Heftroman der Woche
 

Neueste Kommentare
Archive
Folgt uns auch auf

Der Wildschütz – Kapitel 16

Th. Neumeister
Der Wildschütz
oder: Die Verbrechen im Böhmerwald
Raub- und Wilddiebgeschichten
Dresden, ca. 1875

Sechszehntes Kapitel

Ein Kampf auf Leben und Tod

Die Nachforschungen im Bereich des Schlosses nahmen nun ihren Anfang. Der Berg wurde ringsum mit Wachen besetzt, welche in geringer Entfernung voneinander aufgestellt waren. Der Graf drang hierauf mit einer anderen Abteilung behutsam durch das Gestrüpp hindurch, um den verborgenen Eingang zum Inneren der Höhle ausfindig zu machen.

Zu diesem Behuf hatte der Forstmeister Valentin seine Jagd­hunde mitgebracht, welche das Gebüsch begierig durchschnüffelten und keinen Punkt in der Nähe unberührt ließen. Sie stöberten emsig umher, sodass es etwas Unmögliches für die Falschmünzer gewesen sein würde, eine unbemerkte Flucht zu bewerkstelligen.

Der Wachsamkeit dieser Tiere sollte es auch wirklich gelingen, den Eingang zu dem Felsengewölbe zu erspähen. Bei dem Schein einiger angezündeter Fackeln zeigte sich eine schmale, etwa anderthalb Ellen hohe Steinplatte, welche man mithilfe eines eisernen Hebels mit leichter Anstrengung nach der Seite schieben konnte, worauf sich der dunkle Eingang zu der Höhle den Augen der Ge­sellschaft darbot.

Diese Entdeckung bewog den Grafen, die ausgestellten Posten näher zu derjenigen Seite des Berges zusammenzuziehen, an welcher sich die aufgefundene Öffnung befand. Dann schickten sich eine Anzahl bewaffneter Männer an, in das Innere der Höhle ein­zudringen.

Während dies geschah, befanden sich die Falschmünzer noch in voller Tätigkeit. Sie hatten keine Ahnung von dem drohenden Überfall und fuhren in ihrem geschäftigen Treiben rastlos fort.

Mit einem Mal schlug das Bellen der Hunde an ihre Ohren; das Werkzeug entsank ihren Händen und mit versteinerten Blicken starrten sie zu dem düsteren Gang, welcher durch eine Scheidewand von der eigentlichen Werkstatt getrennt wurde. »Tod und Hölle! Wir sind verraten«, rief Berthold, zuerst seine Besinnung wiedergewinnend. »Auf! Freunde, greift zu den Waffen!« Mit diesen Worten ergriff er eine geladene Flinte und stürmte voraus.

Julian folgte sofort der Aufforderung seines Genossen. Er riss ein paar Pistolen von der Wand und drang mit Berthold dem Gang zu. Georg erholte sich nun ebenfalls; er erfasste ein langes Messer und stürzte hinweg.

Martin, der Graveur, war der Einzige, welcher sich ruhig ver­hielt. Er traf keine Anstalten zur Gegenwehr, sondern blieb unbe­weglich sitzen. Als jedoch ein heftiges Ringen, vermischt mit Degen­geklirre, vernehmbar wurde und mehrere Schüsse krachten, da erhob er sich von seinem Felsensitz und verbarg sich in einem düsteren Winkel der Höhle, um hier die kommenden Dinge abzuwarten.

Unterdessen suchten die drei Verbrecher durch eine verzweifelte Gegenwehr ihre Freiheit zu erlangen. Mehrere von den eingedrunge­nen Leuten des Grafen lagen bereits blutend am Boden. Berthold wehrte sich wie ein Rasender und schlug alles mit dem Kolben seiner Jagdflinte zu Boden, was ihm in den Weg kam.

