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Der Hexer Band 34

Robert Craven (Wolfgang Hohlbein)
Der Hexer, Band 34
Stirb, Hexer!

Horror, Grusel, Heftroman, Bastei, Bergisch-Gladbach, 22. Juli 1986, 64 Seiten, 1,70 DM, Titelbild: Sebastià Boada

Das Gesicht war in der Mitte gespalten. Ein klaffender Riss zog sich von seiner Kinnspitze bis zum Mund, spaltete Unter- und Oberlippe, zerteilte die Nase in zwei säuberlich getrennte Hälften und erweitere sich über der Stirn zu einem fast handbreiten Dreieck, durch das man geradewegs in den Schädel des Mannes hineinblicken konnte. Aber darin war kein Gehirn. Keine mit Blut gefüllten Arterien und Venen, kein lebendes Fleisch. Im Kopf des Mannes war nichts als ein kompliziertes Sammelsurium aus Drähten, kleinen, vielfach durchbrochene Scheiben und sich surrend drehenden Zahnrädchen.

Leseprobe

Die Welt des Hexers

Robert Cravens Kampf mit Necron um die SIEBEN SIEGEL DER MACHT ist vorüber. Der Alte vom Berge ist tot, die Drachenburg vernichtet. Vier der Siegel, die, zusammengefügt, den Kerker der GROßEN ALTEN öffnen können, sind in Roberts Hand. Alles scheint sich zum Guten gewendet zu haben.

Aber der Schein trügt. Priscylla, Roberts Freundin, deren Geist mit dem des NECRONOMICON verschmolzen war, dämmert in einem Zustand zwischen Leben und Tod dahin – ihre Seele konnte den furchtbaren Schock nicht verkraften.

Shannon, der junge Drachenkrieger und Roberts Freund, starb von Necrons Hand; ebenso Shadow, die El-o-hym, mit der Robert kurz vor ihrem tragischen Tod noch eine gemeinsame Nacht verbrachte.

Aber auch Jean Balestrano, der Führer der Tempelritter, lebt nicht mehr. Zwar erkannte er noch, dass nicht Robert an den schrecklichen Geschehnissen die Schuld trug, doch konnte er seinen Befehl an das Heer seiner Ordensbrüder nicht mehr widerrufen. Für sie ist Robert Craven immer noch eine Kreatur des Bösen, die es zu töten gilt.

Allein Howard Lovecraft und sein treuer Diener Rowlf sind Robert geblieben, als er zusammen mit der geistesgestörten Priscylla nach London zurückkehrt – und geradewegs in ein neues Abenteuer läuft. Ein Golem, künstlich erschaffen, bricht das Gesetz der Götter, nach dem nur sie Leben schaffen dürfen. Eine uralte Prophezeiung erfüllt sich: Die Toten erheben sich aus ihren Gräbern, um den Frevel zu rächen.

Allein einem kleinen, bösartigen Kobold ist es zu verdanken, dass die Weissagung sich nicht erfüllen kann. Abn el Gurk Ben Amar Chat Ibn Lot Fuddel III., in unsere Welt verbannt, um einem auserwählten Opfer nichts als Pech und Schabernack zu bereiten, wird ausgerechnet von Robert aus seiner Flasche befreit – und spielt ihm einen bösen Streich nach dem anderen. Nur durch eine List gelingt es Robert, dem Kobold den Schwur abzunehmen, ihm bei der Vernichtung des Golems zu helfen … und ihn anschließend wieder in eine Flasche zu bannen.

Den Mord des Golems an einer jungen Französin, Veronique Rochelle, kann Robert allerdings nicht mehr verhindern – ein Umstand, der zu seinem weiteren Schicksal beitragen wird.

Inzwischen ist Sarim de Laurec, der Puppet-Master des Templerordens, mit der Macht über mechanische Puppen ausgerüstet, noch immer auf freiem Fuß. Wir erinnern uns: Er wurde von einem Mann, der Robert Craven täuschend ähnlich sah, aus dem Hauptquartier der Templer befreit. De Laurecs Sinne sind verwirrt, seit ein Splitter eines Kristallhirns der GROßEN ALTEN in seine Schläfe drang. Er ist nur noch von einem Wunsch beseelt: sich an den Menschen zu rächen, die er am meisten hasst – Robert Craven und Howard Lovecraft …

 

*

 

Langsam kam die Alptraumgestalt näher. Ihre Bewegungen waren eckig und sahen schwerfällig aus, und unter ihren Schritten ächzte der Boden. Ich starrte sie an, gelähmt vor Schrecken – aber nicht nur allein deshalb. Da war noch etwas anderes; etwas, das ich mir im ersten Moment nicht erklären konnte, das mich aber nachhaltig daran hinderte, auch nur einen Finger zu rühren.

Der Unheimliche kam unerbittlich näher, erreichte mein Bett und blieb stehen. Langsam, ganz langsam drehte sich sein Kopf, wobei ein leises, surrendes Geräusch zu hören war, dann blickte sein gespaltenes Gesicht auf mich herab, und in den kunstvoll bemalten Glasaugen glomm ein düsteres rotes Feuer auf.

