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Der Detektiv – Band 22 – Um die Millionenbeute – Teil 2

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 22
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Um die Millionenbeute

Teil 2

Ich fuhr nicht nach Berlin.

Ich bezahlte unsere Rechnung, löste eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Berlin, gab unsere Koffer nach dorthin auf, behielt nur eine Handtasche mit unserem Handwerkszeug bei mir, bestieg den Mittagszug nach Gjester und verließ ihn schon auf der nächsten Station, nachdem ich mich im Waschraum gründlich verwandelt hatte. Nachdem ich festgestellt hatte, dass niemand mir folgte, kehrte ich mit dem Vorortzug nach Kopenhagen zurück und saß abends 10 Uhr 45 Minuten in einer Schlafwagenkabine erster Klasse, also nicht gemeinsam mit einem Kabinengenossen wie in der zweiten Klasse, im Zug nach Stockholm.

Ich saß auf dem Bettrand meiner Kabine Nr. 21 bei offener Tür. Soeben hatte der Zug Malmö verlassen. Im Gang des Schlafwagens gingen noch Reisende auf und ab. Dann kam der Schaffner, ließ sich die Bettkarte zeigen, fragte, wann ich geweckt sein wolle, ging freundlich lächelnd mit seinen zwei Kronen Trinkgeld davon und schob die Tür zu. Ich war allein. Aber ich dachte an Harst, der mir zur Vorsicht geraten hatte, trat daher nach einer Weile in den Gang hinaus und rauchte am Fenster eine Zigarette, scheinbar nur in die mondhelle, eilig vorbeifliegende Landschaft hinausblickend. Scheinbar. Ich beobachtete die anderen Reisenden, die gleichfalls noch nicht zu Bett gehen mochten.

Dann – im letzten Wagen vor einer Kabinentür erster Klasse stutzte ich unwillkürlich. Dort saß ein Herr in Hemdsärmeln auf dem Bett und las Zeitung, hatte eine dicke lange Zigarre im Mundwinkel. Es war ein weißbärtiger Riese. Der Bart war lang und wohlgepflegt. Und die Augenbrauen fielen durch ihre Stärke auf, waren buschig und ragten an den Schläfenenden wie ein Schnurrbart empor. Das gab dem frischen roten Gesicht einen sehr energischen Ausdruck.

Ich schritt vorüber, machte kehrt, ging nochmals an der Tür vorbei, wiederholte dies abermals. Ich zweifelte nicht mehr, dass dieser Herr der Doktor Doornblam war; ebenso wenig, dass er nach Stockholm reiste. Was wollte er dort? Gerade dort, wo ich Harst und James Palperlon zu finden hoffte?!Was wohl? War es ein Zufall, dass er gerade jetzt ebenfalls nach Stockholm unterwegs war?

Ich hatte mir die Kabinennummer gemerkt – neun! Ich kehrte in mein winziges Kämmerchen zurück, schloss die Tür, riegelte ab, überlegte mir bei einer neuen Zigarette Harsts Andeutungen über seinen zweiten Besuch bei Doornblam.

Ich lag in dem verdunkelten Abteil in meinem Bett und starrte mit offenen Augen vor mich hin. Ich fühlte, wie allmählich die Angst um Harst in mir ständig wuchs. Ich grollte ihm, weil er ohne mich abgereist war. Wenn ich nun ganz umsonst nach Stockholm fuhr? Wenn ich Harst dort nicht fand?

Mir wurde heiß und ungemütlich unter der Zudecke. Mein Groll gegen Harst, der mich allein gelassen, steigerte sich.

Da – träumte ich? Da oben schob sich nun eine Hand durch den Spalt der an der Decke befindlichen Luftklappe, eine menschliche Hand, bekleidet mit einem dunklen Handschuh.

Träumte ich?

Ich kniff mich in den Arm. Nein, ich war wach.

Und die Hand da oben reckte sich weiter vor, war halb geballt. Ihr folgte ein nackter, weißer Arm bis zum Ellenbogengelenk.

