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Das Gespensterbuch – Zweite Geschichte

Das Gespensterbuch
Herausgegeben von Felix Schloemp
Mit einem Vorwort von Gustav Meyrink
München 1913

Das Totenschiff
von Pierre Mille

»Sie werden die Insel Pelée nicht umschiffen können«, sagte Barnavaur zu mir, »die Ebbe tritt ein.«

Der arme kleine Fischerkutter, der nur eine Bemannung von sechs Leuten hatte, kämpfte vergebens gegen den furchtbaren Nordost. Er vermochte nicht das große Fahrwasser zu erreichen; so versuchte er die Durchfahrt zwischen der Insel Pelée und dem Festland zu gewinnen, um auf diese Weise in den Hafen von Cherbourg zu gelangen.

»Sie können es geradesogut auf dem Landweg versuchen«, meinte Barnavaur, während der Wind uns um die Ohren sauste, »es ist doch kein Wasser da …«

Dann rief er: »Da haben wir’s! Um Gottes willen, sie sitzen fest.«

Das Boot stand plötzlich still, es hatte sich mit dem Vorderteil in den Schlamm festgerannt. Der Sturm fegte durch die rötlichen Segel, die diese unbeweglich gewordene kleine Eierschale nicht mehr vorwärtszutreiben vermochten. Dann riss ein heftiger Windstoß mit einem Schlag die sämtlichen Segel herab, zerriss sie in tausend Festen, die dann – wie es uns schien, lange – vielleicht eine Minute lang – und das ist eine lange Zeit – in der regenerfüllten bleifarbenen Luft umherwirbelten, ehe sie in das Meer fielen.

»Es ist ein Mann über Bord gegangen«, sagte ich gepressten Herzens.

»Er hat sich an das Ende des Mastes geklammert, der gebrochen ist«, fuhr Barnavaur fort. »Die anderen halten sich noch auf der Brücke. Aber das Boot wird in einer halben Stunde völlig zertrümmert sein. Und dann …«

Er brach ab. Man hatte von der Rettungsstation aus die Notlage des kleinen Fahrzeuges erkannt, ein Rettungsboot ins Wasser gelassen und dem Kutter entgegengesandt. Schon erkannte man die kräftigen Gestalten seiner sechs Insassen und ihres Patrons. Die braunen derben Fäuste, die der scharfe Sprühregen wie mit Nadeln stechen musste. An den Riemen saßen sie mit gekrümmten Rücken da und strebten unaufhaltsam ihrem Ziel zu. Mit so regelmäßigen Stößen kam das Boot näher, dass man hätte glauben können, diese braven Leute vollbrächten nur eine sehr leichte Arbeit, die ein jeder leisten könnte. Ich fing an zu schreien vor Begeisterung, Hoffnung und auch vor Stolz. Wenn man andere Menschen eine viel Mut heischende kühne Handlung ausführen sieht, wird jeder Zuschauer stets von einem seltsamen Gefühl des Stolzes erfüllt. Man glaubt beinahe selbst Teil an der Tapferkeit der anderen zu haben.

Barnavaur sagte: »Nun, das ist ein Manöver, was? Sie haben kaum zwei Minuten gebraucht, um das Boot herabzulassen.«

Es gibt gewiss nichts Schöneres, gibt auch nichts Schwierigeres, als alle Riemen gleichzeitig und auf gleiche Länge so schnell wie möglich, aber doch mit Sicherheit einzutauchen, sodass man die See gut halten kann.

Ich hatte nur noch Augen für das, was sich auf dem Wasser zutrug, auf diesen enormen sich heranwälzenden Wellen, die dennoch oben platt erschienen, als ob der Wind, nachdem er sie aufgewühlt hatte, sie wieder zu erdrücken versuchte. Das Boot folgte seinen Weg. Wie auf einer stillen Pfütze die Beinchen eines Wasserinsektes, das genau weiß, wohin es will, und seinem Ziel zustrebt, so bewegten die Riemen sich durch die empörten Fluten. Dann hielten sie plötzlich an, man fischte den über Bord gefallenen Menschen auf.

