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Der Detektiv – Band 24 – Der Einsiedler von Tristan de Cunha – Teil 2

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 24
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der Einsiedler von Tristan de Cunha

Teil 2

Nun hatte ich endlich Gelegenheit, Harald zu fragen: »Was soll dies alles? Wenn du mir je unverständlich warst, so ist es jetzt!«

»Aber lieber Alter! Unverständlich? Hast du denn gar nichts bemerkt? Ist dir an Mankay nichts aufgefallen?«

»Nichts! Er war nur eben sehr erregt.«

»Stimmt! Zu erregt für einen Menschen, der – doch nein. Ich will dir den Spaß nicht verderben. Warte ab. Mankay wird sehr bald hier erscheinen und wird schnauben, weil wir die Frechheit besitzen, uns zu unterhalten. Er soll hier erscheinen.«

Da hörten wir schon das Öffnen der Türriegel.  Mankay trat ein, rief grimmig und wild mit der rechten Hand uns drohend: »Werdet ihr Schufte wohl das Unterhalten bleiben lassen. Ich begreife nicht, dass man euch nicht jeden in eine Zelle gesperrt hat! Ich …«

»Mankay!«, fiel ihm Harst leise, aber mit Nachdruck ins Wort. »Thomas Mankay, kommen Sie näher. Ich will Ihnen – nur Ihnen – mitteilen, wie wir es angestellt haben, dass Palperlon entwischen konnte.«

Mankay wurde neugierig, verschloss die Zellentür und setzte sich auf das eiserne Bett Harst gegenüber. Er freute sich offenbar, nachher seinen Direktor mit Harsts Beichte überraschen zu können.

In der Zelle brannte unter der Decke eine einzelne elektrische Birne. Mankay hatte aber noch der Vorschrift gemäß eine Laterne mit, die er nun so stellte, dass ihr Lichtschein ihn und Harst gleichmäßig traf.

Dass der Aufseher vor Harst sehr auf der Hut war, merkte man ihm an. Er hatte seinen Dienstrevolver gespannt in der Rechten und den Finger am Abzug.

Harst beugte den Oberkörper weit vor, flüsterte: »Mankay, Palperlon hatte mir zehn Millionen in Gold versprochen, wenn ich dafür sorgte, dass ihm die Flucht ermöglicht wurde.«

Der Aufseher rief ungläubig: »Zehn Millionen? In Gold?«

»Ja!«

Mankays Augen beobachteten Harsts Gesicht unablässig. Er wollte feststellen, ob dieser ihn wohl nur zum Narren hielte.

»Ja – zehn Millionen! Das Gold liegt in einem Versteck unweit Kapstadt«, fuhr Harst in seiner Lügengeschichte fort, deren Zweck mir völlig unerfindlich blieb. »Palperlon sagte mir, das Versteck sei ein hohler, sehr alter Affenbrotbaum unweit einer Farm an der Bellmont-Bucht. Er sagte mir weiter: »Sie müssen schlafen – fest schlafen, wenn Sie beweisen wollen, dass Sie schuldlos sind. Ich will, dass Sie schlafen, Mankay! Ich will es! Schauen Sie mir in die Augen! Sie sollen jetzt die Lider schließen. Ich befehle es!«

Und Mankay gehorchte.

Ich wusste jetzt Bescheid. Dieser Mankay war ein gutes Medium für hypnotische Beeinflussung; er war nervös, willensschwach wie viele, die lange in den Tropen gedient haben.

Kurz darauf hatte Harst den Aufseher fest eingeschläfert, erteilte ihm nun verschiedene Befehle, zunächst zur Probe, die der Hypnotisierte ganz so ausführte, als befände er sich in normalem Zustand.

Dann ging Harst einen Schritt weiter und verlangte von Mankay, uns genauso zu befreien, wie er dies bei Palperlon getan hätte.

Wie Mankay diese Flucht ahnungslos ermöglicht hatte, erlebten wir nun mit allen Einzelheiten. Der Aufseher verließ die Zelle, kam nach etwa fünf Minuten zurück, nahm uns die Fesseln ab und führte uns in eine Vorratskammer, wo er uns einschloss. Wieder nach etwa fünf Minuten (inzwischen hatte er seinen Kollegen im unteren Stockwerk unter einem Vorwand weggeschickt, brachte er uns über eine Nebentreppe in den Garten des Direktors. Wir waren frei, denn uns trennte nur noch eine Mauer von der Straße.

Harst befahl nun Mankay noch, bevor wir uns trennten, nach zehn Minuten aus seinem hypnotischen Schlaf zu erwachen und sich dann an nichts mehr zu erinnern, was mit unserer Flucht zusammenhing.