Ich lag regungslos. Was … was würde sich ereignen? Wer kroch da draußen auf dem Wagendach in dem schneidenden Luftzug umher?

Regungslos verhielt ich mich, aber auch sozusagen sprungbereit.

Nun öffnete sich die Faust etwas. Ich erkannte undeutlich eine schillernde Kugel – wie Glas schillernd!

Ich richtete mich auf, reckte die Arme hoch.

Und keine Sekunde zu früh. Mit leichtem Schwung flog die Kugel in der Richtung auf den schmalen Gang zwischen Bett und Wand.

Ich griff zu wie nach einem Ball. Ich hatte Glück. Ich bekam sie zwischen die Hände, legte sie sofort auf das Tischchen in meine weiche Reisemütze, schnellte hoch.

Wo ich die Gelenkigkeit hernahm, mit einem Satz mit hochgestreckten Händen so hochzuspringen, dass ich die geheimnisvolle Hand erreichte, das Gelenk umklammerte und nun mit aller Kraft daran ziehen konnte, ich begreife es heute selbst nicht! Jedenfalls: Der Attentäter war gefangen! Und sein Unterarm ruhte nun auf der Eiseneinfassung der Luftscheibe. Das Fleisch wurde tief eingedrückt, so rücksichtslos zerrte ich an der unheimlichen Hand. Wozu ich es tat, das überlegte ich mir nicht weiter. Ich war zunächst nur froh, den Menschen gepackt zu haben.

Von ihm selbst konnte ich ebenso wenig etwas sehen wie er von mir. Die Scharniere des kleinen Fensters lagen an der unteren Leiste des Fensterrahmens, sodass die Scheibe schräg nach oben offen stand.

Ich hielt fest. Der Mensch hatte offenbar Riesenkräfte. Er versuchte alles Mögliche, freizukommen, schob den Arm plötzlich noch weiter durch das Fenster, riss ihn mit einem Ruck wieder hoch. Das geschah mehrmals. Aber es brachte ihm nur blutige Hautabschürfungen durch den Eisenrand der Scheibe ein. Ich sah, dass der Unterarm sich blutig färbte.

Und da … da schoss es mir durch den Kopf: Der Kerl ist jetzt gezeichnet. Versuche noch, ihm den grauen Zwirnhandschuh abzureißen. Vielleicht hat die Hand irgendein Merkmal. Dann gib ihn frei.

Es gelang; der Handschuh rutschte bis auf die Finger hinab. In demselben Moment ein neuer Ruck.

Die Hand verschwand.

Schweiß lief mir über das Gesicht. Ich fieberte vor Anstrengung und Aufregung. Ich klappte schnell beide Scheiben hoch, ebenso die Stoffhalbkugeln der Lampe. Dann setzte ich mich erschöpft auf mein Bett. Meine Blicke stierten auf die Kugel. Nachdem ich ruhig geworden, besichtigte ich den kleinen Glasball. Er war schwer und hatte etwa 4 ½ Zentimeter Durchmesser. Ich schüttelte ihn, hielt ihn gegen das Licht. Eine bräunliche Flüssigkeit war darin. Das Glas selbst war hauchdünn.

Kein Zweifel: Ich hatte ermordet werden sollen! Wäre die Kugel vor mein Bett auf den Teppich gefallen, dann würde sie zerschellt sein. Das Rattern der Räder hätte das schwache Geräusch verschlungen. Die Flüssigkeit wäre ausgeflossen. Giftige Dünste hätten den Schlafenden erst betäubt, dann erstickt.

Das wäre mein Schicksal gewesen, wenn ich nicht wach gewesen wäre.

Was nun? Sollte ich das Attentat verschweigen? Sollte ich die Notbremse ziehen, sollte ich dem Zugführer das Erlebte melden und den Zug nach dem Menschen mit dem zerschundenen Arm absuchen lassen?

