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Ein Ostseepirat Band 2 – Kapitel 2

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman
Zweiter Band

II. Eine Verständigung

Die Sonne stieg spät, aber glänzend im Osten am anderen Morgen aus der See empor. Ihre Strahlen vergoldete die Segel des Merkur, der unter allen nur möglichen und fast nicht möglichen Lappen hart Nordwest anlag und wie ein Schwan durch die leicht bewegten Wellen glitt.

Auf seinen beiden Topps befanden sich Lug­männer mit Fernrohren bewaffnet, die sie seit dem ersten Morgengrauen schon unablässig nach allen Seiten richteten.

Auf der Schanze schritten Jacobson und Swie­ten umher; beide schweigend, beide ihren Ge­danken nachhängend, die sie jedoch jeden Augenblick unterbrachen, um ebenfalls auf die See hinauszuspä­hen oder die Männer in den Marsen zu beobachten. »Noch immer nichts?«, rief endlich der Kapitän hinauf. »Kein Lappen, Herr!«, lautete die Antwort, »es ist freie See, so weit Auge und Glas reichen!«

»Also glücklich getäuscht!«, meinte Jacobson mit einem Anstrich von Zufriedenheit, »die Narren, welche glauben, der Fuchs kehre direkt zum Bau zurück, sie werden sich wundern, jenseits nichts von dem Vogel. zu entdecken, den sie schon im Netz zu haben glaubten!«

Swieten brummte etwas Unverständliches und warf im Vorbeigehen einen Blick auf die Bruchsole, um hinterher eine neue Schwenkung zu machen.

Jacobson betrachtete ihn lächelnd und fuhr fort: »Dänemark hat sich endlich mit Bestimmtheit für die Neutralität erklärt, und dies war es, was ich seit Langem wünschte. Wir gehen also nach Dänemark, ich will einmal wieder meine Flottille zusammen sehen, und dann drauf, alter Swieten , wie der Adler aus der Höhe, bis zu der niemands Auge reicht; man soll bald inne werden, dass Peter Jacobson noch die alten Zähne hat, obwohl sie seit längerer Zeit nicht gebissen haben!«

Swietens sonst so kaltes Auge leuchtete einen Moment auf, dann jedoch lächelte er und zog seine Schultern langsam in die Höhe. »Wo werden wir die Schiffe treffen?«, fragte er wieder kalt.

»Meiner Meinung nach unter Moens Klink!«, gab der Kapitän zur Antwort. »Dahin habe ich sie bestimmt!«

»So soll die ganze Flotte bei der Feierlichkeit zugegen sein?«, fragte der Steuermann schnell.

»Swieten!«, sagte der Kapitän, sich plötzlich umwendend, im drohenden Ton. Swieten nahm jedoch diesmal die Mahnung, in seinen Schranken zu bleiben, so leicht, dass er sie überhören zu wollen schien, als plötzlich der Schall einer kleinen Glocke durch das Verdeck ertönte.

Der Steuermann lächelte; Jacobson wurde rot, sagte aber nichts, sondern wendete sich schnell ab und sprang die Treppe zur Kajüttür hinunter.

Man ahnt wohl, dass dieses kleine Gemach die schöne Beute barg, welche sich Wardow verschworen hatte, dem Kapitän wieder abzujagen. Er konnte nicht wissen, dass dieselbe dem Entführer freiwillig gefolgt war.

Die Wahrheit zu sagen, war jedoch auch Clara der etwas unüberlegt gefasste Entschluss wieder leid geworden. Die Liebe ist eine Macht, der niemand widersteht, wer sich ihr erst ergeben; sie achtet so wenig die Gesetze der Moral, wie andere Schranken in ge­wissen Augenblicken, um im nächsten schon zu sehen, wie töricht die gefassten Entschlüsse zu nennen und wie wahnsinnig die Ausführung derselben gewesen waren.

Auf Clara hatten alle kurz vorher einander rasch folgenden Ereignisse dahin gewirkt, dass sie nicht vollkommen Herrin ihrer Besinnung geblieben, und dies war ganz natürlich.

Sie suchte in jenem Moment in dem Benehmen des von ihr geliebten Mannes nur die edle Tat, die fortgesetzte Bemühung, dem Mitmenschen zu dienen, welches Bemühen diesmal, statt Dank zu ernten, mit schnödem Undank zurückgewiesen wurde.

Ihre Neigung beherrschte daher ihren Verstand völlig, und sie tat, was ihr vom Standpunkt einer strenger Sitte nicht zu verzeihen war.

