorgfalt die Umgebung, und Donelson bemerkte, dass Sherlock Holmes mit seinen scharfen, durchbohrenden Augen einem gutgekleideten Mann nachblickte, der es offenbar durchaus nicht eilig hatte.

Dieser Mann schritt auf der gegenüberliegenden Seite die Straße entlang, und man konnte nur seinen Rücken sehen. Er war fast elegant gekleidet und trug in der Rechten ein spanisches Rohr mit silbernem Knopf.

»Sehen Sie sich den Mann dort an, Mr. Donelson«, sprach Sherlock Holmes zu seinem Begleiter. »Sie können sein Gesicht nicht sehen. Dieser Mann hat nichts Ungewöhnliches an sich, werden Sie denken, aber es ist doch gut, wenn wir zwei denselben beobachten.«

»Das ist ja ein Spaziergänger, der sich nur ab und zu ein Schaufenster betrachtet«, meinte Donelson, »fällt Ihnen denn an diesem Mann irgendetwas Besonderes auf?«

»Nur eins«, entgegnete Sherlock Holmes, »nämlich die Art und Weise, wie er seinen Stock niedersetzt. Sehen Sie, Verehrtester, wenn ein Spaziergänger ein spanisches Rohr in der Hand hat, so setzt er es ab und zu fest nieder oder fuchtelt damit ein wenig herum. Das sind so unwillkürliche Bewegungen. Jener Mann dort geht aber mit seinem spanischen Rohr ganz eigenartig vorsichtig um. Das ist auffallend, das ist verdächtig. Also, merken Sie sich sein Aussehen. Ich glaube, wir werden ihn noch einmal zu Gesicht bekommen. Kutscher, nach Southend. Bitte, Mr. Donelson, geben Sie dem Mann die Adresse.«

Wenige Augenblicke später saßen die beiden Herren in einem Mietwagen, den der Detektiv herbeigewinkt hatte. Sherlock Holmes hatte zu Donelsons geheimer Verwunderung einen geschlossenen Wagen gewählt, obwohl die Luft warm und angenehm war.

»Mich fröstelt, ich sagte es schon«, erklärte Sherlock Holmes, als der Wagen langsam auf der Straße wendete. Und im gleichen Moment zog er das noch offen gebliebene Glasfenster empor, nachdem er schon beim Einsteigen das erste rasch aufgezogen hatte.

Der Wagen fuhr in diesem Augenblick bei dem gutgekleideten Fremden mit dem spanischen Rohr vorüber, und Donelson, der zu ihm hinüberblickte, glaubte zu bemerken, dass der Fremde flüchtig den Kopf dem Wagen zuwendete.

»Der erste Fehlschlag für unsere Gegner«, sagte der Detektiv ruhig, indem er sich behaglich in die Polster des Wagens zurücklehnte. »Sehen Sie, daran hat der Beobachter nicht gedacht, und wenn er die Absicht hatte, so rasch als möglich zu verhindern, dass ich Einblick in die Papiere erhielte, so wird er jetzt zu seinem Ärger wahrnehmen, dass auch ich alle Vorsichtsmaßregeln ergreife, um die Anschläge dieser Leute zu durchkreuzen. Einstweilen sind wir in Sicherheit.«

»Einstweilen?«, fragte Donelson stutzend, »aber ich bitte Sie, Mr. Holmes, glauben Sie denn, dass Ihnen und mir schon jetzt irgendwelche Gefahr droht?«

»Ihnen erst nach einer Woche«, lautete die gleichmütige Antwort, »so lange haben Sie Zeit. Das sagen die sieben Kerben bei der geheimnisvollen Sendung.«

»Könnten das nicht auch Stunden oder nicht auch Monate bedeuten sollen?«, fragte Donelson etwas zweifelnd.

»Nein, es waren weder Stunden noch Monate«, entgegnete Sherlock Holmes, indem er das seltsame Stäbchen aus der Tasche hervorholte. Sie sehen, hier am oberen Ende ist noch ein eigenartiges strahlenförmiges Zeichen

eingeschnitten, das bedeutet Tag. Hätten die geheimnisvollen Absender Stunden gemeint, so wäre das hier oben durch einen kleinen Pfeil angedeutet. Monate würden durch einen halben Kreis bezeichnet sein. Hier handelt es sich nur um Tage. Diese Geheimschrift ist mir bekannt, ein Irrtum daher völlig ausgeschlossen.«

Bisher war Sherlock Holmes gesprächig gewesen, nun aber verfiel er in tiefes Sinnen. Während der langen Fahrt sprach er kaum noch ein paar Worte, sondern betrachtete nur von Zeit zu Zeit das kleine Schiefertäfelchen mit den rätselhaften Zeichen.

