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Nick Carter – Band 13 – Der geheimnisvolle Nachbar des Detektivs – Kapitel 10

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Der geheimnisvolle Nachbar des Detektivs
Ein Detektivroman

Devereaux’ Ende

Sie standen in einem geräumigen Zimmer. Es hatte augenscheinlich als Bibliothek gedient, denn die leeren Bücherregale befanden sich jetzt noch an den Wänden. Der Raum war durch eine Glastür, welche indessen durch schwere Vorhänge von der anderen Seite her verhängt war, mit dem Vorderzimmer verbunden. Es schien den Detektiven, als hörten sie durch die Tür Geräusche in dem angrenzenden Raum. Doch wenn in diesem Licht brannte, so verbarg der schwere Türvorhang jeglichen Lichtstrahl vor ihren suchenden Blicken. Vergeblich tasteten sie nach einem Türgriff, und Chick schoss es sofort durch den Kopf, dass sie vor einer Schiebetür standen. So verhielt es sich auch.

Sie öffneten die Tür so lautlos wie möglich, jedoch nur, um zu entdecken, dass auch das Vorderzimmer leer war und das andauernde Geräusch wiederum von dem Stockwerk darunter herzukommen schien.

Die nach dem Korridor mündende Tür stand halb offen, und durch die niedergelassene Türgardine drang ein schmaler Lichtstreifen. Lautlos bewegten sich die beiden Detektive Schulter an Schulter zu der Ausgangstür.

Gleich darauf hatten sie den Korridor erreicht und gewahrten nun, dass der Lichtschein von dem unteren Flur zu ihnen heraufdrang. Mehr noch! Sie sahen am unteren Treppenabsatz die Gestalt eines Mannes, welcher ihnen den Rücken zuwendete und augenscheinlich Wache stand.

Nur einen Augenblick zögerten die beiden Detektive. Dann verständigten sie sich durch einen raschen Blick, und im selben Moment glitt Patsy auch schon wie ein Wiesel lautlos die Treppe hinab und stieß dem Manne mit furchtbarer Gewalt gegen die Kniekehlen, während Chick sich mit tigergleichem Satz auf ihn warf und mit beiden Händen dessen Gurgel umspannte.

Völlig unvorbereitet auf einen solchen blitzschnellen Angriff stürzte der herkulisch gebaute Mann, ehe Chick es verhindern konnte, mit gewaltigem Gepolter auf die Diele nieder.

Augenblicklich wurden zwei Stimmen laut, welche aus dem Vorderzimmer drangen und in äußerster Bestürzung die Worte ausstießen. »Was ist los, Rocky?«

Patsy gab dem Mann indessen keine Gelegenheit, die Frage zu beantworten, sondern ließ unbarmherzig seinen Revolverknauf so lange auf den Schädel des nur leise Stöhnenden niedersausen, bis dieser besinnungslos war.

Im selben Moment sprangen die beiden Detektive auch schon mit weit ausholenden Sätzen an dem Bewusstlosen vorüber zu der nur angelehnten Salontür und prallten unter dieser mit einem Mann zusammen, der in den Tönen höchsten Entsetzens nun aufschrie: »Tod und Verdammnis – es ist Chick!«

Damit wollte er sich auch schon auf diesen stürzen, doch der junge Detektiv, weit davon entfernt, ihm auszuweichen, empfing ihn mit einem wütenden Fausthieb ins Gesicht.

»Was ist geschehen?«, donnerte vom Salon her die Stimme eines anderen Mannes. »Hol euch der Teufel, warum gebt ihr keine Antwort?«

Aber da war Chick Carter auch schon mit einem großen Satz im Zimmer, warf sich auf den bestürzt heraneilenden nächsten Gegner und begrüßte ihn mit einem gewaltigen Faustschlag, dem sogleich die Worte folgten: »Hier ist der Teufel schon, um Euch zu holen!«

Mit einem Blicke erkannte er, dass der unter seinem Hieb Zurücktaumelnde kein anderer war als Devereaux.

Im nächsten Moment hatte Chick das Gefühl, als ob dicht an seinem Ohr etwas vorübersauste, das wie ein Geschoss surrte, obwohl er keinen Knall gehört hatte. Der Gedanke durchzuckte ihn, dass es sich um eine Luftpistole handeln musste. Wie sich später herausstellte, war dies auch der Fall, denn die nämliche Waffe hatte Nick Carter zu Fall gebracht.

