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Nick Carter – Der Raubüberfall im Grand Central Depot – Kapitel 7

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Der Raubüberfall im Grand Central Depot
Ein Detektivroman

Die Auffindung der Dokumente

»Herein!«

Als der wirkliche Mr. Horton und der vermeintliche Privatdetektiv aus Chicago, Mr. Harriman-Hanlon, in den elegant eingerichteten Salon traten, welchen Anwalt Bristol im Waldorf Astoria bewohnte, fanden sie den Gentleman gerade im Begriff, einen mitten im Zimmer stehenden Koffer hurtig zu schließen. Er war so beschäftigt, dass er auf das Anpochen nur ein kurzes »Herein!« gerufen hatte und sich nicht einmal nach der Tür umgeschaut hatte. »Setzen Sie sich nur hier auf den Armsessel, Mr. Horton«, sagte er, eifrig dabei, den Koffer abzuschließen. Dabei deutete er auf einen unmittelbar neben dem Koffer stehenden Stuhl.

»Ich habe Mr. Hanlon mitgebracht«, versetzte der Manager, ohne von der Einladung Gebrauch zu machen.

Wie ein Blitz fuhr der Anwalt herum, und in seinem Fuchsgesicht zeigte sich nicht gerade angenehme Überraschung, als er einen zweiten Besucher entdeckte. »Das ist gegen die Verabredung – ich muss Verwahrung einlegen!«, rief er aufgebracht. »Bei der Besprechung einer Angelegenheit wie der unsrigen taugt kein dritter Zuhörer … Ich möchte darum bitten, dass der Herr …«

»Mr. Hanlon bleibt hier«, entgegnete der Manager kurz. »Zu unserer voraussichtlich letzten Unterredung wünsche ich einen Zeugen – und zwar gerade Mr. Hanlon. Der Herr ist nämlich Detektiv, stammt auch aus Chicago und wurde von uns mit Ihrer Überwachung beauftragt.«

»Herr, das wagen Sie mir zu sagen – und in was für einem Ton?«, versuchte Bristol sich in künstlichen Zorn zu reden. »Wissen Sie, wer ich bin?«

»Vermutlich einer der größten Halunken, welche die Sonne bescheint«, bemerkte Horton kurz.

»Herr, Sie erlauben sich … Sie … Sie … hinaus«, krähte der Anwalt.

»Well, ich bin vielleicht nicht viel besser … Doch unserer Gesellschaft steht das Messer an der Kehle, greifen wir nicht zu dem Gewaltmittel der Urkundenzerstörung, so wird die Bahn gebaut, und wir sind verloren … Übrigens regten Sie zuerst den Gedanken in uns an …«

»Hinaus … hinaus!«, krähte der Anwalt von Neuem. »Ich will nichts mehr wissen … hinaus …«

»Ist das Ihr Ernst?«, fragte der Generalmanager seelenruhig.

»Hinaus!«, schrie der Anwalt, rot im Gesicht. »Soll ich um Beistand klingeln?«

»Nicht nötig«, entgegnete Horton eisig. »Wir gehen allein … doch zum Gericht, um einen Haftbefehl wider Sie heraufzuschwören.«

Der Anwalt lachte überlaut. »Machen Sie sich doch nicht lächerlich!«, krähte er. »Glauben Sie etwa, mir drohen zu können? Sie würden sich selbst beschuldigen müssen.«

»Durchaus nicht, Mr. Bristol«, glaubte Nick Carter seinem augenblicklichen Geschäftsfreund zu Hilfe kommen zu müssen. »Nach den Gesetzen des Staates New York ist Versuch nicht strafbar.« Er hielt sekundenlang inne, um fortzufahren, als der Anwalt nur spöttisch lachte: »Bei Ihnen liegt aber eine vollendete Betrugshandlung vor, denn Sie behaupteten Dritten gegenüber, die Ihnen für gewisse Dokumente schon hunderttausend Dollar angezahlt haben, die Papiere verloren zu haben, oder vielmehr, sie sollen Ihnen geraubt worden sein.«

»Nun, ich denke, das Gegenteil davon nachzuweisen, sollte Ihnen schwerfallen!«, höhnte Bristol.

»Nicht doch. Ich weiß, dass die Mappe keine Dokumente, sondern nur wertlose Kopien aus Ihrem Bürobetrieb enthält.«

Der Anwalt wurde sichtbar betroffen. Doch gleich darauf lachte er wieder höhnisch. »Blödsinn! Die Aktentasche ist fort … Keiner weiß, wohin.«

»Das ist ein Irrtum!«, erklärte Nick Carter seelenruhig, indem er zugleich rasch in seinen Rock griff und die sorglich von ihm mitgenommene Aktentasche vorwies, um sie indessen sofort wieder einzustecken. »Wie Sie sehen, ist die Tasche in meinem Besitz.«

Der Advokat stand zuerst wie gelähmt; doch auch Mr. Horton schaute den vermeintlichen Hanlon verdutzt an. Indessen scherte sich Nick Carter nicht um das Erstaunen der beiden.

