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Der Detektiv – Band 26 – Doktor Satanas – Teil 5

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 26
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Doktor Satanas

Teil 5

Lautlose Stille im Zimmer. Die Prinzessin schluchzte nur hin und wieder kaum hörbar auf.

Dann schritt Harst auf das Nachttischchen zu. Dort lag halb auf dem Bettvorleger, einem prächtigen Tigerfell, eine Zeitung. Sie lag so, wie sie der Hand desjenigen entglitten sein konnte, der vielleicht im Bett noch bei einer Zigarre gelesen hatte.

Harst streckte sich behaglich in einem Klubsessel lang, rauchte eine Zigarette und lächelte mich an. »Ein feines Problem, mein Alter. Sehr fein, obwohl es noch ungeklärte Stellen aufweist. Zum Beispiel: Weshalb ruft die Prinzessin mich zu Hilfe, wenn sie ihren Geliebten als Mörder im Verdacht hat? Sie müsste ihren Liebhaber folgerichtig doch zu schützen suchen! Das wäre so ein dunkler Punkt.«

»Wer ist denn nun eigentlich dieser Liebhaber?«, fragte ich leise.

»Oh … du kennst ihn dem Namen nach …«

Da kehrte Schliepner mit dem dicken Hausmeister zurück.

Harst winkte Swaardam neben sich.

»Sie haben doch Abend einen neuen Diener eingestellt«, flüsterte er. »Hat der Mann den Abend hier zu Hause verbracht?«

»Nein. Kaum waren die Herren weggegangen, als er um Urlaub bat. Er wollte hier Bekannte besuchen.«

»Danke, lieber Swaardam. Ist er schon wieder daheim?«

»Ja. Er erschien gegen halb elf.«

»Wo schläft er?«

»Im Wirtschaftsgebäude.« Als Harst nichts mehr fragte, wandte der kleine Dicke sich an Schliepner.

»Herr Inspektor, denken Sie, man hat mich bestohlen. Meine Hand, mein Verdienstorden, ist verschwunden. Das Glas ist leer. Nur der Spiritus ist noch drin. Ich habe den Diebstahl erst vor einer halben Stunde bemerkt, als ich aus meiner Stammkneipe heimkehrte. Ich bitte Sie, mir zu meinem Orden zu verhelfen. Jetzt bin ich ein Einhänder. Bisher lag doch wenigstens meine zweite Hand noch in Spiritus. Das war mir ein Trost.«

Schliepner nickte dem Alten zu. »Morgen suchen wir die Hand! Auch Herr Harst wird sich alle Mühe geben, diese Ihnen so wertvolle Reliquie wieder herbeizuschaffen. Gute Nacht, Swaardam.”

Der Dicke verschwand. Er war ganz geknickt über den Verlust.

Harst erhob sich. »Gehen wir zu Bett«, meinte er. »Das heißt: zum Schein zu Bett! Ich bitte Sie, Landsmann, nach zehn Minuten etwa ganz leise und im Dunkeln in unser Schlafzimmer zu kommen. Das Ihre schließen Sie ab und verriegeln auch die Fenster. Bei uns soll eines offen bleiben, damit der Doktor es bequemer hat.«

»Ich verstehe!«, flüsterte Schliepner eifrig. »Mein neuer Diener ist der Doktor. Wer aber kann nur der Tote sein? Ich habe mir bereits den Kopf über diese Frage zerbrochen. Ich finde keine Antwort.«

»Haben Sie nur etwas Geduld! Sie sollen auch dies noch in dieser Nacht erfahren.«

Harst tat dann beim Zubettgehen harmlos, sprach mit mir bei offenem Fenster (es ging auf die Veranda auch hier hinaus) über den Mord, und zwar so, dass jedes seiner Worte für einen Lauscher berechnet zu sein schien. Er erklärte unter anderem, er glaube nicht, dass dieser Doktor Satanas wirklich das Opfer dieses Verbrechens sei, und fügte hinzu: »Wir werden hier noch allerlei Überraschungen erleben, mein Alter!« Dann schaltete er das Licht aus. Ich lag bereits im Bett. Lautlos schloss er die Tür wieder auf. Er hatte mir vorhin noch zugeflüstert, ich solle später mit kurzen Unterbrechungen recht kräftig schnarchen.

