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Nick Carter – Band 13 – Der geheimnisvolle Nachbar des Detektivs – Kapitel 5

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Der geheimnisvolle Nachbar des Detektivs
Ein Detektivroman

Der Lebenslauf eines Verbrechers

Am nächsten Morgen berichteten Chick und Patsy ihre Erlebnisse dem Meister.

Nachdem Patsy die Anhaltspunkte erklärt hatte, die ihm durch Mugsy Graw gegeben worden waren, berichtete Nick von seiner Unterhaltung mit Mr. Barton über den gefälschten Scheck und das, was derselben gefolgt war.

»Nun«, sagte er, »ich möchte eure Aufmerksamkeit darauf hinlenken, dass in allen drei Fällen ein kleiner, alter Mann vorkommt. Der Chef der Kriminalpolizei sagte mir, dass er und ein Detektiv einen kleinen, alten Mann verfolgt haben, der plötzlich in kurzer Entfernung vor ihnen verschwand. Der Röhrenleger, welcher den Scheck von 115 Dollar von Wilmot, Dewey & Co. erhielt, hatte ihn einem kleinen, alten Mann ausgeliefert, der dann sofort zur Pearl Nationalbank ging, um sich denselben beglaubigen zu lassen, nachdem er ihn auf über zehntausend Dollar erhöht hatte. Und Patsy, dem ein kleiner, alter Mann verdächtig vorkam, folgte diesem und erfuhr, dass er das Oberhaupt einer großen Verbrecherbande sei. Vermutlich sind diese drei kleinen Männer ein und dieselbe Person. Patsy, beschreibe den Mann so genau, wie du kannst.«

Patsy tat das sofort und fügte dann hinzu, als er geendet hatte: »Aber Chick denkt, dass der Mann verkleidet war. Er sagte, die Hände wären nicht so alt wie sein Gesicht.«

Nick wendete sich zu Chick und bat ihn, sich zu erklären. Chick tat das und bemerkte zum Schluss: »Das soll durchaus nicht sagen, dass Patsys Beschreibung nicht genau wäre, ich könnte kein Wort hinzufügen.«

Nick stand von seinem Sitz auf und ging im Zimmer auf und ab, während er äußerte: »Der Kassierer der Pearl Nationalbank ist ein sehr intelligenter, scharf beobachtender Mann. Er gab mir eine sorgfältige Beschreibung desjenigen, der ihm den 10.000-Dollar-Scheck vorlegte, und ich finde, dass sie mit derjenigen Patsys übereinstimmt. Obwohl McClusky das Äußere des Alten nicht so genau angab, schien es mir doch, als ob die drei alten Männer ein und dieselbe Person sein müssten.« Er stand einen Augenblick still und fragte dann: »Scheint es euch nicht auch so, dass wir hier genug Material haben, dass die drei ein und dieselbe Person sind, welche an drei verschiedenen Orten arbeitet? Erstens die Erpressungsgeschichte, zweitens die Scheckfälschung, drittens die Einbruchsgeschichte.«

»Er will wahrscheinlich so reich werden wie der Stahlkönig«, bemerkte Patsy lachend.

»Ein Diebstahlkönig scheint er schon zu sein«, war Chicks witzige Antwort.

»Eines ist hier bemerkenswert«, sprach Nick weiter, »und zwar, dass in allen drei Fällen dieselben Mittel angewendet wurden. Dies ist noch ein Grund für die Vermutung, dass der geschilderte Mann sie alle drei ausgeführt hat.«

»Dann«, sagte Chick, »haben wir anstatt der drei Fälle nur eine Jagd.«

»Aber«, warf Patsy ein, »Chick sagt, dass der kleine, alte Mann, den wir zusammen im Saloon antrafen, verkleidet war.«

Der Detektiv wandte sich schnell zu Patsy und rief anerkennend: »Du führst uns auf den richtigen Weg zurück, denn der Mann veränderte sich schnell in Devereaux, um den Scheck auf einer anderen Bank einzulösen. Chick, erinnerst du dich an Devereaux?«

»Den bekannten Hochstapler von New Orleans und Chicago?«

»Denselben«, antwortete Nick. »Wenn ich nicht irre, erzähltest du mir, dass du ihn einmal gesehen hast, wie er wirklich ist.«

»Das war der Fall. Es war auf einem Mississippi-Dampfer – ein alter Spieler erzählte mir einmal einiges aus dessen Leben.«

»Was war es?«, fragte Nick.

»Er sagte, dass Devereaux ein Mann aus guter Familie sei, sehr gut erzogen wurde, sich aber als junger Mensch auf eine Fälschung einließ, die ihn und seine Familie ruinierte. Vor mehreren Jahren war er ein Spieler auf den Mississippi-Dampfbooten gewesen. Er sagte ferner, dass jener, nachdem der Krieg ausgebrochen war, ein wüstes Leben begonnen habe und in Chicago verschiedene lichtscheue Sachen ausführte. Er meinte auch, dass in den Jahren, in denen Devereaux als Spieler bekannt war, seine eigene Person die beste Verkleidung gewesen sei.«

»Was meinte er damit?«, fragte Nick.

