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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel VII

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

VII. Das Te Deum des Sieges von Lens

Die ganze Bewegung, welche Madame Henriette wahrgenommen hatte, ohne die Ursache davon ergründen zu können, war durch die Verkündigung des Sieges von Lens hervorgebracht worden, zu dessen Boten der Monsieur Prinz den Herzog von Chatillon, einen edlen Teilhaber an demselben, gemacht hatte. Der Herzog war überdies beauftragt, in den Gewölben von Notre-Dame zweiundzwanzig, teils von den Spaniern, teils von den Lothringern eroberte Fahnen aufzuhängen.

Diese Nachricht war entscheidend: Sie schnitt den mit dem Parlament zu Gunsten des Hofes eingeleiteten Prozess ab. Alle summarisch registrierten Steuern, gegen die sich das Parlament erhob, waren stets durch die Notwendigkeit, die Ehre Frankreichs aufrecht zu erhalten, und in der gewagten Hoffnung, den Feind zu besiegen, motiviert worden. Da man aber seit Nördlingen nur Schläge erlitten hatte, so war es dem Parlament ganz leicht, an Monsieur von Mazarin vorwurfsvolle Fragen in Beziehung auf die stets versprochenen und immer wieder vertagten Siege zu stellen. Diesmal aber war man zu einem Ziel gelangt, man hatte einen Triumph, und zwar einen vollständigen! Jedermann begriff auch, dass darin für den Hof ein doppelter Sieg lag, ein Sieg gegen außen, ein Sieg im Inneren, sodass alle, keinen, selbst den jungen König nicht, ausgenommen, riefen: »Ah! Messieurs vom Parlament, wir wollen sehen, was Ihr dazu sagen werdet.«

Die Königin drückte ihr königliches Kind, dessen stolzes, unbändiges Wesen so gut mit ihrem Charakter im Einklang stand, an ihr Herz. An demselben Abend fand ein Rat statt, wozu der Marschall de la Meilleraie und Monsieur von Villeroy, weil sie Mazariner waren, Chavigny und Seguier, weil sie das Parlament hassten, und Guitaut und Comminges, weil sie der Königin ergeben waren, berufen wurden.

Nichts verlautete von dem, was im Raum beschlossen worden war. Man erfuhr nur, dass am nächsten Sonntag ein Te Deum zu Ehren des Sieges von Lens gesungen werden sollte.

Am folgenden Sonntag erwachten also die Pariser sehr heiter: Ein Te Deum war zu jener Zeit eine großartige Angelegenheit. Man hatte damals noch keinen Missbrauch mit solchen Zeremonien getrieben und sie brachten noch ihre Wirkung hervor. Die Sonne schien an dem Fest teilzunehmen, sie erhob sich strahlend und vergoldete die düsteren Türme der bereits mit einer ungeheuren Menschenmenge gefüllten Hauptstadt; die dunkelsten Gassen der Cité hatten ein festliches Aussehen angenommen, und die Quais entlang sah man ausgedehnt Reihen von Bürgern, Handwerkern, Frauen und Kindern, welche, wie ein zu seiner Quelle zurückkehrender Fluss, Notre-Dame zuströmten.

Die Buden waren verlassen, die Häuser geschlossen. Jeder wünschte, den jungen König mit seiner Mutter und den berüchtigten Kardinal zu sehen, den man dergestalt hasste, dass sich niemand seiner Gegenwart berauben wollte.

Es herrschte indessen die größte Freiheit unter dieser ungeheuren Volksmasse; alle Meinungen drückten sich offen aus und klangen, sozusagen, Meuterei wie die tausend Glocken aller Kirchen von Paris Te Deum klangen. Da die Polizei der Stadt durch die Stadt selbst gemacht wurde, so störte nichts Drohendes die Einhelligkeit des allgemeinen Hasses, so vereiste nichts die Worte in dem schmähenden Munde des Volkes.

Indessen hatte sich schon um acht Uhr morgens das Regiment der Garden der Königin unter dem Befehl von Guitaut und von Comminges, seinem Neffen, Trommeln und Trompeten an der Spitze, von dem Palais-Royal bis zu Notre-Dame aufgestellt, ein Manöver, dem die Pariser, stets begierig auf militärische Musik und glänzende Uniformen, ruhig zuschauten.

Friquet zog seinen Sonntagsstaat an und erhielt unter dem Vorwand einer Geschwulst, die er sich für den Augenblick dadurch verschaffte, dass er eine Anzahl von Kirschsteinen in eine Seite seines Mundes schob, von Bazin, seinem Herrn, einen Urlaub auf den ganzen Tag. Anfangs schlug Bazin den Urlaub ab, denn er war übler Laune, einmal über die Entfernung von Aramis, welcher abgereist war, ohne ihm zu sagen, wohin er ging, und dann, weil er bei einer Messe dienen sollte, welche zur Feier eines Sieges gehalten wurde, der nicht seiner Gesinnung entsprach. Bazin war Frondeur, wie man sich erinnern wird, und hätte sich der Messner möglicherweise bei einer solchen Feierlichkeit entfernen können, wie ein einfacher Chorknabe, so würde Bazin sicherlich an den Erzbischof dieselbe Bitte gerichtet haben, die man an ihn richtete. Er verweigerte also anfangs, wie gesagt, jeden Urlaub, aber in Gegenwart von Bazin nahm die Geschwulst dergestalt an Umfang zu, dass er zur Ehre der Körperschaft der Chorknaben, welche durch eine solche Missgestalt beschimpft worden wäre, am Ende brummend nachgab. An der Tür von Bazin spuckte Friquet seine Geschwulst aus und schleuderte nach der Seite von Bazin eine von den Gebärden, welche einem Pariser Straßenjungen seine Überlegenheit über alle Straßenjungen des Weltalls sichern. In seinem Gasthaus hatte er sich natürlich dadurch losgemacht, dass er vorgab, er müsse die Messe bedienen.

