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Der Detektiv – Band 23 – Die Rätselbrücke – Teil 4

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 23
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Die Rätselbrücke

Teil 4

Ein neues Geräusch dicht neben mir ließ mich abermals, nach Stunden erst, geblendet in den Lichtkegel der Taschenlampe blinzeln. Sofort Harsts Stimme über mir: »Erschrick nicht, wenn ich jetzt um Hilfe brülle.« Die Lampe erlosch. »Palperlons Bande nähert sich der Brücke«, fügte Harst hinzu.

Ich war nun wieder völlig im Besitz meines Denkvermögens.

»Hast du denn gehört, dass Leute kommen?«, fragte ich, da mir dies bei dem Toben des reißenden Stromes sehr unwahrscheinlich dünkte.

»Gesehen habe ich sie, mein Alter. Es sind ein Europäer, den du der Beschreibung nach kennst, und zwei Eingeborene. Hier hast du deinen Taschenspiegel zurück. Ich erlaubte mir, ihn dir vorhin zu stehlen. Ich bilde mir etwas darauf ein, dass du nicht erwachtest, als ich dir in die Tasche fasste. Mithilfe deines und meines Taschenspiegels habe ich mir so eine Art Fensterspion konstruiert, den ich oben an einem Stock zu der breitesten Spalte zwischen Falltür und Felsen hindurchschob. Alles trifft ein, wie ich es mir dachte. Du wirst deine Freude haben, mit welcher scheinheiligen Biederkeit und Hilfsbereitschaft Master Morrisson hier auftritt.«

Kaum harte er das letzte Wort ausgesprochen, als er auch schon in kurzen Pausen um Hilfe zu rufen begann. Nach einer Weile flüsterte er mir zu: »Gib Acht, gleich geht die Komödie los!«

Er brauchte mich wahrhaftig nicht hierzu aufzufordern. Ich war viel zu begierig auf das, was nun folgen würde, um nicht beständig nun nach oben zu schauen.

Wieder erklang Harsts überlautes: »Hilfe … Hilfe!«

Der letzte Ton war noch nicht verhallt, als von oben her Antwort kam.

»He, wer schreit denn da so jämmerlich?«, hörte ich einen tiefen Bass brüllen. Der Mann musste den Mund dicht an eine der Ritzen der Falltür gepresst haben.

Zu meinem Erstaunen antwortete Harst gleichfalls auf Englisch: »Zwei Deutsche stecken hier in diesem verwünschten Loch. Sucht nur neben der Plattform des Felsens! Es muss da irgendwo einen Strick geben, durch den die Falltür sich öffnen lässt. Seid aber vorsichtig, dass ihr nicht hinabstürzt.«

Gleich darauf flutete das Tageslicht zu uns herein und über dem Rand des Schachtes erschien sehr bald ein Kopf mit einem großen Schlapphut. Das konnte nur Morrisson sein! Der brandrote Vollbart sagte genug.

Eine Leine schwebe herab. Harst flüsterte: »Erst du! Spiele den Kranken, mein Alter. Die blutige Beule an deiner Stirn wirkt sehr überzeugend. Nenn auch ruhig deinen richtigen Namen, ebenso den meinen, falls Morrisson dich fragt.«

Ich wurde hochgehievt. Morrisson empfing mich mit den Worten: »Zum Donner, Master, wie seid Ihr denn da hinabgeraten? Das scheint eine wahre Teufelserfindung zu sein! Ein Glück, dass wir auf einem Jagdausflug gerade hier vorüberkamen!«

Ich spielte den durch die Stirnverletzung arg Mitgenommenen recht naturgetreu. Wenn man früher mal Berufskomödiant gewesen ist, fällt einem eine solche Rolle nicht schwer.

Morrisson und die beiden Begleiter, zwei ältere, bärtige Sulus mit riesigen Wulstlippen, zogen nun Harst hoch. Ach, welch ein glänzender Schauspieler wäre doch Harald Harst geworden! Es war eine Freude, zu beobachten, wie vorzüglich er den Arglosen und Dankbaren mimte. Er drückte Morrisson die Hand, meinte: »Master, in dem Loch hätten wir verhungern müssen!«

Dann wurde die Falltür wieder mithilfe der Zugvorrichtung geschlossen. Morrisson und die Sulus taten weiter so, als hätten sie bisher keine Ahnung von dem Vorhandensein dieser Menschenfalle gehabt.

Harst bat, dass für mich eine Tragbahre hergestellt würde. Es geschah. Die Sulus schleppten mich dann zu der Schlucht, wo Mansa auf uns wartete. Auf dem Weg dorthin erzählte Harst dem biederen Morrisson, dass wir Harst und Schraut hießen und als Privatdetektive nach Kapland gekommen seien, um einen Landsmann zu suchen. Den Namen Knork verschwieg er. Morrisson seinerseits erklärte, er sei Prospektor, Goldsucher. Die Schwarzen stellte er uns mit einer gewissen Wichtigkeit als den obersten Fetischpriester der Sulus, Master Okirupu, und den zweiten Ferischpriester, Master Diguru, vor.

»Es sind die beiden einflussreichsten Männer des Suluvolkes«, fügte er hinzu.

Harst meinte nachher, ich müsste unbedingt einige Tage geschont werden; ob wir nicht in einem Suludorf ein Unterkommen finden könnten. Worauf Morrisson mit den beiden schwarzen Halunken in der Sulusprache zum Schein eine Weile verhandelte und schließlich erwiderte, Master Okirupu würde uns in seine Hütte aufnehmen. Ich sagte soeben zum Schein. Sehr bald erfuhr ich ja, dass vonseiten Morrissons und der Neger hier ein abgekartetes Spiel vorlag. Die drei Schufte hätten uns auch ohne Harsts Bitte zu Okirupus in einem sogenannten heiligen Wald liegendem Heim gebracht.

Erst nach Anbruch der Dunkelheit setzte sich unser Zug in Bewegung. Wir kamen gegen zwei Uhr morgens dann vor Okirupus Behausung an, ohne auch nur einen Menschen in all den Stunden getroffen zu haben, obwohl mehrere Eingeborenendörfer dem Hundegekläff nach in der Nähe liegen mussten.

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