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Das Geisterschiff – Kapitel 6

John C. Hutcheson
Das Geisterschiff
Kapitel 6

Ein Kapitel voller Unfälle

»Unsinn, Mann!«, rief Kapitän Applegarth. »Machen Sie sich nicht so lächerlich! Der fliegende Holländer! Dieser Schwachsinn ist schon vor Jahren entlarvt worden, und ich hätte nicht gedacht, dass es heute noch einen Seemann gibt, der so dumm ist, an diese Geschichte zu glauben!«

»Ich mag ein Dummkopf sein, Sir. Ich weiß, dass ich das manchmal bin«, erwiderte der alte Masters, sichtlich gekränkt darüber, dass der Kapitän vor den Männern so mit ihm sprach. »Aber, Sir, sehen heißt glauben. Da ist dieses Schiff und da ist dieses Boot, das im Sturm längsseits segelt. Dummkopf hin oder her, ich sehe das, Kapitän!«

»Verdammt, Mann, siehst du nicht, dass es nur eine Fata Morgana oder eine Spiegelung unseres eigenen Schiffes ist, die durch das Licht des Mondes erzeugt wird, der seinen Schatten auf die Wolkenmasse in Lee wirft? Schau, da sind unsere beiden alten Masten und die Schornsteine dazwischen, aus denen der Rauch aufsteigt! Ja, und dort kannst du auch diese Brücke sehen, auf der wir stehen, und uns alle, so groß wie das Leben. Bootsmann, du kannst deine eigene hässliche Visage sehen, die sich jetzt gegenüber von uns spiegelt, wie in einem Spiegel. Sieh hin, Mann!«

»Ja, ich sehe es, Sir, deutlich genug, obwohl ich ein Idiot bin«, sagte Masters schließlich. »Aber es ist nicht natürlich, Sir, und ich habe Zweifel an so seltsamen Dingen. Ich bin nicht umsonst vierzig Jahre zur See gefahren, Kapitän Applegarth, und ich fürchte, dass ein solcher Anblick auf eine Gefahr hindeutet, die uns auf dieser Reise irgendwann einmal begegnen wird. Wir sind sogar an einem Freitag aufgebrochen, Sir, wie Sie wissen, Sir!«

»Unsinn!«, rief der Kapitän, verärgert über seine Hartnäckigkeit. » Siehst du, die Fata Morgana ist verschwunden, jetzt, wo sich das Mondlicht zerstreut hat. Schaut schlau nach oben und holt das Toppsegel ein! Es sind gerade sieben Glockenschläge, und ich werde die Maschinen drosseln und wieder auf unseren Kurs gehen. Hoch mit euch, Männer, und legt euch auf die Rah!«

Die Männer, die beim Anblick der Fata Morgana wie gebannt auf halber Höhe des Vorschiffs stehengeblieben waren, machten sich nun daran, ihre abergläubischen Ängste abzuschütteln; auch die alten Matrosen, die etwas zu tun hatten, machten sich an die Arbeit, und bald war das Segel gerafft, das Bramsegel verstaut und die Leinen befestigt.

»Es hat keinen Sinn, dass wir noch länger hinter deinem Schiff her sind, Haldane«, bemerkte der Kapitän und wandte sich an mich, als die Männer alle aus der Toppsegelrah kamen und wieder an Deck kletterten, nachdem sie es sich oben gemütlich gemacht hatten. »Wenn sie noch schwimmen würde, hätten wir sie vorher überholen müssen. Ich glaube wirklich, mein Junge, dass sie nur eine Art Irrlicht war, so wie das, was wir gerade gesehen haben – eine optische Täuschung, wie ich dir damals gesagt habe. Erinnerst du dich, verursacht durch ein Streulicht vom Nachglühen des Sonnenuntergangs, das auf den weißen Nebel geworfen wurde, den wir später vom Wasser aufsteigen sahen. Nicht wahr, mein Junge?«

»Nein, Kapitän«, antwortete ich ernsthaft. »Das Schiff, das ich sah, sah ganz anders aus als unser Spiegelbild! Es war vollgetakelt, wie ich Ihnen sagte, Sir, und obwohl sein Segeltuch zerrissen war und es ein wenig ramponiert aussah, war es unserem alten Stern des Nordens so unähnlich, wie ein Segelschiff einem Dampfer unähnlich ist!«

»Sie könnte ein Wrack gewesen sein.«

»Ich sah ein Mädchen auf dem Deck, Sir, mit einem Hund neben ihr, so deutlich, wie ich Sie jetzt sehe, Sir!«

