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Die Sternkammer – Band 4 – Kapitel 14

William Harrison Ainsworth
Die Sternkammer – Band 4
Ein historischer Roman
Christian Ernst Kollmann Verlag, Leipzig, 1854

Vierzehntes Kapitel

Das Urteil

Als der Prinz seinen Wunsch angedeutet hatte, wurde der Vorhang wieder erhoben, um Sir Jocelyn einzulassen, welcher vortrat und vor dem Prinzen eine tiefe Verbeugung machte.

»Ich grüße Euch, Sir Jocelyn«, sagte Karl im freundlichsten und gnädigsten Ton, als der junge Ritter sich ihm näherte. »Da Eure Ungnade öffentlich war, so soll auch Eure Rückkehr zu der königlichen Gunst öffentlich sein. Eure Rückkehr an den Hof wird eine Genugtuung für Seine Majestät sein. Jede Unbesonnen­heit, deren Ihr Euch schuldig gemacht habt, wird gänzlich übersehen werden. Alle schwereren Fehler, die man Euch zur Last gelegt hat, sind erklärt worden, sodass mein königlicher Vater, ebenso wenig wie ich selber, irgendeine ungünstige Gesinnung gegen Euch hegt. Ich gebe Euch die Versicherung, dass Ihr jetzt keine eifrigeren Freunde habt wie den Grafen von Gondomar und den Marquis von Buckingham.«

»Jedes Unrecht, welches ich Sir Jocelyn getan habe, ist mir herzlich leid«, sagte Buckingham in biederem Ton. »Und er kann sich auf mein gegenwärtiges Freundschaftsanerbieten verlassen.«

»Und auf das meine auch«, fügte Gondomar hinzu. »Die Dienste, die ich ihn geleistet habe, müs­sen das Unrecht aufheben, welches ich ihm später zugefügt habe.«

»Ihr macht es überreichlich wieder gut«, sagte Sir Jocelyn, sich vor ihnen verneigend, »und ich nehme unbedingt Eure angebotene Freundschaft an.«

»Ihr seid hier von Freunden und Feinden umgeben, Sir Jocelyn«, sagte Prinz Karl, »und habt einen neu gefundenen Verwandten vor Euch. Nicht weit von Euch steht eine junge Dame, die, wenn ich nicht sehr irre, den stärksten Anspruch an Eure zärtliche Zuneigung hat, aber ehe Ihr Euch zu ihr oder zu irgendjemanden wendet, hört das Urteil, welches ich im Namen des Königs über diese beiden Verbrecher aussprechen werde, ein Urteil, welches ohne allen Zweifel von Seiner Majestät und den Richtern der Sternkammer, vor welche sie geführt werden sollen, wird bestätigt werden. So hört mich denn an, Ihr Übeltäter. Ihr sollt Eures unredlich erworbenen Besitzes, welcher der Krone verfallen ist, beraubt werden. Wo Zurückerstattung möglich ist, soll sie geschehen.«

»Zurückerstattung durch die Krone! Eine höchst wahrscheinliche Sache!«, murmelte Sir Giles.

»Überdies sollt Ihr für Eure Missetaten persön­lich büßen«, fuhr Karl fort. »Der Ritterwürde verlustig, die Ihr geschändet habt, und nebst allen Zeremonien der Entsetzung sollt Ihr, wenn Ihr Giles Mom­pesson und Francis Mitchell geworden seid, gerade dieselbe schmachvolle Strafe mit allen ihren schrecklichen Einzelheiten erfahren, die Ihr dem vermeintlichen Clemens Lanyere zugefügt habt. Wenn dies mit Euch geschehen ist und man Euch nichts von der Folterqual erspart hat, sollt Ihr in das Fleetgefängnis zurückgebracht werden und dort lebenslänglich gefangen bleiben.«

Mompesson hörte dieses Urteil scheinbar unbewegt an, obwohl sein sprühender Blick einigermaßen seine Gemütsbewegung verriet. Nicht so war es mit seinem Genossen. Sich vor dem Prinzen auf die Knie werfend,  rief er in kläglichen Tönen: »Ich bekenne meine vielfachen Vergehungen und gestehe, dass mein Urteil im Vergleich damit gelinde ist. Aber ich flehe Eure Hoheit an, mir die Verstümmelung und Brandmarkung zu ersparen. Alles Übrige will ich geduldig ertragen.«

»Er verdient kein Mitleid«, sagte Buckingham, »und doch möchte ich für ihn bitten.« »Auf Eure Vermittlung soll ihm die Strafe so weit, wie er selber bestimmt hat, erlassen werden – aber nicht weiter«, versetzte Karl.

»Ich bitte um nichts und bekenne nichts«, sagte Mompesson in trotzigem Ton. »Wenn ich je zum Verhör komme, werde ich mich zu verteidigen wissen, aber ich weiß wohl, dass das nie geschehen wird. Ich kann solche Enthüllungen über Personen von hohem und höchstem Rang machen«, fügte er mit rachsüchti­gem Blick auf Buckingham hinzu, »dass sie nicht wagen werden, mich zu belästigen.«

»Dem Hund muss ein Maulkorb angelegt werden«, sagte Buckingham in leisem Ton zu dem Prinzen.