Friquet war also frei und hatte, wie gesagt, seine kostbarste Toilette gemacht; besonders trug er als merkwürdige Bezeichnung seiner Person eine von den nicht wohl zu beschreibenden Mützen, welche die Mitte halten zwischen dem Barett des Mittelalters und dem Hut aus der Zeit von Ludwig XIII. Seine Mutter hatte ihm diese seltsame Kopfbedeckung fabriziert und sich dabei, sei es aus Laune, sei es aus Mangel an gleichem Stoffe, wenig sorgfältig in Beziehung auf Anordnung der Farben gezeigt, sodass dieses Meisterwerk der Kappenmacherei des siebzehnten Jahrhunderts gelb und grün auf der einen, weiß und rot auf der anderen Seite war. Friquet aber, der stets den Wechsel in den Tönen geliebt hatte, schritt darum nicht minder stolz und triumphierend einher.

Als Friquet Bazin verließ, lief er in der größten Eile zu dem Palais-Royal. Er gelangte gerade in dem Augenblick dahin, wo das Regiment der Garden herausmarschierte, und da er aus keinem anderen Grund kam, als um sich seines Anblicks zu erfreuen und sich an seiner Musik zu ergötzen, so nahm er seine Stelle an der Spitze des Regiments, trommelte mit zwei Stückchen Schiefer und ging von dieser Hebung zu der Trompete über, welche er mit dem Mund auf eine Weise nachahmte, die ihm wiederholt die Lobeserhebungen der Liebhaber der imitativen Harmonie eingetragen hatte.

Diese Unterhaltung dauerte von der Barriere des Sergens bis zu der Place Notre-Dame, und Friquet fand ein wahres Vergnügen daran. Als das Regiment aber Halt machte und die Kompanien sodann sich ausbreitend bis in das Herz der Cité drangen und am Ende der Rue Saint-Christophe bei der Rue Cocatrix, wo Broussel wohnte, Posto fassten, erinnerte sich Friquet, dass er nicht gefrühstückt hatte, überlegte, wohin er seine Schritte lenken könnte, um diese wichtige Handlung des Tages zu vollführen, und beschloss nach reiflicher Überlegung, der Rat Broussel sollte die Kosten seines Mahles tragen.

Er lief folglich rasch weg, gelangte atemlos vor die Tür des Rates und klopfte heftig an.

Seine Mutter, die alte Dienerin von Broussel, öffnete.

»Was machst du hier, Taugenichts?«, fragte sie, »und warum bist du nicht in Notre-Dame?«

»Ich war dort, Mutter Nannette«, antwortete Friquet, »aber ich sah, dass Dinge vorgingen, von denen Meister Broussel notwendig unterrichtet werden müsste, und mit Erlaubnis von Monsieur Bazin, Ihr wisst wohl, Mutter Nannette, von Monsieur Bazin, dem Messner, kam ich hierher, um mit Monsieur Broussel zu sprechen.«

»Was willst du Monsieur Broussel sagen, Affe?«

»Ich will mit ihm selbst sprechen.«

»Das kann nicht sein; er arbeitet.«

»Dann werde ich warten«, antwortete Friquet.

Und er stieg rasch die Treppe hinauf, während Nannette langsamer folgte.

»Aber sage mir doch«, sprach sie, »was willst du bei Monsieur Broussel?«

»Ich will ihn benachrichtigen«, antwortete Friquet, aus Leibeskräften schreiend, »dass ein ganzes Regiment Garden in der Richtung zu diesem Haus aufmarschiert. Da ich nun überall sagen hörte, es herrsche am Hofe eine böse Stimmung gegen ihn, so will ich ihn warnen, damit er auf seiner Hut ist.«

Broussel hörte das Geschrei des Straßenjungen und eilte, entzückt über seinen rastlosen Eifer, in das erste Stockwerk hinab, denn er arbeitete wirklich in seinem Kabinett im zweiten.

»He, mein Freund«, sagte er, »was geht uns das Regiment der Garden an, und bist du nicht verrückt, dass du einen solchen Lärm machst? Weißt du nicht, dass es so üblich ist, dass diese Messieurs die Gewohnheit haben, das Regiment als Spalier auf dem Weg des Königs auszustellen?«

Friquet spielte den Erstaunten und drehte seine neue Mütze zwischen seinen Fingern hin und her.

»Ich wundere mich nicht darüber«, sprach er, »dass Ihr es wisst, Monsieur Broussel, der Ihr alles wisst; aber mir war es beim wahrhaftigen Gott nicht bekannt, und ich glaubte Euch diese Nachricht gleichsam als einen guten Rat bringen zu müssen. Ihr müsst mir deshalb nicht grollen, Monsieur Broussel.«

»Im Gegenteil, mein Junge, im Gegenteil, dein Eifer gefällt mir. Dame Nannette, seht doch ein wenig nach den Aprikosen, welche uns Frau von Longueville gestern von Noisy schickte, und gebt Eurem Sohn ein halbes Dutzend davon, nebst einem zarten Stückchen Brot.«

»Ah! Ich danke, Monsieur Broussel«, sagte Friquet, »ich danke, gerade die Aprikosen liebe ich sehr.«

Broussel ging nun zu seiner Frau und verlangte sein Frühstück. Es war halb zehn Uhr. Der Rat setzte sich an das Fenster. Die Straße war völlig verlassen, aber in der Ferne hörte man, ähnlich dem Geräusch einer steigenden Flut, das ungeheure Tosen der Volkswogen, welche um Notre-Dame her immer mehr zunahmen.

Dieses Geräusch verdoppelte sich, als d’Artagnan mit einer Kompanie Musketiere sich an den Pforten von Notre-Dame aufstellte, um den Kirchendienst verrichten zu lassen. Er hatte Porthos gesagt, er möge diese Gelegenheit benutzen, um die Zeremonie zu sehen. Porthos bestieg in großer Gala sein schönstes Pferd und machte den Ehrenmusketier, wie dies einst d’Artagnan so oft getan hatte. Der Sergent dieser Kompanie, ein alter Soldat aus dem spanischen Krieg, erkannte in Porthos seinen ehemaligen Gefährten und setzte bald alle diejenigen, welche unter ihm dienten, von den Heldentaten dieses Riesen, der Ehre der Musketiere de Tréville, in Kenntnis. Porthos wurde von der Kompanie nicht nur gut empfangen, sondern auch mit Bewunderung betrachtet.