»Nun, wie dem auch sei, mein Junge, obwohl es mir sehr leid tut für das arme junge Ding, wenn sie noch im Land der Lebenden ist, kann ich nicht ewig so weitermachen! Wenn sie irgendwo in Sicht käme, wäre das eine ganz andere Sache; aber so wie es ist, ohne zu wissen, ob wir auf ihrer richtigen Spur sind oder nicht, könnten wir bis zum Äquator weiterfahren, ohne ihr wieder zu begegnen. Nein, nein, es wäre weder den Eigentümern noch uns selbst gegenüber vernünftig, das Schiff und das Leben aller an Bord zu riskieren, wenn wir uns weiter auf eine solche Verfolgungsjagd begeben würden.«

»Sehr gut, Sir«, sagte ich, als er hier innehielt, als würde er darauf warten, dass ich etwas sage. »Wir haben jedenfalls unser Bestes getan, um sie zu finden.«

»Das haben wir, und ich wage zu behaupten, dass viele uns für tollkühn halten würden, weil wir so lange weitergemacht haben. Wie auch immer, ich werde die Jagd jetzt aufgeben und wieder unseren eigentlichen Kurs einschlagen, mein Junge, und ich weiß, dass das bei diesem Sturm eine verdammt schwierige Aufgabe sein wird!«

Mit diesen Worten ergriff der Kapitän den Griff des Maschinentelegrafen, der durch ein Rohr am Ende der Brücke nach oben führte, und gab den Verantwortlichen unten ein Zeichen, die Geschwindigkeit auf die Hälfte zu reduzieren.

»Runter mit dem Ruder, Steuermann!«, rief er dem Mann am Steuer zu, und im selben Moment hob er die Hand, um die Aufmerksamkeit des alten Masters auf sich zu ziehen, der auf seinen Platz auf dem Vorderdeck zurückgekehrt war und durch das, was sich kürzlich ereignet hatte, sehr aufgewühlt war: »Zieht die Fockschot ein und lichtet die Stagsegel sorgfältig! Ich will das Schiff gut an den Wind bringen, damit wir nicht wieder so ein grünes Meer an Bord haben, wenn wir auf die Breitseite kommen. Pass gut auf, Bootsmann. Behaltet sie im Auge, hörst du? Das ist eine kitzlige Arbeit, das weißt du. Pass gut auf, sonst bricht sie weg!«

So weit das Auge reichte, war die sturmgepeitschte Oberfläche der Tiefe weiß vor Schaum, weiß wie ein Schneefeld, und kochend vor Wut und Zorn.

Die blauschwarze Wolkenbank, die sich am Horizont in Lee befunden hatte, war auf irgendeine mysteriöse Art und Weise verschwunden, und der Himmel war so klar wie eine Glaskugel, nur einige vom Wind getriebene Fetzen halbdurchsichtigen weißen Dampfes fegten gelegentlich über das Gesicht des blassen, kränklich aussehenden Mondes, der auf die seltsame Szene in einer Art bedrohlicher Weise herabblickte. Und anstelle der zwei oder drei seltsamen Sternbilder, die zuvor aus dem Firmament hervorlugten, befanden sich in diesem Moment alle Galaxien des Himmels in ihren Myriaden über dem Himmel, die das Weltall vom Zenit bis zum Pol erhellten.

Aber der Orkan!

Während wir vor dem Wind liefen, trieb der Wind, obwohl er unsere Segel bis zum Bersten aufgebläht hatte, uns in wildem, wahnwitzigem Tempo voran und schüttelte die ungestümen Wogen zu beiden Seiten, schöpfte sie aus den Tiefen des Ozeans und türmte sie zu ungeheuren Wellen wütenden Wassers auf, die hinter uns her rollten und uns zu überwältigen trachteten, und wir konnten, selbst als wir ihn ausnutzten, seine schreckliche und ungeheure Kraft kaum ermessen.

Als wir jedoch wendeten und uns ihm gegenübersahen, sah die Sache ganz anders aus, denn der Wind nahm um das Zehnfache an Intensität zu.

Wo er zuvor durch die Takelage pfiff, kreischte und heulte er jetzt, als ob die Luft von Dämonen bevölkert wäre, während die Wellen, zur Raserei gepeitscht, wie Rammböcke gegen unseren Bug schlugen und sich dort, wo ihre gewaltigen Kämme aufeinander trafen, fast bis auf die Höhe unseres Masttopps erhoben.

Der Kopf der alten Fregatte drehte sich langsam, und noch langsamer, als sie gegen die schwere See ankämpfte, bis sie auf einmal in den Stagsegeln stehen blieb, unfähig, ihrem unerbittlichen Feind entgegenzutreten, obwohl sie sich nach Kräften wehrte.