Inzwischen war Patsy mit dem Schurken draußen fertig geworden und sprang nun ebenfalls ins Zimmer, um dem wieder auf Chick zustürzenden Verbrecher einen Stoß in die Magengrube zu versetzen, der diesen kampfunfähig machte.

Noch ein dritter Mann, der durch den Lärm aus dem Hinterparlor herbeigelockt worden war, beteiligte sich nun am Kampf gegen die Eindringlinge. Er warf sich auf Chick, der ihn sofort annahm, während es Patsy überlassen blieb, mit Devereaux ins Reine zu kommen.

Es war heiße Arbeit für den jungen Detektiv, denn dieser fühlte sich alsbald von demselben umschlungen und trotz seiner Gegenwehr zu Boden geschleudert.

Doch auch Patsy hatte seinen Mann fest gepackt, und nun wanden sie sich eng verschlungen auf dem Estrich.

Devereaux war kein zu verachtender Gegner. Er war zäh wie eine Wildkatze und suchte die Finger der einen Hand seinem Gegner in die Augen zu bohren. Dann, als Patsys hammergleiche Faustschläge ihm das Gesicht blutig geschlagen hatten, gelang es ihm, ein Messer mit federnder Klinge aus der Tasche zu ziehen. Doch er kam nicht dazu, von der Waffe Gebrauch zu machen, denn Patsy hatte noch rechtzeitig die drohende Gefahr erkannt und des anderen bewehrte Hand mit festem Griff gefasst. Nun drehte er sie derart im Gelenk herum, dass Devereaux einen lauten Schmerzensschrei nicht zu unterdrücken vermochte. Klirrend entfiel die Klinge seiner Hand, und zugleich landete Patsy auch schon einen gut gezielten Linkshänder auf des Gegners untere Kinnlade, sodass dieser bewusstlos zusammenknickte.

Noch war Chick im Kampf mit seinem neuen Gegner begriffen, doch Patsy dachte nicht daran, seinem Freund zu Hilfe zu kommen. Er wusste ohnehin, dass Chick der Mann dazu war, es auch mit dem gefährlichsten Widersacher aufzunehmen, und zudem hatte er vom Hinterzimmer her eine Stimme vernommen, welche ihn heiß und kalt zugleich berührte.

Es war Nick Carter, sein geliebter Meister, der ihn deutlich und klar beim Namen rief.

Mit wenigen Sprüngen war Patsy an der offenstehenden Tür, und sein Blick fiel auf den Detektiv, der zwar gebunden, aber bei vollem Bewusstsein auf der Diele lag. Ein Blick auf ein an der Decke befestigtes Seil, dessen Schlingenende bereits um den Hals des Meisterdetektivs gelegt war, verriet Patsy, dass die Schufte dabei gewesen waren, Nick elendiglich aufzuknüpfen.

Im Nu hatte Patsy seinen Meister von den Schlingen und Banden befreit, und in der Sekunde darauf stand Nick wieder auf den Füßen.

»Nun wollen wir die unterbrochene Schachpartie zu Ende bringen!«, rief dieser mit grimmiger Entschlossenheit.

Sie konnten sich nicht aufhalten, denn vom Vorderzimmer vernahmen sie Chicks Hilfeschrei, und sie wussten, dass dieser nur in äußerster Gefahr die Lippen öffnete.

In der Tat hatte Chick es mit drei entschlossenen Kerlen zu tun, denn die schon niedergeschlagenen beiden waren inzwischen aus ihrer vorübergehenden Bewusstlosigkeit wieder erwacht und drangen nun vereint auf den jungen Detektiv ein.

»Der Teufel – Devereaux ist mein Mann!«, rief Nick Carter.

Sofort wendete sich der Unhold mit seiner messerbewehrten Rechten zu dem berühmten Detektiv um, und mit mordgierigen Augen suchte er diesem die Klinge in den Leib zu stoßen. Doch mit einem geschickten Schlag von unten herauf traf Nick den messerbewehrten Arm, und die Klinge fuhr sausend gegen die Zimmerdecke. Mit einem Wutschrei stürzte sich der Verbrecher auf seinen Todfeind, um ihn mit den Händen zu fassen. Doch so gefährlich er auch einem anderen Gegner hätte werden können, in des Detektivs starken Armen war er nicht viel mehr als ein hilfloses Kind.