Julian und Georg folgten seinem Beispiel, allein die Anzahl der Feinde war zu bedeutend, um mit Vorteil aus dem Kampf herauszukommen. Der Sohn des alten Leonhard stürzte von einem heftigen Schlag getroffen zu Boden. Julian wollte ihm zu Hilfe eilen, als ihm in demselben Moment eine Kugel durch den rechten Arm gejagt wurde. Das verletzte Glied sank erschlaffend herab und dem Mund des Verwundeten entfuhr ein halb unterdrückter Schmerzensruf. Berthold war indessen glücklicher als seine Gefährten und trotz der großen Hindernisse, welche seine Freiheit zu vernichten drohten, gelang es ihm doch, sich durch die Menge seiner Gegner durchzu­drängen. An mehreren Stellen blutend, entkam er glücklich und erreichte in dem allgemeinen Tumult das Freie, worauf er wie ein gehegtes Wild in den dichten Wald floh. Ohne einen Augenblick zu zögern, folgte er seinen Weg durch Felsen und Gebüsch, und erst als ihm die sichere Überzeugung wurde, dass man ihm nicht weiter nachsetzte, begann der Flüchtling seinen hastigen Lauf zu vermindern.

Mittlerweile hatte der Kampf zum Nachteil der zurückgebliebe­nen Genossen Bertholds sein Ende erreicht. Julian und Georg wurden gefangen genommen und mit Stricken zusammengebunden. Sie waren beide schwer verwundet und der erlittene Blutverlust machte es ihnen fast unmöglich, die Höhle zu verlassen. Der düstere Raum wurde nun genau durchsucht, und der Graf machte seine Leute darauf aufmerksam, dass noch ein viertes Mitglied der Falschmünzer vor­handen sein müsse, da er ja die Gesellschaft genau habe beobachten können.

Es dauerte auch nicht lange, so wurde der vermisste Martin aus seinem Versteck hervorgezogen. Er zitterte am ganzen Leie und bat mit erhobenen Händen flehentlich um Erbarmen, indem er unter den heiligsten Schwüren versicherte, sein Aufenthalt in diesen fürchterlichen Regionen durchaus ein gezwungener gewesen sei.

»Schweig, Schurke!«, sagte Graf Praßlin aufgebracht, »du möchtest dich wieder entschuldigen, obwohl wir dich auf frischer Tat ertappten. Diesmal wirst du nicht so leicht hinwegkommen, wie es der Fall war, als man dich wegen des gestohlenen Wildes an­klagte. Deine Umstände werfen einen üblen Schein auf dich und es mag diesmal dem Kriminalgericht überlassen bleiben, ob du für schuldig oder unschuldig zu erachten bist. Fort mit ihm«, fügte er hinzu, »und lasst uns seinetwegen die Zeit nicht unnütz verschwenden.«

Martin wurde hierauf mit seinen Gefährten hinweggebracht, und um jeden Fluchtversuch zu vereiteln, wurden ihnen Hände und Füße mit Stricken zusammengebunden.

Unterdessen war auf den Befehl des Grafen ein Karren aus dem Schloss herabgeholt worden. Die Verbrecher wurden auf den­selben gebracht und in die Burg hinaufgefahren. Valentin nebst Christian führten den Zug an, dann folgte der Wagen mit den Ge­fangenen, umgeben von den mutigen Landleuten, die sich wie eine Mauer um die Gefesselten scharrten und jede Bewegung genau überwachten.

Martin ächzte und stöhnte indessen während der Fahrt ununterbrochen. Er verwünschte laut seine Genossen, er klagte sie als die einzige Ursache seines bisherigen Unglücks an. Als man ihm gebot zu schweigen, da fing er jämmerlich zu heulen an, bis ihn endlich einige kräftige Rippenstöße belehrten, dass es besser sei, sein gegen­wärtiges Missgeschick im Stillen zu ertragen.