»Er meinte damit, dass Devereaux in der Kunst des Verkleidens ein unerreichter Meister war und dass er nur selten unverkleidet zu sehen gewesen ist.«

»Woher kannte denn der alte Spieler dessen wirkliches Äußeres?«

»Das war der interessanteste Punkt in der Geschichte, die der Alte erzählte. Er sagte, dass, wenn Devereaux spielte, dieser eine merkwürdige Bewegung mit der linken Hand ausgeführt habe. Diese Bewegung sei ihm gleichsam wie angeboren gewesen und hatte mit dessen Kartentricks nichts zu tun. Vom Mississippi kehrte nun mein Gewährsmann nach Chicago zurück, wo er in einen Kreis von Spielern geriet, unter denen sich auch Devereaux befand, der dann ungefähr vierzig Jahre alt schien und ganz anders aussah als damals auf dem Dampfboot, da er schwarze Haare und einen schwarzen Schnurrbart hatte, aber der Alte erkannte ihn an der merkwürdigen Bewegung mit der linken Hand.

Später traf er ihn in verschiedenen Verkleidungen in San Franzisko, und er erkannte ihn immer wieder an demselben Merkmal. Dort war es, wo der alte Spieler erfuhr, dass Devereaux sich auch noch Rose und Melrose nannte.«

»Wie sah Devereaux aus, als du ihm damals begegnetest?«, fragte Nick.

»Er war von mittlerer Größe, hatte dunkles Haar und ebensolchen Schnurrbart, mit einem scharf geschnittenen Gesicht, einer gelblichen Hautfarbe, wie die Leute sie besitzen, welche das gelbe Fieber gehabt haben.«

»Er ist ein schlauer Patron«, erwiderte Nick. »Seine beste Verkleidung ist seine eigene Person. Er begeht kein Verbrechen, um sich zu bereichern, sondern nur aus Lust am Bösen.«

»Well«, sagte Patsy, »wir müssen ihn zu erwischen versuchen, solange er noch als alter Mann verkleidet ist.«

»Wie meinst du das?«, fragte Nick.

»Ich habe mir überlegt«, antwortete Patsy, »dass unser Mann noch nicht weiß, dass wir ihm auf der Spur sind. Solange er das nicht erfährt, können wir ihn ruhig in seiner Verkleidung als alter Mann verfolgen und ausfindig machen, wo er sich aufhält.«

»Du hast einen Gedanken«, rief Nick aus, »und daraufhin werden wir handeln. Du, Patsy, hast eine große Hilfe in deinem Freund Mugsy und wirst nun des alten Mannes Spur verfolgen, indem du dich gleichzeitig dicht an Graw hältst. Du, Chick, hast eine solche in Andy Grogan. Diese beiden sind, wenn sie auch nicht direkt zu seiner Bande gehören, doch bei ihm beschäftigt.«

»Nick«, bemerkte Chick, »es muss doch einer da sein, der jede Bewegung der Bande dirigiert.«

»So ist es«, sagte Nick, »und ich glaube, das ist der Mann mit den vielen Namen. Ich glaube, dass er für jede Verkleidung einen anderen führt und dass er nie unter seinem richtigen Namen erscheint. Wir sehen, dass er einen großen Teil der Arbeit selbst tut, und zwar stets die beste.«

»Well«, sagte Chick, »es müssen noch viele Personen zwischen Andy Grogan, Mugsy Graw, Jake dem Einbrecher und dem Träger der vielen Namen stehen.«

»Alle sind seine Werkzeuge«, gab Nick zurück. »Seine Instrumente, die zwar nicht direkt in seine Arbeiten eingeweiht, aber gut bezahlt sind.«

»Wenn du recht hast«, sagte Chick, »und dieser Mann derjenige ist, welcher die Erpressungsgeschichte erfunden hat, dann müssen aber die, welche er schickt, um das Geld abzuholen, eingeweiht sein.«

»Das ist auch schließlich nicht nötig«, entgegnete Nick, »aber wir können das ja in Erfahrung bringen. Das kann eine Bande sein, ich glaube aber nicht, dass es eine Bande von der alten Art ist, wo die Mitglieder alle gleich sind. Es ist einfach eine Anzahl Leute, die seine Befehle ausführten, ohne zu fragen, warum, wenn sie nur gut bezahlt werden.«

»Sage mir, Chick«, fiel Patsy sein, »erzählte dir dieser Andy Grogan nicht, dass der Mann, der ihm das Kind aufgedrängt habe, flüsterte, er solle es zu Mugsy schaffen?«

»Allerdings.«

»Ich bin sicher, dass dieser Mugsy mein Mugsy sein muss. Wenn es so ist, werde ich an diesem einen guten Halt für meine Arbeit finden«, sagte Patsy.

»Wir haben keine leichte Aufgabe vor uns«, erwiderte Nick, »aber Patsy, du solltest keine Zeit verlieren, noch weiter mit Mugsy Graw bekannt zu werden.«

Patsy ging, ohne noch etwas zu erwidern.

