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Secret Service Band 1 – Kapitel 7

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 1
Old and Young King Brady Detectives
Black Band
Oder: Die zwei King Bradys gegen eine unnachgiebige Bande
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detektive

Kapitel 7

In die Falle getappt

Der Abend des großen Festes im Sherry’s kam endlich. Alle guten Bekannten von Melburne Jayne waren anwesend.

Unter ihnen befand sich auch die stattliche Gestalt von Hector Reid.

Der Wein floss in Strömen und es wurden Trinksprüche ausgesprochen. Die Feierlichkeiten dauerten bis spät in die Nacht.

Zwei Drittel der Gäste wurden in den Morgenstunden in Droschken nach Hause gefahren.

Melburne Jayne war nicht so betrunken, dass er sein Gleichgewicht nicht mehr halten konnte, und die anderen waren es auch nicht, denn so etwas ist im Sherry’s nicht erlaubt.

Aber alle hatten einen Übermaß an Wein getrunken.

Alle außer einem.

Das war Hector Reid.

Dieser junge Mann war so kühl und gelassen wie nur möglich. Als sich die Gruppe auflöste, flüsterte er Jayne zu: »Wann treffe ich mich mit der Black Band?«

»Morgen Abend!«, antwortete Jayne. »Um elf Uhr, Hester Street Nr. 1. Gehen Sie durch die Kellertür hinein. Sagen Sie nichts.«

Reid verbeugte sich und verließ den Raum.

Am nächsten Abend, kurz vor elf, bog ein junger Mann achtlos in die Hester Street ein.

Vor einer bestimmten Kellertür hielt er inne. Er schaute die Straße auf und ab.

Niemand beobachtete ihn.

Es war der richtige Moment, und er glitt in den Keller hinunter. Er öffnete die Tür und trat ein.

Alles war stockdunkel.

Doch geradeaus sah er einen Lichtschimmer. Er kam aus einem Spalt unter einer geschlossenen Tür.

Hector Reid zögerte einen Moment lang.

Dann erinnerte er sich an Jaynes Anweisungen.

Es muss alles in Ordnung sein, dachte er. Ich werde vorgehen.

Und das tat er auch.

Er erreichte die Tür und wartete einen Moment, lauschte. Alles war so still wie im Grab.

Kein einziger Laut kam aus dem Zimmer.

Was hatte das zu bedeuten?

Es kam Hector Reid seltsam vor, dass niemand da war, um ihn zu begrüßen. Im ersten Moment überkam ihn ein leises Misstrauen.

Aber im nächsten Moment schob er es entschlossen beiseite. Er stieß gegen die Tür.

Sie gab nach und schwang mit einem Knarren auf.

Ein quadratisches, kellerartiges Zimmer lag vor ihm. Aber es war niemand zu sehen.

Eine Öllampe brannte auf dem Deckel eines Fasses in einer Ecke. Vierundzwanzig Fässer waren in einem Halbkreis in der Mitte des Lehmbodens angeordnet.

Hector Reid nahm all dies mit einem seltsamen Kribbeln auf. Dann bemerkte er eine Seilrolle, die über den Fässern lag.

Außerdem war an der Wand ein Aushang mit folgendem Wortlaut angebracht: Kein Verräter kann hoffen, in die Reihen der Black Band aufgenommen zu werden. Tod den Detektiven! Tod dem Spion!

Trotz seiner Unerschrockenheit spürte Hector Reid einen kalten Schauer über seinen Rücken laufen.

Puh!, dachte er. Das kommt mir ziemlich nahe. Können die das auch für mich meinen?

Es kam ihm in der Tat seltsam vor, dass er einen so merkwürdigen Empfang erlebte.

Wo war Jayne, der so herzlich zu ihm gewesen war? Hatte er seinen Vertrag vergessen?

Dann erinnerte sich Reid mit einem Schauer daran, dass er diese Vereinbarung in einem Zustand der Trunkenheit getroffen hatte.

Vielleicht hatte er es inzwischen bereut.

Es war allgemein bekannt, dass die Black Band keine Neulinge in ihren Reihen willkommen hieß. Dass sie Reid nach so kurzer Bekanntschaft akzeptierten, war in der Tat seltsam.

Reid dachte über all dies nach.

Aber er erinnerte sich daran, dass derjenige, der zögert, verloren ist. Er hatte den Rubikon überschritten und war nun bereit, seine Chancen zu nutzen.

So betrat er kühn und mit äußerster Kaltblütigkeit den Keller und blickte sich sorglos um.

In diesem Moment wurde alles von seinem scharfen Blick erfasst, obwohl er das Böse ahnte. Er ging kühl zu einem der Fässer und setzte sich hin.

Da hörte er etwas, das wie ein Glucksen klang. Dann das ferne Echo von Schritten.

Einen Moment später hörte er über seinem Kopf ein schabendes Geräusch.

Es war, als würde ein schwerer Körper über den Boden geschleift.

Dann gab es ein Ächzen von Holz und das Klirren von Eisen, und direkt über ihm öffnete sich eine riesige Falltür.

Reid schaute neugierig, aber ganz ruhig nach oben.

In dieser Falltür waren eine Reihe grinsender Gesichter zu sehen. Dann stürzten fünf oder sechs Mitglieder der Black Band fast auf ihn herab.

Einer von ihnen war Jayne.

»Hallo, Reid!«, sagte er.

»Hallo!«, antwortete der verkleidete Detektiv kühl.

»Ist dies eine der Formen der Aufnahme?«

Daraufhin brüllte die Black Band.

Jayne grinste böse.