Nachdem der Zug im Schlosshof angelangt war, wurden die Gefangenen von dem Fuhrwerk herabgehoben und zu einem fest verwahrten Keller gebracht, dessen Mauern ungeheuer dick waren. Ein oder zwei Fenster oder vielmehr Luftlöcher, mit starken Eisen­stangen versehen, ließen am Tage ein spärliches Licht hineindringen. Mehrere alte Hocker und ein steinerner Tisch bildeten das Meublement, wozu man noch einige Strohsäcke brachte, die das Nachtlager für die Gefangenen ausmachten.

Die Tür des Kerkers wurde mit doppelten Wachen besetzt, die sich stündlich ablösten. Überdies waren im Bereich des Schloss­hofes noch mehrfache Posten aufgestellt, sodass an ein Entkommen der drei Verbrecher kaum zu denken war.

Der Graf unterließ es nicht, unter die rüstige Mannschaft reichlich Erquickungen austeilen zu lassen. Keiner von ihnen verließ für diese Nacht das Schloss, und erst als der Morgen zu dämmern begann, überließen sich einige dem Schlummer.

Der Schlossherr begab sich gegen Morgen ebenfalls zur Ruhe. Er sank bald in einen ruhigen und erquickenden Schlaf, aus welchem er nicht eher erwachte, bis die Sonne bereits hoch am Himmel auf­gestiegen war. Im Hof des Schlosses herrschte nun ungemeine Regsamkeit. Die Begebenheiten der vergangenen Nacht hatten eine schnelle Ver­breitung gefunden und nun kamen Neugierige von allen Seiten herbei, um sich von der Wahrheit des seltsamen Gerüchts, welches in Um­lauf gekommen war, zu überzeugen. Unter ihnen war ein alter Mann mit weißem Haar und Bart, seine Mienen drückten großen Kummer aus und seine müden Füße trugen ihn nur langsam über den un­ebenen Raum des Schlosshofes. An seiner Hand führte er einen Knaben, welcher sich ängstlich nach der Menge umsah, die ihn nebst seinem Begleiter mit einer Mischung von Abscheu und Mitleid be­trachtete.

»Da kommt der alte Leonhard nebst dem ältesten Sohn des gefangenen Martins«, flüsterten sich hier und da einige ins Ohr. »Der arme, alte Mann, er hat eine schlechte Frucht an seinem Sohn erzogen; der Taugenichts wird übers Jahr längst auf dem Rabenstein sein Ende genommen haben.«

Der alte Bärenwirt wendete den bewegten Blick hinweg; ihm war die Bemerkung nicht entgangen. Seine morschen Glieder zitterten, ergriffen von einem vernichtenden Sturm, der in seinem Inneren die letzten Kräfte des Herzens zu vernichten drohte. Doch der Geist ermannte sich, seine Hand hielt die des furchtsamen Knaben ergriffen und mit festen Schritten begab er sich zu dem Ort, wo die Gefangenen zur allgemeinen Schau gestellt wurden.

Die Tür des Kerkers stand geöffnet und man konnte die Arrestaten deutlich sehen. Martin saß mit niedergeschlagenen Augen in einem Winkel; ja sein ganzes Wesen trug den Ausdruck der größten Niedergeschlagenheit und sein Blick wagte sich nicht vom Boden zu erheben. Julian hingegen schien sehr gleichgültig bei der Sache zu sein. Er trug den verwundeten Arm in der Binde und be­trachtete mit trotziger Miene die zahlreiche und neugierige Umgebung.

Georg teilte eine gleiche Stimmung mit seinem Gefährten und seine Keckheit ging so weit, mehrere Personen mit einem vertraulichen Kopfnicken zu begrüßen, wofür ihm jedoch nur ein spöttisches Lächeln vonseiten der Zuschauer zuteilwurde.

Sein trotziges Wesen zeigte jedoch mit einem Mal eine ge­waltige Erschütterung bei dem Anblick seines alten Vaters, welcher sich unterdessen durch die Umstehenden Bahn gebrochen hatte und nun am Eingang des Gefängnisses sichtbar wurde. Georg senkte das düstere Auge von Scham getroffen zu Boden.