Ich hörte dann Schliepner eintreten. Zu sehen war nichts. Das Verandadach sperrte jeden hellen Schein des ausgestirnten Himmels ab. Der Inspektor wurde von Harst an mein Bett geführt. Sie setzten sich auf den Bettrand. Dann flüsterte Harst: »Schliepner und ich werden uns neben dem offenen Fenster postieren. Aber wir wollen Drygaarden erst vollends ins Zimmer lassen, bevor wir zupacken. Sobald ich ›Halt‹ rufe, springst du aus dem Bett und schaltest das Licht ein.«

Dann entfernten sie sich. Ich hatte das Fenster gerade vor mir, getrennt durch die ganze Breite des Zimmers, von diesem etwas helleren länglichen Viereck, das ich als solches nur bei genauem Hinsehen erkannte.

Die Zeit verstrich. Ich schnarchte aufgestützt auf den rechten Arm und ließ kein Auge von dem Fenster. Nichts geschah – nichts! Im Nebenzimmer schlug eine Uhr die zweite Morgenstunde. Im Garten schluchzte eine Bul-Bul, eine indische Nachtigall, ihr sehnsüchtiges Nachtlied. Ich wurde müde; so müde, dass mir die Augen sehr bald zufielen. Ich kämpfte mit aller Energie gegen das Schlafbedürfnis an. Trotzdem nickte ich für Sekunden ein. Über meinem Bett drehte sich lautlos der Propeller der Ventilation. Ich fühlte den Luftzug, der bei der furchtbaren Hitze nur angenehm war, ganz deutlich. Es war genau so, als ob jemand dauernd einen Fächer über mir bewegte.

Dann flog irgendetwas links von mir klatschend gegen die Wand und warf von einem Wandbrett eine Blumenvase herab, die krachend auf dem Fußboden zerschellte. Ich war erschrocken hochgefahren. Ich wartete auf irgendeine Äußerung Harsts. Nichts erfolgte.

Mir wurde unheimlich zumute. »Harst … hast du gehört?«, flüsterte ich.

Da – von seinem Bett aus seine halblaute Antwort – aber nicht seine, sondern Schliepners Stimme.

»Licht! Hier ist irgendeine Schurkerei …«

Ich war schon aus dem Bett. Bis zum Lichtschalter an der Tür hatte ich nur wenige Schritte. Die Deckenlampe flammte auf.

Und dann – kaum, dass meine Augen sich an die plötzliche Helle gewöhnt hatten – dann zwei Schüsse, die aber so kurz hintereinander folgten, dass sie fast wie ein einziger klangen, nur dass der eine hier im Zimmer abgegeben worden war. Dicht neben mir spritzte der Kalk von der Wand. Und ich sah, wie Harst und hinter ihm Schliepner durch das Fenster sprangen. Ich ahnte das Richtige: Drygaarden hatte uns wecken und dann niederschießen wollen! Harst war ihm aber mit seiner Kugel zuvorgekommen! Ich schaute mich nach dem Gegenstand um, der soeben die Vase herabgeworfen hatte. Es war Swaardams Orden, Swaardams abgehauene Hand! Sie lag mitten unter den Scherben der Blumenvase.

Ein Geräusch vom Fenster her ließ mich wieder herumschnellen. Ich bemerkte Harst, der gerade dem Inspektor einen bewusstlosen Eingeborenen abnahm und ihn nun mitten auf den Bastteppich legte. »Ein Kissen!«, rief er mir zu. Wir schoben es dem falschen Javaner unter den Kopf. Harsts Kugel war dem bartlosen Menschen dicht über dem Herzen quer durch die Brust gegangen. Es war Doktor Drygaarden. Harst hatte das Hemd auf der Brust geöffnet. Die Haut hier war weiß und ungefärbt.