Eine schwierige Frage! Tat ich es, so musste ich auch angeben, wer ich war: Max Schraut, des berühmten Harald Harst Privatsekretär.

Und dann? Dann würde die ganze Sache in die schwedischen Zeitungen kommen! Dann würde bekannt werden: Schraut war auf dem Wege nach Stockholm! Da kann also Harst nicht weit sein! Dann schadete ich sicher Harsts Plänen, durchkreuzte seine Absichten.

Was also tun? Mir fiel ein, dass die Hand eine welke, faltige Haut gehabt hatte. Es war die Hand eines älteren Mannes gewesen.

Und in demselben Moment, als sich an diese Hand dachte, deren Handrücken stark behaart gewesen, da dachte ich auch an Kabine Nr. 9, an Doktor Doornblam!

Doornblam! Ja, er, nur er konnte der Attentäter gewesen sein. Nur er!

Ich wollte Gewissheit haben, kleidete mich an, steckte die entsicherte Pistole zu mir, öffnete die Tür, drückte sie wieder zu, schlich in den halbdunklen Gang entlang.

Nirgends ein Mensch; alle Türen waren fest geschlossen.

Es war nun kurz nach Mitternacht. Der Zug brauste durch eine kleine Station ohne Aufenthalt; ein paar Menschen, Bahnbeamte, standen vor dem Stationsgebäude.

Ich hatte durch eins der Gangfenster geschaut, schritt nun weiter, sagte mir: »Es ist unmöglich, dass jemand bei dieser Schnelligkeit abspringt. Doktor Doornblam muss noch im Zug sein!«  Nun stand ich vor Nr. 9. Ich legte die Hand auf den Drücker. Dieser lag waagerecht.

Waagerecht? Ich stutzte. Dann war die Tür nicht ins Schloss gedrückt! Ich schaute hin. Wirklich – eine fingerbreite Spalte war da zu sehen. In der Kabine musste es dunkel sein. Sonst hätte ich die Spalte sofort bemerkt.

Ich schob die Tür langsam auf – mit der Linken. In der Rechten hielt ich die Pistole. Ich wollte Doktor Doornblam mit vorgehaltener Waffe zwingen, mir zu gestehen, weshalb er mich hatte beseitigen wollen.

Ich trat ein, wollte mich halb umdrehen und die Tür wieder zudrücken.

Wollte! Ein furchtbarer Schlag traf meinen rechten Arm. Polternd entfiel mir die Waffe. Ich schnellte mich herum; vor mir ein Herr mit heller Reisemütze; vor meinem Gesicht die Mündung eines Revolvers.

»Keine Bewegung!«, flüsterte der Mann mir auf Englisch zu. »Zurücktreten! So!«

Er schob die Tür ins Schloss. Wir waren in Kabine Nummer 9.

Dann schoss mir eine blendende Lichtflut ins Gesicht. Mein Überwältiger hatte in der Linken eine Taschenlampe. Er musterte mich – nur sekundenlang.

Dann – und ich ruckte bei der Stimme leicht zusammen wie unter einem angenehmen lauen Wasserstrahl: »Na, mein Alter, was treibst du denn hier?«

Harst – Harst!

»Entschuldige den groben Hieb«, fuhr er fort und zog die Stoffhalbkugeln der Lampe auf, steckte seine eigene Taschenlampe weg. »Du solltest doch auf dem Wege nach Berlin sein!« Er lächelte. Und dieses Lächeln war so liebenswürdig–nachsichtig, wie der semmelblonde Geck mit dem hochgekämmten Schnurrbart und den Pausbacken, den Harst hier vorstellte (Typ Konfektionsreisender), wohl nie hätte lächeln können. »Ich hatte keine Ahnung, dass du im Zug warst«, fügte er hastiger hinzu. »Wir haben nicht lange Zeit. Hier in diesem Wagen ist irgendetwas geschehen. Ich hörte etwas wie einen Schrei.«

Meine Augen flogen argwöhnisch über die Kabine hin. Sie war leer. Aber die Fenstergardine flatterte stark, sodass die Ringe klapperten, mit denen sie oben an der Stange hing.

