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Der Vampir – Des Mudessarif Opfer

Hans Wachenhusen
Der Vampir
Eine Novelle aus Bulgarien, 1878

Des Mudessarif Opfer

Ein Geräusch, ein Stimmengewirr, das von drüben, vom Wiesenplan vor dem Haus herüberdrang, beschleunigte seine Schritte. Er eilte an den erschreckt vom Feuer aufgesprungenen und horchenden Knechten vorbei, über den Hof, durch das Haus. Der Schimmer einer sich hin und her bewegenden Leuchte drang ihm durch das geöffnete Haustor entgegen. Er sah hohe Gestalten, Jowan, Marko, sah Marinka an einem mit schwarzen Büffeln bespannten, unter den beiden Eichen stehen­den Karren; er hörte Jowans und Marinkas Stimmen, hörte Marko schwere, heisere Klagelaute ausstoßen, sah ihn jammernd die Arme gen Himmel strecken. Mit einem Sprung war Viktor an dem Karren. Marinka stand eben über den Rand desselben gebeugt, hinter welchem ein bleiches, blutloses, von wirrem schwarzem Haar umrahmtes Gesicht die großen schwarzen, dunkel umrandeten Augen zu ihr aufschlug, während über dem Karren die Leuchte in Jowans Hand zitterte.

»Selwa! Arme, arme Selwa!«, hörte er Marinka klagen. »So musst du wiederkehren!« Er sah, wie sie beide Arme über die auf dem Stroh im Karren Liegende hinstreckte, wie sie der Unglücklichen in das abgezehrte Antlitz schaute. Viktor verstand die Szene. Seine Zähne knirschten entrüstet. Jowan hatte das Zigeunermädchen aus der Stadt mitgebracht. Er hatte dem Alten Unrecht getan. Um der Unglücklichen willen war er trotz der eigenen Unsicherheit täglich in die Stadt gegangen, um sie aus des Mudirs Gewalt auszulösen, hatte er die Säcke voll Gold in den Konak gesandt, von denen man erzählte.

Zwei Knechte waren eben auf den Platz getreten. Marko, der aus Ehrfurcht vor Marinka dieser den Vorrang bei seinem unglücklichen Kind gelassen hatte, trat an den Karren, als Jowans Tochter verzweifelt mit tränenfeuchtem Auge nach Hilfe umherschaute. Er ergriff beide Hände Selwas, er beugte sich über sie, küsste sie auf die Stirn und sein langer Bart bebte, als er unverständliche Worte flüsterte und seine Stirn auf die ihre legte.

»Tragt sie hinauf, aber mit Behutsamkeit!«, befahl nun Jowan mit vor Aufregung zitternder Stimme. »Ich fand dieses unglückliche Wesen in der Straße liegend, hilflos um Barmherzigkeit jammernd. Niemand wagte, ihr diese zu bringen, weil man sie in diesem Zustand aus des Paschas Konak gestoßen sah. Sie ist noch wund von den Streichen, die sie empfangen, von der Misshandlung, die sie von des Mudirs Dienerschaft erlitten hatte … Schonung! Schonung!«, rief er, den Knechten in die Hände fahrend, während Markos Arme kraft­los herabhingen, wie er dastand, unfähig, vor Schmerz ein Glied zur Hilfe zu rühren.

Tränen rannen dem alten Zigeuner in den weißen Bart; sein nasses Auge suchte Jowan, um ihm zu danken, ihm, für den er doch sein eigenes Kind geopfert hatte! Schweigend wurde Selwa ins Haus, in Jowans eigenes Zimmer gebracht und auf die Kissen des Divans gebettet. Viktor war der Letzte des Zuges. Als er in die Tür trat, sah er die schwarze Gestalt des jungen Priesters in dem Rahmen der­selben. Drohend blickte er ihm ins Auge.

»Sarany Janos, denk an die Nacht von Villajos!«, rief er ihm in ungarischer Sprache zu.

Petrowic zuckte. Ein Blick, scharf wie eine Dolchspitze, schoss auf Viktor. Verächtlich wandte er diesem den Rücken.

»Denk an Kola Petrowic!«, hörte Viktor eine dumpfe Stimme hinter sich. Der Priester war eben draußen unter den Schatten der Bäume getreten.

Gleichgültig ob diese Drohung trat auch Viktor in das Gemach. Er begegnete Marinkas Augen, die schmerzvoll, wie eine stumme Anklage gegen die Vorsehung aufblickten, aber da Marko eben am Lager seines Kindes in Verwünschungen über die an demselben begangene Untat ausbrach, unter jungfräu­lichem Erglühen ihrer Wangen vor ihm sich niedersenkte.