Einige Sekunden später hielt das Boot zum zweiten Mal. Es nahm die Mannschaft des Fischerkutters an Bord. Gerettet! Sie waren gerettet! Das Boot änderte den Kurs, es wandte sich und fuhr in der Richtung auf Cherbourg zu. Ich klatschte in die Hände.

Die klaren Augen Barnavaur lachten vor Freude. Als einfacher Mensch sagte er dann gleich: »Darauf müssen wir einen guten Schluck hinter die Binde gießen! Kommen Sie, wir wollen in den Keller der feinen Leute gehen, der gleich am Hafen liegt. Und wenn dann die Mannschaft des Rettungsbootes landet und an uns vorbeikommt, müssen wir mit ihnen anstoßen. Bei Gott, sie hat es verdient.«

Nachdem sich Barnavaur ein großes Glas mit Nägelchen und Zitronenscheiben gewürzten glühend heißen Rotwein zu Gemüte geführt hatte, sagte er: »Ich war einmal Zeuge einer anderen Rettung, aber die Schiffbrüchigen, um die es sich damals handelte, waren Gespenster. Ich erinnere mich der ganzen Geschichte sehr wohl. Es ist nun mehr als zehn Jahre her, aber mir ist, als sei es erst gestern gewesen. Ich hatte zu jener Zeit lange im Hospital von Mavatane in Madagaskar gelegen. Dann befand ich mich in der Rekonvaleszenz, man hatte mich zu meiner Erholung nach Majunga geschickt und dem Grenzaufseher Plévech als eine Art von Gehilfen überwiesen, um doch etwas Nutzen von mir zu haben. Nun, Plévech war ja so wenig Seemann, wie ich selbst, er war Zollbeamter, aber man hatte ihn nichtsdestoweniger damit betraut, darüber zu wachen, dass kein Schmuggelhandel mit Pulver zwischen Berovine und Maintivane getrieben werde.

Es ist wahr, dass die hindostanischen und arabischen Kaufleute von Sansibar bis vom anderen Ende der Welt kommen, um den Sakalaven Pulver zu verkaufen, aber ich erkläre, dass es mir völlig unverständlich ist, wie Plévech es hätte fertig bringen sollen, dies mit seinem armseligen, schlechten Boot und seinen in Majunga aufgelesenen vier eingeborenen schlechten Matrosen zu verhindern. Ich vereinigte in meiner Person die Marinefüsiliere, die Landungstruppen und die ganze militärische Macht. Im Grunde war das auch völlig hinreichend, weil wir niemals einen Feind gesehen haben. Es war ebenso eine Idee der Verwaltungsbehörde, und diese darf man niemals kritisieren.

Ach, war das eine drollige Seefahrt? Die Jahreszeit brachte es mit sich, dass wir die ganze Zeit über Windstille hatten.

Plévech und ich, wir wussten beide oberflächlich, dass es ein Bootsmanöver gibt, das man kreuzen nennt und das dazu dient, ein Segelboot selbst bei Gegenwind vorwärtszubringen.

Unsere sakalavischen Matrosen verstanden kaum mehr als wir und ließen uns außerdem gewähren – aus Achtung vor dem überlegenen Geist des weißen Mannes.

Also, wir fuhren ab. Wir holten die Schoten, erst rechts, dann links an, auf gut Glück, um zu sehen, was daraus würde. Viel Erfolg hatten wir nicht damit. Manchmal füllte der Wind die Segel etwas, dann ließ er sie wieder killen, wie eine Frau, die ihr Kleid aufnimmt, es dann wieder fallen lässt und weitergeht.

Unser Fahrzeug bewegte sich langsam vorwärts, es drehte sich dann, fuhr wieder zurück, wiederholte denselben Weg in schleifenförmiger Fahrt, da wir es nicht zu leiten verstanden. Wir fuhren immer möglich dicht am Ufer entlang, aus Furcht, es zu verlieren. Abends warfen wir regelmäßig nahe am Land Anker, um in unserm Boot zu essen und zu schlafen. Ich nannte das im Biwak sein. Da machten wir sehr oft die Entdeckung, dass wir zurückgetrieben waren, anstatt voranzukommen. Dann steckten unsere Sakalaven die Köpfe zusammen und nannten uns Machicoures, was in ihrer Sprache so viel wie Bauern bedeutet und folglich für richtige Seeleute eine ehrenrührige Bezeichnung ist. Aber da wir keine Seeleute waren, ließ uns diese Beleidigung vollkommen kalt.