Dieses offene Fenster sagte mir genug. Dort war Doornblam fraglos hinausgeklettert.

Mit wenigen Worten unterrichtete ich Harst über mein Abenteuer mit der Hand und der Säurebombe.

Er sagte nichts, blickte mich nur starr und so geistesabwesend an, als hörte er kaum, was ich sprach. Dann nahm er Doornblams kleinen Handkoffer, öffnete ihn mit einem winzigen Dietrich und warf den ganzen Inhalt auf das noch unberührte Bett. Darunter befand sich auch ein Buch, ein Roman. Harst blätterte darin, wollte ihn schon wieder weglegen, als er in der Mitte zwischen den Seiten ein zusammengelegtes Telegramm entdeckte. Er steckte es zu sich, packte die Sachen einzeln wieder ein, verschloss den Koffer, suchte noch unter dem Kopfkissen des Bettes und in den Taschen des neben der Tür hängenden langen Ulsters, klappte die Stoffhalbkugeln der Lampe wieder herunter und schob die Tür auf.

Der Gang war leer. Harst winkte mir. Wir machten dann in dem zweitletzten Wagen vor Kabine Nr. 14 wieder halt.

Harsts Lampe blitzte auf. Ich sah, dass in der Türfüllung in einer Ecke ein kleines Loch mit einem braunen Papierpfropfen verstopft war. Harst zog ihn heraus, bückte sich, richtete sich wieder auf, flüsterte: »Schau hindurch.«

Die Kabine war hell, aber leer; die Zudecke des Bettes aufgeschlagen, jedoch das Bett unbenutzt. Nirgends ein Gepäckstück oder dergleichen. Ein Geräusch ließ mich seitwärts blickten. Harst hatte die Hand auf dem Türdrücker.

»Von innen verriegelt«, meinte er. »Vorhin stand ein kleiner, schmaler gelber Koffer auf dem Bett. Ich weiß genug. Komm!«

Wir gingen in meine Kabine. Dort lag noch die Säurebombe in der Mütze auf dem Tischchen. Harst öffnete das Fenster, schleuderte sie hinaus.

»Das Ding ist zu gefährlich, mein Alter«, sagte er und reichte mir nun erst zur Begrüßung die Hand. »Ich konnte mir ja denken, dass du ungehorsam sein und mir folgen würdest. Hm, ich rechnete eigentlich damit. Nur erwartete ich dich erst übermorgen in Stockholm. Ich hätte dich schon aufgestöbert. Na, so ist alles nun einfacher. Die Hauptgefahr ist auch beseitigt. Doornblam ist tot.«

Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt und ich mich neben ihn. Wir flüsterten nur.

»Tot?«, fragte ich ungläubig.

»Ja. Ohne Zweifel. Doch das ist eine lange Geschichte, mein Alter. Und ich bin müde, sehr müde. Ich bin seit gestern Nacht zwölf Uhr auf den Beinen. Und in Stockholm werde ich frischer denn je sein müssen.«

»Was geht denn eigentlich vor, Harald? Wenigstens andeuten kannst du doch, womit wir uns in Stockholm werden beschäftigen müssen.«

»Oh – natürlich mit Freund Palperlon, mit einem auf einem Teller ruhenden Wachskopf und mit Herrn Severin Bloombergs Antiquitätensalon. Sehr vielversprechend, nicht wahr? So, nun noch einige Verabredungen.«

Er gab mir sehr eingehende Verhaltungsmaßregeln. Dann trennten wir uns. Ich lag noch eine Stunde wach und grübelte darüber nach, wie Doktor Doornblam wohl den Tod gefunden haben könne. Und wer war wohl der Insasse der Kabine Nr. 14, in deren Tür Harst ein Loch gebohrt hatte? In meinen Träumen spielte dann eine Hand und ein Wachskopf eine mich stark beunruhigende Rolle.