Zuweilen griff er auch in die Tasche, um in einem kleinen Notizbuch allerhand Bemerkungen niederzuschreiben. Es schien Donelson fast, als ob Sherlock Holmes eine Art Berechnung anstellte, indem er Zahlen und Ziffern niederschrieb, wie es geschieht, wenn jemand eine Geheimschrift enträtseln will.

Endlich zog Sherlock Holmes noch eine dickleibige Brieftasche hervor, welcher er eine Anzahl Zeitungsausschnitte entnahm, die er flüchtig überlas.

Donelson bemerkte, dass alle diese Ausschnitte das geheimnisvolle Verschwinden von Personen betraf, die, wie es so oft geschieht, in der Riefenstadt spurlos wurden.

Diese Zeitungsausschnitte schienen für Sherlock Holmes eine besondere Bedeutung zu haben, denn er hatte an den Rand derselben weißes Papier geklebt und darauf verschiedene Notizen gemacht, die er nun mit größter Aufmerksamkeit verglich.

Das Ziel war schon nahe, als Sherlock Holmes endlich die Brieftasche mit der Miene eines Mannes zusammenklappte, der sich auf der rechten Spur zu befinden glaubt.

»Ich kann ja allerdings noch nicht fest und bestimmt behaupten«, murmelte er in halblautem Selbstgespräch, »dass das alles miteinander zusammenhängt, aber es ist höchstwahrscheinlich. Das Verschwinden dieser vier Männer hier ähnelt dem Verschwinden Archibald Donelsons in ganz auffallender Weise, und es ist immerhin möglich, dass alle diese bisher nicht enträtselten Fälle an einem und demselben Ort ihre Aufklärung finden. Diesen muss ich allerdings erst suchen, aber er ist sicherlich in London zu finden, und ich möchte annehmen, an jener Stelle, wo der unglückliche Archibald Donelson den Edelstein taxieren lassen wollte. Dort hat sich das Drama abgespielt und sicherlich schon zum fünften, sechsten Mal, mit genauer Berechnung aller Umstände, sodass niemand Verdacht schöpfen konnte.«

»Da sind wir«, sprach Donelson, als der Wagen hielt, »sehen Sie, das ist unser Heim. Es wohnen nur drei Familien im Haus. Ein alter pensionierter Beamter mit seiner Falllilie, mit der ich und meine Schwester auf freundschaftlichem Fuß leben. Wir beide Familien bewohnen das obere Geschoss, und der Beamte des britischen Museums hat das Erdgeschoss gemietet. Wir sind hier in Southend in der Villenkolonie Ravensbourne.«

»Aber das ist nicht das Haus, wo Ihr Vater starb?«, fragte Sherlock Holmes, ohne sich mit dem Aussteigen zu beeilen.

»Nein«, erwiderte Donelson düster, »mein armer Vater starb in Black Horse, welches sich aber auch in der Nähe befindet. Damals, es ist nur erst wenige Wochen her, bewohnten wir das kleine Haus ganz allein, danach siedelten wir über, blieben aber in der Nähe von Black Horse, da wir hier Bekannte besitzen und schon um Elises willen hier in der Nähe bleiben wollten.«

Es entging Donelson nicht, dass Sherlock Holmes sich scharf nach allen Seiten umblickte, dann aber mit gewohnter Ruhe und gleichmäßigen Schritten durch den Vorgarten des villenartigen Gebäudes schritt.

Wenige Minuten später befanden sich die beiden Männer in Donelsons Wohnung.

Die Geschwister waren gut, aber durchaus nicht luxuriös eingerichtet. Sherlock Holmes sah eine Bürgerwohnung, die sich in nichts von vielen Tausend anderen unterschied. Das Einzige, was den Zimmern ein etwas abweichendes Aussehen verlieh, war eine Anzahl Dekorationsstücke, welche jedenfalls noch vom Vater der Geschwister stammten. Allerhand Waffen indischen Ursprungs und eine Menge Geweihe zierten die Wände und verrieten, dass der Major seinerzeit ein großer Nimrod gewesen sein musste.

Miss Donelson kam den Herren entgegen und blickte etwas erstaunt auf den berühmten Detektiv, der sich wie ein echter Kavalier vor der jungen Dame verneigte. Elise war noch sehr jung, reizend, aber ihr Gesicht zeigte jene durchsichtige Blässe, welche ganz besonders zarten Frauen meist eigen ist. In den großen dunklen Augen lag ein ängstlicher Ausdruck, eine bange Frage, und Sherlock Holmes, der alles sah, gewahrte sofort, dass Donelson die Wahrheit gesprochen hatte, als er sagte, dass er und seine Schwester mit der größten Zärtlichkeit aneinanderhingen.