Um zehn Uhr verkündigte die Kanone des Louvre den Abgang des Königs. Eine Bewegung wie die der Bäume, deren Gipfel der Sturmwind fasst und schüttelt, durchlief die Menge, die sich hinter den unbeweglichen Musketen der Garden hin- und hertrieb. Endlich erschien der König mit der Königin in einem ganz mit Gold überzogenen Wagen. Zehn andere Wagen folgten mit den Ehrendamen, den Offizieren des königlichen Hauses und dem ganzen Hof.

»Es lebe der König!«, rief man von allen Seiten.

Der junge König hielt ernst den Kopf an den Kutschenschlag, machte eine ziemlich dankbare Miene und grüßte sogar leicht, wodurch sich das Geschrei der Menge verdoppelte.

Der Zug rückte langsam vor und brauchte beinahe eine Stunde, um den Raum zurückzulegen, welcher den Louvre von der Place Notre-Dame trennt. Hier angelangt, begab er sich allmählich unter das ungeheure Gewölbe der düsteren Kathedrale, und der Gottesdienst begann.

In dem Augenblick, wo der Hof Platz nahm, verließ eine Karosse mit dem Wappen von Comminges die Reihe der Wagen des Hofes und fuhr langsam an das Ende der gänzlich verlassenen Rue Saint-Christophe. Vier Garden und ein Gefreiter stiegen hier in die plumpe Maschine, schlossen die Schirmleder, und der Gefreite schaute durch eine kleine Öffnung die Rue Cocatrix entlang, als ob er die Ankunft von irgendjemand erwartete.

Jedermann war mit der Zeremonie beschäftigt, sodass weder der Wagen noch die Vorsichtsmaßregeln, mit denen sich diejenigen umgaben, welche sich in demselben befanden, bemerkt wurden. Friquet, dessen stets lauerndes Auge allein auf diese Sache hätte aufmerksam werden können, speiste seine Aprikosen unter dem vorspringenden Gesimse eines Hauses am Vorhof von Notre-Dame. Von hier aus sah er den König, die Königin und Monsieur von Mazarin, und hörte die Messe, als ob er selbst dabei diente.

Als die Königin am Ende des Gottesdienstes bemerkte, dass Comminges in ihrer Nähe stand und eine Bestätigung des Befehles erwartete, den sie ihm, ehe sie den Louvre verließ, gegeben hatte, so sagte sie halblaut zu ihm: »Geht, Comminges, und Gott stehe Euch bei!«

Comminges entfernte sich sogleich, trat aus der Kirche und begab sich zu der Rue Saint-Christophe.

Friquet, der diesen schönen Offizier, gefolgt von zwei Leibwachen, einherschreiten sah, belustigte sich damit, ihm nachzugehen, und zwar mit umso größerer Geschwindigkeit, als die Zeremonie in demselben Augenblick endigte und der König wieder in seinen Wagen stieg.

Kaum sah der Gefreite Comminges am Ende der Rue Cocatrix erscheinen, als er ein Wort zu dem Kutscher sagte, welcher sogleich seine Maschine in Bewegung setzte und vor die Tür von Broussel fuhr.

Comminges klopfte zu derselben Zeit, wo der Wagen hier hielt, an die Tür.

»Was machst du da, Junge«, fragte Comminges.

»Ich warte, um bei Meister Broussel einzutreten, Monsieur Offizier«, antwortete Friquet mit dem trägen Ton, den der Straßenjunge von Paris so gut bei Gelegenheit anzunehmen weiß.

»Er wohnt also wirklich hier?«, fragte Comminges.

»Ja, Monsieur.«

»Welchen Stock bewohnt er?«

»Das ganze Haus«, sagte Friquet, »das ganze Haus gehört ihm.«

»Aber wo hält er sich gewöhnlich auf?«

»Um zu arbeiten im zweiten Stocke, um zu speisen im ersten. In diesem Augenblick muss er sein Mittagsbrot nehmen, denn es ist zwölf Uhr.«

»Gut«, sagte Comminges.

Man öffnete nun. Der Offizier fragte den Bedienten und erfuhr, dass Meister Broussel wirklich zu Hause war und zu Mittag speiste. Comminges ging hinter dem Bedienten und Friquet hinter Comminges die Treppe hinauf.

Broussel saß mit seiner Familie bei Tisch, ihm gegenüber seine Frau, zu seinen beiden Seiten seine Töchter und am Ende der Tafel Louvières, den wir bereits bei dem Unfall haben erscheinen sehen, der dem Rat begegnet war, von welchem sich dieser jedoch bereits wieder gänzlich erholt hatte. Zur vollen Gesundheit zurückgekehrt, genoss der gute Mann das schöne Obst, das ihm Frau von Longueville geschickt hatte.

Comminges, der den Arm des Bedienten im Augenblick, wo dieser die Tür öffnen wollte, um ihn zu melden, zurückgehalten hatte, öffnete selbst und befand sich vor diesem Familiengemälde.

Bei dem Anblick des Offiziers fühlte sich Broussel etwas bewegt, als er aber sah, das Comminges höflich grüßte, stand er auf und grüßte ebenfalls.

Doch trotz dieser gegenseitigen Artigkeit drückte sich die Unruhe auf dem Antlitz der Frauen aus. Louvières wurde sehr bleich und ermattete ungeduldig die Erklärung des Offiziers.

»Monsieur«, sprach Comminges, ich bin der Überbringer eines Befehles Seiner Majestät des Königs.«

»Sehr wohl, Monsieur«, antwortete Broussel, »was für ein Befehl ist es?« Und er streckte seine Hand aus.