»Ja, es muss geschehen«, versetzte Karl. »Ent­fernt die Gefangenen. Sie werden in das Fleetgefäng­nis gebracht.«

»Die Gefangenen!«, rief Mompesson.

»Ja, die Gefangenen«, wiederholte Osmond Moun­chensey, »meine Gefangenen. Ich habe einen Befehl von der Sternkammer zu Eurer Verhaftung. Seht hier. Vermöge dieser Vollmacht hat Seine Hoheit Euch ge­fangen setzen lassen, und Ihr werdet von hier in das Fleetgefängnis gebracht werden, wo Ihr, Giles Mompesson, dieselbe Zelle bewohnen sollt, die Ihr für meinen Neffen bestimmt hattet! Nun Euren Degen!«

»Nehmt ihn«, versetzte Mompesson, den Degen aus der Scheide ziehend, »nehmt ihn in Euer Herz. Ihr wenigstens sollt nicht leben, um Euren Triumph zu genießen.«

Aber Osmond war zu schnell für ihn, und feinen Arm ergreifend, ehe er den beabsichtigten Stoß ausführen konnte, drehte er ihm mit fast übermenschlicher Kraft den Degen aus der Hand und zerbrach ihn unter seinen Füßen.

Zu gleicher Zeit erschienen noch andere Personen. Dies waren der Sergeant und eine Abteilung Hellebardiere. Langsam auf die Gefangenen zugehend, empfing der Offiziant den Haftbefehl von Osmond Moun­chensey, während die Hellebardiere sich um die beiden Erpresser drängten.

»Ehe der Gefangene Mompesson weggeführt wird«, sagte Karl, »lasst Euch seine Schlüssel ausliefern. Man soll ein Verzeichnis von allen Geldern im Haus aufnehmen und auf alle Koffer und Kisten das königliche Siegel legen. Alle Schriften und Dokumente müssen sorgfältig zur späteren Untersuchung aufbewahrt werden. Stellt eine sorgfältige Nachsuchung an, denn ich habe gehört, es sind hier viele verborgene Schlupfwinkel, wo er seine Schätze aufbewahrt hat – besonders in dem geheimen Kabinett des Gefangenen.«

»Tragt Sorge,  dass die genaueste Nachsuchung an­gestellt werde«, fügte Buckingham hinzu , »wie es Seine Hoheit befiehlt –denn der Schurke lächelt, als dächte er, seine Vorkehrungen wären so gut genommen, dass es den Suchenden misslingen müsse.«

»Fürchtet nichts, Herr Marquis«, versetzte der Sergeant und sagte dann zu Mompesson: »Nun, Ge­fangener – Eure Schlüssel!«

Während der Offiziant so beschäftigt war, trat Lucas Hatton vor. »Jene Schlüssel werden wenig nützen«, sagte er zu dem Prinzen. »Andere sind Eurer Hoheit zuvorge­kommen.«

»Wie, Herr – welche andere?«, fragte Karl, seine Augenbrauen zusammenziehend. »Die gesetzlose Bande des Erpressers, die man gewöhnlich seine Häscher genannt hat, Eure Hoheit«, versetzte Hatton. »Instinktmäßig schienen sie zu sehen, dass es mit ihrem Herrn zu Ende sei, und beschlossen, seinen Dienst zu verlassen, ohne ihn vorher davon in Kenntnis zu setzen. Nicht zufrieden, ihn in der Stunde der Gefahr im Stich zu lassen, haben sie ihn des größten Teils seiner Schätze beraubt. Sie haben sein geheimes Kabinett aufgebrochen und alle Kostbarkeiten daraus entfernt, die ihnen von Nutzen sein konnten; auch haben sie keinen seiner verborgenen Schlupfwinkel undurchsucht ge­lassen.«

»Mein Fluch über sie!«, rief Mompesson mit un­bändiger Wut. »Mögen sie alle an den Galgen kommen!«

»Der Vorzüglichste unter ihnen, ein schurkischer Elsässer, bekannt als Captain Bludder, ist gefangen genommen worden«, fuhr Lucas Hatton fort. »Man hat eine beträchtliche Geldsumme nebst einem reichen Ju­welenkästchen bei ihm gefunden, und es ist zu hoffen, dass es der Polizei gelingen wird, auch die anderen zu finden. Wollen Eure Hoheit Bludder befragen?«

»Jetzt nicht«, versetzte Karl. »Lasst ihn in das Fleetgefängnis bringen. Aber es waren noch wichtigere Dinge da  als die Schätze – die Dokumente und Kaufbriefe. Da diese den Räubern unnütz waren, wurden sie wahrscheinlich nicht angerührt.«

»So ist es, Eure Hoheit«, versetzte Lucas Hatton.

»Ich wollte, sie hätten sie verbrannt!«, rief Mompesson. »Ich wollte, sie hätten alles vernichtet!«

Er stieß so wilde Ausrufungen der Wut aus und begleitete dieselben mit so wahnsinnigen Ge­bärden, dass die Hellebardiere ihn ergriffen und ihn aus dem Zimmer schleppten. Der alte Wucherer wurde zugleich entfernt.