Die junge Dante betrachtete Sherlock Holmes, von dem sie schon viel gehört hatte, mit größtem Interesse. Sie hatte sich die Persönlichkeit des berühmten Detektivs ganz anders vorgestellt und glaubte, er sei ein riesenstarker Mann mit stattlichem Bart, während sie nun ein mageres bleiches Gesicht mit durchdringenden Augen erblickte, mit Augen, welche, wie viele meinten, in die geheimsten Tiefen der menschlichen Seele zu schauen vermochten.

Donelson zeigte sich wie ein Mann, der nicht zu den Schwätzern gehört und holte, nachdem sich

Elise entfernt hatte, ohne Weiteres die hinterlassenen Papiere seines Vaters herbei, worunter sich jene besprochene eiserne Kassette befand.

Zunächst prüfte Sherlock Holmes die anderen Papiere, welche jedoch für ihn nicht von Interesse zu sein schienen. Es war eine Art Tagebuch über den letzten Feldzug, eine ganze Menge Familienbriefe, die von der verstorbenen Frau des Majors herrührten, Abrechnungen und Dokumente aus der Militärzeit. All das hatte Sherlock Holmes in kürzester Zeit durchgesehen, und setzt machte er sich daran, den Inhalt der eisernen Kassette zu untersuchen.

Kaum hatte er jedoch einen Blick auf die Papiere geworfen, als er sich an Henry wendete.

»Ich habe jetzt eine Bitte«, sprach er, »und zwar die, mich eine Stunde ungestört hier allein zu lassen. Bitte, keine Erfrischungen; das Einzige, was ich wünsche, ist ein Glas frisches Wasser, das genügt mir. Wenn ich mit der Prüfung vorliegender Dokumente fertig bin, werde ich mich melden. Ich finde Sie dann wohl im Nebenzimmer. Und dann möchte ich einen Blick auf den Diamanten werfen, auf das Eigentum Ihrer Fräulein Schwester. Sie sagen ja, dass die beiden Diamanten sich völlig ähnelten.«

»Allerdings«, erwiderte Donelson, »die beiden Edelsteine waren kaum zu unterscheiden, nur hatte jener, welcher mit meinem Vetter verschwand, einen etwas bläulicheren Glanz als der, den wir noch besitzen. Mein Vater sagte uns mehrmals, dass die Rajahs von Indien eine Art Diadem trügen, in welchem zwei große Edelsteine den Abschluss bildeten, und zwei solcher Diamanten waren es, welche das Vermögen unseres Vaters ausmachten.«

Sherlock Holmes befand sich allein und begann eine strenge Prüfung der sonderbaren Papiere, welche in der Tat eine Anzahl sinnlos zusammengeschriebener englischer Worte enthielten.

Darunter befanden sich einige Schriftstücke mit rätselhaften Zeichen bemalt, und Holmes schien gerade diese Zeichen als sehr wichtig zu betrachten. Er deckte die Papiere mehrmals zu, als wolle er durch den ziemlich durchsichtigen Stoff, aus welchem sie hergestellt waren, auf eine Übereinstimmung schließen. Endlich begann er in sein Notizbuch Zahlen zu schreiben und danach auf den Papieren die Worte zusammenzustellen, indem er verschiedene übersprang. Aber leicht war es sicherlich nicht, diese Geheimschrift zu enträtseln.

»Da hilft nichts«, sprach Sherlock Holmes zu sich, »ich sehe ein, dass das Enträtseln dieser Schriftzeichen eines längeren Studiums bedarf. So viel weiß ich aber wenigstens, dass der Major mit einem jener Geheimbunde, die man in Indien so vielfach trifft, in Verbindung gestanden haben muss, und dass er allem Anschein nach von einer gewissen Schuld nicht ganz frei gewesen ist. Allerdings war er wohl derjenige, der den meisten Anspruch auf die beiden Edelsteine machen durfte. Aber es müssen noch andere gewesen sein, die gleichfalls ein Anrecht darauf zu haben glaubten. Und darunter befand sich eine Person, die dem Major nahegestanden hat. Schade, dass er jene Briefe, die er zuweilen aus Indien erhielt, verbrannte. Sie enthielten sicherlich die Lösung des Rätsels, den Schlüssel dazu glaube ich in diesen Papieren finden zu können.«

Donelson wunderte sich, als Sherlock Holmes, nachdem kaum eine halbe Stunde verflossen war, bereits bei ihm im Nebenzimmer erschien. Er glaubte, es sei auch dem berühmten Detektiv unmöglich gewesen, die Bedeutung der Papiere festzustellen.

»Nicht wahr, Sie halten diese Niederschriften auch für sinnlos?«, fragte der junge Mann, mit gespannter Neugier in das unbewegliche Gesicht des Detektivs blickend.

