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Fort Wayne – Band 2 – Kapitel 4

F. Randolph Jones
Fort Wayne
Eine Erzählung aus Tennessee
Zweiter Band
Verlag von Christian Ernst Kollmann. Leipzig. 1854

Viertes Kapitel

Der Kommandant lag noch in jenem leichten Halbschlummer, der dem festen Schlaf voranzugehen pflegt, als der Alarm und der Schreckensruf Feuer! Feuer! ihn blitzschnell von seinem Feldbett aufspringen und ans Fenster eilen ließ. Ein einziger Blick genügte ihm, die Größe des Unglücks zu ermessen; aber Murchinson war nicht der Mann, der sich von unvorher­gesehenen Schicksalsschlägen aus der Fassung bringen ließ. Während Lieutenant Gloomy hereinstürmte und, zwar leichenblass, aber ohne die geringste Spur von Furcht und Verwirrung, die Meldung machte, dass das Feuer in der Leichenkammer ausgebrochen und jedenfalls von dem Hiwassee angelegt sei, dessen Flucht man bereits entdeckt hatte, kleidete sich der Major hastig, jedoch vollständig an, sodass er sich den angstvoll hereinstürzenden Damen fast in geordneterer Toilette zeigte, als es bei jenen selbst der Fall war.

»Fasse dich, Bessy!«, rief er der Schwester entgegen, die mit einem Ausdruck des Entsetzens, welcher so groß war, dass er sie sogar der Sprache beraubte, auf den von der Flamme grell beleuchteten Hofraum hinausdeutete. »Fasse dich und gib mir aufs Neue Beweise deiner Unerschrockenheit, die ich so oft in schlimmeren Fällen, als dieser ist, bewundert habe. Fast scheint es, als ob unsere liebe Mary dich beschämen wolle. Brav, mein Mädchen! Diese Ruhe gefällt mir; bleibt jetzt beide hier – ich denke, die Kommandantur hat von dem Brand nichts zu be­fürchten.«

Und ohne auf eine Antwort der Frauen zu war­ten, eilte er mit Gloomy hinaus auf den Platz, wo die Lärmtrommel rasselte, Kommandoworte erschallten, Gewehre und Waffen klirrten und die Flammen mit schauerlichem Prasseln und Krachen ihr Zerstörungs­werk fortsetzten. Die Donnerstimme des Kommandanten jedoch übertönte siegreich das chaotische Getöse und seine klaren, in wenig Worte gefassten Befehle und Anordnungen stellten in fünf Minuten die Ordnung so weit her, dass wirksame Maßregeln zum Löschen der Feuersbrunst ergriffen werden konnten. Während die Hälfte der Besatzung unter Lieutenant Gloomy sich auf dem Wall aufstellte, schleppten die Übrigen die Wassertonnen unter der Veranda hervor und stürzten mit Löscheimern und allen nur irgend vorhandenen Ge­fäßen zur Brandstätte. Eine kleine Abteilung eilte zum Wasserturm, um das rettende Element in genügender Menge aus dem Strom zu heben; vor allen aber zeichneten sich die Söhne Morris’ aus, die, nachdem sie voll Schmerz die Hoffnung auf­gegeben hatten, den Leichnam ihres Vaters aus der Glut zu retten, mit Beilen und Hacken auf das in vollen Flammen stehende Gebäude kletterten und mit kräftigen Armen die nötigen Anstalten trafen, um den Brand auf seinen Entstehungsherd zu beschränken. Der wackere Kommandant schien sich verzehnfacht zu haben; er war überall – fort und fort tönte seine Stimme scharf und verständlich durch das Getöse, ratend, ordnend, befehlend, ermutigend. Dabei war seine Haltung so gleichmütig, sein Blick so ruhig, als sei dies alles eben nur ein Manöverspiel, um die Truppen zu üben.