Oh, jene schönen, goldenen Tage! Sie sind die glücklichsten meines Lebens gewesen. Um sie so recht zu genießen, erwachte ich schon in aller Frühe; dann leuchtete der schöne Morgenhimmel in orangener und goldfarbener Pracht. Die Stocklaterne unseres Bootes vor uns brannte noch, aber sie verblasste vor der Helle der aufgehenden Sonne. Unser schwarzer sakalavischer Steuermann lehnte in gleichgültiger Haltung im Hintergrunde des Bootes, seine Hand ruhte auf dem Steuer.

Fast überall zogen sich Korallenriffe vor der Küste her, die wieder von dem eigentlichen Festland durch große Lagunen stillen Wassers getrennt waren. Diese Korallenriffe waren oft von einer vollkommen gleichen Höhe und gewannen dadurch das Aussehen von Eisenbahndämmen. Das zwischen ihnen und dem Land liegende Meer machte den Eindruck eines Kanals. Das Geräusch der Wogen, die an dem Riff anprallten, leistete uns Gesellschaft und verscheuchte die Langeweile, obwohl es manchmal uns auch in den Schlaf lullte. An der anderen Seite der Lagune war das feste Land. Wir erkannten von ferne ein großes, sich weithin erstreckendes Plateau. Am Horizont zeichnete sich deutlich die Silhouette großer blühender Bäume ab, Bäume mit weißen, mit malvenfarbigen und gelben Blüten. Der Boden darunter war mit üppigem Grün bedeckt und überall entdeckte das Auge eine Art kleiner Höhlen und Grotten, die in dieses Grün eingegraben schienen und wie Kristall leuchteten. Ich kann Ihnen das nicht recht erklären, ich verstehe mich nicht darauf, etwas in Worten zu schildern. Aber weit und breit gab es keine Menschen: nichts als Ratten, Krabben, Blumen, Vögel, auch Bienen. Und die Vögel zwitscherten, um sich zu amüsieren, nicht aus Furcht.

Aber das Wasser, vor allem das Wasser innerhalb dieser Lagunen! Es war so klar, dass man den Grund bei einer Tiefe von fünfzehn bis zwanzig Meter ganz deutlich erkennen konnte. Der ganze Meeresboden war mit Korallenbäumchen besetzt, die violett, grün und rosa schimmerten, und dazwischen sprangen, tanzten, spielten unzählige vielfarbige Fische im klaren Wasser, das beinahe so leicht wie die Luft war. Man sah dort Fische der verschiedensten Art, große und kleine, gestreifte und mit Flecken besäte. Einige waren mit Stacheln besetzt, andere sahen aus wie Kolibris und wieder andere hatten einen richtigen gebogenen Schnabel wie die Papageien. Auf dem Meeresboden lagen große, weit geöffnete Austern, die wie Perlmutt schimmerten, blaue Kammmuscheln, spiralförmig gedrehte rosa Muscheln und kleine, ganz rote Korallen. Aber es gab auch wilde Raubfische dazwischen, die den Frieden störten und den anderen nachstellten, sie jagten und vertrieben. Ich erinnere mich sehr wohl einer Nacht, wo ich durch den malgassischen Ruf Ein Haifisch! aus meinem Schlaf erweckt wurde. Dann sah ich beim hellen Licht des Mondes, wie einer unserer eingeborenen Matrosen, dessen Kinnladen wie eine Schnauze gebildet waren, sich, mit einem Dreizack in der Hand, tief über die Brüstung unseres Bootes beugte.

An anderen Stellen der Küste gab es keine Lagunen. Dort war das Land von den Seestürmen verwüstet und glatt abrasiert worden, oder auch deshalb vollkommen unfruchtbar und beinahe nackt, weil keine Flüsse hier mündeten. Da war alles öde und leer, kaum dass sich hier und dort zwei oder drei magere Palmbäume erhoben, die aussahen wie ein paar mit Strünken umwundene alte Besenstiele.

