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Jim Buffalo – Band 3

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Bill Hammer – Teil 5

Otto Ruppius
Bill Hammer
Episode aus dem Bürgerkrieg in Missouri
Aus: Die Gartenlaube Nummer 6 bis 9, 1862

Bill hatte sich zum nächsten Maisfeld gewandt, das ihn bis zu einiger Entfernung vom Haus vor jeder Entdeckung sicherstellen musste, und verfolgte in Hast eine breite Furche, die sich ihm bot. Nur in einzelnen Strahlen ließ er das Licht vor sich fallen, um nicht aus der Richtung zu geraten, und trat bald auf freies Land hinaus. Hier kannte er jeden Fußbreit, aber ein wütender, mit Regen vermischter Sturm empfing ihn, der ihn, bei jedem Schritt vorwärts, wieder zurückzuwerfen drohte. Erst als er mit Anstrengung einen Fußweg am Saum des Waldes erreicht hatte, erhielt er einigen Schutz. Den Kopf gegen den Wind gebeugt, die Laterne, deren Licht ihn nur blendete, verdeckt, strebte er vorwärts, so rasch es nur seine Kräfte vermochten. Die Eisenbahnbrücke konnte nun kaum mehr als zehn Minuten Entfernung vor ihm liegen. Schon hörte er durch das Geräusch des Sturmes ein entferntes Brausen, das ihm zeigte, wie hoch der Bach vom Regen angeschwollen sein musste. Da blieb er plötzlich stehen und horchte hinter sich. Schon zweimal war es ihm gewesen, als folge jemand im Wald neben ihm seinen Schritten, und nun meinte er, deutlich das Knacken eines durchbrechenden Astes gehört zu haben. Aber es blieb ihm keine Zeit, weitere Untersuchungen darüber anzustellen. Sein Aufhorchen war auch nur ein mehr unwillkürliches gewesen. Vorwärts eilte er wieder, und deutlicher wurde mit jedem Augenblick das Rauschen und Brausen der Wasser in der tiefen, steilen Schlucht, in welcher der Waldbach sein Bett gewählt hatte. Schon betrat er die Schienen der Eisenbahn, welche der Brücke zuführten, da fegte ihm der Sturm mit einer Macht entgegen, die ihn einen Augenblick völlig betäubte. In der nächsten Minute aber weckte ihn ein donnerähnliches Krachen und Prasseln vor ihm, und er wusste, dass die von den Sezessionisten ihres Haltes beraubte Brücke soeben vor dem Andrang des Wassers zusammengebrochen war. Als er mit raschen Schritten das steil abfallende Ufer der Schlucht erreicht hatte, wo nicht ein Stückchen Balken mehr das frühere Dasein des Baues bezeichnete, schwang er seine Laterne, um einen möglichst großen Lichtkreis zu gewinnen, aber nur der schwarze gähnende Abgrund, aus welchem das Tosen der wilden Fluten heraufklang, zeigte sich seinen Blicken. Seiner Berechnung nach konnte kaum noch eine Viertelstunde Zeit bis zu Ankunft des Zuges, der ohne seine Warnung mit allem Lebenden, das er herbeiführte, rettungslos in das Verderben stürzen musste, übrig sein. Ein unwillkürliches, aber inbrünstiges »O Gott im Himmel, lass es doch gelingen!« entrang sich seiner Brust; dann trat er rasch einige Schritte am Ufer hin, wo sich ihm der Stumpf eines abgehauenen Baumes gezeigt hatte, und entrollte das mitgebrachte Seil. Er legte es doppelt, hing es über den Stumpf und ließ sich jetzt mit dessen Hilfe, die Laterne an seinen Arm gehangen, vorsichtig an der steil abfallenden Erdwand hinunter. Jeden Stützpunkt, den seine Füße finden konnten, benutzend, erreichte er rasch und glücklich den Boden der Schlucht und sah sich nun auf einem steinigen Absatz die dunkle, weiß schäumende Flut vor sich. Sein erster Blick belehrte ihn, dass hier hindurchzukommen unmöglich sei. Der scharfe, wilde Strom hätte ihn beim ersten Schritt ins Wasser mit sich fortgerissen, und zwei Sekunden lang stand er ratlos. Wieder schwang er die Laterne nach allen Richtungen, und sein Blick blieb endlich an einem Gegenstand zu seiner Linken hängen, an dem die Wellen sich schäumend brachen. Vorsichtig versuchte er näher zu kommen und fasste glücklich das Bruchstück eines früheren Brückenpfeilers als Halt für seine Untersuchung, ein junger Baum, den die Flut mit sich gerissen hatte, lag vom Wasser überströmt zwischen beiden Ufern eingeklemmt. Hier allein konnte ein Übergang vollbracht werden, wenn dieser überhaupt möglich war. Sein Licht hochhaltend, spähte Bill scharf zu dem jenseitigen Ufer. Er sah die gebrochenen Äste des Baumes dort aus der sie umschäumenden Flut ragen und hätte aufjauchzen mögen. Nun war er sicher, sein Unternehmen durchzuführen, wenn nur der Zug so lange ausblieb, als er Zeit für sich bedurfte. Rasch fasste er das eine Ende seines Seils und zog damit das andere von der Höhe des Ufers, wo es um den Baumstumpf lief, herab. Er schnitt sich damit den sicheren Rückweg ab, er wusste es, aber ein Zurück gab es nicht mehr für ihn. Dann knüpfte er in Hast eine weite doppelte Schlinge und warf diese hinüber zu den Ästen des gestürzten Baumes. Wohl hatte er drei Mal nach verfehltem Wurf das Seil wieder durch das Wasser zurückzuziehen; beim vierten Wurf blieb die Schlinge hängen. Er zog mit aller Macht, um den Halt zu prüfen, aber sie saß fest, und in bebender Eile schlang er jetzt das Tau um den gebrochenen Brückenpfeiler zu seiner Seite, spannte es an, soviel seine Kräfte es vermochten, und knüpfte es fest; dann trat er, mit der einen Hand kräftig das Seil fassend, mit der andern die Laterne hochhaltend, ohne Bedenken zu dem überströmten Stamm hinab. Schon bei seinen ersten Schritten merkte er, dass es seiner ganzen Vorsicht bedurfte, um auf der schlüpfrigen Bahn festen Fuß zu gewinnen. Je weiter er aber der Mitte des Baches zuschritt, je höher stieg das Wasser an seinen Beinen herauf, und oft fühlte er, wie die Macht des Stromes ihn fast unwiderstehlich hinunter in die Tiefe zu drängen drohe, und wie es seiner ganzen Kraft bedurfte, um sich den nötigen Halt am Seil zu geben. Er hatte die Mitte der Flut erreicht, wo ihr Zug am stärksten war, und blickte eben besorgt vor sich, denn hier schien sich der Stamm völlig auf den Grund gesenkt zu haben.