»Ich habe Befehl, mich Eurer Person zu bemächtigen, Monsieur«, sprach Comminges, immer in demselben Ton und mit derselben Höflichkeit, »und wenn Ihr mir glauben wollt, so werdet Ihr Euch die Mühe ersparen, diesen langen Brief zu lesen, und mir folgen.«

Hätte der Blitz mitten unter diese so friedlich versammelten Leute geschlagen, die Wirkung könnte nicht furchtbarer gewesen sein. Broussel wich ganz zitternd zurück. Es war in jener Zeit etwas Schreckliches, durch die Feindseligkeit des Königs eingekerkert zu werden. Louvières machte eine Bewegung, als wollte er zu seinem Degen laufen, der in einer Ecke des Speisezimmers auf einem Stuhl lag, aber ein Blick des guten Broussel, der den Kopf nicht verlor, hemmte diese Bewegung. Durch die Breite des Tisches vom ihren Gatten getrennt, zerfloss Madame Broussel in Tränen. Die zwei Töchter hielten ihren Vater umfangen.

»Auf! Monsieur«, sprach Comminges, »beeilen wir uns; man muss dem König gehorchen.«

»Monsieur«, sagte Broussel, »ich habe eine leidende Gesundheit und kann mich in diesem Zustand nicht gefangen geben. Ich verlange Zeit.«

»Das ist unmöglich«, erwiderte Comminges. »Der Befehl ist bestimmt und muss sogleich vollstreckt werden.«

»Unmöglich?«, sprach Louvières; »hüten Sie sich wohl, Monsieur, uns zur Verzweiflung zu treiben.«

»Unmöglich?«, rief eine kreischende Stimme im Hintergrund des Zimmers.

Comminges wandte sich um und sah, den Besen in der Hand, Dame Nannette, deren Augen in allen Feuern des Zornes glänzten.

»Meine gute Nannette, halte dich ruhig, ich bitte dich«, sprach Broussel.

»Ich mich ruhig halten, wenn man meinen Herrn verhaftet, meinen Monsieur, die Stütze, den Befreier, den Vater des armen Volkes? Ach ja, Ihr kennt mich wohl … Wollt Ihr gehen?«, sagte sie zu Comminges.

Comminges lächelte und sprach, sich an Broussel wendend: »Ich bitte, Monsieur, macht, dass dieses Weib schweigt, und folgt mir.«

»Ich schweigen, ich?«, rief Nannette. »Ach, ja, da müsste noch ein anderer kommen als Ihr, mein schöner Königsvogel. Ihr werdet es wohl sehen.«

Und Dame Nannette stürzte an das Fenster und schrie mit einer durchdringenden Stimme: »Zu Hilfe! Man verhaftet meinen Herrn! Man verhaftet den Rat Broussel! Zu Hilfe!«

»Monsieur«, sagte Comminges, »erklärt Euch sogleich: Werdet Ihr gehorchen oder gedenkt Ihr einen Aufruhr gegen den König zu erregen?«

»Ich gehorche, ich gehorche, Monsieur«, sprach Broussel, indem er sich von den Armen seiner zwei Töchter loszumachen und mit dem Blick seinen Sohn zurückzuhalten suchte, welcher beständig bereit war, ihm zu entgehen.

»Dann befehlt dieser Alten zu schweigen«, versetzte Comminges.

»Ah! Alte!«, rief Nannette.

Und sie fing wieder an, sich an die Fensterstangen anklammernd, aus Leibeskräften zu schreien: »Zu Hilfe! zu Hilfe dem Rat Broussel, den man verhaftet, weil er das Volk verteidigt hat! Zu Hilfe!«

Comminges nahm die Magd mit dem Arm um den Leib und wollte sie von ihrem Posten reißen. Aber in demselben Augenblick heulte eine andere Stimme aus einer Art von Entresol hervor in einem Falsetton: »Mörder! Feuer Mörder! Man tötet Monsieur Broussel! Man erwürgt Monsieur Broussel!«

Es war die Stimme von Friquet. Als Dame Nannette sich unterstützt fühlte, fuhr sie noch kräftiger fort und machte Chorus.

Bereits erschienen neugierige Köpfe an den Fenstern. An das Ende der Straße gezogen, lief das Volk herbei. Es kamen zuerst einzelne Menschen, dann sah man Gruppen und endlich eine Menge. Man hörte das Geschrei, man erblickte einen Wagen, aber man begriff nichts. Friquet sprang von dem Entresol auf den Himmel der Kutsche und rief: »Sie wollen Monsieur Broussel verhaften; es sind Leibwachen im Wagen und der Offizier ist da oben.«

Das Volk fing an zu murren und näherte sich den Pferden. Die zwei Leibwachen, welche im Gang geblieben waren, stiegen die Treppe hinauf und eilten Comminges zu Hilfe. Diejenigen, welche in der Kutsche waren, öffneten die Schläge und kreuzten die Picken.

»Seht Ihr sie«, rief Friquet, »seht Ihr sie, hier sind sie!«

Der Kutscher wandte sich um und gab Friquet einen Peitschenhieb, dass dieser vor Schmerz brüllte.

»Ah, Teufelskutscher!«, rief Friquet, »Du mischest dich darein? Warte nur!«

Und er sprang wieder nach seinem Entresol, von wo aus er den Kutscher mit allen Wurfgeschossen überhäufte, die er finden konnte. Trotz der feindlichen Demonstrationen der Leibwachen und vielleicht gerade wegen dieser feindlichen Demonstrationen murrte das Volk und näherte sich den Pferden. Die Garden machten die Meuterischsten durch Pikenstöße zurückweichen.

Der Lärm nahm indessen immer mehr zu. Die Straße konnte die Zuschauer nicht mehr fassen, welche von allen Seiten herbeiströmten. Das Gedränge füllte den Raum, den die furchtbaren Piken der Leibwachen zwischen dem Volk und der Kutsche gebildet hatten. Wie durch lebendige Mauern zurückgestoßen, sollten die Soldaten an den Rädern zerdrückt werden. Das Geschrei Im Namen des Königs!, hundertmal von dem Gefreiten wiederholt, vermochte nichts gegen diese furchtbare Menge, sondern schien sie im Gegenteil noch mehr aufzubringen, als auf eben dieses Geschrei ein Reiter herbeieilte und, da er sah, dass die Uniformen misshandelt wurden, den Degen in der Faust mitten in das Gedränge stürzte und den Garden eine unerwartete Hilfe brachte.