Wenn wir an diesen öden Gegenden vorbeikamen, dann lachten Plévech und ich und spotteten über eine solche Landschaft. Wir waren weder verrückt noch betrunken, es war die reine Freude darüber, dass wir beide so lebensfrisch und frei dahinfuhren und dass wir sicher wussten, dass wir bald ein anderes irdisches Paradies, andere natürliche Aquarien wieder finden würden.

Das Einzige, was wir uns nicht zu erklären wussten, war, dass unsere Eingeborenen immer bedeutend zufriedener erschienen, wenn es keine Korallenriffe, weder Lagunen, Aquarien noch irdische Paradiese gab. Es war nicht die Furcht, daran zu zerschellen, denn das Wasser hatte immer wenigstens zwei Faden Tiefe, viel mehr, als wir brauchten. Unsere erste Erklärung dafür war die, dass diese Leute unbedingt Schwachsinnige sein müssten; für dumm halten wir ja gewöhnlich die Menschen, die wir nicht verstehen. Später aber erzählte uns einer unserer Leute, ein gewisser Rainebonze, der ziemlich geläufig Französisch sprach, dass es mit diesen Riffen eine ganz besondere Bewandtnis habe. Man glaube nämlich, dass sie der Aufenthalt und Wohnort von Zauberern und Matoutouas seien. Matoutouas, so nennen die Eingeborenen die abgeschiedenen, ruhelosen Geister derer, die eines im Leben begangenen Verbrechens wegen verdammt sind, ruhelos umherzuirren. Schlimmer und viel gefährlicher noch als diese seien aber jene schrecklichen gespenstischen und menschenfressenden Wesen, die man Kinouly nennt. Ich erkannte aus dieser ganzen Erzählung, dass unsere Matrosen nicht nur abergläubisch, sondern auch wirklich etwas schwachköpfig seien. Eines Morgens verkleidete ich mich mithilfe eines alten Segels in einen Matoutoua, um sie zu erschrecken. Aber Plévech war mit diesem Scherz durchaus nicht einverstanden. Er sagte mir nachher, dass seine Eltern auch an alle mögliche Arten von Werwölfen glaubten und dass er es nicht vertragen könne, wenn man über solche Dinge scherze.

Er glaubte außerdem, dass ein solcher Spott unfehlbar Unglück nach sich zöge, obwohl er mir das nicht eingestand. Am Abend desselben Tages warfen wir unseren Anker in einem der Kanäle, die zu einer Lagune führten. Wir hatten uns den ganzen Nachmittag über regelrecht gelangweilt. Ich erinnere mich auch, dass es sehr heiß gewesen war. Wir waren beide so müde, dass wir kaum ein Wort miteinander wechselten. Selbst das Mittagsmahl und der Absinth, den wir uns zu Gemüte führten, vermochte nicht unsere Stimmung zu heben. Da geschah es, dass wir beide ganz plötzlich von einer völlig grundlosen, übernatürlichen, außerordentlichen und beinahe erschreckenden Freude erfüllt wurden. Haben Sie jemals Opium geraucht? Die Wirkung davon ist eine so seltsame: Man fühlt sich leicht und immer leichter werden, es ist, als ob man keinen Körper mehr hätte. Ich kann den Zustand, in dem wir uns plötzlich befanden, nur mit dem vergleichen, in den uns der Opiumrausch versetzt. Plévech sagte: »Sind wir denn plötzlich auf einen Berg versetzt? Es ist, als ob die Luft nicht mehr auf mir laste, mir ist, als ob ich mich mehr als zweitausend Fuß über dem Meer befände. Fühlst du nicht, wie frisch es auf einmal geworden ist?«

Ich antwortete ihm: »Gewiss atme ich die köstliche Kühle. Aber zugleich empfinde ich einen wunderbaren Duft, den Duft der Heimat, den Duft Frankreichs.«

