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Weird Tales – Das Grab

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Die Gespenster – Dritter Teil – 37. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Siebenunddreißigste Erzählung

Die nächtliche Erscheinung einer Furie in Ketten

Als Herr W… , ein munterer junger Mann, auf der Universität Göttingen studierte, ging er einmal zu einem seiner Verwandten über Land. Nach einem vergnügt zurückgelegten Abend wies man ihm sein Schlafzimmer oben im Haus an. Aus Unvorsichtigkeit vergaß er, sein Zimmer zu verschließen, und schlief über dem Lesen im Bett ein, bevor er, seiner Absicht gemäß, das Licht gehörig ausgelöscht hatte. Kaum war er eingeschlafen, so schreckte ihn ein lautes Brüllen und entsetzliches Kettengerassel aus dem ersten Schlaf auf. Er hörte einige Minuten dem Ungetüm ruhig zu, unverhofft aber kam es vor seine Tür und schlug und kratzte mit Heftigkeit gegen dieselbe. Unwillkürlich bemächtigte sich nun seiner eine entsetzliche Angst. Er versteckte sich, so gut er konnte, unter das Deckbett. Nur ein kleines Loch blieb seinen Augen offen, um zu beobachten, was sich zutragen würde.

Die Tür sprang auf, und eine fürchterliche Furiengestalt trat unter den scheußlichsten Gebärden in die Stube. Sie glich einer nackten, hageren Mannsperson, hatte einen wütenden Blick, einen sehr langen Bart, und statt der Haare, wie es ihm schien, Schlangen um den Kopf flattern. Ihr Körper war fast vollständig mit Haaren bedeckt, starke Ketten umgaben die Hände, die Füße und den Leib, und an den Fingern schienen statt der Nägel Sporen gewachsen zu sein. Sie ergriff das Licht, trat mit ihm vor den Spiegel und besah sich einige Zeit unter Ziehung grässlicher Gebärden, untersuchte dann die ganze Stube und trat endlich auch zum Bett.

Der arme verborgene Mann in seiner Todesangst glaubte nun nichts gewisser, als dass er entdeckt und ihm der Hals umgedreht werden würde. Aber das Glück war ihm günstig. Nachdem die Schreckensgestalt das Bett besehen und von oben bis unten mit den Händen befasst hatte, kehrte sie wieder zu dem Spiegel zurück, um sich noch einmal durch Verzerrung der Gebärden zu belustigen, und verließ sodann das Zimmer.

W… sprang schnell aus dem Bett und verschloss die Tür hinter ihr, setzte Tisch und Stühle und was er fortbringen konnte, vor die Tür, um vor einem zweiten Besuch noch gesicherter zu sein. Lange noch tobte der Unhold im Saal und vor der verschlossenen Tür, bis endlich der so sehnlich gewünschte Tag anbrach und jener sich fortbegab.

Nachdem man im Haus aufgestanden war, verließ W… mit Freuden sein Zimmer und dankte der Vorsehung, für diesmal dem Tode entronnen zu sein. Man erkundigte sich, wie er geschlafen hatte.

»Nicht sonderlich«, war die Antwort, »denn der Teufel hat mir seine Aufwartung gemacht.«

Das Abenteuer wurde erzählt, man erschrak und bedauerte ihn. Die Geschichte aber entwickelte sich auf folgende Weise:

Der vermeinte Teufel war der Bruder des Hausherrn, schon seit mehreren Jahren wahnwitzig und seit einiger Zeit bis zur Kette rasend. Er hatte ihn deswegen in einem abgelegenen Zimmer einstweilen an einen Block schmieden lassen, bis er anderweitige Sicherheitsmaßregeln treffen konnte. Keiner durfte sich ihm ohne Lebensgefahr nähern. Er hatte in der Nacht seine Ketten zerrissen und war mit einem Teil derselben in das obere Stockwerk und in das Zimmer des Fremden gegangen. Man fand ihn glücklicher Weise ruhig auf seinem Block sitzen.

Ich gebe zu, dass es Herrn W… vielleicht das Leben gekostet haben würde, wenn er Herz genug gehabt hätte, die Natur dieses Gespenstes gleich auf der Stelle untersuchen zu wollen; allein wer hieraus schließen wollte, dass man also lieber gar nicht zur Untersuchung vermeinter Gespenster schreiten müsse, der würde sehr irren. Alles, was mir aus der obigen Geschichte zu folgen scheint, ist zuvörderst die Lehre, dass es die Pflicht jeder Familie sei, für den unfehlbarsten, sicheren Verwahrsam derer zu sorgen, die das Unglück haben, um den richtigen Gebrauch ihrer Vernunft zu kommen; und dann zweitens, die schon sonst von mir empfohlene Lehre, dass man beim Angriff eines vermeinten Gespenstes gehörig bewaffnet sein und besonders da, wo man unbekannt ist, sich nie übereilen, sondern vielmehr die größte Vorsicht anwenden müsse, um einem Polterer in den Weg zu treten oder ihm als Angreifenden wohl gar die Spitze zu bieten.

 

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