Nur wenige Sekunden währte der Kampf, dann befand sich Devereaux in der Gewalt Nicks.

Wie ein gefangenes Raubtier sträubte er sich noch bis zuletzt gegen die Fäuste seines Gegners. Er fluchte und schrie, während ihm in dichten Strömen das Blut über das schrecklich zugerichtete Antlitz herabrann. Nick konnte sich nicht entsinnen, jemals zuvor einen solch abstoßenden und widerlich dreinschauenden Gegner unter den Händen gehabt zu haben.

Er sprach kein Wort, sondern hielt mit unsäglicher Verachtung in den Mienen den heulenden und zähnefletschenden Verbrecher mit starken Armen nieder.

Inzwischen war Patsy wiederum von seinem Gegner, den er zuvor schon mit seinem Revolverknauf bearbeitet hatte, angegriffen worden.

Es war ein ungleicher Kampf zwischen den beiden, denn das Körpergewicht des anderen wog den jungen Mann zweimal auf, und als sie nun in enger Verschlingung zu Fall kamen, schien es, als ob der geschmeidige junge Detektiv von seinem ungeschlachten Gegner einfach erdrückt werden müsste.

So oft Patsy, dessen Geschicklichkeit dem anderen bei Weitem überlegen war, diesem auch ins Gesicht schlug, so erwies sich doch keiner seiner Hiebe als kräftig genug, um den Burschen bewusstlos zu machen.

»Nun habe ich es aber satt!«, schrie Patsy. »Sofort lässt du mich los – oder ich schieße dir eine Kugel durch den Schädel.«

Doch sein Gegner, ohnehin wütend durch die erlittenen Schläge, versuchte hohnlachend die Waffe, welche Patsy gezogen hatte, mit der Hand zu packen. Er hatte indessen nicht mit der Entschlossenheit des jungen Detektivs gerechnet, denn dessen Schuss krachte im selben Moment, und die Kugel durchschlug den Arm des Verbrechers.

Mit lautem Schmerzensgeheul prallte dieser entsetzt zurück, und noch in derselben Sekunde stand Patsy auf seinen Füßen und hielt schussbereit den Revolver in der Rechten.

Dieser Anblick und die Schmerzen in dem nur leicht verwundeten Arm nahmen dem ungeschlachten Kerl alle fernere Kampfeslust.

Inzwischen hatte Chick gleichfalls mit seinem Gegner kurzen Prozess gemacht und ihn durch einen Hieb auf die Kinnlade von Neuem wieder niedergestreckt und gefesselt.

Nun sprang er schnell dem Meister zu Hilfe, und es war noch keine weitere Minute verstrichen, da lag Devereaux auch schon mit eisernen Schellen an Händen und Füßen sicher gebunden auf der Diele.

»Recht so!«, versetzte Nick Carter unter einem tiefen Atemzug. »Der Bursche mag liegenbleiben, bis ich mit den anderen fertig bin!«

Damit trat er an den zitternden Riesen heran und maß ihn mit finsterem Blick.

»Wer bist du?«, herrschte er ihn an.

»Gott der Gerechte!«, rief die Memme winselnd. »Es sein Nick Carter!«

»Hallo, Juden-Isaak!«, rief der Detektiv nun in hellem Erstaunen, in dem Burschen einen ziemlich harmlosen Bewohner der Ostseite erkennend. »Sohn Israels, wie kommst du hierher?«

