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Der Stein der Wahrheit

I

Im Lande Darcia lebte einst ein junges Ehepaar. Mondo, so hieß der junge Ehemann, war sehr glücklich mit seiner Frau Lacia und die beiden schmiedeten große Pläne für ihre Zukunft. Zur selben Zeit aber wohnte die Hexe Barga im Land. Sie hatte öfter für den König des Landes gehext und war deshalb an seinem Hof gut angesehen. Aber sie war eine böse Hexe und trieb mit ihrer Zauberkraft einigen Schabernack, der für die betroffenen Menschen oft ärgerlich und schlimm sein konnte.
Eines Tages begegnete Barga Mondo und seiner Frau. Die beiden waren gerade mit ihrer Kutsche auf dem Weg zur Stadt Voron, um auf dem dortigen Markt Gemüse und Kartoffeln zu kaufen. Barga konnte sehen, wie die beiden auf dem Kutschbock miteinander turtelten, und dachte sich einen Zauber aus, um das liebende Ehepaar ordentlich zu ärgern. Als sie zu Hause angekommen war, sprach sie einen Zauberspruch über Mondo, der diesen dazu brachte, mit seiner Nachbarin Dorte anzubändeln und seine Frau Lacia zu betrügen.
Schließlich trieben es die beiden so toll, dass Lacia es bemerkte und Mondo unter Tränen bat, Dorte den Laufpass zu geben. Fast wäre Mondo dazu bereit gewesen, denn er liebte seine Frau noch immer. Da aber griff die boshafte Hexe, die diesen Wandel Mondos bemerkt hatte, erneut ein und brachte ihn durch einen Zauber dazu, seine Frau zu verlassen und zu Dorte zu ziehen …

II

»Was soll ich nur tun, Oma?«, fragte Lacia verzweifelt ihre Großmutter. »Mondo hat mich verlassen, um mit unserer Nachbarin Dorte zusammenzuleben. Ich kann gar nicht verstehen, warum er mich nicht mehr liebt. Vor kurzer Zeit waren wir noch sehr glücklich miteinander. Dann aber, von einem Tag auf den anderen, hat er sich Dorte zugewendet und ich hatte ihn verloren.«
»Von einem Tag auf den anderen ist dies geschehen, Kind? Wie war das genau?«
»Es muss geschehen sein, als wir in Voron waren, um Gemüse auf dem Wochenmarkt zu kaufen«, schluchzte Lacia. »Auf der Hinfahrt trafen wir eine Frau in den mittleren Jahren, die uns sehr nett grüßte und einen schönen Tag wünschte. Als wir dann wieder nach Hause fuhren, war Mondo gar nicht mehr nett zu mir und ich merkte, dass mit ihm etwas geschehen war. Am kommenden Tag muss er dann etwas mit Dorte angefangen haben, was ich allerdings erst einige Zeit später bemerkte.«
»Wie sah denn die Frau aus, die ihr auf dem Weg nach Voron getroffen habt?«, fragte die Großmutter, denn sie kannte solche Geschichten wie die ihrer Enkelin und hegte bereits einen bestimmten Verdacht.
Lacia beschrieb ihr die Unbekannte als Mittdreißigerin mit dunklen, mittellangen Haaren und hellen Augen, die sich ein wenig vornübergebeugt bewegte und eine angenehme Stimme hatte.
»Das ist sie!«, entfuhr es daraufhin der alten Frau. »Ihr habt Barga getroffen, die Hexe des Königs und diese hat – wie sie es gerne tut – einen Zauber ausgesprochen, der Mondo in die Arme eurer Nachbarin getrieben hat. Barga ist manchmal äußerst boshaft und zerstört gern das Glück anderer Menschen.«
»Und was kann ich nun tun, um Mondo zurückzubekommen?«, fragte Lacia, während ihr wieder die Tränen über die Wangen liefen.
»Ich fürchte, du kannst gar nichts tun. Barga ist nicht beizukommen. Du wirst dich neu verlieben und einen anderen Mann heiraten müssen.«
Während die alte Frau ihre Enkelin in die Arme nahm, um sie zu trösten, weinte diese hemmungslos, weil ihr Lebensglück nun für immer verloren schien.