»Und nun«, sagte Karl, von seinem Stuhl auf­stehend, »es bleibt nur noch eins übrig, ehe ich gehe, und es wird angenehmer für mich sein als alles, was vorangegangen war. Ich muss mich wieder an Euch wen­den, Sir Jocelyn Mounchensey, ja, und auch an Euch, schönes Fräulein Aveline! Ich bitte Euch, in meine Nähe zu kommen«, fuhr er fort, indem er sich mit gnä­digem Lächeln an die junge Dame wendete. Und als sie errötend einwilligte – denn sie erriet halb seinen Vorsatz – sagte er: »Wie ich bereits ausgesprochen habe, Sir Jocelyn, ist die Herstellung der Gunst des Königs vollständig und Euer Wiedererscheinen bei Hofe würde eine Genugtuung für Seine Majestät sein; aber nach den geschehenen Ereignissen, denke ich, wird eine kurze Entfernung am angenehmsten für Euch sein, und ich möchte Euch einen Besuch in der Halle Eurer Vorfahren anraten.«

»Nichts könnte mehr mit meinen eigenen Gefühlen in Übereinstimmung sein, gnädigster Prinz, wenn mein neu aufgefundener Verwandter mich als seinen Gast auf­nehmen will.«

»Nicht als Gast, mein guter Neffe«, sagte Osmond . »Ihr seid der einzige Besitzer von Mounchensey. Ich habe das Haus und die ganze Besitzung auf Euch übertragen. Beides gehört Euch, wie es von Rechtswegen sein sollte.«

Sir Jocelyns Gemütsbewegung war zu groß, um ihm zu gestatten, seine Dankbarkeit in Worten aus­zudrücken.

»Ein edles Geschenk!«, rief Karl. »Aber Ihr dürft nicht allein gehen, Sir Jocelyn. Ihr müsst eine junge Gattin mit Euch nehmen. Diese schöne Dame hat ihre Liebe zu Euch treulich bewiesen, so wie Ihr die auf­richtigste Zärtlichkeit für sie. Empfangt sie von meinen Händen. Nehmt sie an Euer Herz, und mögen Euch beiden Jahre des höchsten ehelichen Glücks blühen! Wenn Ihr bei Hofe wieder erscheint, werdet Ihr umso willkommener sein, wenn Lady Mounchensey Euch begleitet.«

Bei diesen Worten legte er Avelines Hand in die ihres Geliebten. Mit einem Ausdruck des unau­ssprechlichen Entzückens knieten sie nieder, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. Der Prinz ging mit seiner Begleitung hinaus und endlich kam Sir Jocelyn mit dem Gegenstand seiner zärtlichen Neigung. Vergebens suchte er seinen Ver­wandten und Wohltäter. Demond Mounchensey war verschwunden. Aber gerade, als der junge Ritter und seine schöne Begleiterin das Haus verließen, näherte sich ihnen Lucas Hatton, dem zwei Männer folgten, die einen schweren Koffer trugen, und sagte: »Sir Jocelyn, Ihr habt Euren Oheim zum letzten Mal gesehen. Er hat mich beauftragt, Euch auf immer Lebewohl zu sagen. Ihr werdet nie wieder von ihm hören, wenn nicht von seinem Tod. Der Ge­danke an ihn möge Euer Glück oder das Eurer Geliebten nicht stören. Dies hat er mir aufgetragen, Euch zu sagen. Dieser Koffer enthält die Dokumente über Eure Besitzung – und darunter ist auch die Schen­kungsakte, wodurch sie Euch übertragen wird. Diese beiden Männer werden den Koffer tragen, wohin Ihr es ihnen befehlt. Und nun, da ich meinen Auftrag ausgerichtet habe, muss ich mich auch entfernen.«

»Wartet, Herr«, rief Sir Jocelyn, »ich möchte gern eine Botschaft an meinen Oheim schicken.«

»Ich kann sie nicht überbringen«, versetzte Lucas Hatton. »Ihr müsst mit dem zufrieden sein, was ich Euch gesagt habe. Für Euch und für alle anderen gehört Osmond Mounchensey zu den Toten.« Hierauf entfernte er sich hastig.

Drei Tage später wurde das liebende Paar ehelich verbunden. Als die Zeremonie, die nach den Wünschen der Braut in der größten Stille vor sich ging, beendet war, traten sie ihre Reise nach Norfolk an. Unter den Zuschauern bei der Trauung hatte Sir Jocelyn einen großen Mann, in einen schwarzen Mantel, ge­hüllt bemerkt, den er für seinen Oheim hielt. Da er aber hinter einem Pfeiler der alten Kirche halb verborgen war und ihm aus den Augen kam, ehe er ihn aufsuchen konnte, so kam er darüber nie zur Gewissheit.

Sir Jocelyns Ankunft in der Halle seiner Väter war die Veranlassung großer Freude. Trotz der angewendeten Verlockungen vergingen viele Jahre, ehe er und Lady Mounchensey den Schauplatz ihrer Prüfungen in London wieder besuchten.