»Wie Sie sehen, Mr. Bristol, haben wir gegen Sie Zwangsmittel in der Hand«, sagte er, um dann, da er mit seinem Latein zu Ende war, mit gewandter Handbewegung zu dem Manager hinzuzufügen: »Das Weitere wird Ihnen Mr. Horton eröffnen.«

»Well, ich habe nicht viel zu sagen«, erklärte dieser. »Sie, Mr. Bristol, haben meiner Gesellschaft angeboten, gewisse Dokumente gegen Zahlung einer halben Million vertraulich zu liefern. Daraufhin reiste ich nach Chicago, um Rücksprache mit Ihnen und zugleich Einsicht in die Dokumente zu nehmen. Diese Rücksprache fand in dem Büro eines Geschäftsfreundes von mir statt; dieser Geschäftsfreund war hier Mr. Hanlon, und er sorgte dafür, dass unsere ganze Unterredung fonografisch aufgenommen wurde. Diese Walzen befinden sich hier in New York und können einem hiesigen Gerichtshof ohne Weiteres vorgeführt werden. Wir wurden einig. Ich zahlte Ihnen 100.000 Dollar an, und damit war das Geschäft perfekt. Ich fordere Sie in Gegenwart von Mr. Hanlon auf, mir umgehend gegen Zahlung des Restbetrages die Dokumente auszuliefern, denn Sie sind in deren Besitz … Der gestrige Raubüberfall war plump fingiert und nur auf Täuschung berechnet.«

Die Worte mussten ihn gleich Keulenschlägen getroffen haben, denn der sonst so geschmeidige Anwalt stand wie vom Donner gerührt; sein Scharfsinn sagte ihm, dass er in eine rettungslose Falle gegangen war, aus welcher es für ihn kein Entrinnen mehr gab. »Well«, versetzte er. »Ich will Ihnen entgegenkommen. Zahlen Sie 750.000 Dollar.«

»Nicht einen Cent mehr als ausgemacht«, erklärte Hanlon energisch. »Entweder – oder!«

Nick hielt den Atem an. Er fühlte, dass nun der Augenblick gekommen war, in welchem er handeln musste. Gespannt beobachtete er den sich zu dem Koffer zurückwendenden Anwalt, der nun Ersteren ganz auskramte und aus einem Geheimboden schließlich ein Bündel Dokumente zum Vorschein brachte. Mit diesen kehrte er sich dem Manager wieder zu. »Well, ehrliches Spiel!«, versetzte er. »Zeigen Sie mir das Geld … Es ist ausgemacht, dass es Banknoten sein müssen.«

»Gewiss«, entgegnete Horton, nach seiner Brieftasche greifend und diese öffnend. »Hier habe ich vierzig Goldzertifikate der Regierung der Vereinigten Staaten, jedes zu zehntausend Dollar … Ich will die Scheine dort auf den Tisch zählen, Sie nehmen sie an sich und geben mir die Dokumente.«

»Das ist nicht nötig«, versetzte Nick Carter im Ton größter Gemütsruhe. »Diesen Dokumentenpack nehme ich vorläufig an mich.« Und dabei hatte er auch schon, ehe der bestürzte Bristol es verhindern konnte, diesem die Papiere aus der Hand gerissen und blitzschnell in die eigene Tasche gesteckt.

Mit einem Wutschrei wollte der Anwalt sich auf den kecken Räuber stürzen. Doch auch der Manager rief beunruhigt: »Was soll das heißen … Was erlauben Sie sich?«

»Das soll heißen, dass ich nicht Mr. Hanlon, wohl aber Nick Carter bin und diese Dokumente im Auftrag ihrer rechtmäßigen Käufer hiermit beschlagnahme!«, erklärte der Detektiv.

Mit einem heiseren Wutschrei wollten die beiden gleichmäßig bestürzten Männer über ihn herfallen; doch mit kaltblütiger Entschlossenheit hatte der Detektiv seine beiden Arme erhoben, und plötzlich hielt er in jeder Hand einen blinkenden Revolver, deren Mündungen drohend den jäh Zurückprallenden entgegenfunkelten. Es war dies eines der kleinen Berufsgeheimnisse des großen Detektivs, der einen sinnreichen Mechanismus ersonnen hatte, mittels dessen zwei unter seinem Rocke verborgene Revolver sofort innerhalb der Ärmel empor glitten, sobald er die Arme hochhielt.

Während noch die beiden Männer, keines Wortes mächtig, wie gelähmt standen, erhob sich draußen auf dem Korridor ein mächtiger Lärm. »Haltet ihn auf!«, hörte Nick die Stimme Chicks. Dann wieder schrie eine ihm fremde Bassstimme: »Wer mich anzufassen wagt, den schieße ich nieder.«

Im selben Moment wurde auch schon die Tür aufgerissen, und der wirkliche Mr. Harriman-Hanlon stand auf der Schwelle und stieß einen wüsten Fluch aus, als er seinen Doppelgänger erblickte. Er schien sich auf Nick stürzen zu wollen; doch im Nu hatten sich ein Hotelträger und ein Page in Gemeinschaft mit Chick auf den herkulisch Gebauten gestürzt … Und so heftig sich dieser auch wehrte, so wäre sein Widerstand für Chick allein doch nur Kinderspiel gewesen war, umso mehr, da der Träger Ten Itchi und Patsy, der Hotelpage, gefällig nachhalfen.