Dieser Reiter, den der Zorn bleich machte, war ein junger Mensch von kaum fünfzehn bis sechzehn Jahren. Er stieg ab, lehnte sich mit dem Rücken an die Wagendeichsel, machte sich einen Wall aus seinem Pferd, zog seine Pistolen aus den Halftern, steckte sie in den Gürtel und fing an um sich zu schlagen, wie ein Mensch, dem die Handhabung des Schwertes eine vertraute Sache ist.

Zehn Minuten lang hielt dieser junge Mensch den Kampf mit dem Volk allein aus.

Jetzt sah man Comminges, Broussel vor sich hertreibend, erscheinen.

»Zerschlagen wir den Wagen!«, rief das Volk.

»Zu Hilfe!«, schrie die Alte.

»Mörder!«, rief Friquet, der auf die Leibwachen alles, was sich unter seiner Hand fand, regnen zu lassen fortfuhr.

»Im Namen des König!«, rief Comminges.

»Der Erste, welcher einen Schritt tut, ist tot!«, rief Raoul, der, als er sich hart bedrängt sah, seine Degenspitze einen Riesen empfinden ließ, welcher ihn zu zermalmen sich anschickte und da er sich verwundet fühlte, brüllend zurückwich.

Denn es war Raoul, der, seinem dem Grafen de la Fère geleisteten Versprechen gemäß nach einer fünftägigen Abwesenheit von Blois zurückkehrend, hatte die Zeremonie mit anschauen wollen und durch die Straßen geritten war. Welche ihn in kürzerer Zeit nach Notre-Dame führten. In der Gegend der Rue Cocatrix angelangt, sah er sich von der Volksmenge fortgerissen und bei dem Ruf Im Namen des Königs! erinnerte er sich des Wortes von Athos, Dient dem König!, und eilte hinzu, um für den König zu kämpfen, dessen Wachen man misshandelte.

Comminges warf gleichsam Broussel in die Kutsche und sprang nach. In diesem Augenblick erscholl ein Büchsenschuss; eine Kugel durchbohrte von oben nach unten den Hut von Comminges und zerschmetterte einer von den Leibwachen den Arm. Comminges schaute empor und sah mitten im Pulverdampf an einem Fenster des zweiten Stockes das drohende Gesicht von Louvières.

»Gut, Monsieur«, rief Comminges, »Ihr sollt von mir sprechen hören.«

»Und Ihr auch, Monsieur«, erwiderte Louvières; »wir werden sehen, wer lauter spricht.«

Friquet und Nannette kreischten immer fort. Das Geschrei, der Lärm des Schusses, der stets berauschende Geruch des Pulvers brachten ihre Wirkung hervor.

»Tod dem Offizier! Tod!«, heulte das Volk.

Und es begann eine gewaltige Bewegung.

»Noch einen Schritt«, rief Comminges, die Kutschenleder zurückschlagend, dass man gut in den Wagen sehen konnte, und zugleich Broussel seinen Degen auf die Brust setzend, »noch einen Schritt und ich töte den Gefangenen! Ich habe Befehl, ihn tot oder lebendig zu bringen. Ich bringe ihn tot und dann ist alles abgemacht.«

Man vernahm einen furchtbaren Schrei. Die Frau und die Töchter von Broussel streckten stehend ihre Hände nach dem Volk aus.

Das Volk begriff, dass der so bleiche, aber auch so entschlossene Offizier tun würde, wie er sagte. Man fuhr fort zu drohen, aber man wich zurück.

Comminges ließ den verwundeten Soldaten zu sich in den Wagen steigen und befahl den anderen, den Schlag zu schließen.

»Fahre zum Palast«, sagte er zu dem Kutscher, welcher mehr tot als lebendig auf dem Bock saß.

Dieser peitschte seine Pferde, und sie machten einen breiten Weg durch den Haufen. Als man aber zu dem Quai kam, musste man anhalten. Der Wagen stürzte um. Die Pferde wurden von der Menge geschleppt, erstickt, zermalmt. Raoul, welcher immer noch zu Fuß war, denn er hatte nicht Zeit gehabt, wieder zu Pferd zu steigen, begann, müde mit der flachen Klinge Hiebe auszuteilen, seine Zuflucht zu der Degenspitze zu nehmen. Das Gleiche taten die Leibwachen. Aber dieses furchtbare letzte Mittel brachte das Volk vollends außer sich. Bereits sah man von Zeit zu Zeit mitten unter dem Volk einen Flintenlauf oder die Klinge eines Raufdegens glänzen. Es erschollen einige ohne Zweifel in die Luft gefeierte Schüsse, aber das Echo machte darum die Herzen nicht minder beben. Es regnete fortwährend Wurfgeschosse von den Fenstern aus. Man hörte Stimmen, die man nur an den Tagen des Aufruhrs hört. Man sah Gesichter, die man nur an blutigen Tagen sieht. Das Geschrei Tod den Garden. In die Seine mit dem Offizier! beherrschte den ganzen Lärm, so ungeheuer er auch war. Den Hut zerknittert, das Gesicht blutig, fühlte Raoul, wie ihn nicht nur seine Kraft, sondern auch der Verstand verließ. Seine Augen schwammen in einem rötlichen Nebel und durch diesen Nebel sah er hundert drohende Arme nach sich ausstrecken, bereit, ihn zu ergreifen, wenn er fallen würde. Comminges raufte sich in dem umgestürzten Wagen vor Wut die Haare aus. Die Garden konnten niemand mehr Hilfe bringen, denn jeder war mit seiner Selbstverteidigung beschäftigt. Alles war vorbei, Wagen, Pferde, Wachen, Parteigänger und vielleicht Gefangener, alles sollte in Stücke zerrissen werden, als plötzlich eine Raoul wohl bekannte Stimme ertönte und ein breites Schwert in der Luft glänze. In demselben Augenblick öffnete sich die Menge durchbrochen, niedergeworfen. Rechts und links schlagend und schneidend eilte ein Offizier der Musketiere Raoul zu Hilfe und fasste ihn in dem Moment, wo er niedersinken sollte, in die Arme.