»Durchaus nicht«, erwiderte Sherlock Holmes, »die Entzifferung muss gelingen. Nur kann ich noch nicht sagen, wie lange Zeit ich dazu brauche. Einstweilen kann ich nichts weiter tun, als die Dokumente, wenn Sie mir dieselben anvertrauen wollen, in meinem Heim auf das Genaueste durchzusehen, um den Schlüssel zu finden, der diese Niederschrift lesbar macht. Jetzt habe ich Sie nur noch zu bitten, mir den Diamanten Ihrer Schwester zu zeigen. Dann kann ich Sie bis auf Weiteres verlassen. Sie laufen vorerst keine Gefahr. Wenn Anschläge vonseiten der Unbekannten vorbereitet werden, so gelten sie vorläufig allein mir.«

Donelson hatte inzwischen einen Geldschrank aufgeschlossen und holte ein schwarzes Etui hervor. Der Deckel sprang auf, und drinnen lag auf schwarzem Samt ein funkelnder Edelstein, von der Größe einer Nuss, der im wunderbarsten Farbenspiel schimmerte.

»Das ist das Vermögen meiner Schwester«, sprach Donelson, »und fast genau eben solchen Stein von etwas bläulicher Farbe habe ich besessen. Der Erlös aus diesen beiden Edelsteinen hätte uns sicherlich ein sorgenfreies Leben verschafft, ja, selbst der Wert eines dieser Steine ist genügend, um uns vor jeder Not zu schützen und uns ein angenehmes Dasein zu ermöglichen.«

»Das ist richtig«, erwiderte Sherlock Hohnes, im dem er flüchtig das Etui emporhob. »Ich kann mir wohl denken, dass bei solcher Kostbarkeit das Äußerste aufgeboten wird, um dieselbe zu rauben. Sie sind überzeugt, Herr Donelson, dass kein Unbefugter Ihre Wohnung betritt und niemand diesen Geldschrank öffnet?«

»Fest davon überzeugt«, erwiderte der junge Mann. »Nachts werden die eisernen Rolljalousien herabgelassen

und von innen verschlossen. Auch ist dieser Geldschrank, wie Sie sehen, vorzüglich gearbeitet. Er stammt ebenfalls von meinem Vater, der darinnen die beiden Diamanten mit ängstlicher Sorgfalt aufbewahrte. Er war gerade entschlossen, einen der Diamanten zu verkaufen, als ihn der Tod dahinraffte. Sie können sich wohl denken, dass nach diesem jähen Todesfall meine Schwester und ich den Verkauf des Steines verschoben, um denselben erst schätzen zu lassen.«

Sherlock Holmes nickte nur, während Donelson das Juwel wieder in den Geldschrank schloss und die verschiedenen Panzertüren versperrte.

»Hoffen wir, dass der Kampf um die Wiedererlangung des zweiten Steines so abläuft, wie ich es wünsche«, bemerkte der Detektiv tiefernst, »ich sage es Ihnen nochmals, Herr Donelson, Ihr Vetter ist kein Dieb. Er ist in eine Falle geraten, die man ihm stellte. Er hat das Schicksal jener Männer geteilt, über deren Verschwinden ich unterwegs nochmals die betreffenden Zeitungsausschnitte verglich. London ist eine sehr große Stadt, und deshalb gerade der Ort, an welchem auf schlaueste Weise jene Verbrechen verübt werden, von denen man in der nächsten Nähe nicht das Geringste ahnt.«

Sherlock Holmes leerte die Kassette, ordnete die Dokumente in zwei Päckchen und versenkte diese in die tiefen Taschen seines Havelocks.

»So, jetzt kommen Sie mit mir, Mr. Donelson«, wandte sich der Detektiv an den jungen Mann, »Sie sollen mich wieder nach Hause begleiten. Diesmal nehmen wir aber keinen Mietwagen, im Gegenteil, jetzt will ich das Verhängnis gewissermaßen herausfordern. Ich muss wissen, ob ich es wirklich mit gefährlichen Menschen zu tun habe, wie ich es glaubte. Und nun hören Sie zu: Sollte mir etwas Menschliches zustoßen und ich in der Ausübung meiner Pflicht von eines Meuchelmörders Hand fallen, so nehmen Sie diese Papiere hier, welche ich zu mir steckte, sofort an sich. Es wird alsdann sicherlich eine neue Botschaft an Sie gelangen, des Inhalts, dass Sie diese Dokumente und vor allen Dingen den Edelstein an einer Ihnen bestimmten Stelle niederlegen sollen. Sollte ich also als Opfer der geheimnisvollen Schurken fallen, so bleibt Ihnen nichts übrig, als dem Willen jener Menschen nachzukommen und ihnen diese Dokumente sowie das Juwel auszuliefern. Erfüllen Sie die Aufforderung nicht, so teilen Sie und möglicherweise auch Ihre Schwester das Los Ihres unglücklichen Vetters.«