Schliepner flößte Drygaarden Kognak ein. Der auf den Tod Verwundete röchelte schwer. Zwei Blutfäden liefen aus den Mundwinkeln zum Kinn hinab.

Noch einmal kam der Doktor zu sich, schlug die Augen voll auf, richtete den klaren Blick erst auf Schliepner, dann auf Harst, der neben ihm kniete.

»Geben Sie zu, Ihren Freund, den hiesigen englischen Konsul Reginald Towsend aus Eifersucht ermordet und die Leiche im Hundezwinger unter einer Steinschicht verscharrt zu haben?«, fragte Harst eindringlich.

Drygaarden nickte. Mit furchtbarer Anstrengung röchelte er dann die Worte hervor: »Er … wollte … mit Shorikindio fliehen, hatte hier erzählt, er … verreise auf … zwei … Monate. Ich lockte ihn … in mein Haus … Schlaftrunk … dann …«

Ein Blutstrom erstickte das Weitere. Seine Augenlider sanken herab; der Körper dehnte sich krampfhaft. Dann war alles vorüber. Der Mörder des englischen Konsuls war tot.

Swaardam pochte an die Tür. Die Schüsse hatten ihn geweckt. Als Harst stumm auf die zwischen den Scherben liegende Hand deutete, rief der kleine Dicke: »Wie kommt denn mein Orden hierher?«

»Doktor Drygaarden wollte die Hand dazu benutzen, dem Meuchelmord an Schraut und mir einen möglichst geheimnisvollen Anstrich zu geben. Ja, lieber Swaardam, es ist der Doktor, freilich glatt rasiert und als Javaner sehr geschickt verkleidet. Jetzt will ich auch erwähnen, weshalb ich schließlich darauf kam, dass nur Reginald Towsend der Ermordete sein könne. In der Batavia-Post stand ein Artikel über einen Unfall bei einem Tierkampf in der Arena des fürstlichen Schlosses in Surakarta, bei dem ein Tiger auf zwei Wasserbüffel losgelassen worden war. Der Fürst veranstaltete diese für europäischen Geschmack brutale Vorstellung zu Ehren des Besuches des Konsuls Towsend nach einem Diner, bei dem der Konsul den Weinen so stark zugesprochen haben sollte, dass er dann, als der Tiger das verrostete Gitter durchbrach, nicht imstande war, wie die Übrigen zu fliehen. Er blieb wie gelähmt sitzen und wäre von der Bestie fraglos zerrissen worden, wenn nicht einer der Diener den Tiger noch im letzten Moment niedergeschossen hätte. In diesem Zeitungsbericht fiel mir auf, dass der Tiger die Gitterstäbe so leicht durchbrochen haben sollte. Sie sollten verrostet gewesen sein. Wie stark hätten diese Rostschäden sein müssen, um dem Tiere zu gestatten, so bequem die Freiheit zu gewinnen! Ich argwöhnte sofort, es könnten hier eine absichtliche Beschädigung des Gitters und auch eine absichtlich herbeigeführte Bewegungsunfähigkeit Towsends vorliegen. Als ich dann von des Doktors krankhafter Eifersucht hörte, reimte ich mir das richtige zusammen: Drygaarden war damals ebenfalls Gast seines Schwiegervaters! Es war nichts als ein sehr raffiniertes Attentat auf Towsends Leben! Heute Vormittag aber wird uns die Prinzessin mitteilen müssen, wie sie in jener Nacht in das Mordzimmer gelangte und was Major de Bartreux mit alledem zu tun hat.«

Um acht Uhr bereits weckte uns Schliepner und führte den alten Hausmeister der Prinzessin zu uns hinein. Der Javaner war völlig gebrochen. Die Prinzessin hatte sich heute Morgen vergiftet, nachdem ein Diener ihr gemeldet hatte, dass die Doggen einen menschlichen Arm in ihrem Zwinger aus dem Boden hervorgescharrt hätten, und nachdem dann Towsends Leiche ausgegraben worden war. Freiwillig war sie dann dem Geliebten in den Tod gefolgt.