Wir kletterten nun über die Mauer und waren gleich darauf im Verwaltungsgebäude im Zimmer des Direktors, wo unser Erscheinen ebenso laute Ausrufe des Staunens weckte, wie Harsts kurze Erklärung über das Geheimnis von Palperlons Entweichen.

»Dass Palperlon nur so sein Entkommen bewerkstelligt haben konnte, war mir sofort klar,« sagte Harst zum Schluss. »Und dass er irgendwo sich einen Gesellschaftsanzug gestohlen hat, werden die weiteren Nachforschungen ergeben. Er muss sich auch erkundigt haben, wo ich mich heute aufhielt. So nur konnte er im Hotel Atlantik erscheinen und uns belauschen. Dies beweist wieder einmal seine Kaltblütigkeit und Frechheit. Ihm ist eben alles möglich – alles!«

Weshalb ich diese Episode, Palperlons Flucht, hier eingehender schildern musste, wird dem Leser später unschwer einleuchten.

Tristan da Cunha!

Was hatten wir uns darunter vorgestellt, und was fanden wir! Schon von der See aus wirkte der ungeheure Vulkankegel imposant und geheimnisvoll. Wie schön aber diese so weltferne Insel war, wie sauber und behaglich ihre Gehöfte, in frisches Grün eingebettet, dalagen, wie zufrieden und glücklich die Kolonisten hier in der vom Meer umrauschten Einsamkeit dahinlebten, das alles nahmen wir erst wahr, als die Jacht Miranda den kleinen Hafen angelaufen und als ein Empfehlungsschreiben Lord Ballerays den beiden deutschen Naturforschern Professor Hirt und Doktor Schratt (diese Titel gehörten nun mal mit zu der harmlosen Rolle, die wir hier spielen wollten) sofort das liebenswürdige Entgegenkommen sämtlicher Bewohner gesichert hatte.

Der Vorsteher der Kolonie, ein Master Allan Molbott, hatte uns in seinem geräumigen Haus bereitwillig ein Zimmer überlassen. Ein Hotel oder einen Gasthof gibt es ja auf Tristan da Cunha nicht. Mittags waren wir angekommen, besichtigten nachmittags die Insel, ohne den Berg zu erklimmen, und verlebten den Abend im Kreis der Kolonisten, wobei natürlich auch die Rede auf das rätselhafte Licht kam, ohne dass Harst dieses Thema etwa irgendwie berührt hätte. Er tat auch bei der Erörterung dieses Inselgeheimnisses ganz so, als ließe ihn die Sache recht kalt.

Gegen Mitternacht wollten wir uns in unser Zimmer zurückziehen. Molbott schlug vor, einmal nach dem Licht Ausschau zu halten, bevor wir schlafen gingen. Wir traten also sämtlich auf den Hof hinaus. Gerade vor uns ragte dunkel und massig der ungeheure Vulkan empor. Molbott beschrieb uns die Stelle, wo auf der abgeplatteten Bergspitze das Licht sich stets auf demselben Fleck zeigte. Kaum hatte er die ersten Sätze gesprochen, als einer der Kolonisten rief: »Da … da ist es!«

Die Luft war sehr klar. Molbotts Gehöft lag auf der dritten Bergterrasse. Die Entfernung bis zum Kratergipfel mochte etwa 1000 Meter betragen. Trotzdem war die Lichterscheinung auch mit bloßem Auge genau zu erkennen. Lord Ballerays Bemerkung, dass es sich vielleicht um einen Scheinwerfer handele, war recht zutreffend gewesen. Auch ich nahm wahr, dass das Licht erst einen Strahlenkegel schräg aufwärts sandte, dann aber wie ein weißer Punkt unverrückbar dieselbe Stellung beibehielt.

An sich hätte die Lichtquelle, dieses strahlende Pünktchen, kaum etwas Rätselhaftes an sich gehabt. Es waren eben nur die ganzen Begleitumstände, die ihm erst das Geheimnisvolle verliehen. Kannte man diese, wie auch Harst und ich sie kannten, so wirkte das Licht doch seltsam aufregend. Unwillkürlich ließ einen die Frage nicht los: Wer ist es, der es dort aufglühen lässt und zu welchem Zweck geschieht es?

Ich hatte mir dies schon während der Überfahrt von Kapstadt nach hier des Öfteren überlegt und hätte auch Harsts Ansicht darüber gern eingeholt. Aber er hatte nur die Achseln gezuckt. »Sehen geht vor Sprechen«, war seine Antwort gewesen.

