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Jim Buffalo – 21. Abenteuer – Kapitel 1

Jim Buffalo,
der Mann mit der Teufelsmaschine
Veröffentlichungen aus den Geheimakten des größten Abenteurers aller Zeiten
Moderner Volksbücher-Verlag, Leipzig, 1922
Eine vereitelte Hinrichtung
Das 21. Abenteuer Jim Buffalos
1. Kapitel

In der Wildnis

In schattiger Wildnis, da wo die reißenden Ströme das amerikanische Festland zerreißen, in einer Gegend, die an die Anfangsgründe der Kolonisierung zurückerinnert, lagerten eines Tages drei Männer und rauchten ihre kurzen Shagpfeifen.

Es waren wilde verwegene Gestalten, die sich durch Spiel und Fluchen gegenseitig erhitzten.

Der Größte von ihnen, ein Mann mit einem Mördergesicht, legte die Karten hin und sagte finster: »Lange will ich nicht mehr hierbleiben, denn ich habe Sehnsucht nach der Stadt. Beim Henker, wenn wir das Ding nicht bald finden, das uns reich machen soll, dann verlasse ich die Wildnis.«

Die beiden anderen blickten den Sprecher spöttisch an und der eine sagte: »Willst uns wohl glauben machen, dass du kein Interesse mehr an den Unternehmen hast, Jonas?«

Der große Mann zuckte die Achseln.

»Wenn du so etwas denkst, dann kann ich es natürlich nicht hindern, Wilken, aber sage doch, was wir tun sollen, um zum Ziel zu gelangen.«

»Wenn wir das wüssten«, bemerkte der Dritte. »Wir müssen einfach weitersuchen. Eines Tages werden wir doch Erfolg haben.«

»Jedenfalls habe ich es satt, den ganzen Tag unter den Bäumen zu liegen und Karten zu spielen. Es hat den Anschein, als ob wir die Fährte des alten Rapp gründlich verloren haben.«

Die beiden anderen erhoben sich und gähnten.

»Wir haben doch nur deinen Rat befolgt, Jonas?«, sagte der eine. »Du wolltest es doch nicht anders haben? Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir dem alten Rapp die Papiere abgenommen.«

Jonas machte ein finsteres Gesicht. Plötzlich fuhren die drei Männer herum und griffen nach ihren Büchsen. Das Gestrüpp teilte sich und die verzerrte rote Fratze eines Indianers zeigte sich.

»Was willst du, Hinzularo«, fragten die drei.

Der Indianer trat vollends in den Kreis.

»Ein Mann nähert sich vom Westen im Gebirge. Er trägt auf dem Rücken eine große Flinte und einen Rucksack.«

»Ah!«, riefen alle drei gemeinsam aus und der Große, welcher soeben seinen Gefährten Jonas genannt hatte, setzte triumphierend hinzu: »Das ist der alte Rapp. Demnach sind wir doch auf der richtigen Fährte.«

»Wie sieht der Mann aus?«, fragte einer der beiden anderen Männer.

Der Indianer zeigte an die untere Gesichtshälfte und erwiderte: »Er hat am Kinn langes Haar, wie es die Blassgesichter oft tragen.«

»Das ist er«, jubelten alle drei.

»Wir wollen beraten«, sprach der Große. »Es hängt jetzt alles davon ab, dass wir vorsichtig sind. Wenn der alte Rapp merkt, dass er beobachtet wird, dann dürfte er sich nicht lange hier aufhalten, sondern wieder umkehren.«

Sie streckten die Köpfe zusammen und flüsterten, während der Indianer die Arme über die Brust verschränkt hatte und teilnahmslos vor sich hinstarrte. Oftmals warf er einen raschen Blick aus dunklen träumerischen Augen zu den Männern hinüber.

»Also, wir sind einig, Wilken und Dorrens«, sagte Jonas, indem er beiden die Hände entgegenstreckte. »Er muss dran glauben, verschonen dürfen wir ihn nicht. Aber erst muss er sein Ziel erreicht haben.«

Sie wandten sich hierauf dem Indianer zu.