Clara gelangte mit den Booten beim Schiff an und Jacobson besaß Takt genug, die junge Dame für heute, sobald für ihre Bequemlichkeit gesorgt worden war, allein zu lassen.

Das erste Bedürfnis der jungen Dame in ihrer neuen Lage war Ruhe, doch Clara sollte dieselben nicht allzu lange genießen. Das Auslaufen des Schiffes oder vielmehr die dazu nötigen Arbeiten weckten die junge Dame aus ihrem leichten Schlummer. Seit dieser Zeit bereits wachte sie, obwohl Kapitän Jacobson das Gegenteil glaubte.

Clara kam nun wegen des von ihr unternomme­nen Schrittes ein Grauen und dann Reue an. Sie fand nicht etwa ein großes Unrecht darin, ihren El­tern und ihrer Schwester gegenüber, wohl aber war sie zweifelhaft, mit welchen Augen sie später der Mann deswegen betrachten werde, an dessen Achtung ihr alles gelegen war. Gern hätte sie denselben wieder bei sich eintreten sehen; gern hätte sie das ihr angedeutete Zeichen mit der Glocke gegeben, wodurch sie ihn her­beirufen konnte. Doch sie fühlte nur zu gut, dass dies vor Tagesanbruch die Schicklichkeit verbiete, und so erwartete sie denn, höchst aufgeregt und von beängsti­genden Gedanken geplagt, den Morgen.

Endlich brach denn auch der so sehnlich erwar­tete Tag an und Clara läutete.

Es ist unnötig, von der Sehnsucht zu reden, mit der Jacobson dies Zeichen erwartete. Mit pochen­dem Herzen folgte er dem Ruf und trat gleich dar­auf in die Kajüte. Clara bedeckte ihr Gesicht mit den Händen; der Kapitän blieb an der Tür stehen.

»Clara!«, begann er endlich leise, und jene wagte es, aufzublicken; ihr Gesicht war mit einer Purpurglut überzogen.

»Kapitän!«, stotterte die junge Dame, » ich bin in Verzweiflung, was werden Sie von mir halten, in welchem Licht muss ich Ihnen erscheinen!«

»Nicht an Ihnen ist es, Clara!«, sagte der Kapitän , sein Haupt senkend, »solche Fragen zu tun. Sie kommen mir zu, mir, der sich unter der Maske eines ehrlichen Mannes in Ihr Haus und in Ihr Herz schlich und der trotz seiner Entlarvung strebte, Sie zu erobern!«

Clara richtete ihr Auge auf den Mann, den sie einen Moment mehr gefürchtet, als geliebt hatte, und der nun so sanft zu ihr sprach.

»Ich habe nicht vergessen!«, antwortete sie leise, »was Sie beim ersten Abschied zu mir gesprochen haben!«

»Dann ist alles gut!«, rief der Kapitän leb­haft vortretend, »dann weiß ich, dass Sie an mich glauben, und ich verdiene einen solchen Glauben!«

»Ich bin davon überzeugt!«, antwortete Clara.

Der Kapitän war inzwischen näher ge­treten, ergriff ihre Hand und führte dieselbe an seine Lippen, während er sein Knie beugte und sich auf den Boden niederließ.

Clara senkte ihren Blick, aber gerade dieserhalb fesselte der des Mannes ihre Augen, und lange schauten beide einander innig an.

»Wir verstehen uns!«, rief plötzlich der Kapitän aufspringend, »ich darf nichts weiter verlangen, aber es genügt mir auch diese stumme Sprache. Es wird die Zeit kommen, hoffe ich, in der ich reden darf. Wie glücklich mich ihr Vertrauen macht, davon will ich ebenfalls für jetzt nicht sprechen. Ich hätte Sie ohnehin nicht von mir gelassen, Clara, bis der drohende Moment vorüber ist. Ich konnte es nicht ertragen, Sie den Schikanen einer Untersuchung ausge­setzt zu wissen, denen sicher die Ihren entgegengehen. Ist alles beendet, werde ich Sie der Fami­lie zurückgeben und den Vater um Ihre Hand bit­ten. Denn alles an unserer späteren Verbindung muss legal sein. Sie soll besonders von der Einwilli­gung Ihrer Eltern abhängen. Bis dahin betrachten Sie mich als den Beschützer Ihrer Freiheit und sich selbst als meinen Gast!« Ein warmer Händedruck antwortete dieser Rede Jacobsons, und völlig beruhigt konnte Clara nun zu dem Mann ihrer Wahl emporblicken, der sich neben sie setzte, um sie näher über seine Stellung im Leben und seinen erwählten Beruf aufzuklären. In Claras Augen konnte Jacobson durch diese Eröffnung nur noch gewinnen.