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Slatermans Westernkurier 01/2022

Auf ein Wort, Stranger, weißt du noch, wie das damals mit Duncan, dem Laienprediger, und den Kannibalen war?

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es niemanden, der entlang den Küsten von British Columbia zwischen dem Nass River und dem Skeena River mehr gefürchtet und verhasst war als die Ts’msyan (wird Sim-SHI-an ausgesprochen).

Obwohl diese Stammesgruppe kaum mehr als 2500 Seelen zählte, machten sie durch Wildheit und Grausamkeiten das wett, was ihnen an Bevölkerungszahl fehlte. Fast wöchentlich fielen Horden der Ts’msyan erbarmungslos über andere Stämme her und schlachteten ihre Nachbarn ab oder versklavten sie.

Selbst in ihren eigenen Dörfern waren Mord, Diebstahl, Vergewaltigung und Trunkenheit an der Tagesordnung. Am schlimmsten aber war das Wissen, dass dieser Indianerstamm rituellen Kannibalismus praktizierte, was durch Augenzeugenberichte bestätigt wurde, die von wahren Fressorgien berichteten, bei denen massenhaft Menschenfleisch roh oder gekocht verzehrt wurde.

 

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Trotz dieser angespannten Lage ignorierte der englische Laienprediger William Duncan jegliche Warnungen und reiste 1857 – allen Bedenken zum Trotz – dennoch in diese Gegend, um dort das Wort Gottes zu verkünden.

Seine erste Begegnung mit den Ts’msyan verlief dann auch dementsprechend.

Entsetzt musste er mitansehen, wie zwei fast nackte Mitglieder des Stammes eine Sklavin brutal ermordeten, sie an den nahen Strand schleiften und sie dort zerstückelten und ihr Fleisch verzehrten.

»Oh schrecklich, schrecklich«, schrieb Duncan in sein Tagebuch. »Meine Mitmenschen in diesem Zustand zu sehen, obgleich das Evangelium schon seit 1800 Jahren verkündet wird.«

Trotz dieses grausigen Geschehens war Duncan entschlossener denn je, diese Indianer zu christianisieren. Zunächst verbrachte er fast ein Jahr damit, ihre Sprache und ihre Traditionen kennenzulernen. Dann besuchte er von Fort Simpson aus ihre Dörfer und predigte und erzählte dabei auch die Geschichte der Arche Noah, indem er an Stammessagen anknüpfte, die von einer großen Flut berichteten.

Es dauerte nicht lange, bis es ihm gelang, Bibelstunden abzuhalten und irgendwann auch im Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten. Bis 1862 konnte er vier der insgesamt neun Oberhäuptlinge dieses Volkes von seinen Lehren überzeugen, was seine Glaubensgemeinschaft schließlich auf über 600 Mitglieder anwachsen ließ.

Um seine Schützlinge vor den Lastern der sogenannten Zivilisation zu bewahren, hauptsächlich

vor Whisky, Glücksspiel und Waffen, zog er schließlich mit ihnen von Fort Simpson aus in das 30 Kilometer weiter nördlich gelegene, verlassene Indianerdorf Metlakatla.

So makaber es auch klingen mag, er hätte seine Pläne niemals umsetzen können, wäre nicht Mitte 1862 der Westen von Kanada von der bis dahin schwersten Pockenepidemie seiner Geschichte heimgesucht worden, der fast 80 Prozent der Ts’msyan zum Opfer fielen. Dies und der Umstand, dass die Religion dieses Stammes sich auf einen Herrn des Himmels bezog, der ihnen in Zeiten der Not beistand und ihnen durch Wohltätigkeit und Reinigung ihrer Körper Schutz gab, sorgten dafür, dass sie Duncan als eine Art Messias ansahen, dem sie blindlings überall hin folgten.

Metlakatla wurde unter Duncans Führung zu einer Oase des Friedens und des Wohlstands und gemeinsam mit den Indianern errichtete er 1874 die größte Kirche im Nordwesten von Kanada, die St. Pauls Church.