»Gottes Blut?«, rief der Offizier, »haben sie ihn ermordet, dann wehe ihnen!«

Und er wandte sich um, so furchtbar anzuschauen in seiner Stärke, in seinem Zorn, in seiner drohenden Gebärde, dass die wütendsten Rebellen sich aufeinander stürzten, um zu entfliehen, und dass mehrere sogar in die Seine fielen.

»Monsieur d’Artagnan«, murmelte Raoul.

»Ja, Gottes Blut, und mir scheint, zu Eurem Glück, mein junger Freund! Hört, Ihr Leute!«, rief er, sich auf den Steigbügeln erhebend und sein Schwert schwingend, während er mit der Stimme und der Gebärde Musketiere herbeirief, welche nicht hatten folgen können, so rasch war er geritten. »Hört! Fegt mir all das vom Platz. Ergreift die Musketen! Macht Euch fertig! Schlagt an!«

Bei diesem Befehl verschwanden die Volkshaufen so rasch, dass sich d’Artagnan eines homerischen Lachens nicht enthalten konnte.

»Ich danke, d’Artagnan«, sprach Comminges, die Hälfte seines Leibes durch den Schlag der umgeworfenen Kutsche streckend. »Wie heißt der junge Mann, damit ich ihn der Königin nennen kann?«

Raoul wollte antworten, als d’Artagnan sich gegen sein Ohr neigte und zu ihm sagte:

»Schweigt und lasst mich antworten!«

Dann sich gegen Comminges umwendend, sprach er.: »Verliert keine Zeit, Comminges, geht aus dem Wagen heraus, wenn Ihr könnt, und lasst einen anderen herbeischaffen.«

»Welchen?«

»Bei Gott! Den erstbesten, der über den Pont-Neuf kommen wird. Die Leute, welche darin fahren, werden hoffentlich nur glücklich sein, wenn sie ihre Kutsche für den Dienst des Königs leihen dürfen.«

»Aber ich weiß nicht …«, erwiderte Comminges.

»Geht doch oder in fünf Minuten kommen all diese Lumpenkerle mit Schwertern und Musketen zurück. Ihr werdet getötet und Euer Gefangener ist befreit. Vorwärts, seht, dort kommt gerade eine Kutsche!«

Dann flüsterte er, sich abermals gegen Raoul neigend, diesem zu: »Sagt um keinen Preis Euren Namen!«

Der junge Mann schaute ihn verwundert an.

»Es ist gut, ich laufe dahin«, sagte Comminges, »und wenn sie wiederkommen, gebt Feuer!«

»Nein, nein!«, antwortete d’Artagnan, »im Gegenteil, niemand rühre sich. Ein Schuss, in diesem Augenblick abgefeuert, würde morgen nur zu teuer bezahlt.«

Comminges nahm seine vier Leibwachen und ebenso viele Musketiere und eilte zu der Kutsche. Er ließ die Leute, die darin waren, aussteigen und führte sie zu dem umgeworfenen Wagen.

Als aber Broussel von dem zerbrochenen Wagen in den anderen gebracht werden sollte, stieß das Volk, welches den Mann erblickte, den es seinen Befreier nannte, ein grimmiges Geschrei aus und stürzte abermals gegen die Karosse.

»Geht«, sagte d’Artagnan, »hier sind zehn Musketiere zu Eurer Begleitung; ich behalte zwanzig, um das Volk zurückzutreiben. Geht und verliert keine Minute. Zehn Mann für Monsieur von Comminges!«

Zehn Mann trennten sich von der Truppe, umgaben den neuen Wagen und ritten im Galopp davon.

Beim Abgang der Karosse verdoppelte sich das Geschrei. Mehr als zehntausend Menschen drängten sich aus dem Quai, dem Pont-Neuf und den umliegenden Straßen.

Einige Schüsse erschollen, ein Musketier wurde verwundet.

»Vorwärts!«, rief d’Artagnan, aufs Äußerste getrieben und in den Schnurrbart beißend.

Und er machte mit seinen zwanzig Mann einen Angriff auf all dieses Volk, das erschrocken zurückwich. Ein einziger Mensch blieb, die Büchse in der Faust, auf seinem Platze.

»Ah!«, sagte dieser Mensch, »du bist es, der du ihn bereits ermorden wolltest, warte!«

Und er richtete seine Büchse gegen d’Artagnan, welcher im Galopp auf ihn zuritt.

D’Artagnan neigte sich auf den Hals seines Pferdes, der junge Mensch feuerte, die Kugel riss die Feder von d’Artagnans Hut.

Kräftig angetrieben, stieß das Pferd den Unklugen, der ganz allein einen Sturm aufzuhalten versuchte, und schleuderte ihn an die Wand.

D’Artagnan parierte sein Pferd und schwang, während seine Musketiere den Angriff fortsetzten, das Schwert über dem, welchen er niedergeworfen hatte.

»Ah, Monsieur!« rief Raoul, der in dem jungen Menschen denjenigen erkannte, welchen er in der Rue Cocatrix gesehen halte, »Monsieur, verschont ihn, es ist sein Sohn!«

D’Artagnan hielt seinen zum Schlag bereiten Arm zurück.

»Ah, Ihr seid sein Sohn«, sprach er, »das ist etwas anderes.«

»Monsieur, ich ergebe mich«, sprach Louvières, dem Offizier seine Büchse reichend.

»Nein, Gottes Tod, ergebt Euch nicht! Flieht, flieht im Gegenteil, so schnell wie Ihr könnt. Wenn ich Euch fasse, werdet Ihr gehenkt.«

Der junge Mensch ließ sich das nicht zweimal sagen. Er ging unter dem Hals des Pferdes durch und verschwand an der Ecke der Rue Guénégaud.