III

»Wer bist du und was willst du hier?«, fragte Barga, als sie der jungen Frau die Tür geöffnet hatte.
»Ich bin Lacia, deren Glück du soeben zerstört hast«, schrie Lacia und begann sofort, mit ihren Händen auf Barga einzuprügeln. »Du wirst jetzt sofort deinen Zauber, den du über meinen Mann verhängt hast, zurücknehmen!«
Barga flüchtete vor den Schlägen der jungen Frau ins Hausinnere. Diese aber folgte ihr überall hin, bis sie schließlich in der Küche angekommen waren. Dort stellte sie die Hexe erneut und traktierte sie mit ihren Fäusten.
Da wusste sich Barga nicht mehr anders zu helfen, ergriff ein Messer und stach es Lacia in den Bauch, die sofort in sich zusammensackte und zu Boden fiel. Barga aber überlegte nicht lange und sammelte das Blut aus ihrer Wunde in einem Gefäß. Wenige Minuten später war Lacia tot. Barga aber füllte ihr Blut mithilfe eines Trichters in eine leere Weinflasche, die sie anschließend sorgfältig verkorkte. Im selben Augenblick aber war die Leiche der jungen Frau verschwunden und es war so, als habe sie sich in Luft aufgelöst.
Barga rieb sich die Hände und brachte die Flasche mit dem Blut in den Keller hinab, wo sie sie zu den vollen Weinflaschen ins Regal stellte.

IV

Als Lacia verschollen blieb und ihre Eltern sie monatelang nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten, sprachen diese mit Lacias Großmutter, die sie offensichtlich als letztes Familienmitglied lebend gesehen hatte. Die alte Frau erzählte ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn, was Lacia ihr damals mitgeteilt und wie sie selber darauf reagiert hatte. Wohin Lacia danach gegangen war, konnte sie allerdings nicht sagen. Sie riet den beiden, vielleicht doch zur Polizei von Voron zu gehen und das Mädchen von den Beamten suchen zu lassen.
Einen Tag später reiste deshalb Lacias Vater zum Präsidium der Voroner Polizei und wurde beim Dezernat für vermisste Personen vorstellig. Dort erzählte er einem Beamten namens Konn Lacias Geschichte und berichtete auch davon, dass seine Schwiegermutter mit ihrer Enkelin von des Königs Hexe Barga gesprochen hatte.
»Vielleicht hat Eure Tochter diese Hexe tatsächlich aufgesucht«, sagte Konn, nachdem er seinem Gegenüber aufmerksam zugehört hatte. »Es spricht einiges dafür. Ich werde mich darum kümmern und Euch, wenn ich mehr weiß, benachrichtigen.«
Lacias Vater bedankte sich und verließ das Präsidium, während der Polizist nachforschte, wo die Hexe des Königs lebte.

V

»Seid Ihr die gute Barga, die Zauberin des Königs?«, fragte Konn, nachdem diese ihm die Haustür geöffnet hatte.
»Ich bin es. Und mit wem habe ich das Vergnügen?«
»Mein Name ist Konn und ich bin Polizist. Ich komme in einer etwas delikaten Angelegenheit.«
»Und die wäre?«, fragte Barga, deren Neugier geweckt worden war.
»Der Vater einer jungen Frau namens Lacia hat mich im Präsidium aufgesucht und berichtet, dass seine Tochter verschwunden ist, die sich möglicherweise zuvor mit Euch getroffen hat.«
»Kommt erst einmal herein!«, forderte Barga. »Wir wollen die Angelegenheit bei einem Glas Wein besprechen.«
Sie geleitete ihren Gast in den Wohnraum und bedeutete ihm, Platz zu nehmen, während sie in den Keller hinabstieg und eine Flasche holte. Sie ergriff dort aber die Flasche, in welche sie das Blut der Getöteten gefüllt hatte. Oben angekommen goss sie Konn ein Glas ein. Aus dem Blut jedoch war inzwischen roter Wein geworden.
Bevor Konn weitersprach, trank er den angebotenen Wein aus. Da aber geschah etwas Furchtbares. Kaum hatte er nämlich den Wein getrunken, da verwandelte er sich äußerlich in Lacia, die Frau, die von Barga getötet worden war.
»Ha!«, triumphierte die Hexe lachend. »Nun ist die gute Lacia wieder da und keiner wird ernsthaft weiter nach ihr suchen. Du aber wirst sicherlich nie wieder zu Konn, dem Polizisten, werden und keiner, dem du deine Geschichte erzählst, wird dir glauben.«
Der arme Polizist in Frauengestalt war zutiefst verunsichert und torkelte benommen aus dem Haus ins Freie.