Nie zeigt sich der Wert des militärischen Befehlshabers deutlicher, als in Fällen, wo ungewöhnliche und überraschende Ereignisse gleichsam alle Sei­ten seines Charakters, alle Spannkräfte seiner Seele gleichzeitig in Anspruch nehmen. Derselbe Soldat, der unerschütterlich im Kugelregen steht, erstarrt viel­leicht vor Schrecken und Angst, wenn eine furchtbare Epidemie die Reihen der Kameraden lichtet, er verliert vielleicht den Mut, wenn der Hunger in seinen Ein­geweiden nagt, und wendet sich entsetzt zur Flucht, wenn das Brausen der Wogen einer Überschwemmung oder die entfesselte Feuersbrunst ihn vom nächtlichen Lager aufschrecken. In welchem glänzenden Licht erschien daher nun unser Major! Seine Ruhe, seine klare Umsicht, sein praktischer Blick beherrschten nicht nur diese im ersten Schreckensmomente in wilder Verwirrung einher taumelnde Menge, sondern schien sich ihr sogar mitzuteilen und alle physischen und geistigen Fähigkeiten derselben zu erhöhen. Beinahe schweigend, nur bisweilen durch einen Ruf gegenseitiger Aufmunterung oder beschleunigender Eile unterbrochen, wurde der Kampf gegen die Flammen fortgesetzt. Und fürwahr, dieser Kampf hätte bessere Erfolge verdient, als ihm zuteilwurden! Durch die lange Sommerhitze waren die hölzernen Gebäude dermaßen ausgetrocknet, dass das dürre Sparrenwerk trotz des vorhergegangenen Regen­gusses jedem Funken Nahrung bot; dazu raste der Sturmwind immer heftiger in die heulende Glut hinein und schleuderte ein wirbelndes Meer von Brän­den und Feuerklumpen ringsum hoch in die Lüfte em­por. Der Kommandant ließ nun das Löschen des brennenden Hauses, welches ohnehin nicht mehr zu retten war, einstellen und beorderte die Mannschaft auf das Dach der Kommandantur und die zweite Baracke. Außerordentlich waren die Anstrengungen der wackeren Burschen, die teils mit Haken und selbst mit den bloßen Händen die wie ein Sternenregen un­aufhörlich niederfallenden Brände hinabzuschleudern hatten, teils das dampfende und rauchende Gebälk mit Fluten von Wasser überschwemmten, welches ihnen, nachdem die Fässer unter der Veranda geleert waren, direkt vom Wasserturm her zugeführt wurde. Der Major hatte sich auf den Wall begeben und schaute ernst und schweigend in die Flammen; aber das Herz tat ihm weh und in seinem Inneren sah es nicht so ruhig aus, wie in den Zügen seines Antlitzes. Je kälter er die Lage der Dinge beurteilte, desto schrecklicher stellte sich ihm die Gewissheit dar, dass Fort Wayne und seine tapfere Mannschaft verloren war, wenn nicht die nächsten Tage Entsatz brachten. Es entging ihm nicht, dass die Leute bereits aufs Äußerste erschöpft waren; zwar ließ er nun die Abteilung, welche den Wall besetzt hielt, die Löschenden ablösen und diese dagegen ihren Platz einnehmen, aber ein Blick auf die geschwärzten Gestalten mit versengten Kleidern, triefend von Schweiß und kaum imstande, sich auf den Füßen zu halten, ließ ihn mit Entsetzen erkennen, dass beim ersten Angriff in diesem kritischen Moment der Platz in die Hände des Feindes fallen müsse. Instinktmäßig wendete sich Murchinson um und schaute zum Lager hinab, dessen Hütten dann und wann, wenn die Flamme, den Rauch durchbrechend, hoch empor wirbelte, deutlich zu erkennen waren. Aber unten schien niemand das furchtbar schöne Schau­spiel bemerken zu wollen; schwarz und düster zog sich der Saum des Waldes am Horizont hin und wäh­rend der obere Teil des Bluffs, zur Tageshelle erleuchtet, jeden dürren Strauch, jeden Steinblock erkennen ließ, flogen weiter unten einzelne Streiflichter in glühend roten Tinten über die Ebene, jetzt auftauchend im grellen Glanz, jetzt wieder in schwarzen, gespensterähnlich einher stürmenden Schatten verschwindend.

»Die Baracke Nummer Zwei brennt! Wasser! ­Wasser! Äxte!”

