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Rocambole – Das mysteriöse Vermächtnis – Teil 4

Pierre Alexis de Ponson du Terrail
Pariser Tragödien
Rocambole – Das mysteriöse Vermächtnis
Mystischer Roman aus dem Jahr 1867

IV

Der Notar und Jean-le-bourreau trugen den leblosen Körper von Rocambole.

Mort-des-braves und Marmouset folgten und das Kind sagte in Anspielung auf Jean-le-bourreau: »Ich glaube, der arme Alte hat sich geirrt: Er ist tot, und zwar richtig tot.«

»Und er hat ein schönes Loch in der Mitte seiner Brust und muss ziemlich viel Blut verloren haben«, erwiderte Mort-des-braves.

Es war nicht ungewöhnlich, dass Ertrunkene im Kabarett der Camarde ankamen.

Vor allem zwischen Sèvres und Saint-Cloud fanden die Flößer sie oft in den Gräsern.

Sie wurden dann auf den Zug geladen und zum Kabarett de l’Ârlequin gebracht.

Anschließend wurde der Kommissar benachrichtigt und alle üblichen Formalitäten erledigt, natürlich im Hinblick auf das Kopfgeld.

Rocambole wurde in der Mitte des Lokals abgelegt.

Der Notar sagte: »Mein armer alter Herr, ich glaube, er ist tot.«

»Nein, das ist nicht möglich«, rief Jean-le-bourreau, der sich die Haare raufte.

Der Körper war verkrampft; das Gesicht war bleich, alle Anzeichen für den Tod waren vorhanden.

»Ich will Ihnen das sagen«, meinte die Camarde.

Die Stammgäste des l’Ârlequin hatten einen Kreis um den Körper gebildet, der vielleicht tatsächlich eine Leiche war.

»Ein guter Junge!«, murmelte Pie-borgne.

»Er wird mit dem Messer gespielt haben«, sagte ein anderer.

»Sie irren sich«, konterte ein alter Ravageur, »dieses Loch hier wurde nicht mit einem Messer gemacht.«

»Womit denn?«, fragte Pie-borgne.

»Das ist ein Degenstich.«

»Wie elegant!«, rief Marmouset. »Ein Degenstich ist ein Luxus, der für die Bürger und die Unterwelt gedacht ist.«

Jean-le-bourreau zeigte ihm wütend die Faust.

In der Zwischenzeit hatte sich die Camarde über Rocambole gebeugt.

Sie hatte ihr Ohr auf den Brustkorb gedrückt.

Das Herz schlug nicht mehr.

Sie nahm beide Arme nacheinander und schüttelte diese.

Die Arme hatten diese weiche Elastizität, die dem Tod folgt.

Sie griff zu einer besonderen Prüfung, ging zu einem kleinen Spiegel, der an der Wand hing und vor dem sich der Konditor den Bart stutzte.

Als sie mit dem Spiegel in der Hand zu der Leiche zurückkehrte, herrschte einen Moment lang fast feierlicher Stille.

Jean-le-bourreau hatte dicke Tränen auf den Wangen.

Selbst der Notar, dessen Ungerührtheit allgemein bekannt war, zeigte eine so große Angst, dass der Konditor ausrief: »Was ist das für ein Mann, den ihr so sehr fürchtet, dass er tot ist?«

Der Notar und Jean antworteten nicht.

Die Camarde kniete sich neben den Leichnam, lockerte mit ihren Händen den Kiefer und hielt den Spiegel an den Mund.

Zwei Minuten vergingen.

Die Camarde zog den Spiegel zurück, und Jean-le-bourreau stieß einen lauten Schrei aus.

Das Glas war angelaufen …

Also war ein Atemzug aus der Brust gekommen, also war der Ertrunkene nicht tot.

»Meine Kinder«, sagte die Alte, »er ist nicht tot, aber wir werden Mühe haben, ihn wieder gesund zu machen. Wir müssen ein großes Feuer anzünden und ihn in Decken einwickeln. Gleichzeitig reiben wir ihn ein.«

»Ein Mann mehr oder weniger, das ist doch mal eine schöne Bescherung«, grummelte der Zuckerbäcker.