Jetzt konnte uns nur noch Major de Bartreux das aufklären, was noch dunkel in diesem Drama war. Er war auch sofort dazu bereit, als er hörte, dass Towsend, der Doktor und die Prinzessin nicht mehr unter den Lebenden weilten. Er hatte die Prinzessin aufrichtig geliebt, hatte sie wiederholt in letzter Zeit vor ihrem Mann gewarnt, als er festgestellt hatte, dass die Prinzessin offenbar mit dem Konsul vertrauter stand. Aus Sorge um ihr Wohlergehen war er ihr nach Surakarta gefolgt, hatte sie beobachtet und dann in weiter Entfernung hinter der kleinen Jagdgesellschaft den Ritt nach Semarang mitgemacht. Die Prinzessin hatte Towsend am Hafen nicht getroffen, wo bereits des Konsuls Segeljacht bereitlag. Sie war schließlich nach dem Hause ihres Mannes geschlichen, wohl getrieben von der dumpfen Ahnung, dass irgendein Unglück geschehen sei. Als sie dann verstört wieder den Garten durch eine Seitenpforte verlassen hatte, sprach Bartreux sie an. Sie war wie von Sinnen; sie weinte, redete nur von dem blutbesudelten Bett und davon, dass Towsend vielleicht ihretwegen zum Mörder geworden sei. Bartreux suchte sie zu beruhigen. Er erklärte ihr, dass er die Ereignisse anders beurteile, dass Towsend niemals eine solche Tat begehen würde; hier läge fraglos ein weit verwickelterer Sachverhalt vor. Er riet ihr dann, Schliepner zu bitten, Harst herbeizurufen. Gemeinsam kehrten sie nach Surakarta zurück. Das war alles, was der Major uns mitteilen konnte. Er sah nun um ein Jahrzehnt gealtert aus. Er musste die Prinzessin über alles geliebt haben. Er nahm denn auch sehr bald seinen Abschied, erwarb eine Plantage und lebte dort ganz als Einsiedler.

Das ist die tragische Lebensgeschichte einer schönen Frau. Harst hatte nur zu sehr recht, als er hierzu äußerte: »Und? Wer trägt die Schuld an alledem? Doch nur der Vater der Prinzessin und dessen unselige Spielwut! Hätte sich seine Tochter nicht an Drygaarden verkauft, dann wären drei Menschenleben erhalten geblieben. Dass der Doktor seine Frau in jener Nacht in Semarang und in seinem Haus gesehen hat, steht für mich fest. Da erst wird der Plan in ihm aufgetaucht sein, sich als den Ermordeten und seine Frau als die Mitschuldige an diesem Verbrechen hinzustellen. Das sollte seine Rache gegen seine Frau sein! Mich als den Einzigen, der ihm durch diese schlaue Rechnung einen Strich machen konnte, wollte er beseitigen! Nur so finden die Attentate gegen uns eine genügende Erklärung. Wäre ich nicht aufgetaucht, hätte er fraglos den weiteren Verlauf der Dinge in seiner Verkleidung abgewartet und wäre dann erst anders wohin geflüchtet, um als lebender Toter ein neues Dasein zu beginnen.«

Ein besonderer Zufall sollte uns dann schon in den nächsten Tagen Gelegenheit geben, mit malaiischen Piraten einen Strauß auszufechten, den der Leser in der nächsten Erzählung geschildert findet, in

Die Uhrkette des Bill Hamilton