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Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 2

Die Zwerge oder Unterirdischen

Außer den Riesen, heißt es, hat es vordem auch Zwerge auf Erden gegeben. Die sind so klein gewesen, sagt man in Liepe bei Rathenow, dass ihrer neun in einem Backofen haben dreschen können. Unter der Rüster am Haus des Küsters haben sie dort ihren Ein- und Ausgang gehabt, und von ihrem gewöhnlichen Aufenthalt unter der Erde nennt man sie auch allgemein die Unterirdischen. Sonst wohnten sie auch oft in alten verfallenen Gebäuden, wie zum Beispiel in den Kellern des alten Klosters Chorin. Dort haben sie auch einmal einen Bötticher hinuntergeholt, der hat ihnen neue Bänder um ihre Fässer legen müssen. In der Nacht hatte es ihn nämlich mehrere Male gerufen, er sollte sich mitseinem Hand werkszeug zu der und der Stunde an der und der Stelle einfinden. Als er dorthin kam, fand er ein kleines Männchen, das redete ihm freundlich zu, es würde ihm kein Leid geschehen, er solle nur alles tun, was man von ihm verlange. Da hat es ihm denn die Augen verbunden und mit hinuntergenommen; soviel merkte der Bötticher nur, dass es einen langen Gang entlang ging. Als man nun am Ziel war und ihm die Binde abgenommen wurde, befand er sich in einem geräumigen Keller, in welchem eine Menge solcher kleinen Leute mit den verschiedensten Dingen beschäftig waren, jedoch kein Wort sprachen. An den Wänden herum standen aber große Fässer, an die musste er nun neue Bänder legen. Dabei erhielt er die Erlaubnis, von jedem der zwölf Goldhaufen, die bei den Fässern lagen, einen Teil als Bezahlung mitzunehmen. Darauf wurde er so zurückgeführt, wie er hingekommen war, und fand sich bald wieder an der Stelle, wohin ihn die Stimme gerufen, und dass alles Wirklichkeit gewesen, sah er an dem Schatz, den er bei sich hatte.

Mit den Zwergen hängt auch der Ring zusammen, der sich in der Familie derer von Alvensleben in der Altmark seit uralten Zeiten vererbt hat und an den das Glück dieser Familie geknüpft sein soll. Wie sie in den Besitz desselben gekommen waren, erzählt man folgendermaßen.

Nach einigen soll nämlich die Ahnmutter derer von Alvensleben einmal zu den Unterirdischen geholt worden sein, um einer Kindbetterin beizustehen. Weil sie nun dem Mädchen, das sie mit einer Leuchte geholt hatte, willig gefolgt, auch der Warnung gemäß, von den gebotenen Geschenken nichts angenommen haben soll, da hat sie, heißt es, den Ring empfangen. Andere erzählen die Sache etwas anders. Jene Frau von Alvensleben soll nämlich selbst ein Kind bekommen haben, und wie sie nun einmal des Nachts wachend dalag und an des Kindes wie der Familie Zukunft dachte, kamen die Unterirdischen zu ihr. Es ertönte plötzlich eine wunderherrliche Musik, die Tür ging auf und ein Zug ganz kleiner Leute trat herein. Ein Paar näherten sich mit vielen Verbeugungen ihrem Himmelbett und baten sie um die Erlaubnis, in dem Raum unter dem Ofen eine Hochzeit feiern zu dürfen. Der Ofen stand nämlich auf vier hohen Füßen, wie das in der Altmark Sitte ist, Die ganze Sache kam der Frau von Alvensleben zwar wunderbar vor, indessen gewährte sie die Bitte und hörte auch dann die ganze Nacht, wie stets eine feine Musik vom Ofen her ertönte. Als der Tag graute, kamen wieder die beiden kleinen Leute ans Bett und überreichten ihr unter vielen Danksagungen und Verbeugungen jenen Ring und setzten hinzu, sie sollte ihn wohl aufheben. Solange der Ring in ihrer Familie bewahrt werde, werde auch das Glück nicht von ihr weichen. Darauf verschwand der Zug, wie er gekommen. Den folgenden Morgen kam es der Frau zunächst vor, als sei alles ein Traum gewesen, nur der Ring bewies ihr das Gegenteil. Derselbe wird auch noch heute in Calbe in der Alvensleben’schen Familie sorgfältig aufbewahrt.

In ähnlicher Weise haben die Unterirdischen öfter freundlich mit den Menschen verkehrt. Doch fürchtete man sie im Ganzen, weil sie die ungetauften Kinder stehlen und ihre Wechselbälge dafür unterschieben sollten. Deshalb lässt man auch noch immer auf dem Land ein Licht des Nachts in der Stube brennen, bis das Kind getauft ist.

Mit der Zeit aber, heißt es, sind die Unterirdischen immer seltener geworden, besonders als die Leute nicht mehr mit den Eggen die Furchen lang gezogen, sondern in der Runde und dann über Kreuz, ist ihnen das Land verleidet worden und sie sind ganz abgezogen, denn das Machen des Kreuzes können die Zwerge ebenso wenig ertragen wie es die Hexen gekonnt hatten.