»Sprich für dich, Konditor«, sagte die Pie-Borgne, »du bist ziemlich alt und ziemlich hässlich, während er …«

Der Anführer der Ravageure antwortete nicht auf diese Frechheit. Die Pie-borgne hatte mit ihm ein offenes Wort.

Jean-le-bourreau war aufgestanden und sagte: »Wir müssen ihn retten!«

»Ich glaube schon«, antwortete der Notar mit einer Begeisterung, die bei ihm sehr selten war.

»Aber wer ist das denn?«, fragte der Zuckerbäcker, von einer immer stärker werdenden Wut beseelt.

»Ein Mann, in dessen Nähe du nichts als ein Feigling bist«, sagte der Notar.

»Du beleidigst mich!«, brüllte der Konditor.

Die anderen Ravageure murmelten dumpf.

»Ich habe gehört«, sagte Marmouset, »dass dieser Herr hier Rocambole ist.«

Bei diesem Namen erlosch der Zorn des Zuckerbäckers wie eine Fackel, die man in Wasser taucht.

»Er, hui!«, stammelte er.

Inzwischen hatten sich die beiden Frauen an die Arbeit gemacht, den leblosen Körper genommen und zum Feuer getragen, in das Marmouset einige Holzscheite geworfen hatte.

Dann riss die Camarde die Decken von dem Bett, das in einer Ecke des Kabarett stand, und die Pie-borgne, die ein robustes Händchen hatte, fing an, die Brust des Ertrunkenen zu reiben.

Auch der Zuckerbäcker selbst machte sich an die Arbeit.

Er hatte eine Kanne mit Essig genommen und rieb Rocambole die Schläfen, Lippen und Nasenlöcher ein.

Von Zeit zu Zeit lehnte die Camarde ihr Ohr an seine Brust.

Plötzlich leuchtete ein Blitz in ihren Augen auf.

»Das Herz beginnt zu schlagen«, sagte sie.

»Oh!«, rief Jean, »ich wusste doch, dass er nicht tot ist.«

»Kann ein Rocambole denn sterben?«, fragte der Notar mit einem triumphierenden Unterton.

Das Herz schlug tatsächlich wieder und ein unmerklicher Atemzug ging über die Lippen.

Solange man am Leben gezweifelt hatte, waren alle Herzen ängstlich gewesen und der Atem stockte.

Aber als die erfahrene Camarde verkündete, dass sie für die Rückkehr ins Leben bürge, gab es einen wahren Freudenausbruch, einen Strom von Worten, einen unbeschreiblichen Tumult.

Marmouset sagte: »Ich habe gehört, dass er ein berühmter Mann ist.«

»Das glaube ich«, sagte ein Ravageur, der bis dahin geschwiegen hatte. »Er hat uns vor drei Monaten das Leben schwer gemacht.«

»Was ist mit dir?«, fragte der Notar erstaunt.

»Ja, ich gehörte zu Timoleons Bande.«

»Dann kennst du ihn auch«, sagte der Konditor.

»Ich kenne ihn, ohne ihn zu kennen«, antwortete der Ravageur, »denn Rocambole wechselt sein Gesicht, wie wir anderen unsere Kittel wechseln.«

»Das nennt man Maskerade«, meinte Marmouset.

»Sei still, Junge«, sagte die Camarde.

Das Herz schlug nun kräftig, und einige Seufzer entwichen der Brust des Ertrunkenen.

»Ich glaube, er wird bald ein Auge aufmachen«, sagte die Camarde.

Die Pie-Borgne setzte ihre Reiberei fort.

»Wenn er das überlebt«, sagte der Notar, »machen wir ihn zu unserem Chef.«

Der Zuckerbäcker zuckte mit den Schultern und machte eine launige Geste.

»Du musst dich damit abfinden, guter Mann. Wo Rocambole ist, da hat er das Sagen.«

Der Konditor hatte keine Zeit zu antworten, denn Jean-le-bourreau stieß erneut einen Schrei aus.

Ein Schrei der höchsten Freude, ein Schrei des enthusiastischen Freudentaumels.

Rocambole hatte gerade seine Augen wieder geöffnet.