Dieser Schreckensruf, obwohl jeden Augenblick vom Kommandanten erwartet, traf ihn dennoch wie ein Keulenschlag. Aus der vorderen Giebelecke des der Brandstätte gegenüberliegenden Gebäudes wirbelte eine weißliche Rauchwolke empor, immer dunkler sich färbend, immer breiter sich ausdehnend. Nun nahm sie einen rötlichen Glanz an; ein, zwei, drei Funken blitzten dazwischen und mit lautem Krachen die Verschalung sprengend, stürzte ein Flammenstrom heraus und überflutete, einer Sturzwelle gleich, in Ge­dankenschnelle das ganze Dach. Zwanzig schwarze Gestalten wurden sichtbar, wie sie fliehenden Gnomen ähnlich heruntersprangen in den Hofraum, der nun einem Höllenpfuhl glich, von zwei Seiten von einem Feuermeer umgeben, während auf der Kommandantur, vom Flammenschein angeglüht, das Sternenbanner noch stolz und prächtig in die grausige Nacht hinausflatterte.

»Alle Mannschaft auf die Kommandantur! Gut aufgepasst! Der Wind geht nach Süden und wir kön­nen vielleicht unser letztes Obdach retten!«, schrie der Major, dessen Stimme unter der Einwirkung seiner inneren Bewegung einen hohlen, grabähnlichen Klang annahm. »Sergeant Gregg, sagt den Frauen, sie sollen heraufkommen auf den Wall. Ich denke, sie werden jetzt an meine Ahnung glauben«, setzte er leise hinzu, »und wollte Gott, es wäre damit alles zu Ende!«

In diesem Augenblick näherte sich Lieutenant Gloomy, der beständig auf dem Wall die Runde gemacht hatte, mit hastigen Schritten dem Kommandanten. Seine abgespannten Züge boten das Bild verzweifelter Resignation. Ohne ein Wort zu sagen, fasste er den Major am Arm und führte ihn zu der Seite des Walles, welche dem Gebäude, wo das Feuer ausgekommen war, zunächst lag. Wie zermalmend musste die Kunde des Lieutenants sein, da er, der verkörperte Typus militärischer Etikette und Disziplin, den Kommandanten mit sich fortzog, als sei dieser ein Rekrut und nicht die höchste Autorität des Platzes!

Und in der Tat war das, was Gloomy und Murchinson zu schauen bekamen, niederschlagend genug, um alles andere vergessen zu lassen. Wir haben bereits erwähnt, dass die westliche Seite des Festungs­hügels sich ziemlich steil zum Harpeth River absenkte. Die doppelte Palisadenreihe lief infolge des unregelmäßigen Terrains daher nicht parallel, sondern im Zickzack und größere oder kleinere Zwischenräume einschließend bis zu dem Punkt, unter welchem der Harpeth sich mit dem Cumberland vereinigte. Die große Nähe des brennenden Gebäudes hatte es der Besatzung unmöglich gemacht, länger als höchstens fünf Minuten auf diesem Teil des Wallganges zu verweilen und Mr. Gloomy war darauf beschränkt gewesen, in kurzen Zwischenräumen einige Mann im Geschwindschritt den Raum beschreiten zu lassen, mehr in Rücksicht auf die Gefahr, die Palisaden in Brand geraten zu sehen, da man den Feind auf diesem besonders schwer zugänglichen Punkt erwartet hätte. Der Lieutenant war mit dem Major, nicht achtend der empfindlichen Hitze und des erstickenden Qualmes, der sich schwer und lawinenartig den Hügel entlang wälzte, bis zu einem Punkt vorgedrungen, wo der Wall einen scharf vorspringenden Winkel bil­dete und die ganze westliche Kurtine überblicken ließ. Noch immer schweigend deutete er in schräger Rich­tung zum Fluss hinunter. Dort schien eine end­lose, ungeheure Schlange dem Wasser zu entsteigen. In langen, vorsichtigen Windungen kroch es heran. Nahe schon den Palisaden teilte es sich, breitete sich aus zu hundert Köpfen und Zungen. Als nun der Sturm den Rauch der Feuersbrunst zerteilte und im selben Augenblick sein schwarzer Schlagschatten wie ein Vorhang von dem Talgrund weggerissen wurde, blitzten den starren Lauschern hundert Tomahawks und funkelnde Lanzenspitzen entgegen. Grimmige, schreck­haft bemalte Gesichter und bronzene Arme schienen ihnen Tod und rettungsloses Verderben entgegen zu drohen.

