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Last Order

Germaine Paulus
Last Order

Kurzgeschichten, Taschenbuch, The Dandy is Dead – Publishing House, Saarbrücken, Juni 2022, 276 Seiten, 15,90 EUR, ISBN 9783947652525, Cover: Stefan Hübsch

»Ich kenne Frau Paulus nicht«, gesteht Kult-Autor Christian von Aster im Vorwort. Leider ist er da nicht der Einzige.

Noch immer fliegt Germaine Paulus unter dem Radar; laufen ihre bisherigen Romane und Storys unter dem Label Geheimtipp. Und um eines direkt vorwegzunehmen: Das ist unerhört. Stellte die Mitbegründerin des Filmagazins Deadline mit den Romanen Pfuhl, Und die Moral und zuletzt Ohmacht ein treffsicheres Gespür für Ambiente unter Beweis, kombiniert mit einem Stil, einer Kaltschnäuzigkeit und nicht zuletzt einem Einfallsreichtum, der einerseits den Bogen zu den alten Noir-Haudegen spannt,  andererseits ein Gros der gegenwärtig und unter dem Label Crime agierenden Kollegenschaft die Zornes- wie Schamesröte ins Gesicht treiben sollte, erweitert Germaine Paulus’ erste Kurzgeschichtensammlung Last Order ihr persönliches Oeuvre auf beachtliche Art und Weise.

Schon beim Auftakt, der bitterbösen Geschichte namens Trizeps, fallen unweigerlich diverse Assoziationen in den Schoß des geneigten Lesers. Oder besser gesagt – Namen; als da wären Splatterpäpste vom Schlag eines Edward Lees oder Richard Laymons. Oder ein Chuck Palahniuk, wenn er die Schmerzgrenze übertreten hat. Doch bleibt es bei den Assoziationen, vergisst die Autorin in dieser fiesen Abrechnung mit den Schönheitsidealen, dem Beautywahn und der damit einhergehenden Dekadenz zu keiner Sekunde, dass Blut und Gekröse niemals reiner Selbstzweck sein dürfen, bevor der garstig-unerwartete Schluss einen von den Beinen reißt. Ein heftiger Einstieg – im absolut positivsten Sinn.

Apropos fiese Enden. Die beherrscht Germaine Paulaus meisterhaft – unter anderem – mit einer dargebotenen Konsequenz, bei der einem die Kehle kratzig wird. Gerade weil sie so eine verteufelt gute Erzählerin ist und weil sie weiß, wie man selbst alte Hasen hinters Licht führen kann, funzen diese bösen Kracher zum Schluss direkt eine Klasse stärker. Wer Frau Paulus bevorzugte Tageszeit, ihre Affinität für verrauchte Clubs und das Schimmern feuchter Pflastersteine im Nirgendwo zwischen Nacht und Morgen kennt, wird so manches davon wiederfinden. Literarisch lebt, schwitzt, lacht, fiebert und atmet sie im Kielwasser von Altmeistern wie David Lynch, David Cronenberg, Rod Serlings Twilight Zone; balanciert zwischen französischem Noir und italienischem Giallo, fürchtet aber beispielsweise auch das saarländische Hinterland nicht (Ding-Ding). Mit Ghostwalk ist ein Hybrid aus Eine Leiche zum Dessert und Hammer Horror vertreten, der klassischen Grusel mit der Moderne verbindet. Ein Hochgenuss. Der Reißverschluss ist eine gelungene Verneigung vor Kafka, illegale Hundekämpfe steigern sich zu einem Pandämonium à la Hieronymus Bosch, und eine Hexe hat Sorgen mit dem arg frühreifen Nachwuchs.

Unter anderem.

Selbst die – eigentlich – so arg ausgelutschten Zombies dürfen ran. Zweimal sogar. Dave‘s Special entpuppt sich sogar als bitterböser, die Fahne wehender Zahltag mit dem ach so unerschütterlichen American Dream. Romero hätte es geliebt.

Wäre das alles? Mitnichten? Da tummeln sich Psychopathen neben Voodoo-Priestern und Feen, Tentakeln neben lakonischen Schnüfflern und auch das Ende der Welt darf nicht fehlen. Germaine Paulus‘ Ideenreichtum und ihre Schlagfertigkeit suchen in dieser Form nicht bloß hierzulande ihresgleichen. Gewiss eine der stärksten Geschichtensammlungen der letzten Jahre und uneingeschränkt empfehlenswert. Schon allein, damit obige Aussage sehr bald der Vergangenheit angehört.

(tsch)