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Hanns Heiling … – Teil 10

Friedrich Wilhelm Bruckbräu
Hanns Heiling, vierter und letzter Regent der Erd-, Luft-, Wasser- und Feuergeister und sein Kampf mit den Teufeln der Hölle
Eine höchst merkwürdige, abenteuerliche und wundervolle Ritter-, Räuber-, Geister- und Teufelsgeschichte
Verlag der J. Lutzenberger’schen Buchhandlung, Altötting, 1860

Auf einer Räuberburg

Je tiefer Hanns , der den rechten Weg in der Eile verfehlt hatte, in dem ihm unbekannten Wald vordrang, desto finsterer wurde es. Auch fühlte er bereits Hunger und Durst und konnte weder Waldbeeren noch eine Quelle oder ein Bächlein suchen. Er legte sich unter eine gewaltige Eiche, um auszuruhen, und vielleicht auch hier den Anbruch des Tages zu erwarten. Er schlief vor Müdigkeit ein und mochte etwa eine Stunde geschlafen haben, als er laute Stimmen und Hufschläge von Rossen hörte. Auch drang ein flackerndes Licht in seine Augen. Hanns sah einen Zug Reisige herankommen, von denen mehrere brennende Fackeln trugen. An ihrer Spitze ritt ein großer wild aussehender Mann. Er trat ihm in den Weg.

»Wo aus?«, fragte der wilde Reiter, sein Ross anhaltend. »Wer bist du?«

»Ich heiße Hanns, bin Stallknecht auf der Burg Ullitsch und habe auf 4 Woden Urlaub erhalten, um meine Eltern zu besuchen, welche Bauersleute und Untertanen des Markgrafen von Horgatz sind. Mit Vergunst, Herr Ritter, bin ich auf den rechten Weg dahin?«

»Auf einen ganz unrechten«, erwiderte der wilde Reiter lachend. »Komm mit mir und übernachte auf meiner Burg, wo du heute noch genug essen und trinken kannst. Morgen früh lasse ich dich dann durch meinen Knecht auf den rechten Weg führen. Jakob, nimm den Verirrten hinter dich auf dein Ross!«

Dies geschah. Hanns konnte nicht widerstreben, ohne sein Leben zu gefährden. Nach einer Stunde kamen sie in einer Burg an, welche Hanns bald als eine Räuberburg erkannte, als er in den großen Saal trat, wo 30 bis 40 höchst verdächtige Burschen ein lärmendes Saufgelage hielten.

»Du bringe ich euch einen neuen Kameraden«, rief der Anführer mit lautem Gelächter, »der morgen sein Probestück ablegen soll!«

»Ha, willkommen, Kamerad!«, schallte es von allen Seiten und alle reichten ihm ihre Becher mit Wein entgegen, damit er ihnen Bescheid tue, was er nicht verweigern konnte.

»Euer Leben, Kameraden, gefällt mir recht gut und ich habe mir schon längst ein solches gewünscht; aber mir ist von Natur aus eine solche Furcht vor bloßen Schwertern , Dolchen und Armbrüsten angeboren, dass ich bei dem bloßen Anblick derselben am ganzen Leib zittere und alle Kräfte verliere. Dagegen könnte ich euch in anderen Dingen in der Burg recht nützliche Dienste leisten, bei der Wart und Pflege der Rosse, deren Krankheiten ich auch heilen kann, und allenfalls bei der Überwachung von Gefangenen.«

So sprach Hanns mit rascher Besonnenheit, um nicht ein Mitschuldiger ihrer Gräueltaten werden zu müssen.

»Gut«, sagte der Anführer, »du sollst den Stall und die Gefangenen besorgen; dadurch gewinne ich andererseits einige tapfere Kameraden die durch solche Dienste mir bisher entzogen waren, zu meinen Unternehmungen. Ich habe jetzt in der Burg 35 Gefangene, darunter 2 Rittersöhne, die Übrigen sind Kaufleute und Frachtführer. Auch ein Weibsbild ist noch da, das auf seiner Flucht uns in die Hände gefallen ist. Diese Dirne gibt sich für die Tochter eines reichen Ritters aus, dem sie entflohen sei, weil er sie zu einer verhassten Heirat zwingen wollte. Sie zweifelt nicht, dass der Vater sie auslösen werde, wenn sie in die Heirat einwilligt. Aber der Ritter, den sie ihren Vater nannte, war nirgends zu finden. Wird sie in einigen Wochen nicht ausgelöst, so übergebe ich sie meinen Kameraden, die damit machen können, was sie wollen.«

Um keinen Verdacht zu erregen, nahm Hanns an dem wilden Gelage teil, das bis nach Mitternacht dauerte, und hörte die schauderhaftesten Erzählungen ihrer verübten Raub- und Mordtaten.