Auch jetzt schwieg er sich aus, gähnte sogar sehr ungeniert und ließ erkennen, dass er für Geheimnisse nichts übrig hätte.

Als wir ins Haus zurückgingen, nachdem Molbotts Gäste sich verabschiedet hatten, sagte er zu unseren liebenswürdigen Wirt: »Manch einer, der nach Tristan da Cunha kam, ist wohl sehr bald wieder in die kultivierte Welt zurückgekehrt. Trotz all der Naturschönheiten hier dürfte es nicht jedem gegeben sein, so vollständig auf die Zerstreuungen und Annehmlichkeiten einer größeren Gemeinschaft von Menschen zu verzichten.«

»Oh, da sind Sie sehr im Irrtum, Master Hirt, sehr!«, entgegnete Molbott eifrig. »Wer sich hier niederlässt, hat stets ein bestimmtes Ziel im Auge: Er will so viel sparen, dass er nach vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahren als leidlich wohlhabender Mann in die alte Heimat zurückkehren kann. Nur insofern wechseln also unsere Kolonisten: Haben sie genug erübrigt, sagen sie Tristan da Cunha natürlich Lebewohl. Auch ich gedenke nur noch vier Jahre hier zu bleiben. Dass jemand schon nach kurzer Zeit unserer Insel wieder den Rücken kehrt, ist während der zwölf Jahre, die ich hier ansässig bin, erst ein einziges Mal geschehen.«

Dann trennten wir uns. Harst ging sofort zu Bett. Ich hätte gern noch mit ihm ein wenig geplaudert. Aber auf meine Frage, was er denn nun nach persönlicher Beobachtung der Lichterscheinung dazu zu bemerken hätte, erklärte er gähnend: »Nicht viel mehr wie früher. Nur der Kolonist Draaken hat mir ganz besonders gefallen. Der Mann hat so ein nettes Lächeln an sich. Gute Nacht, Schraut.«

Draaken? Nettes Lächeln? Hallo, dahinter steckte etwas! Das war mein letzter Gedanke, bevor ich einschlief.  Am folgenden Nachmittag um zwei Uhr bestiegen wir den Berg unter Führung des siebzehnjährigen Sohnes Molbotts, eines strammen Burschen, der leidenschaftlicher Robbenfänger war.

Getreu unserer Rolle als Naturforscher schenkten wir sowohl dem Pflanzenwuchs als auch den Gesteinen während des Aufstieges die größte Beachtung und füllten unsere Rucksäcke mit allerlei Dingen, von denen wir wohl nicht viel mehr verstanden als unser gesprächiger und heiterer Führer Austin Molbott. Gegen vier Uhr nachmittags erreichten wir den Gipfel und sahen nun auch den merkwürdigen Kratersee, eine etwa eiförmige Wasseransammlung von etwa 90 Meter großem Durchmesser.

Der See hatte ringsum vollständig abschüssige Ränder. Am besten war er mit einem ungeheuren Topf zu vergleichen, der nur teilweise gefüllt ist. Die Steilufer des Beckens waren an manchen Stellen bis zu vierzig Meter hoch, und nur an drei oder vier schluchtähnlichen Einschnitten konnte man so tief hinabklettern, dass der dunkle Wasserspiegel etwa sechs bis sieben Meter unter einem lag.

Harst erklärte nun dem jungen Molbott, dass wir seiner nicht mehr bedürften; den Rückweg fänden mir schon allein, und es würde für ihn nur langweilig sein, zuzusehen, wie wir hier oben das Gestein und alles andere untersuchten. Er verabschiedete sich denn auch und verschwand sehr bald unseren Blicken.

»So«, meinte Harald plötzlich sehr lebhaft werdend. »Nun an die Arbeit, mein Alter. Es muss hier für gute Augen allerlei zu finden sein. Denn wer hier oben als Einsiedler haust und dazu nachts mit einem Scheinwerfer operiert – einem sehr großen Scheinwerfer – wer also sogar elektrischen Strom zur Verfügung hat, der verfolgt hier ganz bestimmte Absichten. Von seiner Tätigkeit müssen Spuren vorhanden sein, müssen, mag er auch noch so vorsichtig und schlau alles in Szene setzen.«