»Ja«, sagte er, »es ist der herrliche Duft unseres Heimatlandes, der Duft, der unbeschreibliche, der im Sommer unseren Feldern und Wiesen nach einem tüchtigen Gewitter entsteigt. Was ist das, was kann das sein? Und sieh nur, was bedeutet das? Unsere dummen Schwarzen scheinen sich zu ängstigen.«

Ja, sie hatten Angst. Sie blickten auf das Wasser, das ganz plötzlich eine dunkelgrüne Färbung angenommen hatte, wie ich sie nie vorher beobachtet hatte. Es gibt Menschen, deren Augen dunkel werden, wenn sie in Zorn geraten: Das war es. Und dann sahen unsere Leute angstvoll zum Himmel auf, der erschien völlig wolkenlos und es regte sich kein Lüftchen. Aber von Westen her verbreitete sich schnell eine seltsam kupferfarbene Stimmung, etwa in dem Ton eines schlechtgescheuerten Kessels, zugleich schmutzig und doch leuchtend.

»Ist es nicht wunderbar, dass es immer kälter wird«, sagte ich zu Plévech. »Ich friere.«

Mitten im Kanal von Mosambik wurden wir von einer sibirischen Kälte überrascht. Aber ehe Plévech mir antworten konnte, wurde er von unseren vier Sakalaven beinahe umgerissen. Sie stürzten sich an die Geitaue, refften die Segel, fierten die Raaen weg, bargen, was nur zu bergen war. Im selben Augenblick hörte ich die heiseren Rufe einer Schar von Möwen, die dem Land zu flohen, dann war es, als ob von allen Seiten des Himmels ein langer, banger Klageton einsetzte. Das war der Wind, der plötzlich über das Meer brauste.

Mit unerhörter Schnelligkeit, viel rascher als die Lokomotive eines Expresszuges, jagte der Sturm heran. Das aufgepeitschte Meer schrie unter seiner Geißel, ja, ich schwöre Ihnen, dass er wirklich laute jammernde Klagetöne ausstieß. Jenseits der Riffe aber türmten sich schon die Wogen übereinander, wie Häuser bei einem Erdbeben.

Nun verstand ich, es war ein Zyklon, einer jener schrecklichen Stürme des Indischen Ozeans, die eine solche Gewalt haben, dass sie zuweilen ganze Schiffe aufheben und eine halbe Meile weit in das Innere des Landes tragen. Im ersten Augenblick wollte ich über Bord springen und versuchen, das Felsenriff zu erreichen. Aber Plévech hielt mich zurück.

»Wozu?«, meinte er. »Es hat keinen Zweck, denn die Wogen gehen darüber hin. Es ist am besten, zu bleiben, wo wir sind. Diese Lagune ist wie ein Hafen, der uns immerhin einigen Schulz gewährt.«

Die Sakalaven, die alle wie die Fische schwimmen, schienen derselben Ansicht zu sein. Sie hatten sich flach mit dem Gesicht nach unten auf den Boden des Schiffes nieder­gelegt und rührten sich nicht.

Nur Rainebonze, der Französisch sprach, erhob den Kopf ein wenig und sagte: »Es ist die Nacht der Toten! Sie kehren wieder.«

Plévech, der seit seiner ersten Kommunion nie mehr eine Kirche betreten hatte und der die Broschüren des Allgemeinen Arbeitervereins las, bekreuzigte sich, als er diese Worte hörte. Rainebonze jedoch bekreuzigte sich nicht, er kroch an den kleinen Stall, in dem wir einige Hühner mit uns führten, nahm eine Henne, trennte ihr mit einem Messerschnitt den Kopf vom Hals und ließ dann ihr ganzes Blut in das Meer tropfen.

Plévech schien mit dieser Handlung durchaus einverstanden zu sein, er machte sich Zeichen auf der Brust mit dem Blut der Henne. Es war, als ob er, plötzlich von atavistischen Neigungen erfasst, längst vergangener Zeit angehöre.