»Bei Gott, sie werden stürmen!«, murmelte der Kommandant mit zusammengepressten Zähnen, »und Fort Waynes letzte Stunde hat geschlagen. Hinter und um uns die Flamme, vor uns ein paar tausend Indianer – eine nette Situation! Was meint Ihr, Lieutenant?«

Gloomy fühlte die brennende Bitterkeit des Schmerzes nicht minder als der Kommandant. »Das Beste in der gegenwärtigen Lage ist«, sagte er, »dass keiner von uns und unseren Leuten den Fall der Festung überleben wird, um darüber zu wehklagen. Übrigens beginnt der Tag zu grauen und wenn wir nur ein paar Stündchen Widerstand leisten können, so dürfen wir hoffen, dann wenigstens für die nächsten zwölf Stunden unbelästigt zu bleiben.«

»Hierher, Korporal Jiggins! Das Geschütz vor! Alle Mannschaft herauf!«, schrie der Kommandant und schwang den Degen voll opferfreudiger Begeisterung in der Luft. »Lasst das Nest in Gottes Na­men brennen! Tennessee hat Bäume genug, um es wieder aufzubauen.«

Die erschöpften Kräfte der dem Ruf ihres ge­liebten Anführers schleunige Folge leistenden Besatzung schienen sich beim Erblicken des Feindes aufs Neue zu beleben. Ächzend und knarrend bog das Geschütz um die Ecke des Wallganges, von zwanzig Händen fortgestoßen, gerichtet und zum Abfeuern fertig gemacht. Obwohl die Glut die Rücken der Soldaten versengte und der qualmende Rauch sich erstickend über sie hin wälzte, bildeten sie dennoch längs der bedrohten Flanke so schnell und regelmäßig Reihe und Glied wie auf dem Exerzierplage. Als nun die Indianer, die nicht ferner auf eine Überrumpelung hoffen durf­ten, mit gellendem Geschrei sich auf die erste Palisadenreihe stürzten, spie ihnen das Geschütz krachend seinen Kartätschenhagel entgegen, dem ein so mörderi­sches Musketenfeuer folgte, dass sich die anstürmende Woge gebrochen zurückwälzte und der Abhang sich mit Toten und Sterbenden wie besät zeigte.

»Brav, Jungs! Jeder von euch verdiente Offizier zu sein!«, rief der Kommandant begeistert. „Nur noch ein halbes Stündchen haltet Stand und lasst Euch den Rücken rösten! Seht, da kommen Sie wieder herauf! Geladen fertig! Sie sind rasend, wie die Dämonen der Hölle!«

Wirklich stürmten die braunen Legionen noch­mals heran. Die Hoffnung, dass ihr schrecklicher Verbündeter, das Feuer, die todesmutigen Verteidi­ger des Forts trotz aller Anstrengung dennoch ihrer Rache in die Hände geben müsse, der Gedanke an Takannah, den sie von den Weißen ermordet wähnten, überwand ihre Scheu vor den Feuerwaffen in solchem Grad, dass sie ganz gegen ihre gewöhnliche Kampfes­art furchtlos den Abhang heraufkletterten – eine dichtgedrängte, heulende Masse, vor deren Anblick selbst die mutigsten Herzen erbebten.

»Drauf, Kanoniere!«, rief der Kommandant, »stopft das Geschütz bis an die Mündung voll Kartätschen, und wenn sie dennoch herankommen, werft sie mit Bajonetten und Kolbenschlägen hinun­ter, Musketiere!«

»In diesem Funkenregen können wir nicht mehr laden, Sir!«, sagte einer der Artilleristen mit trau­rigem Kopfschütteln. »Sobald wir den Protzkasten öffnen, fliegt Bruder Jonathan in die Luft und wir mit ihm.«

»Dann zurück mit dem Geschütz! Gottes Fluch über diesen Hiwassee, dessen feige Nichtswürdigkeit so brave Männer ins Verderben stürzt! Zielt gut, Leute; in fünf Minuten sind sie an den Palisaden.«

»Der schlimmste Feind ist früher da, als sie!«, sagte Korporal Jiggins. »Seht da, Komman­dant! Die Palisaden brennen!”