Und im gleichen Moment erkannte ich ihn.

Der Mann vor mir war Howard! Oder wenigstens etwas, das wie Howard aussah…

Sein Gesicht, das nicht aus Fleisch, sondern aus … irgendetwas bestand, war bis ins letzte Detail das seine, und doch war es nicht Howard, nicht einmal ein Mensch, ja, nicht einmal ein lebendes Wesen, sondern eine Maschine, eine menschengroße, perfekt nachgebaute Puppe, die gekommen war, um mich zu töten!

Das Entsetzen gab mir zusätzliche Kraft. Verzweifelt bäumte ich mich in meinem Bett auf. Ich kam nicht frei, aber mein verzweifeltes Strampeln ließ die Decke ein Stück von mir herunterrutschen, so dass ich zumindest sehen konnte, warum ich nicht in der Lage war, mich zu bewegen.

Ich war gefesselt. Ein dünnes, tausendfach ineinander gedrehtes Gespinst aus haardünnen silbernen Drähten war aus dem Bettbezug hervorgewachsen und hatte sich wie eine zweite Haut über mein Nachthemd gelegt, so eng, dass hier und da dunkles Blut auf der weißen Seide sichtbar wurde. Seltsamerweise spürte ich nicht den mindesten Schmerz.

Dafür schrie ich vor Entsetzen auf, als die grässliche Howard-Karikatur sich über mich beugte und ich ihre Hände sah.

Es waren nicht die Hände eines Menschen, sondern ein stählernes, mit Krallen versehenes Skelett, bei dem jemand vergessen hatte, das Fleisch darauf zu tun.

Und sie kamen näher, gierig gespreizt und voller unmenschlicher Stärke. Näher und näher und näher und ich erwachte mit einem Schrei, fuhr hoch und riss instinktiv die Hände vor das Gesicht, um mich vor dem Entsetzlichen zu schützen, das irgendwie den Weg in die Realität gefunden zu haben schien, denn die Angst wühlte weiter in mir. Ein Teil von mir begriff, dass alles nichts weiter als ein entsetzlicher Traum gewesen war, aber ein anderer, im Augenblick viel stärkerer, behauptete das Gegenteil. Alles war so unglaublich real gewesen. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es mir, mich wenigstens äußerlich zur Ruhe zu zwingen.

Mein Herz raste zum Zerspringen, als ich die Arme herunternahm. Mein Nachthemd klebte in großen, dunklen Flecken an meiner Haut, und mein Bett war schweißnass. Die Decke lag irgendwo auf dem Boden. Ich musste wie ein Kind gestrampelt und um mich getreten haben.

»Nur ruhig, alter Junge«, murmelte ich. »Es war nur ein Traum. Kein Grund, nervös zu werden.«

Nicht, dass es irgendwie geholfen hätte. Die Angst war noch immer da, und als ich mich vollends aufsetzte und die Beine vom Bett schwang, zitterten meine Hände so stark, dass ich kaum die Kraft hatte, mich in die Höhe zu stemmen.

Misstrauisch sah ich mich in dem nachtdunklen Zimmer um. Alles schien normal, so, wie es immer gewesen war, vom ersten Tag an, den ich in diesem Haus lebte. Und doch …

Vielleicht war es nur eine Nachwirkung des Alptraumes, aber für einen Moment kam mir alles auf unmöglich in Worte zu fassende Weise falsch vor. Jedes Möbelstück stand an seinem Platz, jeder kleinste Fleck auf den Tapeten war so, wie ich ihn in Erinnerung hatte, und trotzdem – irgendetwas stimmte hier nicht. Es war, als wäre die Wirklichkeit um ein winziges Stückchen in die Richtung verschoben, in der die Alpträume und der Wahnsinn nisteten. Es war nichts, was wirklich zu sehen oder zu erkennen gewesen wäre, aber ich spürte es. Überdeutlich.

Die Tür wurde mit einem Ruck aufgestoßen, und eine sehr blasse Mrs. Winden erschien in meinem Zimmer, eine Gaslampe in der Rechten. »Was ist geschehen?«, fragte sie aufgeregt.

»Geschehen?« Ich verstand nicht gleich.

»Sie haben geschrien, Robert«, erklärte Mary. »Ich war gerade auf dem Weg in die Küche, um mir ein Glas Milch zu holen, und da habe ich Sie schreien hören.« Ihr Blick irrte unstet durch den Raum, als fürchtete sie, aus den Schatten könnten irgendwelche Dinge hervorspringen.

»Es ist nichts«, sagte ich. »Ich … habe geträumt. Ein schrecklicher Alptraum. Aber jetzt ist es vorbei.«

In meiner Stimme war ein Ton, der deutlich sagte, dass ganz und gar nichts vorbei war, und Mrs. Winden wäre nicht Mrs. Winden gewesen, wenn sie ihn nicht gehört hätte. Ihr Blick richtete sich wieder auf mich, und das Misstrauen darin war zwar nun von gänzlich anderer Art, aber kaum weniger tief. »Nur ein Traum?«, wiederholte sie.