Unser Boot lag eng an die Riffe gedrückt, wie ein Sperling, der sich zwischen einem Dach und einem Schornstein verbirgt. Der Zyklon jagte auch glücklicherweise über uns weg, so klein war unsere Nussschale. Ein größeres Boot, das ihm mehr Spielraum geboten hätte, würde unfehlbar verloren gewesen sein. Dabei war das Wehen dieses Zyklons kein Wind im gewöhnlichen Sinne des Wortes! Es war ein Wirbelsturm: Die Luft drehte sich unablässig um uns herum, das Wasser drehte sich unter uns, drehte und drehte sich immer in wilderen Kreisen, es wurde aufgerissen bis in seine tiefsten Tiefen. Die auf dem Meeresboden wachsenden Korallenstämmchen, die Muscheln und Felsen wurden emporgerissen und jagten in tollem Wirbel umher. Dann, ganz plötzlich, beruhigte sich der Wind, die Luft erschien von einer beinahe unmöglichen Unbeweglichkeit, während die Wogen immer noch im Wirbeltanz dahinrasten.

Ich sagte: »Wie hell es auf einmal wird?«

Wir befanden uns mitten in einer schrecklich dunklen, tief herabhängenden Wolkenschicht, aber darüber, hoch über uns, war der Himmel hell, ganz unwahrscheinlich klar und hell geworden. Man sah Sterne, die das menschliche Auge sonst nie erblickte. Es scheint, dass das immer so ist, wenn man in das Zentrum eines Zyklons geraten ist. Und diese stillen Sterne, diese Sterne, die so hoch über uns leuchteten und unser zu spotten schienen, warfen ihr helles Licht über die aufgeregten Wogen. Und in dem Augenblick, genau in dem Augenblick, hörte ich die Stimme Rainebonzes.

»Die Matoutouas! Das Totenschiff der ruhelosen Seelen.«

Er warf sich entsetzt mit dem Gesicht nach unten auf den Boden unseres Schiffes hin. Und dann sah ich mit eigenen Augen die große Piroge, das Schiff der Toten! Sie werden es nicht glauben, dass Schiffe, die untergegangen und die seit undenklicher Zeit auf dem Grund des Meeres gelegen, plötzlich wieder aus den Fluten auftauchen können! Ich aber habe in jener Nacht gesehen, wie ein Schiff aus den tiefsten Tiefen des Wassers emporstieg und langsam dahinglitt. Es war ein großes Schiff, das seine Masten verloren hatte, nur auf dem Hinterdeck erhob sich noch der Stumpf eines Mastes, der beinahe wie ein kleines Haus aussah. Es war überdeckt von Korallen, großen Muscheln und Steinen, die sich in dem dichten Gewirr von Seetang angelegt hatten, der alles überspann. Und dazwischen huschten große Krabben, die wütend schienen, aus ihrer gewohnten Ruhe gerissen zu sein, platte Fische, die hoch emporsprangen und in das Meer zurückfielen, Würmer, schrecklich sich hin und her windende rosa und weiße Würmer, so lang wie mein Arm! Und dann … dann … die Matoutouas! Durch die großen Lecke des Dreimasters, der vielleicht vor mehr als drei Jahrhunderten Schiffbruch erlitten hatte und versunken war und der nun wie durch ein Wunder wieder auftauchte, flossen unablässig Ströme schmutzigen Wassers, die von der einen Seite eindrangen, um von der anderen wieder abzulaufen und die sich wieder und immer wieder erneuten. Dann sahen wir deutlich, wie diese Wasserströme ein Skelett mit sich führten, ein an den Fußknöcheln mit Ketten gefesseltes Skelett, das einen Augenblick nur auf dem Deck zu ruhen schien, dann von den nachdrängenden Wogen gepackt wurde, sich überschlug und in das Wasser zurückstürzte. Diesem Skelett folgte ein anderes und noch eins und wieder eins: eine ganze Kaskade von Skeletten und alten verrosteten Eisenketten. Ab und zu glitten große Krabben darüber hin. Langsam und wie ein überlasteter Wagen hin und her schwankend, näherte sich der Dreimaster den Klippen. Bei jeder Woge, die ihn auf ihren Rücken nahm, wogte das Wasser, das in den Schiffskörper gedrungen war, von vorne nach hinten und drängte gegen die verfaulenden Wände, von denen große Stücke abfielen und neue Lecke entstehen ließen, aus denen ungezählte, mit alten Ketten beladene Skelette getrieben wurden. Trotz alledem folgte das Fahrzeug unaufhaltsam seinen Weg, den Klippen entgegen – und direkt auf uns zu!