Als er fort war, wandte sich der große Detektiv an Chick: »Chick«, sagte er, »ich beabsichtige, McClusky zu besuchen und ihn nochmals um eine genauere Beschreibung des alten Mannes zu bitten. Ferner werde ich ihn zu überzeugen versuchen, dass er es so anordnet, als ob dieser Andy Grogan alias Budd Weston seine Freilassung dir ganz allein zu verdanken hätte. Vielleicht wird er, wenn du mit ihm das Gefängnis verlässt, und er hat erfahren, dass du ihn herausgebracht hast, ziemlich frei zu dir sprechen. Je längere Zeit er wieder frei ist, desto weniger wird er erzählen.«

»Dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen«, versetzte Chick, »aber ich glaube nicht, dass er dem Mann, der ihn aus dem Gefängnis befreit hat, misstrauen wird. Ich weiß, dass die, mit denen er unter einer Decke steckt, ihm versprochen haben, ihm beizustehen. Und ich kann dir sagen, dass ich fürchte, diejenigen, die ihn bewachen, werden mich, da ich ihm aus dem Gefängnis half, für verdächtig halten.«

»Auch daran habe ich gedacht«, erwiderte Nick.

»Ich werde Grogan sehr vorsichtig behandeln müssen, um ihn von meiner eigentlichen Absicht abzulenken.«

»Gut«, sagte Nick. »Du kannst mit mir zur Detektivzentrale gehen, da du doch bis vier Uhr weiter nichts zu tun hast.«

Nick bereitete sich für den Ausgang vor, und dann gingen beide die Treppe hinunter. Sie waren noch nicht ganz die Stufen hinab, als sich die Tür öffnete und der Mann erschien, der sich dem Meister auf dem Spielplatz am Tage vorher als Mr. Avery vorgestellt hatte.

Er begrüßte Nick Carter herzlich, indem er sagte: »Das ist das erste Mal, dass wir uns als Nachbarn begrüßen, Mr. Carter. Ich wollte Ihnen gerade einen Besuch abstatten.«

»Diesmal werden Sie mich entschuldigen müssen, Mr. Avery«, sagte Nick höflich. »Ich habe augenblicklich Geschäfte zu erledigen, welche sich durchaus nicht aufschieben lassen.«

»Dann werden Sie mir wohl ein anderes Mal die Ehre geben. Aber ich hoffe, dass sich unsere Partie Schach nicht verzögert. Wenn es sich darum handelt, bin ich nämlich ein schrecklicher Egoist. Ich freue mich schon im Voraus auf ein Spiel mit Ihnen.«

»Wenn ich es auch gelernt habe«, erwiderte Nick mit einem Lächeln, »so bin ich doch kein Meister darin.«

Nach einigen verbindlichen Abschiedsworten ging Mr. Avery, und Chick, der das Gespräch mit angehört hatte, fragte den Meister: »Nick, was hältst du eigentlich von diesem Mann?«

»Ich weiß wenig oder gar nichts«, war Nicks Antwort. »Ich begegnete gestern Abend dem Hausbesitzer der benachbarten Villa und fragte ihn, was er über seinen neuen Mieter wüsste. Er antwortete, dass der Herr mit den besten Empfehlungen zu ihm gekommen war und dass er sicher sehr reich sei. Er scheine ein Sonderling zu sein. Er bringt den Vormittag in seiner Wohnung zu, nachmittags besucht er die Astor-Bibliothek, und abends geht er in einen Schachklub.«

»Aber was ist er eigentlich von Beruf?«, fragte Chick.

»Er lebt von seinem Geld, wie mir der Wirt sagte.«

»Ich vermute, dass das alles stimmt«, meinte Chick, »aber der ganze Kerl gefällt mir nicht.«

Nick lachte, als er fragte: »Inwiefern, Chick?«

»Das kann ich dir kaum sagen, aber wenn er so mit dir spricht, sieht es immer aus, als hätte er etwas zu verbergen. Dieselbe Wahrnehmung machte ich schon gestern.«

»Du verdächtigst den armen Kerl vielleicht grundlos«, antwortete Nick, »aber ich muss gestehen, dass mir das selbst schon so vorgekommen ist. Kurz, dem Mann scheint man nicht völlig vertrauen zu können. Aber ich hoffe, wir befürchten zu viel. Er scheint eben ein großer Verehrer des Schachspiels zu sein.«

Nun eilten die beiden Detektive zum Polizeipalast in Mulberrystreet. Sie ersuchten den Inspektor McClusky, alles so einzurichten, dass Budd Weston glauben sollte, dass er seine Befreiung nur den Bemühungen Chicks zu verdanken hätte.

Dann bat Nick seinen Freund um eine genaue Beschreibung jenes kleinen Mannes, den der Inspektor vergebens verfolgt hatte, und erkannte zu seiner Befriedigung, dass dieser derselbe Mann war, der den Scheck auf 115 Dollar angenommen, den zehntausend Dollar-Scheck hatte beglaubigen lassen und von Patsy und Mugsy Graw zusammen gesehen worden war.