Harst suchte nun einen Punkt am Kraterrand auf, von dem aus er etwa feststellen konnte, wo das Licht sich ungefähr befunden haben musste. Er deutete auf die Niederlassung hinab und meinte: »Dort liegt Molbotts Gehöft. Also muss die Stelle, wo der Scheinwerfer arbeitete, etwa dort gewesen sein.« Seine Hand wies auf einen ungeheuren, einzelnen Felsblock, der auf dem Kraterrand ruhte und etwa der Ruine eines Turmes glich. »Der Felsblock also muss den Ausgangspunkt unserer Nachforschungen bilden. Er ist ungefähr 30 Meter hoch, verbreitert sich nach unten und ist von Spalten und Sprüngen zerfurcht wie das Gesicht eines alten Fischers. Was bemerkst du in etwa dreiviertel Höhe des Felsblockes, mein Alter? Nun, einen kanzelartigen Vorsprung, dahinter eine Vertiefung, deren Umfang wir erst zu erkennen vermögen, wenn wir die Kanzel erklommen haben. Das will ich jetzt versuchen. Da nimm meinen Rucksack an dich und noch etwas zur Hand, unsere kleine, stets nützliche mechanische Lebensversicherung auch Selbstladepistole genannt. Man kann nie wissen, ob dieser Einsiedler – es mögen auch mehrere sein – nicht seine Geheimnisse sehr nachdrücklich verteidigt. Bemerkst du was Bedrohliches, so knalle nur sofort los. Ich traue dem Frieden hier nicht.«

Wir standen, während Harst mir diesen Vortrag hielt, mit dem Rücken zum Kratersee hin, und zwar an einer stark geneigten Stelle.

Harst legte seinen Rucksack ab, bückte sich etwas, legte auch seinen derben, selbstgeschnittenen Spazierstock daneben.

Da – hinter uns plötzlich ein so gellender Hilferuf, dass wir ordentlich zusammenzuckten und blitzschnell herumfuhren.

Merkwürdig dabei war, dass mir ganz deutlich das Wort Hilfe – das deutsche Wort Hilfe verstanden hatten.

»Das kam vom See her«, flüsterte Harst und eilte dem Rand des Steilufers zu.

Wir beugten uns vor, blickten hinab. Fünfzehn Meter unter uns schimmerte die fast schwarz erscheinende Oberfläche des Sees.

Aber nirgends auch nur die Spur eines Menschen. Lediglich eins merkte ich: Der Wasserspiegel war jetzt nicht glatt, sondern warf kleine Wellen auf, die von einer bestimmten Stelle auszugehen schienen.

Dann geschah das, was Harst später als raffiniertes Attentat bezeichnete.

Ganz plötzlich löste sich ein Teil des Felsrandes, scheinbar ohne jede äußere Ursache ab; gerade der Teil, auf dem wir standen.

Ich stieß vor Schreck noch ein höchst zweckloses Wir stürzen hinab! aus; da schlug ich auch schon mit der Seite auf das Wasser auf. Der Anprall aus solcher Höhe war so heftig, dass mir sofort schwarz vor Augen wurde. Ich verlor halb die Besinnung, machte nur mechanisch einige Schwimmbewegungen, fühlte dann Harsts Hand am Kragen meiner Lodenjoppe und hörte seines Stimme.

»Raffe dich auf! Es geht ums Leben!«

Ich will nicht im Einzelnen berichten, was wir dann alles taten, um nicht in diesem Riesentopf wie die Mäuse zu ertrinken. Ein Erklettern der Steilufer war ausgeschlossen. Wir versuchten es rundum. Wir wurden immer matter. Wir klammerten uns an der Felswand fest und suchten mit den Füßen gleichfalls irgendwo einen Halt. Aber mit der Zeit starben uns die Arm- und Fingermuskeln ab. Ich fühlte meine Kräfte schwinden. Ich sah auch, dass Harst vor Anstrengung der Schweiß über das Gesicht lief. Dicht nebeneinander hingen wir an der Ostseite der Felswand bis zum Hals im Wasser. Dann sagte Harst mit seltsam heiserer Stimme: »Diesmal hilft kein noch so geistreicher Gedanke uns hier heraus. Lieber Alter, vielleicht wird die Welt nie erfahren, wie jämmerlich wir hier ertrunken sind, und wo wir eigentlich endeten. Wir hätten noch vorsichtiger sein sollen. Dieser Einsiedler von Tristan da …«

Mehr hörte ich nicht. Ich spürte in meinen Armen einen schmerzhaften Muskelkrampf; vor meinen Augen stoben Feuerräder auf; ich versank immer tiefer; hörte noch in meinen Ohren ein donnerndes Brausen, glaubte noch zu fühlen, wie meine Beine sich in Schlingpflanzen verfingen, wie diese Schlinggewächse mich noch tiefer zerrten.

Dann nichts mehr – nichts.