Und so war es wirklich. Ein flammender Bal­ken des Dachgiebels war, ohne dass die Besatzung es im Tumult des Angriffs bemerkt hatte, nach außen herübergestürzt und hatte im Nu die bereits von der Hitze gebräunten Palisaden in Brand gesetzt. Elektrischen Funken gleich hüpfte Flämmchen auf Flämmchen an den Pfählen hin und ehe wenig Minuten verflossen waren, zuckte ein Feuergürtel die ganze Flanke ent­lang, sodass die dem Tod geweihte Besatzung sich vorn und hinten von der Flamme eingeschlossen und ihrer letzten Schutzwehr beraubt sah.

»Nun es ist Gottes Wille!«, sagte der Kommandant mit erloschener Stimme. »Salve und dann zurück, Leute! Es wird bereits hell im Osten und uns bleibt nichts übrig, als das Fort zu verlassen und uns durchzuschlagen oder zu sterben. Immerhin ist der Tod im freien Feld besser, als hier jämmerlich zu verbrennen. Mr. Gloomy, wo sind die Frauen?«

»Wir sind hier, Bruder!«, antwortete ihm Bessy, die, gleich wie Mary mit einem Bündel beladen, sich durch die Soldaten drängte. »Denke nicht an uns, Sam! Wir haben keine Furcht und …«

Aber ihre bebende Stimme widersprach dieser Zu­sicherung; auch Mary war totenbleich, aber in den unbewegten Zügen ihres schönen Antlitzes und dem sanften Glanz der Augen lag eine Resignation, eine Ergebung in das Schicksal, die den Major nicht weniger rührte als die bange Verzweiflung seiner Schwester. Ein bitterer Quell stieg in seiner Brust empor; er vermochte kein Wort zu sprechen und fasste die Hände der beiden armen Frauen, während sein Blick sich gen Himmel richtete mit einem stummen Gebet an Gott für diese beiden teuren, schuldlosen Wesen. Inzwischen waren die Feinde, die beim Anblicke der brennenden Palisaden ein gellendes Jubelgeschrei ausgestoßen hatten, nahe genug gekommen, um ihnen den letzten tödlichen Gruß senden zu können, ehe die Festung geräumt wurde. Mit Äxten bewaffnete schwarze Gestalten stürzten vor, um die Palisaden niederzuwerfen und der Sturmkolonne eine Bresche zum Wall zu bahnen. »Feuer!«, kommandierte nun Murchison. »Jeder nehme seinen Mann – und dann links abmarschiert zum Pförtchen!”

In demselben Moment, als die Musketen sich entluden, schwankte das glühende Gebälk des Dach­stuhls der brennenden Baracke. Ehe ein Auge die drohende Gefahr bemerken konnte, stürzte das Gebäude krachend zusammen. Eine Flammensäule schlug fünf­zig Fuß hoch empor, Millionen Funken wirbelten um­her und in der grellen Beleuchtung des Brandes er­schienen die anstürmenden Feinde, wie gespenstige Bewohner des Schattenreiches aus ihren Tiefen auftau­chend, um die Lebenden mit sich hinabzureißen. Ihre ungeduldige Wut wartete nicht auf das Niederreißen der äußern Palisaden; mitten durch die Flammen sprangen sie, und als nun der Kommandant seinen Truppen den letzten Befehl zur Räumung des Walles gab und die wackeren Verteidiger sich halb tot, schwan­kend, aber dennoch in guter Ordnung und die Frauen in die Mitte nehmend, zum Pförtchen zurückzo­gen, schien es zweifelhaft, ob ihnen noch Zeit genug übrig bleiben werde, das Fort zu verlassen, oder ob sie nicht innerhalb des Flammengürtels unter den Tomahawks der jubelnden Indianer als Schlachtopfer bar­barischer Rache fallen würden.