»Meiner Treue«, sprach d’Artagnan zu Raoul, »es war Zeit, dass Ihr meine Hand zurückhieltet. Ich hätte ihn getötet, und das würde mir leid getan haben, wenn ich erfahren hätte, wer er war.«

»Ah, Monsieur«, erwiderte Raoul, »erlaubt mir, dass ich Euch, nachdem ich Euch für diesen jungen Mann gedankt habe, auch für mich selbst danke. Ohne Eure Erscheinung hätte ich ebenfalls sterben müssen.«

»Wartet, wartet, junger Mann, und ermüdet Euch nicht mit Sprechen.«

Da zog d’Artagnan aus einem Halfter ein Fläschchen voll spanischen Wein hervor und sagte: »Trinkt ein paar Schlucke hiervon.«

Raoul trank und wollte seinen Dank wiederholen.

»Mein Lieber, sprechen wir später hiervon«, versetzte d’Artagnan. Als er sodann sah, dass die Musketiere den Quai vom Pont-Neuf bis zum Quai Saint-Michel gefegt hatten und zurückkehrten, hob er seinen Degen in die Höhe, damit sie den Schritt verdoppelten.

Die Musketiere ritten im Trab herbei und zugleich erschienen die zehn Mann Eskorte, welche d’Artagnan Comminges gegeben hatte.

»Holla!«, sprach d’Artagnan, sich an diese wendend, »ist etwas Neues vorgefallen?«

»Gnädiger Monsieur«, erwiderte der Sergent, »ihr Wagen ist abermals gebrochen. Es ist ein wahrer Fluch.«

D’Artagnan zuckte die Achseln und versetzte: »Es sind ungeschickte Leute. Wenn man eine Kutsche wählt, muss es eine solide sein. Die Kutsche, mit der man einen Broussel verhaftet, muss zehntausend Mann tragen.«

»Was befehlt Ihr, mein Leutnant?«

»Nehmt die Abteilung und führt sie in das Quartier zurück.«

»Ihr reitet also allein?«

»Gewiss. Glaubt Ihr, ich bedürfe eines Geleits?«

»Doch …«

»Vorwärts!«

Die Musketiere entfernten sich und d’Artagnan blieb allein mit Raoul.

»Nun sprecht, leidet Ihr?«, sagte er zu diesem.

»Ja, Monsieur, ich habe einen schweren, brennenden Kopf.«

»Was ist denn an diesem Kopf?«, fragte d’Artagnan und nahm ihm den Hut ab. »Ah, ah, eine Quetschung.«

»Ja, ja, ich habe, glaube ich, einen Blumentopf an den Kopf bekommen.«

»Kanaille!«, rief d’Artagnan. »Doch Ihr habt Sporen, wäret Ihr denn zu Pferde?«

»Ja, aber ich stieg ab, um Monsieur von Comminges zu verteidigen, und mein Pferd wurde weggenommen. Doch halt, hier ist es!«

In diesem Augenblick ritt Friquet auf dem Pferd von Raoul im Galopp vorüber. Friquet schwang seine vierfarbige Mütze und schrie: »Broussel! Broussel!«

»Holla, Bursche! Halt!«, rief d’Artagnan, »bringe das Pferd hierher!«

Friquet hörte wohl, aber er stellte sich, als hörte er nicht, und versuchte es, seinen Weg fortzusetzen. D’Artagnan hatte einen Augenblick Luft, Friquet nachzureiten, aber er wollte Raoul nicht allein lassen und begnügte sich, eine Pistole aus dem Halfter zu ziehen und sie zu spannen.

Friquet besaß ein scharfes Auge und ein feines Ohr. Er sah die Bewegung von d’Artagnan, hörte das Knarren des Hahns und hielt sein Pferd rasch an.

»Ah, Ihr seid es, Monsieur Offizier!« rief er d’Artagnan zu. »Ich bin in der Tat sehr erfreut, Euch zu treffen.«

D’Artagnan schaute Friquet aufmerksam an und erkannte den kleinen Burschen der Rue de la Calandre.

»Ah, du bist es, Junge, komm nur her!«

»Ja, ich bin es, Monsieur Offizier«, antwortete Friquet mit seiner einfältigen Miene.

»Du hast also dein Gewerbe verändert? Du bist nicht mehr Chorknabe? Du bist nicht mehr Kellner? Du bist Pferdedieb!«

»Ah, Monsieur Offizier, wie kann man das sagen!«, rief Friquet. »Ich suchte den Edelmann, dem dieses Pferd gehört. Ein schönes Pferd, brav wie Cäsar.«

Nun stellte er sich, als ob er Raoul zum ersten Mal erblickte, und fuhr fort: »Ah, wenn ich mich nicht täusche, hier ist der Monsieur. Nicht wahr, Ihr werdet den Jungen nicht vergessen?«

Raoul steckte die Hand in die Tasche.

»Was wollt Ihr machen?«, fragte d’Artagnan.

»Diesem braven Jungen zehn Livres geben«, antwortete Raoul und zog eine Pistole aus der Tasche.

»Zehn Fußtritte auf den Bauch«, versetzte d’Artagnan. »Geh, Bursche, und vergiss nicht, dass ich deine Adresse habe.«

Friquet, welcher nicht so wohlfeilen Kaufes wegzukommen hoffte, machte einen Sprung von dem Quai zu der Rue Dauphins, wo er verschwand. Raoul stieg wieder zu Pferde und schlug mit d’Artagnan, der den jungen Mann bewachte, als ob er sein Sohn wäre, den Weg nach der Rue Tiquetonne ein.

Auf dem ganzen Marsch hörte man dumpfes Murmeln und entfernte Drohungen. Aber bei dem Anblick des Offiziers mit dem so militärischen Wesen, bei dem Anblick des mächtigen Schwertes, das von der Quaste gehalten an seinem Faustgelenk hing, zog man sich beständig zurück und es wurde kein ernsthafter Versuch gegen die zwei Reiter gemacht.

Man kam also ohne einen Zwischenfall zu dem Gasthof Zur Rehziege.

Die schöne Madeleine meldete d’Artagnan, Planchet wäre mit Mousqueton zurückgekommen, welcher heldenmütig das Ausziehen der Kugel ertragen hätte und sich so wohl befände, wie es bei seinem Zustand nur immer möglich wäre.