»Unser roter Bruder wird den Mann weiter beobachten und uns berichten. Wir folgen ihm auf den Bergkamm. Wenn wir uns lagern, dann werden wir uns durch ein Tuch, welches wir am Stock wehen lassen, bemerkbar machen.«

Der Indianer machte eine zustimmende Geste, dann entfernte er sich. Hätten die drei Männer den bösen Blick gesehen, welchen er zurückwarf, sie hätten ihm wahrlich nicht halb so viel Vertrauen geschenkt.

Der Indianer hatte bald eine Stelle erreicht, von welcher aus er einen Ausblick zu dem Pfad hatte, der sich serpentinartig von der anderen Seite zu der Anhöhe heraufwand.

Er stand regungslos an einen Felsblock gelehnt und starrte in das Tal hinab.

Ein Mann kam mühsam den Berg herauf. Er trug einen Rucksack auf dem Rücken und hatte außer einem Spaten einen schweren Bergstock. Oftmals machte dieser Mann, den die Last der Jahre drückte, Halt.

Er holte ein Papier aus der Tasche, verglich das umliegende Terrain mit den Linien und Flecken auf demselben und steckte es wieder vorsichtig ein.

Seine Flinte, die ihm über der rechten Schulter hing, ragte mit ihrem langen Rohr weit über den Kopf hinaus.

Der Mann hatte einen graumelierten Vollbart und ein gesundes Gesicht.

Er liebte es anscheinend, Selbstgespräche zu führen und dabei Gesten zu machen, als ob er einen Zuhörer habe.

»So ein Unsinn von mir, dem Matrosen diesen Humbug zu glauben«, schalt er mit sich selbst. »Zu dumm, dass ich gerade derjenige war, der dem armen Teufel helfen musste. Freilich, wenn ich das Papier und die Schrift betrachte, dann schwinden meine Zweifel wieder. Was hätte der arme Teufel auch schließlich dabei für einen Zweck gehabt, mich alten Kerl, der ich in Ruhe zu Hause auf meiner kleinen Farm saß, im Angesicht des Todes anzulügen?«

Er lachte dann wieder, hob und senkte die Brust in tiefen Atemzügen und freute sich, dass er allein in der wilden großartigen Gebirgsszenerie verweilen konnte.

Am Abend machte er in einer Höhle, welche sich in der steilen Bergwand des Serpentinweges befand, Rast. Er trat vor die Höhle, sah sich noch einmal nach allen Seiten um und legte sich dann auf einen Grashaufen, den er sich erst zusammengesucht hatte, zum Schlummern nieder. Die Flinte hielt er im Arm.

Während der Mann schlief, huschte über ihm auf der Felswand ein dunkler Schatten hin und her. Mit einer schlangenartigen Gewandtheit und völlig geräuschlos wand sich ein roter Körper über das Gestein. Er glitt an der Wand mit einer staunenerregenden Schnelligkeit herab und hatte bald den Zutritt zu der Höhle erreicht. Den Körper dicht an den Boden gedrückt, hob der Indianer den Kopf und blickte mit funkelnden Augen in die Höhle.

Seine nervige Faust griff nach dem Messer. Es mochte in ihm wohl der Gedanke auftauchen, dieses Blassgesicht, welches so friedlich schlummerte, zu skalpieren. Es wäre ihm auch ohne große Mühe gelungen, den Schläfer zu überfallen und ihn mittels des Messers zu töten, bevor er zur Besinnung kam und sich zu wehren vermochte.

Aber die Rothaut unterdrückte die Mordgier. Es galt noch mehr Skalpe zu erringen. Sie weidete sich einen Augenblick an dem Bild des ruhig schlafenden Blassgesichtes und zog sich dann ebenso geräuschlos wieder zurück.

Mit flinken Füßen eilte der Indianer hierauf weiter. Er hatte bald eine Schlucht erreicht. Er kletterte in dieselbe hinab. Plötzlich wurde ihm ein Messer aus dem Dunkel entgegengestreckt.