»Regen Sie sich nicht unnötig auf, Mr. Harriman«, versetzte Nick Carter nun spöttisch. »Sie kommen zu spät … Die bewussten Dokumente befinden sich bereits in meinem Besitz … still!«, donnerte er, als die drei Männer in wüstes Schimpfen ausbrechen wollten. »Wir befinden uns hier im Waldorf Astoria Hotel, hier darf ebenso wenig Lärm gemacht werden wie im Zuchthaus zu Sing Sing!«

Die Männer erbleichten; doch unter den vorgehaltenen Revolvern der vier Detektive sank ihnen der Mut, und sie setzten sich auf den Befehl Nick Carters lautlos nieder, je von einem seiner Gehilfen bewacht.

Diesem selbst war es leichte Mühe, den herbeigeeilten Hotelmanager zu beschwichtigen, worauf er sich von Chick auseinandersetzen ließ, dass Hanlon sich auf der Station als Privatdetektiv aus Chicago habe legitimieren können und darum sofort wieder entlassen werden musste. Natürlich war der Mann sofort zum Waldorf Astoria Hotel zu dem auch von ihm beschatteten Anwalt Bristol geeilt, jedoch nur, um zu spät zu kommen. Er sah ein, dass sein prahlerisch vorausgesagter Sieg über Nick Carter sich in eine schmachvolle Niederlage verwandelt hatte.

Der durch den Fernsprecher rasch herbeigerufene Mr. Hoate war nicht wenig erstaunt, als er beim Eintritt in das Gemach die in diesem befindliche, ziemlich gemischte Gesellschaft erblickte; doch wenige Worte Nicks reichten hin, um ihn den Sachverhalt begreifen zu lassen. Sein Entzücken kannte keine Grenzen, als er nun aus den Händen des Detektivs die Dokumente empfing und feststellen konnte, dass es sich um die wirklichen Originalfreibriefe handelte.

»Well, Mr. Hoate, was fangen wir mit den Leuten hier an? Soll ich sie im nächsten Polizeigericht vorführen? Material genug ist vorhanden«, fragte Nick Carter.

»Behüte!«, erklärte der berühmte Anwalt mit feinem Lächeln. »Wir wollen die Sache ganz unter uns behalten, zumal ja die Dokumente zur Stelle geschafft sind … Mein gelehrter Kollege«, wendete er sich mit spöttischer Miene an den vollständig geknickten Bristol, »hat so dringend in Chicago zu tun, dass er mit dem nächsten Zug abreisen und sich von dem berühmten Detektiv Harriman Gesellschaft leisten lassen wird. Natürlich zwingt ihn dies zum Niederlegen seines Mandats. Doch das schadet nichts, ich werde die Schuldsumme noch heute auf Dollar und Cent an seine bisherigen Auftraggeber abführen … Und auch Mr. Horton dürfte in seinem Büro benötigt werden.«

»Aber – aber wir zahlten 100.000 Dollar«, stammelte der Manager, dem der helle Angstschweiß auf der Stirn stand.

»Unbesorgt«, erklärte Mr. Hoate seelenruhig. »Mein gelehrter Kollege wird noch morgen – unmittelbar nach seiner Ankunft in Chicago – Ihnen einen Scheck in der genannten Höhe zuschicken … Sonst wäre ich zu meinem Bedauern genötigt, eine kleine Geschichte zu veröffentlichen, welche für die Praxis meines gelehrten Freundes nicht gerade förderlich ein dürfte – eine Praxis, mit der ich in Zukunft nichts mehr zu tun haben werde!«

Mr. Bristol lächelte nur süßsauer; doch seine Mienen ließen darauf schließen, dass er zu allem notgedrungen Ja und Amen sagen würde.

Damit endete die abenteuerliche Jagd nach den Dokumenten; sie blieb nach außen hin nahezu unbekannt, da die Eingeweihten Gründe hatten, nicht darüber zu sprechen.

Was Nick Carter und seine Getreuen angelangt, so brachten ihnen schon die nächsten Tage wieder so viele neue aufregende Abenteuer, dass sie gar keine Zeit fanden, an Vergangenes zu denken. »Well«, pflegte Nick Carter in späteren Jahren lachend zu versichern, kam die Rede auf das Abenteuer jener Nacht. »Ich hatte mich mit zwei Nebenbuhlern zu messen, von denen Mr. Harriman aus Chicago mir gefährlich werden zu können glaubte … Doch das war ein Irrtum, wie er bald erfahren sollte … Der andere Kollege, welcher mir wirklich hätte gefährlich werden können und es so manches Mal auch schon geworden ist, war damals guter Laune und mir sehr freundlich gesinnt – mein liebster Berufskollege, nämlich der Detektiv Zufall

Ende

Als Band 10 dieser Serie erscheint:

Ein fingierter Einbruch