Im Zimmer, an dem mittleren Balken, hing die große Laterne, welche dasselbe beleuchtete, in der Ecke brannte nach griechisch-katholischer Sitte das Lämpchen vor dem Muttergottes­bild. Viktor sah, wie das Mädchen sich gegen das Heiligen­bild wandte und heimlich, von Schauder durchbebt, das Kreuz auf ihre Brust schlug, während das Jammern und die Flüche des alten Zigeuners gegen das hohle Getäfel der Wände hallten. Er sah, wie sie sich danach mit stummer Frage zu dem ratlos dastehenden Vater wendete.

Der schüttelte schweigend den Kopf.

»Es schreit zum Himmel, was dem unglücklichen Geschöpf geschehen ist!«, murmelte er vor sich hin. »Ich sandte ganze Säcke voll Gold in den Konak, um des Mädchens Auslieferung zu erreichen; ich habe mich dem Pascha zu Füßen geworfen, um Gnade für das Kind zu erwirken, das ohne mein Wissen ihm übergeben sei. Er nahm das Gold, überhäufte mich mit Schmähungen, und ich dankte Gott, dass er mich nicht ergreifen ließ. Sobald die ungläubigen Hunde, die jetzt die Stadt und den Pass überschwemmten, ihres Weges gezogen seien, drohte er, werde auch meine Stunde, die des Spions, schlagen; er werde auch den Bischof und seine Sippe nicht schonen, denn es sei erwiesen, dass auch diese heimlich mit den Mostows konspirierten. Er habe Boten und Briefe abgefangen und werde strenges Gericht halten, sobald ihm von Stambul die Vollmachten übersandt worden seien.«

Marinka hatte zitternd die Hände gefaltet. Sie blickte auf Viktor, der in kurzer Entfernung von ihnen stand.

»Selwa wird diese Nacht nicht mehr überleben«, fuhr Jo­wan leise fort. »Was uns beschieden, wird kaum ein glück­licheres Los sein. Des Paschas Zorn kennt keine Grenzen, umso mehr, als er ihn zügeln muss, solange die fränkischen Offiziere hier sind, die ihm auch ein Dorn im Auge. Er ist ge­borener Christ, aber wie alle Renegaten ist er schlimmer als der fanatischste Türke. Mir bleibt nichts übrig, als was ich fortschaffen kann, heimlich in der Nacht nach Varna auf das triestinische Schiff zu bringen, und wir selbst folgen, sobald alles geschehen ist. Wer aber bürgt mir für die Sicherheit meiner Transporte!«

Viktor war leise herangetreten.

»Dieses hier, Herr Jowan!«, sprach er mit Feierlichkeit, ihm den Schutzbrief des Vorpostenkommandeurs überreichend. »Ich selbst erbiete mich, Sie und Ihr Eigentum zu begleiten.«

Er warf einen heimlichen Blick auf Marinka, er begegnete dem ihren, und der war so innig, so dankbar. Sie presste beide Hände auf das Herz, um ihm zu sagen, was sie em­pfinde; heftig aber fuhr sie zusammen, als ihr Auge zufällig das offene Fenster streifte, hinter welchem der Abendwind, durch die Zweige der alten Steineichen fahrend, grell wechselnde Licht­ und Schattenbilder zeichnete, und in diesem erschien ihr Petro­wics bleiches Gesicht wie ein Geist, starr, unbeweglich den Blick auf sie gerichtet.

Ihr war es sogar, als unterscheide sie, wie er drohend, warnend den Arm hob, als mahne er sie an ihr Versprechen.

Ein lauter, durchdringender, heiserer Aufschrei machte nun alle drei erbeben, rief ihre Aufmerksamkeit auf Marko, der, vor dem niedrigen Divan auf die Knie gesunken war, beide Arme über den Körper Selwas ausgebreitet hatte und von Neuem in lautes Wehklagen ausbrach.

Marinka stürzte zu ihm.

»Selwa!«, rief sie, sich über die Zigeunerin beugend. »Selwa, erwache!«

Sie fuhr zurück, sie hatte in das erstarrte, gläserne Auge der Märtyrerin geblickt, die Jowan fast schon im Todeskampf auf der Straße gefunden, für die er vergeblich in der Stadt nach ärztlicher Hilfe gesucht, die er mit sich geschleppt hatte, um ihr wenigstens ein weiches Sterbelager zu bereiten.

Mit Grauen wandte sich Marinka ab. Sie bedeckte die Augen. Ein Schauer ließ ihren Körper erbeben.