»Luvt, Steuermann!«, brüllte der Kapitän lauthals und tänzelte in seiner Aufregung auf der Brücke auf und ab. »Luv, du Bastard, luv!«

»Ich kann nicht, Sir«, schrie der Mann verzweifelt – ein Neuer, der zur Ablösung von Atkins um sechs Glasen zum Dienst gekommen war. »Die Dampfsteuerung ist ausgefallen, Sir, und ich kann sie nicht bewegen.«

»Bei Gott, das ist eine schlimme Sache«, rief der Kapitän, aber er hatte nicht lange Zeit, sich zu ärgern. »Lauf nach achtern, Haldane, und du auch, Spokeshave. Lösen Sie den Mast des Besansegels und ziehen Sie am Schothorn. Das wird sie schnell genug an den Wind bringen, wenn das Segel es nur aushält!«

Hören heißt gehorchen, und sowohl Spokeshave als auch ich kletterten so schnell wir konnten den Niedergang hinunter und mittschiffs entlang nach achtern, wobei die Wichtigkeit unserer Aufgabe unsere Bewegungen beschleunigte, wenn wir noch einen weiteren Impuls als den scharfen Befehl des Kapitäns gebraucht hätten.

Aber so schnell wir uns auch beeilt hatten, als wir auf die Achterleiter stiegen und zu den Pollern am Fuße des Besanmastes eilten, um die Buntleinen und Schothornleinen des Trysegels loszumachen, mussten wir feststellen, dass uns bereits ein anderer zuvorkam, der früher am Ort des Geschehens eingetroffen war.

Es handelte sich um Mr. O’Neil, den Zweiten Offizier, den ich schlafend in seiner Kajüte zurückgelassen hatte, als ich um zwei Uhr von der Offiziersmesse heraufkam, da er den ganzen Nachmittag Dienst hatte und seine Dienste erst in der Nacht wieder benötigt wurden, als er auf die Brücke gehen musste, um die erste Wache von acht bis Mitternacht zu übernehmen.

Garry O’Neil, der das Tosen des Meeres spürte, als wir umkehrten, und der wahrscheinlich durch den Richtungswechsel aufgeweckt wurde, so wie man annimmt, dass ein Müller durch das Anhalten seiner Mühle sofort geweckt wird, auch wenn er bei der Arbeit durch den ganzen Lärm des Mahlens schlafen kann, schlüpfte sofort in seine Stiefel und seine Windjacke und eilte durch den Niedergang und die Ausstiegsluke, die direkt von der Messe nach oben führte, auf das Achterdeck.

Hier angekommen, hatte er offensichtlich die Gefahr für das Schiff bemerkt und in seemännischer Manier denselben Rettungsversuch unternommen, der sich dem Kapitän aufgedrängt hatte, indem er, noch bevor wir ihn erreichten, die Taue löste, mit denen das Segel zusammengehalten wurde, und versuchte, das Schothorn allein einzuholen.

»Verflixt, Männer, ihr kommt gerade zur rechten Zeit!«, rief er, als er uns sah. »Hier, Spoke, mein Junge, halte dich am Ende der Schot fest, und du, Dick, gehst ans Ende der Schot, während ich das Seil um den Poller wickle! Glaubt mir, es ist wie ein Schiffbruch, und wir werden alle Hände voll zu tun haben, um es überhaupt zu erreichen, Männer. Und jetzt, alle zusammen, Hau ruck! Zugleich!«

Mit diesen Worten zogen wir alle an der Schot und schafften es mit großer Anstrengung, das Schothorn des Segels bis zum Ende des Gabelbaumes zu spannen, den wir dann, so gut es ging, mittschiffs befestigten, obwohl die Verbindung von Spiere und Segel so stark zu ruckeln begann, dass es schien, als würde der Besanmast jeden Augenblick aus dem Schiff gerissen werden, wobei das schwere Segeltuch, das lose unter den Backen der Gaffel hing, mit einem Geräusch wie Donner hin und her schlug.

Doch selbst die geringe Menge an Segeltuch, die dem Wind ausgesetzt war, reichte aus, um die erforderliche zusätzliche Hebelwirkung achtern zu erzeugen. Als die Maschinen mit halber Geschwindigkeit arbeiteten und die Vorsegel gefiert waren, wurde der Bug des Schiffes bald an den Wind gebracht, und wir fuhren unter leichtem Dampf weiter.