»Das will ich Ihnen gerne erklären, hochgeborener Mr. Carter«, stotterte der zähneklappernde Isaak kläglich. »Es sein gekommen in dieser Nacht Jake und haben gefragt, ob ich will verdienen zwanzig Dollar. Gott der Gerechte, habe ich gesagt, handle ich mit alten Hosen einen ganzen Monat zu machen solch einen Reibach, warum soll ich nicht wollen. Sagt der Pocher, dass ich soll gehen in dieses Haus und ich werde kriegen die Mesummes. Au wei geschrien, Gott meiner Väter, habe ich wohl bekommen die zwanzig Dollar, aber auch einen kaputtgeschossenen Arm – und sollte ich doch nichts machen als zu wachen in dem Korridor und zu schauen, dass niemand kommt herein. Ich schwöre auf Ehr’ und Seligkeit, dass ich bin ein ehrlicher Mann, wo sich quält im Schweiße seines Angesichtes für die Frau und die kleinen Kinder – hätte ich gehabt eine Ahnung, dass ist was im Werke gegen den großmächtigen Mr. Carter …«

Lachend unterbrach der Detektiv seinen weiteren Redestrom.

»Der Mann spricht die Wahrheit – ich kenne ihn, er ist ein harmloser Mensch«, wandte er sich nun an Chick. »Da haben wir wieder einmal die hinterlistige Art dieses Devereaux – er beschäftigt seine Helfershelfer nur als blinde Werkzeuge, findet sie mit zwanzig Dollar ab und – werden seine Schandtaten dann entdeckt, so müssen die armen Schlingel für ihn herhalten. Hast du die Wahrheit gesprochen?«, kehrte er zu dem Zitternden zurück.

»Steine sollen wachsen in meinem Bauch, wenn ich nicht haben gesagt die koschere Wahrheit!«, beteuerte der Gefragte kläglich.

»Und die zwanzig Dollar hast du gleichfalls?«, erkundigte sich der Detektiv weiter.

»Gott der Gerechte, muss ich wieder hergeben, die schainen Mesummes?«, wehklagte Isaak.

»Nein, behalten sollst du sie – und machen sollst du, dass du von hier fortkommst!«

»Mister Carter, ist das die Möglichkeit? Darf ich heimgehen zu meiner Frau – werde ich nicht sein verhaftet und ein geschlagener Mann?«

Doch als der Detektiv nun von Neuem nach der Tür wies, da entfernte sich auch der wackere Isaak schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit und wurde im Haus nicht mehr gesehen.

»Wer seid Ihr?«, wendete Nick sich an den zweiten Gefangenen. »Ich habe Euch noch nie zuvor gesehen?«

»Fragt doch Devereaux, wenn Ihr es wissen wollt!«, knurrte der Gefesselte. »Ich habe es dem alten Esel oft genug gesagt, man verbrennt sich die Pfoten, wenn man sich mit Euch einlässt. Im Übrigen macht mit mir, was Ihr wollt – wer ich bin, geht Euch nichts an.«

Im selben Moment klang durch das stille Haus der schrille Ton der Türglocke. Als Patsy öffnete, fiel sein Blick auf Andy Grogan und Mugsy Graw. Patsy lachte bei deren Anblick laut auf und meinte mit ironischer Höflichkeit: »Nur näher spaziert, Gentlemen, auf Euch haben wir gerade noch gewartet!«

Mit einem Sprung wollte Mugsy, der mit weit aufgerissenen Augen den jungen Detektiv angestarrt hatte, durch die Tür zurück. Doch es war schon zu spät, denn Patsy hatte die Tür bereits abgeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt.

»Nein, Freundchen, das gilt nicht«, meinte er schmunzelnd. »Erst wollen wir einmal die lieben Kumpane drinnen im Salon etwas näher betrachten!«

Auch Andy Grogan schaute nicht wenig betroffen drein, als er zögernd in das Zimmer trat und dort sein Blick auf Chick fiel.

»Du hast schnell wieder Arbeit gefunden, Andy«, empfing ihn Chick lachend.

»Hol mich der Teufel, wenn ich weiß, um was es sich handelt!«, stammelte der nicht gerade angenehm Überraschte.

»Ich kann es dir sagen«, ergänzte der noch immer lachende Chick. »Jake hat dir zwanzig Dollar versprochen, falls du dich hier heute Nacht im Haus einfinden würdest, eh?«

»Alle Wetter, das stimmt auffallend!«, knurrte Andy.

»Du wusstest nicht, um was für eine Sache es sich handelte, doch ich kann es dir verraten. Du solltest den gebundenen und geknebelten Nick Carter bewachen – oder vielleicht auch seine Leiche zu irgendeinem anderen Ort schaffen.«

»Gott steh mir bei!«, ächzte Andy, sich verfärbend. »Nick Carter ist doch nicht tot – er steht ja dort«, setzte er scheu hinzu.