Ich nickte, wurde mir plötzlich des Umstandes bewusst, dass ich im Hemd vor ihr stand, und bückte mich rasch nach meinem Hausmantel. Mary beobachtete mich scharf. Ich spürte ihre Blicke selbst noch, als ich mich herumdrehte und den Gürtel zuknotete.

»Fühlen Sie sich wohl, Robert?«, fragte sie.

Ich nickte, schüttelte gleich darauf den Kopf und zuckte mit den Schultern. »So genau weiß ich das selbst noch nicht«, gestand ich. »Aber ich glaube schon. Es war ja nur ein Traum. Wenn auch ein sehr realistischer«, fügte ich mit einem gequälten Lächeln hinzu.

»Möchten Sie ihn mir erzählen?«, fragte Mary. »Manchmal tut es gut.«

»Nein«, sagte ich. »Das möchte ich ganz und gar nicht.« Meine Worte waren ein wenig schärfer ausgefallen, als ich selbst gewollt hatte, und so lächelte ich entschuldigend. »Tut mir leid, Mary. Ich bin …«

»Nervös, ich weiß.« Mary nickte. »Es ist nicht das erste Mal, dass Sie träumen in den letzten Tagen.«

»Natürlich nicht«, antwortete ich. »Jeder Mensch träumt, in jeder Nacht.«

»Unsinn!« Mary machte eine unwillige Handbewegung, setzte ihre Lampe auf der Kommode ab und trat dicht an mich heran. Sie reichte mir gerade bis zum Kinn, als sie so vor mir stand, aber sie brachte es fertig, dass ich mir klein und hilflos ihr gegenüber vorkam. »Sie wissen ganz genau, dass ich das nicht meine, Robert«, sagte sie streng. »Was ist los? Macht Ihnen noch immer dieses tote Mädchen Sorgen, diese Veronique Rochelle?«

Ich schwieg einen Moment, dann gab ich auf, lächelte ein flehendes Kapitulationslächeln und breitete die Hände aus. »Ich weiß es nicht«, gestand ich. »Aber seit ein paar Tagen wird es immer schlimmer. Vielleicht werde ich krank.«

»Vielleicht sind Sie es, Robert«, sagte Mary ernst. Sie schüttelte den Kopf, sah mich an, als wäre ich ein uneinsichtiges Kind, und seufzte hörbar. »Sie bringen sich um, Junge«, sagte sie. »Zum Teufel, Sie sollten einen guten Arzt aufsuchen und sich für ein paar Wochen in ein Sanatorium begeben.«

»Heda!« ,protestierte ich. »Ich bin noch nicht …«

»Sie sind ein verdammt zäher Bursche, Robert«, unterbrach sie mich. »Aber auch bester Schwedenstahl nutzt sich ab, wissen Sie? Sie sind gerade erst von einer Weltreise zurückgekommen, auf der Sie weiß Gott was erlebt haben, und Sie gönnen sich nicht einmal ein paar Tage, um sich zu erholen, sondern stürzen sich gleich kopfüber ins nächste Abenteuer? Was haben Sie vor? Ist das Ihre Weise, Selbstmord zu begehen?«

Ich widersprach nicht mehr. Mary Winden war eine der sehr wenigen nicht unmittelbar beteiligten Personen, die wussten, dass ich mehr war als ein reicher, leicht beknackter Müßiggänger – ein Image, das ich mir für die Öffentlichkeit sehr mühsam aufgebaut hatte und sorgsam pflegte. Und auch, wenn sie es nicht gewusst hätte, hätte sie es mit Sicherheit gespürt.

»Ich fürchte, es ist ein wenig komplizierter, Mary«, sagte ich resignierend. »Ich würde Ihrem Rat von Herzen gerne folgen, aber es ist wohl eher so, dass ich pausenlos von einer Bredouille in die andere gestoßen werde, statt mich hineinzustürzen.«

Mary seufzte. In ihren Augen blitzte es kampflustig. Aber sie seufzte nur. Und plötzlich lächelte sie. »Wie ist es, Robert?«, fragte sie. »Ich habe rein zufällig Kaffee gemacht – mögen Sie eine Tasse? Oder ziehen Sie es vor, wieder schlafen zu gehen?«

Einen Moment lang blickte ich auf mein Bett herab. Der Gedanke, mich wieder hineinzulegen und unter Umständen den abgebrochenen Traum zu Ende zu führen, erschien mir alles andere als verlockend. »Wie spät ist es?«, fragte ich.

»Gleich drei«, antwortete Mary.

»Drei?« Ich seufzte. Dann fiel mir etwas auf. Misstrauisch drehte ich mich zu Mary herum und sah sie scharf an. »Wie zum Teufel kommt es, dass Sie zu dieser nachtschlafenden Zeit Kaffee aufgebrüht haben?«

Mary sah plötzlich aus, als hätte ich sie beim Zuckerstehlen erwischt. »Ich … konnte nicht schlafen«, sagte sie zögernd.

»Und warum nicht?«

Mary lächelte unsicher. »Ich hatte einen Alptraum«, gestand sie verlegen.