»Das fehlt noch«, murmelte er bei sich selbst, »so muss er auch noch hierherkommen, um Zeuge meiner Schmach zu sein.«

»So bist du endlich so weit gekommen«, rief der alte Mann, die gefalteten Hände an seine Brust pressend, während seine Augen auf Georg ruhten. „O Gott! Dass du mich diesen Gram erleben ließest; warum legtest du nicht zuvor mein altes Haupt in die kühle Erde für immer zur Ruhe. Georg! Georg! Du hast dich schwer gegen Gott und Menschen versündigt.« Und sich gegen die Anwe­senden wendend, fuhr er mit wankender Stimme fort: »Wohl mag mancher unter euch sein, der das Verbrechen des Sohnes auch auf des Vaters Schulter legen möchte, aber bei Gott, ich wasche meine Hände in Unschuld, mein Gewissen ist rein von jedem Vorwurf!«

Die Worte Leonhards hatte den brütenden Martin aus seinem Stumpfsinn aufgeweckt. Als er beim Ausblicken seinen Sohn er­kannte, da schien den armen Teufel ein leuchtender Strahl der Freude zu durchzucken. Er wollte aufspringen, allein seine Fesseln hinderten ihn daran.

»Mein Sohn! Mein armer Junge!«, rief er mit einer Träne in den Augen. »Ach, dass ich dich nicht umarmen kann! Ach Gott! Welch ein Gefühl wird bei deinem Anblick in meiner Brust erregt; komm näher, mein Kind, sprich, was machen deine Geschwister, die armen Würmer!«

»Ach, du lieber Gott!«, sprach der Knabe, »es hat sich seit deiner Entfernung viel Trauriges begeben. Die kleine Marie, weil sie ohne Aufsicht war, ist in dem Dorfbach ertrunken und Helene ist an den bösen Blattern gestorben; der arme Heinrich liegt schwer auf dem Krankenbett und er wird wohl seinen Geschwistern nachfolgen.« Martins Gesicht wurde vor Entsetzen blass wie eine Leiche; seine Hände schlossen sich krampfhaft und mit einem schrecklichen Blick auf seine Gefährten rief er im Ton der Verzweiflung: »Meine Kinder tot! Allmächtiger Gott, sie mussten umkommen, während ich in der Gewalt dieser Teufel nach Freiheit und Erlösung schmachtete. O, ihr entsetzlichen Bösewichter! Meine Kinder wurden durch euch gemordet und mich habt ihr ins Verderben gestürzt! Ach, dass der Allmächtige ein Zeichen geben wollte, dass meine Un­schuld erkannt würde!«

Und der Jammernde sank wie zerschmettert auf die Bank zurück. Seine Augen füllten sich mit Tränen; er sprach kein Wort mehr und verbarg sein Gesicht in den zitternden Händen.

»Komm hinweg, mein Kind«, sagte Vater Leonhard zu dem betrübten Fritz. »Unser Anliegen ist abgemacht; ich habe nichts mehr zu schaffen.«

Beide begaben sich hierauf hinweg und kehrten zu dem Dörf­chen zurück.

Bei ihrer Ankunft fanden sie den armen Heinrich in den letzten Zügen. Der alte Mann trat an das ärmliche Bett und während die Unschuld nach einem besseren Jenseits hinüberging, entquoll seiner fast gebrochenen Brust ein inniges Gebet.

»Ach Gott! Er stirbt!«, rief Fritz in bitteren Tränen ausbrechend, sich laut weinend auf das Bett des geliebten Bruders werfend.

»Lass ihn ruhen und störe seinen ewigen Schlummer nicht, mein Sohn«, sagte Leonhard. »Er hat ausgerungen und der Geist deiner guten Mutter wird ihn jetzt dort oben voll seliger Wonne umschweben.«