Da klang es plötzlich von der Höhe des rückwärts liegenden Ufers: »Hallo, wer ist dort unten?«

Bill zuckte zusammen, das war die Stimme seines bisherigen Brotherrn, Anderson, desselben Mannes, welcher die Brücke zerstört hatte. Harrte er auf den herankommenden Zug, um sich von dem Gelingen seines teuflischen Werkes zu überzeugen? Oder war er es gewesen, den Bill beim Beginn seines Weges hinter sich gehört hatte? Eins stand dem Knaben in voller Gewissheit vor der Seele: Gelang es dem Mann, ihn zu erreichen, so war es mit der Rettung des Zuges vorüber! Und hastig, ohne an die erhöhte Gefahr zu denken, trat Bill in das tiefere Wasser, das, obwohl er auf den Baumstamm traf, ihm bis über die Knie ging und mit gewaltiger Kraft ihn fast in den kochenden Strudel daneben gezogen hätte. Noch zeitig genug hatte Bill mit beiden Händen das Seil gepackt und trat nun mit Anstrengung all seiner Kräfte aufs Neue vorwärts.

»Wer ist dort unten? Antworte oder ich schieße!«, klang es von Neuem, aber Bill arbeitete sich umso hastiger weiter. Hatte er nur das jenseitige Ufer erreicht, so löste er das Seil, und dann sollte es einem Menschen wohl schwer werden, ihm zu folgen. Er hatte nun die Laterne wieder an den Arm gehangen, den rückwärts fallenden Schein möglichst durch seinen Körper verdeckend, und schon sah er die Zweige des Baumes am jenseitigen Ufer deutlich vor sich, da rauschte es hinter ihm wie ein Erdfall, und ein lauter Fluch folgte dem Geräusch. Bill wusste, dass Anderson in diesem Augenblick das steile Ufer auf jede Gefahr hin hinabgerutscht war. Von einer panischen Furcht gepackt, ergriff er einen sich ihm entgegenstreckenden Ast des gefallenen Stammes, sich kräftig durch das übrige Zweigwerk hindurch arbeitend. Da fühlte er auch schon, wie sich das Seil mächtig anzog. In fliegender Hast, als spüre er die Hand des ihm Folgenden bereits in seinem Nacken, suchte er nach dem Halt der Schlinge, da saß sie an einem kurzen Aststück. Mit einem Ruck, in welchem die Todesangst seine ganzen Kräfte vereinigt, hatte er sie losgerissen.

Hinter sich hörte er einen lauten Schlag ins Wasser, aber er dachte nicht daran, sich umzublicken. Mit einem mächtigen Satz sprang er an das Ufer und begann hastig die steil aufstrebende Wand der Schlucht zu erklimmen. Wie er hier hinaufgekommen war, wusste er in späteren Stunden selbst nicht. All seine Gedanken waren nur auf seinen Verfolger gerichtet, und selbst als er halb atemlos die Eisenbahn betrat, als ihn hier Sturm und Regen in voller Macht empfingen, trieb ihn die Angst noch ein Stück in vollem Lauf vorwärts. Die Laterne mit dem Rockflügel verdeckend, blieb er endlich bei einer augenblicklichen Pause des Sturmes stehen und lauschte. Nichts von einer Verfolgung wurde hörbar, und nun brach sich in vollem innerlichem Jauchzen das Gefühl des errungenen Sieges in ihm Bahn. Noch war der Zug nicht da und er konnte warnen und retten, konnte mit einem Schlag alles vergelten, was Fred Minner jemals für ihn und seine Mutter getan hatte. Für die Sezessionisten aber musste nun die Vergeltung kommen.

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