»Vater! Vater!«, schrie sie auf, sich an Jowans Brust werfend. »Habe Erbarmen mit meinen Bitten! Mir war es, als ich Selwa draußen vorhin wiedersah, als lese ich in ihren sterbenden Augen die Mahnung, zu fliehen, solange es Zeit ist! O, mir graut vor diesen Unmenschen hier! Willst du dein eigenes Kind opfern, wie diese Unglückliche geopfert wurde! Lass ihnen alles, was unser ist, was hängst du daran und opferst dich und mich! Sieh, dort steht unser Retter, unser Be­schützer! Auch er will uns morgen verlassen, und den Schutz­brief, den er dir erwirkt – der Mudir wird ihn zerreißen und niemand wird es wagen, ihm in den Arm zu fallen, wenn er ihn nach uns ausstreckt … Vater, du, ein Mann, der sonst so rasche Tat gewohnt ist, du stehst ratlos da, während mich die Angst verzehrt. Auch des Bischofs geistliche Macht fürchtet dieser Entsetzliche nicht mehr, du sagtest es selbst! Ich höre der armen Selwa Geist mir ins Ohr rufen: ›Fliehe, solange es Zeit ist!‹ Und du stehst da, Vater, erwartend, dass man unser Haus wieder überfalle, uns wegschleppe …

Ein föhnartiger Windstoß fuhr eben durch das Hochtal, dass die Äste der Eichen draußen erzitterten und aneinanderschlugen; heulend, ächzend brach er sich an den Granitwänden, rüttelte er an dem Holzgitter der Fenster.

Entsetzt blickte das Mädchen zurück, ihre Knie schwankten, sie bedeckte mit einem Schrei das Antlitz vor dem grellen Blitz­feuer, das den Wiesenplan draußen erhellte. Sie hatte ge­sehen, wie Petrowic, sich vor dem Orkan rettend, in die offene Tür getreten war und mit wild um den Kopf hängendem, vom Sturm zerwühltem Haar auf der Schwelle stand.

Viktor, selbst tief erschüttert durch des Mädchens Angst, war zu ihr getreten. »Marinka!«, rief er, ohne Petrowic zu gewahren, als der Sturm wieder schwieg, um sich zu einem neuen Anprall zu sammeln. »Haben Sie Mut! Ich bleibe, und solange ich hier bin, soll niemand es wagen, Ihnen ein Leid anzutun.«

Jowan stand noch immer da, mit einem Entschluss ringend. Es war zu viel, was alles in solcher Eile von ihm zu ordnen. Auch die größte Besorgnis um sein und seines Kindes Sicherheit vermochte nicht, in dem Kaufmann den Mut zu einer all seine Habe opfernden Tat zu erzeugen. Innerlich den Bitten der Tochter willfahrend, überlegte er die Ausfüh­rung.

Marinka sah des Vaters finstere, verschlossene Miene. Sie hörte des jungen Mannes ermutigende Worte. Abermals packte ein erneuter Windstoß, eines jener Wetter, wie sie, vom Schwarzen Meer herübertobend, die Höhen des Balkans fast periodisch heimzusuchen pflegen, das Holzgitter der Fenster, durch dasselbe hereinheulend, während die Blitze, sich kreuzend, in das Tal hineinzuckten.

Viktor hatte sich Marinkas Hand bemächtigt. Sie ließ ihm dieselbe fast bewusstlos. Er legte den Arm um ihren Leib und sie ließ auch das geschehen.

»Marinka!«, bat er mit weicher Stimme.

Und erst jetzt entdeckte sie seine unmittelbare Nähe, fühlte sie seine Berührung. Sie rang sich los und dennoch mochte ihr seine Gegenwart wie ein Schuss erscheinen.

Jowan sah die beiden und schien sie dennoch nicht zu gewahren, er achtete nicht, wie Viktors Blick mit so großer Innigkeit auf dem ratlos zitternden Mädchen ruhte. Plötzlich raffte er sich auf. Er schritt auf Marinka zu; er nahm hastig ihre Hand und suchte sie schweigend mit sich fort­zuziehen.

»Nein, nein, Vater!«, rief Marinka. „Ich bleibe bei diesem hier! Er soll mein Schutz sein.«

Sie reichte in ihrer Seelenangst, der Entschlossenheit des Vaters misstrauend, Viktor die Hand zurück.

»Dieser wird mich schützen!«, rief sie mit Emphase. »Er hat uns sein Wort gegeben, ihm vertraue ich!«

Jowan, auf seinem Antlitz endlich die Ruhe eines fertigen Entschlusses, schaute den Fremden forschend an. »Gott lenke mich, dass ich recht handle!«, sagte er mit unsicherer Stimme, und Viktor die Hand hinreichend: »Ich nehme dankbar Eure Hilfe an. Oben werden wir überlegen, was zu tun ist.«