Doch der Indianer schob den braunen Arm unwirsch beiseite und sagte in der Sprache seines Stammes: »Kennt mein Bruder nicht Hinzularo, den Sohn des Häuptlings?«

»Mein Bruder möge passieren«, lautete die Antwort, ohne dass sich der Sprecher sehen ließ.

Noch zweimal hatte Hinzularo Wachen zu passieren, bevor er die Stelle in der Schlucht erreichte, wo ein Lager aufgeschlagen worden war. Hier lagen ungefähr dreißig Indianer in Decken gehüllt am Boden.

Ein Zelt stand in der Mitte des Lagers. Der Vorhang bewegte sich leise und eine Stimme meldete sich. Hinzularo betrat das Zelt. Ein großer stattlicher Indianer mit düster glimmenden Augen empfing den Ankömmling. Es war der Häuptling und Vater Hinzularos. Die beiden Männer zischelten eine Weile zusammen. Mehr als einmal umklammerte die Faust des Häuptlings den Stiel der Streitaxt, die an seiner Seite hing.

Dann reichte er seinem Sohn die Hand und sprach: »Warte, bis die verhassten Bleichgesichter ihren Stammesgenossen getötet haben, sein Skalp gehört uns doch. Dann werden wir uns die übrigen Skalpe holen.«

Wie ein Schatten huschte Hinzularo wieder davon und er hatte eine Viertelstunde später die Schlucht wieder hinter sich.

Als am frühen Morgen die Sonne wie ein Strahlenbündel hinter mächtigen Steinmassen sich erhob und unten im Tal zwischen der undurchdringlichen Wildnis sich die gefiederten Sänger zum Morgenkonzert meldeten, da schwang oben auf der Höhe der Indianer Hinzularo einen langen Lappen nach der anderen Seite des Höhenzuges, wo an einer Quelle die drei Männer lagerten.

Dann ging er weiter. Auf der anderen Seite des Gebirges sah er den alten Mann mit dem Rucksack gerade zum Vorschein kommen, wie er seinen Weg nach dem Meer zu fortsetzte.

Bleiben wir nun bei dem Alten. Er verfolgte unentwegt ein gestecktes Ziel. Oftmals am Tage brachte er seine Karte zum Vorschein und überzeugte sich, dass er sich auf dem rechten Weg befand. Die Meeresküste tauchte ein paar Tage später auf. Er stand auf einem hohen Felsen und blickte entzückt unter sich. Weit draußen zeigte sich die stille blaue Fläche. Links und rechts von ihm dehnten sich noch gewaltigere Gebirgsmassen aus.

Der Alte holte nochmals seine Karte zum Vorschein, überzeugte sich davon, dass er nicht mehr weit zu gehen hatte und brach wieder auf. Er stieg zur Meeresküste hinab.

Am anderen Morgen in aller Frühe stand er vor einem Wrack. Es ragte aus einem der Tümpel hervor, die früher wahrscheinlich noch zum Meer gehört hatten. Nun aber war das Meer zurückgetreten und hatte nur einen winzigen Bruchteil seines Inhaltes in dem großen Loch zurückgelassen.

Wer weiß, wie viel hundert Jahre dieses Schiff, welches mit Korallen, Tang und Unrat bewachsen war, schon in diesem Ort, den kein Mensch betrat, einen Dornröschenschlaf schlief.

Der alte Mann betrachtete sinnend das Wrack. Er brachte einen Kalender zum Vorschein.

»Also, alle zehn Tage soll das Loch ohne Wasser sein, wie der sterbende Matrose sagte?«, murmelte er vor sich hin. »Ich müsste demnach noch drei Tage warten.«

Er richtete sich häuslich ein. Unter einem hervorragenden Felsstück bereitete er sich eine Ruhestatt. Dann fischte er sich in dem Loch ein paar Fische und bereitete sich ein Mahl.