»Zum Glück für euch alle lebt er«, bemerkte Chick bedeutsam. »Doch der edle Wohltäter mit den zwanzig Dollar liegt dort gebunden auf der Erde!«

»Heiliger Gott!«, stammelte Andy, nachdem er sich von seiner ersten Überraschung erholt hatte. »Soll das wirklich der alte, kleine Mann sein – er sieht doch jetzt ganz anders aus!«

»Fort mit Euch!«, erklärte nun Nick Carter, indem er zur Tür wies. »Bringt eure Haut in Sicherheit, gegen euch liegt nichts vor – doch nehmt euch ein warnendes Beispiel an eurem Auftraggeber, denn sonst dürfte auch für euch die Stunde kommen, da ihr gebunden und geknebelt am Boden liegt!«

»Soll mich der Himmel vor solchen Geschichten bewahren«, knurrte Andy Grogan und schüttelte sich. »Ich will es lieber wieder einmal mit ehrlicher Arbeit versuchen!«

»Ich auch!«, flüsterte Mugsy, der am ganzen Leibe zitterte. »Ich habe ein Haar dabei gefunden, da ist mir ein ehrlicher Verdienst mit zehn Dollar die Woche lieber!«

»Halt! Noch einen Augenblick«, versetzte Nick Carter, die beiden Männer zurückhaltend. »Wer von euch ist von dem kleinen, alten Mann als Kassierer beschäftigt worden? Heraus mit der Sprache!«

Es entging ihm nicht, dass Mugsy Graw alsbald heftig zu zittern begann.

»Ist da auch etwas Unrechtes dabei gewesen?«, erkundigte sich der jugendliche Strolch zögernd. »Der kleine Alte schickte mich nur in die Häuser, da musste ich nach dem Wirt fragen und mich dann erkundigen, ob der Umschlag gefüllt sei.«

»Aha!«, meinte Nick Carter, innerlich frohlockend darüber, dass sein kühner Vorstoß geglückt war. »Du empfingst solche Umschläge, eh?«

»Will’s meinen. In jedem Haus, wo ich vorsprach, wurde mir so ein verschlossener Umschlag ausgehändigt, und einen anderen musste ich dafür leer zurücklassen.«

»Und auf solche Weise hast du viele Häuser abgeklappert, was?«

»Well, rings um den ganzen Central Park, immer drei Blocks zur Rechten und zur Linken; aber in jedem Haus war ich nur einmal, und dann musste ich von meinen Freunden und Freundinnen welche besorgen, die hat der kleine Alte wieder geschickt – es war ein feines und leichtes Stück Arbeit, und ich bekam jeden Tag zwanzig Dollar«, schloss er seufzend.

»Es hätte dir leicht einige Jahre Gefängnis einbringen können, mein Lieber«, meinte Nick Carter bedeutsam. »Nun sei froh und danke dem Himmel, dass du mit einem blauen Auge davongekommen bist, denn auf diese Weise wirst du dir noch einige Dollar Zeugengebühren verdienen können!«, schloss er lachend.

Als sich die beiden Kumpane gleich darauf entfernt hatten, wendete sich Carter an Devereaux, der wiederholt versucht hatte, Mugsy zu unterbrechen, aber immer wieder von Chick mit drohender Gebärde am Reden gehindert worden war.

»Well, mein geheimnisvoller Herr Nachbar, was sagen wir nun?«, versetzte Nick Carter mit beißendem Hohn. »Wir werden die Schachpartie vorläufig nicht beenden können!«

»Jeder Hund hat seinen Tag«, zischte der Verbrecher. »Ich komme schon wieder aus dem Zuchthaus frei – und dann hüten Sie sich, Nick Carter, denn meiner Rache entgehen Sie nicht!«

»Well, mein Herr Verkleidungskünstler mit den vielen Namen, dann müssen Sie ein langes Leben haben«, unterbrach ihn der Detektiv mit geringschätzigem Lächeln. »Vergessen Sie nicht, dass wir Beweise gegen Sie haben, welche Sie auf mindestens fünfzig Jahre ins Zuchthaus bringen – und bis zum Ablauf Ihrer Strafzeit dürfte sich Ihr heißes Blut so ziemlich abgekühlt haben!«