D’Artagnan befahl nun, Planchet zu rufen, aber so oft man ihn auch rief, Planchet erschien nicht: Er war verschwunden.

»Dann bringt Wein«, sagte d’Artagnan.

Als man den Wein gebracht hatte und d’Artagnan mit Raoul allein war, sagte er zu diesem, ihm in seine beiden Augen schauend: »Nicht wahr, Ihr seid sehr zufrieden mit Euch?«

»Ja«, erwiderte Raoul, »es scheint mir, ich habe meine Pflicht getan; verteidigte ich nicht den König?«

»Und wer hieß Euch den König verteidigen?«

»Der Monsieur Graf de la Fère selbst.«

»Ja, den König; aber Ihr habt heute nicht den König, sondern Mazarin verteidigt, was nicht dasselbe ist.«

»Monsieur …«

»Ihr habt eine große Ungeschicklichkeit begangen, junger Mann, Ihr habt Euch in Dinge gemischt, die Euch nichts angehen.«

»Doch Ihr selbst …«

»O! Ich, das ist etwas anderes, ich habe die Befehle meines Kapitäns zu befolgen. Euer Kapitän ist der Monsieur Prinz, versteht Ihr wohl, Ihr habt keinen anderen! Seht mir einmal diesen schlimmen Kopf, der sich zum Mazariner macht und Broussel verhaften will. Schnauft wenigstens nicht hiervon, denn der Monsieur Graf de la Fère würde wütend.«

»Ihr glaubt, der Monsieur Graf de la Fère würde sich über mich ärgern?«

»Ich glaube es nicht nur, ich weiß es gewiss, sonst würde ich Euch danken, denn Ihr habt am Ende für uns gearbeitet. Ich danke Euch auch in seinem Namen und an seiner Stelle: seid überzeugt, der Sturm wird sanfter sein. Übrigens, mein liebes Kind«, fuhr d’Artagnan fort, »mache ich Gebrauch von dem Recht, das mir Euer Vormund eingeräumt hat.«

»Ich verstehe Euch nicht, Monsieur«, versetzte Raoul.

D’Artagnan stand auf, ging zu seinem Sekretär, nahm einen Brief und bot ihn Raoul.

Sobald Raoul das Papier durchlaufen hatte, trübten sich seine Blicke.

»O mein Gott«, sagte er, seine schönen, tränenfeuchten Augen zu d’Artagnan aufschlagend, »der Monsieur Graf hat also Paris verlassen, ohne mich zu sehen?«

»Er ist vor vier Tagen abgereist«, sprach d’Artagnan.

»Sein Brief scheint eine Todesgefahr für ihn anzudeuten?«

Was die Todesgefahr betrifft, seid ruhig. Nein, er reist in einer besonderen Angelegenheit und wird bald zurückkommen. Es widerstrebt Euch nicht, mich einstweilen als Vormund anzunehmen?«

»Gewiss nicht, Monsieur d’Artagnan«, erwiderte Raoul, »Ihr seid ein so braver Mann, und der Monsieur Graf de la Fère liebt Euch so sehr.«

»Ei, mein Gott, liebt mich auch, ich werde Euch nicht sehr plagen, aber unter der Bedingung, dass Ihr Frondeur seid, mein junger Freund, und zwar sehr Frondeur.«

»Kann ich fortwährend Frau von Chevreuse besuchen?«

»Ei, mein Gott, ja! Und den Monsieur Koadjutor auch, und ebenso Frau von Longueville. Und wenn der gute Rat Broussel da wäre, zu dessen Verhaftung Ihr so unbesonnen beigetragen habt, so würde ich Euch sagen: Entschuldigt Euch rasch bei Monsieur Broussel und küsst ihn auf beide Wangen.«

»Gut, ich werde Euch gehorchen, obwohl ich Euch nicht verstehe.«

»Es ist nicht nötig, dass Ihr mich versteht. Halt!«, rief d’Artagnan, sich nach der Tür, welche man eben öffnete, wendend, »hier kommt Monsieur du Vallon mit ganz zerrissenen Kleidern.«

»Ja«, sprach Porthos, von Schweiß triefend und ganz mit Staub überzogen, »für die zerrissenen Kleider habe ich viele Häute zerrissen. Wollten mir diese Lumpenkerle nicht mein Schwert nehmen? Pest! Was für eine Volksbewegung!«, fügte der Riese mit seiner ruhigen Miene bei. »Aber ich habe wenigstens zwanzig mit dem Knopf von Balizarde totgeschlagen. Gebt mir einen Tropfen Wein, d’Artagnan.«

»O, ich kenne Euch«, sprach der Gascogner, das Glas von Porthos bis an den Rand füllend, »doch, wenn Ihr getrunken habt, sagt mir Eure Meinung.«

Porthos leerte das Glas auf einen Zug. Als er es auf den Tisch gestellt und seinen Schnurrbart ausgesaugt hatte, fragte er: »Worüber?«

»Hier ist Monsieur von Bragelonne, welcher mit aller Gewalt bei der Verhaftung von Broussel helfen wollte, und den ich nur mit großer Mühe von der Verteidigung von Monsieur von Comminges abhalten konnte.«

»Teufel!«, versetzte Porthos, »was würde der Vormund gesagt haben, wenn er es erfahren hätte!«

»Seht Ihr!«, rief d’Artagnan, »seid Frondeur, mein Freund, und bedenkt, dass ich in jeder Beziehung die Stelle des Monsieur Grafen einnehme.«

Und er ließ seine Börse klingen.

Dann sich gegen seinen Gefährten umwendend, sprach er: »Kommt Ihr mit, Porthos?«

»Wohin?« fragte Porthos, sich ein zweites Glas Wein eingießend.

»Wir wollen dem Kardinal unsere Aufwartung machen.«

Porthos leerte das zweite Glas mit derselben Ruhe, mit der er das erste getrunken hatte, nahm seinen Hut und folgte d’Artagnan.

Raoul blieb ganz verblüfft von dem, was er sah, denn d’Artagnan hatte ihm verboten, das Zimmer zu verlassen, ehe diese ganze Aufregung beschwichtigt wäre.