1879 umfasste Duncans Gemeinde fast 1100 Menschen.

 

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Eine alte Weisheit sagt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

So war es auch hier.

Bischof William Ridley, der es nicht verwinden konnte, dass ein in seinen Augen dahergelaufener englischer Laienprediger über eine Gemeinde wachte, die weitaus erfolgreicher, wohlhabender und angesehener war als die seine, inszenierte eine Intrige, in deren Verlauf Duncan 1881 aus der anglikanischen Church Missionary Society ausgeschlossen wurde, was dieser wiederum nicht anfocht.

Duncan hörte sich um und reiste schließlich nach Washington und bat die dortige Regierung für sich und seine Schäflein um Land.

Und tatsächlich, diese räumte ihm südöstlich von Alaska auf der Insel Anette Island ewiges Siedlungsrecht ein. Duncan und die Seinen erbauten nahe dem Ort Port Chester ein Dorf, zu dem neben einer Kirche eine Schule, eine Sägemühle und eine Gerberei – Duncan war gelernter Gerber – gehörten. Der Name des Ortes lautete schließlich New Metlakatla.

1888 reiste Duncan erneut nach Washington und erreichte schließlich, dass im Jahre 1891, obwohl es bis dahin in Alaska keine Indianerreservate gab, eine solche auf Anette Island eingerichtet wurde.

Sie stellt übrigens bis heute noch die einzige Reservation Alaskas dar.

Duncan, der wie ein König über die Indianer herrschte, bildete sie zu Spinnerinnen, Seifensieder, Schmieden und Zimmerleuten aus und lehrte sie Geld zu verdienen, sorgte für die Versorgung von Kranken, schlichtete Streitigkeiten, taufte Kinder, hielt Gottesdienste und Grabreden.

Um 1900 war Metlakatla kein Indianerdorf mehr, sondern eine blühende Industriestadt mit einer Fabrik für Lachskonserven und einem Sägewerk.

Die Ts’msyan waren keine Kannibalen und Wilden mehr, sondern kapitalistische Unternehmer, deren Kinder ihren Schultag mit dem Lied »Führe mich und leite« begannen.

Als Duncan im Alter von fünfundachtzig Jahren verstarb, bestanden die einst so wilden Krieger darauf, ihn in Metlakatla mit allen christlichen Ehren zu Grabe zu tragen.

William Duncan gilt heute noch als der einzige Geistliche des Westens, dem es gelungen ist, einen wilden, kannibalistischen Indianerstamm mit Gottes Worten zum Kapitalismus zu führen und wohlhabende Unternehmer aus ihnen zu machen.

2010 beherbergte seine Enklave noch über 1400 Menschen.

 

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Bischof William Ridley, sein erbittertster Widersacher und Gegner, hingegen scheiterte mit seinen Ansichten auf ganzer Linie.

Die Menschen verließen seine neu gegründete Diözese Caledonia fast im Wochentakt. 1901 brach ein Feuer in der von Duncan erbauten St. Pauls Church aus, das Ridley den Anhängern Duncans ankreidete. Er baute die Kirche 1903 zwar wieder auf, musste seine Diözese aber 1905 unter dem Druck der Öffentlichkeit verlassen. 1905 emigrierte er nach England, 1914 brannte die Kirche ein zweites Mal ab.

1983 wohnten noch 183 Menschen in Alt-Metlakatla.

Quellennachweis:

  • Phyllis Bowman, Metlakatla – the Holy City, Chilliwack, Sunrise Printing 1983
  • Tsimshian Homepage
  • Die Kanadier, Time Life Buchreihe Wilder Westen, aus dem Englischen übertragen von Wolf Bergner, Redaktionsleitung der deutschen Ausgabe Hans Heinrich Wellmann, Textredaktion Gabriele Richter und Marianne Tolle
  • Kitsumkalum People – Tsimshian Treaty Process (Memento des Originals vom 2.September 2006 im Internet Archive)