Nun stieß sein Kiel auf den Felsen an, riss sich noch einmal los, um gleich darauf mit gewaltigem Anprall so heftig gegen die Riffe anzufahren, dass es diesen einen lauten, feierlichen Klang entlockte, der wie das Läuten einer Glocke weit über das Meer hin tönte. Dann aber versank das Schiff mit unerhörter Geschwindigkeit.

Das Achterdeck blieb etwas länger über Wasser und man konnte deutlich darauf die weit geöffneten Kajüten erkennen. Der Anblick erinnerte beinahe an jene Wohnungspläne, die man öfter in Zeitungen abgebildet sieht, die das Innere von Etagen mit den Möbeln und den Bewohnern darstellen. Möbel? Man sah einige von Seetang und Korallen überwucherte alte Kanonen und ein langes, kofferähnliches Ding, das vielleicht früher einmal eine Koje gewesen war. Dabei verschiedene seltsame rostzerfressene metallene Instrumente. Mitten in diesem Raum lag sein Bewohner, ein Mensch, den ein herab­gefallener Balken erschlagen und alle Knochen zerquetscht hatte. Und zwischen all diesem Grauenhaften krochen, drehten und wanden sich diese scheußlichen Würmer, die in dem schmutzigen Wasser untertauchten, wieder hervorkamen und ihre ekligen blinden Köpfe hin und her bewegten.

Wie lange das dauerte? Ich weiß es nicht! Vielleicht nur eine kurze Zeit. Nach dieser schrecklichen Windstille hatte der Sturm neu eingesetzt. Der Rest dieses gespensterhaften Schiffes – das, allen Gesehen der Natur Trotz bietend, nachdem es untergegangen und jahrhundertelang auf dem Meeresgrund gelegen, nun plötzlich mit einer Besatzung von an Ketten geschmiedeten, mit Seetang behangenen Toten wieder auftauchte – der Rest dieses unheimlichen und grauenerregenden Fahrzeuges war in Stücke zerschellt, die von den Wogen weggetrieben wurden. Es gelang uns jedoch noch, die Gallionsfigur aufzufischen, die zu der Zeit, als der Dreimaster noch ein Schiff gewesen war, statt eines schreckenerregenden Spukes, den Bug geziert hatte. Ich glaube, dass es die Figur einer heidnischen Göttin dargestellt hatte – vielleicht war es auch eine Heilige. Es ließ sich nicht mehr feststellen. Der Sturm oder das Alter hatten ihren ganzen unteren Teil völlig zerstört, Pfahlmuscheln hatten ihren Kopf zerfressen. Zwei zernagte Brüste, eine Höhlung an Stelle des Halses und eine auffallend große Nase waren zufällig erhalten geblieben. Die Augen waren vollständig vernichtet. Es konnte ebenso gut das Bild einer Eule, wie das einer Frau sein. Ich finde, dass es gleichermaßen komisch und tragisch ist, dass die Zeit den Statuen ebenso übel mitspielt, wie sie es den Frauen tut: Es ist das wirklich Furcht erregend …

Plévech, der vor Angst halbtot war, schwor darauf, dass er ähnliche Holzbilder in den Kapellen seiner Heimat gesehen habe, während Rainebonze behauptete, dass die Zauberer seines Landes solche Figuren in dem Inneren der Gräber aufsetzten.

Plévech wiederholte fortwährend: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!«

Und Rainebonze, der einmal in der Kirche von Majumba gewesen war, fügte stets ein frommes Amen hinzu. Dann aber gab er sich sofort eifrig daran, ein Sikidy, das heißt, ein Zaubermittel zu bereiten. Er tötete unter allerlei Zeremonien eine zweite Henne. Und Plévech achtete genau auf jede seiner Gesten, um sie auf das Gewissenhafteste nachzuahmen, denn obwohl er bange war, dass die Religion Rainebonzes doch vielleicht nicht die ganz richtige sei, zweifelte er gleichzeitig auch daran, ob die der Christen besonders gut gegen die bösen Geister sei.