»Genug!«, rief er. »Füllt den Kreis! Lasst uns zur Sache kommen.«

Ein Pfiff ertönte, und dann kamen weitere Mitglieder der Black Bande durch die Tür.

Sie waren auf die übliche Weise über Augen und Stirn maskiert. Reid erkannte Jayne nur an seinen O-Beinen.

Jeder Gesetzlose fand einen Platz auf einem Fass. So blieben Jayne und Reid stehen.

Ersterer hob die Hand, und dann war alles still.

»Kameraden«, sagte er, »ich habe heute Abend ein neues Mitglied vorzustellen.«

»Ja!«, war die Antwort im Chor.

»Ihr kennt die übliche Prüfung, der er unterzogen werden muss!«

»Ja!«

»Wenn sich herausstellt, dass er ein Verräter ist …«

»Tod!«

»Oder ein verkleideter Detektiv?«

Ein Zischen erfüllte die Luft.

»Tod!«

»Sie hören«, sagte Jayne kühl und wandte sich an Reid. »Sind Sie bereit, den Test zu bestehen?«

»Sicherlich!«, antwortete Reid. »Ich werde den Test bestehen.«

»Gut! Welchen Beweis haben Sie uns zu liefern, dass Sie mit uns sympathisieren?«

»Habe ich euch den nicht schon gegeben?«

»Das beantwortet die Frage nicht. Aber ich werde eine andere stellen. Sind Sie bereit, die King Bradys bis aufs Blut zu bekämpfen?«

»Warum nicht gegen alle Detektive?«, fragte Reid.

»Nun, erlauben Sie das! Und jetzt noch einmal: Welchen Beweis haben Sie zu erbringen, dass Sie nicht Young King Brady in Verkleidung sind?«

Die Frage traf den jungen Detektiv wie ein Donnerschlag. Einen Moment lang war er fast überrumpelt.

»Eh?«, rief er aus. »Das ist doch alles verdammter Blödsinn. Was bringt es, solche Fragen zu stellen?«

Aber noch während Young King Brady dies sagte, sah er das Licht in Jaynes Augen, das ihm sagte, dass er verloren war.

Er war der Bande bekannt.

Wie sie seine Verkleidung aufgespürt hatten, konnte er nicht einmal erahnen. Doch dass es so war, war sicher.

In diesem Moment überkam Young King Brady ein Gefühl schrecklicher Verzweiflung. Er erkannte, dass seine Lage beängstigend war.

Sie wollten nicht, dass er diesen Ort lebendig verließ.

Doch der kühne junge Detektiv verlor nicht einen Moment lang die Nerven.

Bis zum Schluss bewahrte er seine kühle Gelassenheit, doch dann kam der Moment, in dem sie versagte.

»Kommen Sie«, sagte Jayne ungeduldig, »wenn Sie einer von uns werden wollen, müssen Sie die Prüfung bestehen!«

»Wenn das Bestehen der Prüfung bedeutet, mich zu beleidigen«, sagte Reid und wirkte wütend, »dann will ich nicht zu eurer Bande gehören.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage. Welchen Beweis hast du zu erbringen, dass du nicht Young King Brady in Verkleidung bist?«

»Das kann doch jeder Narr sehen!«, stotterte Reid. »Sehe ich aus wie er? Verhalte ich mich wie er?«

Jayne wandte sich an seine Gefolgsleute.

»Was sagt ihr dazu, Jungs?«, fragte er. »Sieht er aus wie Young King Brady?«

»Ja!«, brüllten sie.

»Glaubt ihr, er ist der verkleidete Hund von einem Detektiv?«

»Ja!«

»Siehst du«, sagte Jayne mit einem spöttischen Lächeln, »das Urteil fällt gegen dich aus.«

»Ich bin nicht hierher gekommen, um mich so behandeln zu lassen«, wandte Reid ein.

Aber Jayne griff mit einer blitzschnellen Bewegung nach seinem Schnurrbart. Er löste sich in seiner Hand.

Young King Brady sah, dass das Spiel vorbei war. Er war in eine regelrechte Falle gelockt worden. Er war sich nicht sicher, aber der Schurke Jayne hatte ihn von Anfang an gekannt.

Er hatte Jayne nie einen solchen Scharfsinn zugetraut.

Er hatte sich als noch gerissener erwiesen als einer der Bradys. Young King Brady war in seinem ganzen Leben noch nie so verblüfft und überlistet worden.

Einen Moment lang konnte er weder sprechen noch denken oder handeln.

Er stand einfach wie betäubt vor seinen Feinden. Sie höhnten und spotteten und lachten über ihn.

»Ha, ha, ha!«, brüllte Jayne. »Ihr dachtet, ihr hättet uns, nicht wahr? Habt ihr euch nicht träumen lassen, dass wir euch die ganze Zeit auf den Fersen waren?«

Young King Brady konnte nicht sprechen. Er war völlig verblüfft. Diese Wendung der Dinge hatte er sich nicht träumen lassen.

Aber er erholte sich schnell.

Sein ganzer tigerartiger Mut kam zum Vorschein. Angesichts der vielen eingeschworenen Feinde und des Todes, der ihm ins Gesicht starrte, würde er nicht zurückschrecken.

Er warf einen schnellen Blick um sich und suchte nach einer Möglichkeit zu entkommen.

Doch selbst in diesem Moment sah er, dass es zu spät war. Die Geächteten waren über ihn hergefallen wie ein Rudel Wölfe.

In kürzester Zeit war er gefesselt und ein hilfloser Gefangener.

Young King Brady war in der Gewalt seiner Feinde, der verzweifeltesten und abgebrühtesten Männer Gothams.