VI

Nachdem Konn sich wieder gefangen hatte, überlegte er, wie er wieder er selber werden konnte. Leider hatte er zunächst keine Idee, wer oder was ihn wieder zu dem Mann machen konnte, der er gewesen war.
Verzweifelt wanderte er deshalb nach einiger Zeit zu seiner Frau und seinen beiden fast erwachsenen Kindern zurück, um von dem Zauber der Hexe zu berichten und bei ihnen Trost zu suchen. Nachdem er jedoch zu Hause angekommen war, erkannten ihn die Seinen nicht und hielten ihn für eine fremde Frau. Als er dann mit Frauenstimme von der Hexe Barga und ihren Machenschaften berichtete, glaubten ihm seine Frau und sein Sohn Marow kein Wort und nur seine Tochter Cerla empfand ihm gegenüber ein seltsames Gefühl, als ob er tatsächlich eine Bindung zu ihr und den anderen habe, obwohl er äußerlich eine fremde Frau war. Cerla konnte sich dieses Gefühl nicht erklären, während Marow und seine Mutter sich mehr und mehr von der Fremden belästigt fühlten und ihr diese Empfindung auch kundtaten.
Konn aber hörte nicht auf, ihnen zu erklären, wer er tatsächlich war und wurde dabei immer ärgerlicher, weil sie ihm nicht glaubten. Zum Schluss war er dann drauf und dran, gegenüber seiner Frau, die ihn immer wieder abwies, tätlich zu werden.
Da aber hielt ihn sein eigener Sohn fest und sagte zu seiner Mutter, sie solle ein Seil holen und die Fremde fesseln. Die Mutter tat, was er verlangt hatte, und sie warfen die gefesselte Frau hinten auf ihren Wagen, um mit ihr zum Gericht zu fahren, damit sie bestraft würde.

VII

»Die Angeklagte wird dazu verurteilt, auf dem Stein der Wahrheit Platz zu nehmen, da künftig nicht zu erwarten ist, dass sie die Belästigung der Familie Konn unterlässt und auch von Tätlichkeiten Abstand nimmt«, sprach der Richter des Königs, dem dieser Fall anvertraut worden war.
»Nein!«, rief Cerla, die die Verhandlung verfolgt hatte. »Die Fremde hat es nicht verdient, ihren Verstand zu verlieren und verwirrt zu werden.«
Der Stein der Wahrheit war nämlich ein größerer Felsblock, der von Barga verhext worden war, sodass jeder, der auf ihm Platz nahm, seines Verstandes beraubt wurde und in völliger geistiger Verwirrtheit endete.
»Wer es verhindern will, dass ein Verurteilter dieses Schicksal erleidet, muss sich an seiner Stelle auf den Stein setzen, so verlangt es das Gesetz«, sprach der Richter zu Cerla. »Willst du diese Bürde wirklich auf dich nehmen?«
»Cerla, Liebes, lass die fremde Frau auf dem Fels Platz nehmen!«, sagte Cerlas Mutter. »Sie hat es verdient!«
»Nein, Mama! Ich weiß nicht, woher mein Gefühl kommt, aber ich bin mir sicher, dass dies falsch wäre. Ich will mich für die Fremde auf den Stein setzen.«
Mit diesen Worten nahm Cerla auf dem Stein der Wahrheit Platz. Im selben Moment aber verwandelte sich die fremde Frau vor den Augen der Anwesenden in Konn zurück. Dieser, der nun wusste, dass die Hexe Lacia getötet hatte, informierte den Richter, der Polizei zu Bargas Haus schickte, um sie zu verhaften. Die Beamten aber fanden die Hexe völlig verwirrt vor. Der sprechende Rabe Bargas erklärte ihnen, der Zauber des Steines habe sich gegen seine Schöpferin gewendet, weil sich eine Blutsverwandte des Verurteilten für diesen auf den Stein der Wahrheit gesetzt habe, ohne zu wissen, wer der Verurteilte tatsächlich war. Dann schwang sich der Rabe in die Luft und flog davon, denn seine ehemalige Herrin konnte ihn nun nicht mehr zwingen, ihr zu dienen.

Copyright © 2012 by Hanno Berg

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