»Pah, ich verlache Ihre Drohungen, Nick Carter!«, stieß der Gefangene heiser hervor. »Sie werden mir nichts beweisen können, denn diese Strolche von der Straße haben nie in meine Pläne geschaut!«

»Du vergisst wohl mich, Pard!«, ließ sich in diesem Moment die raue Stimme des anderen Gefangenen vernehmen. »Oder glaubst du wirklich, ich werde jetzt noch zu dir halten, nachdem wir in Nick Carters Klauen geraten sind? Nein, Mister, da passe ich lieber. Ich trete als Kronzeuge gegen dich auf, und auf diese Weise werde ich wohl auch mit einem blauen Auge davonkommen, oder nicht, Mr. Carter?«

»Mag sein, doch in dieser Beziehung kann ich Ihnen nichts versprechen, mein lieber Mann, da müssen Sie sich schon an den Distriktanwalt wenden!«, entgegnete der berühmte Detektiv, indem er sich achselzuckend von ihm abwendete.

 

*

 

Devereaux – oder Rose, wie er in Wirklichkeit hieß – musste sich wohl oder übel dareinfinden, seine Rachepläne zu verschieben, denn nachdem Nick Carter mit seinen treuen Gehilfen Licht in das Dunkel gebracht hatte, besann sich Inspektor McClusky wieder auf seine ihm zu Gebote stehende Macht. Mit dem Aufgebot der ganzen Detektivzentrale wusste er nun das Beweismaterial gegen den Angeklagten derart vollständig herbeizuschaffen, dass bei der darauf stattfindenden Schwurgerichtsverhandlung dem armen Sünder auch das frechste Ableugnen nichts mehr half.

Sein schlimmster Gegner war jener Unbekannte, welcher in der für Nick Carter so gefahrvollen Nacht gleichfalls in dem Haus an der 9th Street dingfest gemacht worden war.

Es war dies kein anderer als Mr. Tillman, der berühmte Schachexperte, der natürlich den Detektiv gleichfalls in ausgezeichneter Maske empfangen hatte. In Wirklichkeit war er, wie Rose auch, das schwarze Schaf einer angesehenen Familie und ein hartgesottener Verbrecher.

Er war Betriebsleiter der weitverzweigten verbrecherischen Unternehmungen seines Kumpans in Chicago und New Orleans gewesen und von ihm nach New York berufen worden, um bei dem Rachewerk gegen den berühmten Detektiv mitzuhelfen.

Die Behörden in Chicago willigten gleich der New Yorker Staatsanwaltschaft darin ein, dass Tillman als Kronzeuge gegen den Hauptangeklagten auftreten durfte. Sein belastendes Zeugnis gestaltete sich dann auch zu einem derart überführenden, dass der vielseitige Verbrecher von den Geschworenen einstimmig schuldig gesprochen und auf ein volles halbes Jahrhundert dem Zuchthaus überwiesen wurde, während sein verräterischer Genosse verhältnismäßig glimpflich davonkam.

Als Rose einsehen musste, dass ihm alles Leugnen nichts geholfen hatte, bequemte er sich, nach erfolgter Verurteilung, schließlich doch noch zu einem Geständnis und bekannte sich als Urheber aller der ihm zur Last gelegten Verbrechen. Seine Hoffnungen jedoch, dadurch eine nachträgliche Strafmilderung zu erzielen, zerschlugen sich an seiner standhaften Weigerung anzugeben, wohin er die erpressten Unsummen geschafft hatte.

Doch auch in dieser Hinsicht hatte der Verurteilte nicht mit Nick Carters Findigkeit gerechnet. Schon ein Vierteljahr später hatte dieser die Bank entdeckt, bei welcher der Verbrecher seine Ersparnisse angelegt hatte. Es war ein trüber Tag im Leben des Zuchthäuslers, als dieser erfahren musste, dass die erpressten Gelder zum großen Teil in die Hände seiner Opfer zurückgelangt waren.

Ende

Als Band 14 dieser Serie erscheint:

Ein beraubter Dieb