»Gut gemacht, Jungs«, rief der Kapitän von der Brücke aus, als das Schiff wieder in Fahrt kam und die Gefahr des Auflaufens in der schweren See glücklicherweise abgewendet war. Der Wind wehte von achtern und brachte die Stimme des Skippers zu uns, als ob er daneben stünde, und er rief uns direkt ins Ohr: »Passt gut auf und kommt hierher unter die Brücke. Ich möchte, dass ihr die Taue des großen Ruders mittschiffs abwerft und dafür sorgt, dass die Dollenleinen frei laufen. Wir müssen das Ruder selbst in die Hand nehmen und von unten steuern, denn die Dampfanlage hier oben im Ruderhaus ist hoffnungslos verklemmt und es wird einen Monat lang dauern, bis sie wieder in Ordnung ist!«

»Aye, aye, Sir«, antworteten wir unter seinem Blick, nachdem wir nach vorne gehuscht waren, während er sprach. Der irische Maat fügte in seiner Landessprache hinzu: »Ach was, das kriegen wir schon hin, Sir, im Handumdrehen, ganz sicher!«

»Hoho!«, rief der Skipper, »bist du das, O’Neil?«

»Ja, ich bin es, Sir!«

»Wie das? Ich wollte gerade jemanden zu deiner Kajüte hinunterschicken, um dich zu wecken.«

»Verflixt, ich brauche nur eine kleine Warnung, Sir! Die alte Fregatte ist so lebhaft, dass sie einen Mann aufwecken würde, der für eine Totenwache gestorben wäre, sicher! Ich bin so in meiner Bude herumgestoßen worden und gegen die Schotten geknallt, dass meine Knochen wie Gelee geworden sind und ich ganz blaufleckig bin. Aber was wollt Ihr, Käpt’n? Klar, ich helfe dem Youngster hier.«

»Donnerwetter!«, rief der Kapitän, »du bist der richtige Mann am richtigen Ort!«

»Glauben Sie mir, das hat der Gefangene auch zu dem Burgherrn gesagt, als dieser ihn auf der Tretmühle lautstark zurechtgewiesen hat!«

Der Kapitän lachte.

»Nun, wenn du deinen Job gut machst, bist du so gut wie dein Freund, der Aufseher«, sagte er. »Wenn wir das Ruder wieder in der Hand haben, können wir unseren Kurs halten und gemütlich dahin schippern. Ich denke, wir können von Glück reden, dass wir bei Wind und See so glimpflich davongekommen sind und dass die Ruderanlage in einem so ungünstigen Moment ausgefallen ist!«

»Ach, so schlimm ist es noch nicht, und Sie sollten besser nicht schreien, bis Sie aus dem Wald heraus sind«, murmelte der alte Masters halblaut als Antwort auf diese Meinungsäußerung des Kapitäns, nachdem der Bootsmann mit allen verfügbaren Kräften zu Hilfe gekommen war, um das Steuerrad unter der Brücke so schnell wie möglich wieder in Gang zu bringen. »Ich wusste, dass dieses Geisterschiff etwas bedeutet, und wir sind noch nicht am Ende des Logbuchs angelangt!«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, kam Mr. Fosset die Maschinenraumluke hinauf und eilte auf uns zu.

»Menschenskind, Fosset, da sind Sie ja endlich!«, rief der Kapitän, als er ihn sah. »Ich dachte schon, Sie kommen nie wieder hoch, wo es unten so schön warm und gemütlich ist! Ist jetzt alles in Ordnung, und funktionieren die Lenzpumpen?«

Kapitän Applegarth sprach scherzhaft, da an Deck alles in Ordnung war und das Schiff den Sturm wie eine Ente überstand, aber Mr. Fossets Gesicht sah ernst aus, und er antwortete ernster, als er es sonst zu tun pflegte. Sein Mund bewegte sich nervös im fahlen Mondlicht, das ihm einen noch blasseren Ausdruck verlieh, als die Worte von seinen Lippen fielen, sodass seine Miene fast wie die einer Leiche aussah.

»Aber was, Mann!«, rief der Kapitän ungeduldig und unterbrach seine langsame Rede, bevor Mr. Fosset weiterkommen konnte. »Stimmt etwas nicht?«

»Ja, Sir, es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass etwas nicht in Ordnung ist«, antwortete der andere traurig. »Es hat einen bedauerlichen Unfall am Schürloch gegeben!«

Der alte Masters, der das Gespräch mit offenen Ohren verfolgt hatte, stupste mich mit dem Ellbogen an, als ich neben ihm stand, und stieß dabei ein tiefes und bedeutungsvolles Grunzen aus.

»Ich wusste, dass etwas passieren würde«, flüsterte er mit düsterer Stimme, die durch die Begleitumstände noch schauerlicher klang, durch den kreischenden Wind, der durch die Takelage zerrte, durch das melancholische Rauschen der Wellen längsseits, durch das Stöhnen und Ächzen der Balken der armen alten Barke, als ob sie große Schmerzen hätte, während in diesem Augenblick die Glocke unter dem Brecher auf dem Vordeck langsam acht Glasen schlug, als ob sie für eine vorübergehende Seele läuten würde. »Sie haben das Geisterschiff gesichtet, Mr. Haldane, genau wie ich, denn ich habe es gesehen, das habe ich!«