Major Murchinson war der Letzte auf dem Wall. Zwischen der ersten und zweiten Palisadenreihe wogten und drängten die Stürmenden nach oben; ein Pfeilhagel und Flintenschüsse folgten der langsam ab­ziehenden Besatzung – verderblich genug in so großer Nähe, denn wohl ein Dutzend Leute stürzte getroffen zusammen. Da schien es dem Kommandanten, als gerate der wütende Schwarm plötzlich ins Stocken. Obwohl die Vordersten fortfuhren, die steile Böschung emporzuklettern und bereits so nahe waren, dass man das Weiße in den rollenden Augen erkennen konnte, so schwankte doch die große Masse eine Minute lang hin und her und hundert ausgestreckte Arme und rückwärts zum Fluss gewendete Köpfe verrieten deutlich, dass von dort her irgendein unerwartetes Hindernis im Anzug sei. Ehe Murchinson, den blitz­schnell der Gedanke an einen nahenden Entsatz wie ein Strahl himmlischen Trostes durchzuckte, ein Wort für das überschwellende Gefühl seiner Hoffnung finden konnte, hallte der scharfe Knall einer Büchse, wie es schien von dem jenseitigen Ufer des Harpeth River und im Rücken des Feindes, wie Seraphmusik in sein Ohr. Das war die Stimme einer echten Kentucky­rifle, die der alte Soldat unter tausend Flintenschüssen des Feindes herausgefunden hätte! Ein zweiter Knall erfolgte – und nun wuchs die Unruhe des Feindes und steigerte sich zum panischen Schrecken. Die Vor­dersten, die bereits mit ihren Beilen an den oberen Palisaden hämmerten, sahen sich plötzlich isoliert und folgten mit einem wilden Geheul ihren Gefährten, die anfangs langsam und dicht geschlossen, dann aber in wilder Flucht sich zur Umkehr gewendet hatten. Ein dritter Schuss krachte in größerer Nähe von unten her­auf. Trotz des wüsten Getümmels vernahm der Kommandant einen Ruf, der ihn mit Entzücken erfüllte ein lang anhaltendes Hurra! aus kräftigen Yankeekehlen!

»Halt! Keinen Schritt weiter, Jungs!«, schrie Murchinson begeistert und deutete mit geschwungenem Degen auf den abziehenden Feind. »Die Milizen sind in der Nähe! Noch einmal Feuer auf die Hunde, die uns so schwer gepeinigt haben!«

Die Soldaten teilten im vollen Maße die Hoff­nung und die Freude ihres Befehlshabers. Blitzschnell flogen die Ladestöcke in die Musketen, die erloschenen Augen belebten sich, die totmatten Glieder hatten ihre volle Spannkraft wieder und wie ein Hagelwetter prasselten die Kugeln in den dichten Haufen des Fein­des, der nun wie Spreu vor dem Sturmwind aus­einanderstob und mit lautem Wehgeschrei dem Tal zueilte.

Wieder ein Schuss von den ungesehenen Rettern, dann ein lautes Ho! Hoiho!, welches bereits in ziemlicher Nähe erklang und durch ein donnerndes Hierher, Kameraden! Hierher! von dem Komman­danten erwidert wurde.

Wie groß aber war das Erstaunen, wie nieder­schlagend die schmerzliche Enttäuschung, als nun um die Felsenecke, welche die Mündung des Harpeth in den Cumberland beherrschte, drei Männergestalten bogen, ihre Büchsen auf den fliehenden Feind abfeuerten und dann im schnellsten Lauf auf das Fort zustürmten. »Drei Mann!«, sagte Murchinson tonlos und zum ersten Mal fast entmutigt zu dem Lieutenant, »das ist eine verzweifelt geringe Verstärkung. Ich wünschte fast, sie wären unten geblieben; dann wäre jetzt vielleicht alles vorüber!«

»Drei Mann!«, wiederholte Gloomy und schnitt ein grimmiges Gesicht, »,drei Mann bei Jingo, darunter ein Schwarzer! Vielleicht Abgesandte vom Kongress, um unsere ordnungsmäße Skalpierung zu bezeugen!« Während er ein bitteres Lachens aufschlug, hatten die trotz ihrer ausgezeichneten Dienstleistungen so gering geschätzten drei Helden den Fuß des Walles er­reicht und wurden von der weniger undankbaren oder weniger nachdenkenden Besatzung mit einem lauten, freudigen Cheer! begrüßt.

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