Was mich betrifft, so wagte ich es nicht nachzudenken. Erst drei Tage später, nachdem sich das Meer vollständig beruhigt hatte, fragte ich Rainebonze: »Was hat es für eine Bewandtnis mit dem Schiff der Matoutouas?«

Rainebonze sah mich mit ernster, sehr stolzer Miene an und sagte dann: »Es waren Sklaven, nur Sklaven. Die ganze große Piroge war mit Sklaven befrachtet. Sie waren für Bourbon bestimmt. Sie waren alle mit Ketten gefesselt. Die Weißen hatten sie in Madagaskar geraubt. Aber Madagaskar wollte seine Kinder nicht hergeben und die Schatten dieser Unglücklichen haben das Meer bis zu seinem Grund aufgewühlt. Das versunkene Schiff, das ihre Knochen barg, ist noch einmal aus dem Grund aufgetaucht, um an den Klippen zu zerschellen. Die Schatten haben sich dann ihrer Knochen bemächtigt und sie in ihr Vaterland zurückgeführt.«

Ich verstand, was er sagen wollte. Vor zwei oder drei Jahrhunderten hatten Sklavenhändler in Madagaskar eine große Zahl von Negern entführt, um sie in Bourbon als Sklaven zu verkaufen. Der Sicherheit wegen hatte man die armen Teufel an Ketten gelegt. Als dann das Schiff durch einen Zyklon an die Felsen geworfen wurde und unterging, ertranken diese unglücklichen Neger, ohne einen Rettungsversuch machen zu können, kläglich wie die Ratten. Nun, nach drei Jahrhunderten gaben die Fluten ihre Skelette zurück und schwemmten sie an das Land, in dem ihre Voreltern und Söhne begraben waren.

Ich unterbrach Barnavaur.

»Aber der Dreimaster? Wie geschah es, dass auch dieser Dreimaster aus den Fluten auftauchen konnte?«

»Weiß ich es?«, antwortete Barnavaur. »Vielleicht haben die durch den Zyklon entstandenen großen Wirbelstürme ihn vom Grund losgerissen. Vielleicht hatten sich auch im Schiffsraum Gase gebildet, die nach oben strebten? Und endlich … was geht es mich an? Ich habe das Totenschiff gesehen mit … mit eigenen Augen gesehen.«

In diesem Augenblick kamen die Matrosen des Rettungsbootes an uns vorüber. Sehr ernst und ruhig schritten sie daher, nur ihre Augen leuchteten in jenem übernatürlich hellen Glanz, wie er Menschen eigentümlich ist, die mit ganzer Kraft gegen eine Gefahr gekämpft haben und als Sieger aus diesem Kampf hervorgegangen sind. Barnavaur redete sie an und forderte sie auf, ein Glas mit uns zu trinken. Sie nahmen die Einladung gern an und setzten sich nach freundlichem Gruß zu uns. Ich teilte ihnen dann mit, was Barnavaur mir eben erzählt hatte.

»Ich weiß nicht, ob das wahr ist«, bemerkte der Bootsmann, »aber als ich einst mit dem Sperber im Pazifik fuhr, da geschah es auch, dass in der Nähe von Santiago plötzlich, während einer stürmischen Nacht, eine kleine Galeasse aus den Fluten auftauchte, die vor, Gott weiß wie langer Zeit, Schiffbruch erlitten und auf dem Grund des Meeres gelegen hatte. Es ist uns gelungen, dieses Schiff zu sichern. Es befindet sich jetzt irgendwo in einem Museum. Das ist gewiss, dass der Schoß des Meeres Dinge, viele Dinge birgt, die so wunderbar sind, wie die Fantasie der Menschen sie nicht zu ersinnen vermöchte.«

Ich widersprach ihm nicht, da ich in Zéilah selbst einen Mann kennen gelernt habe, der die Sirenen gesehen hat.

 

 

Als nächste Geschichte dieses Buches erscheint

Der Sandmann

von E. T. A. Hoffmann