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Jim Buffalo – Band 2

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Bill Hammer – Teil 3

Otto Ruppius
Bill Hammer
Episode aus dem Bürgerkrieg in Missouri
Aus: Die Gartenlaube Nummer 6 bis 9, 1862

»Hier heraus kommt er nicht unbemerkt, wenn er noch im Wald steckt«, klang es, »habt nur ein scharfes Auge auf die Querstraße, so kann er gar nicht entwischen, ehe wir nicht hier weg sind!« Und Bill sah im Geist die erwähnte Querstraße, die den Wald und die Eisenbahn durchschnitt, seinen weiteren Weg ihm verlegen und erkannte, dass er nichts tun könne, als an irgendeinem verborgenen Platz den Abzug der Sezessionisten zu erwarten. Dann aber war auch jede Hoffnung verloren, dem bedrängten Heimatsorte Hilfe zu schaffen; die Feinde waren allerdings kaum fünfzig Mann stark, aber er kannte die wilde Verwegenheit dieser Menschen, die nichts zu verlieren hatten, und die Zaghaftigkeit seiner eigenen friedfertigen Landsleute.

Behutsam kroch er aus dem Busch hervor und suchte den Baum, von dem ein Zweig ihn bereits verborgen hatte; er fand ihn glücklicherweise nur so dick, dass ein leichtes Emporklimmen ermöglicht wurde, und bald saß er, rings von Blättern dicht umhüllt, auf einem starken Ast. Unwillkürlich trat ihm Fred Minners Bild vor die Augen, der wohl jetzt die Männer in Pleasant-Grove mit der Hoffnung auf die erwartete Verstärkung ermutigte und auf die Schlauheit Bills, der sich gewiss nicht fangen lassen werde, hinwies, und der Bursche hätte vor Erregung und Ungeduld, dass er hier eingeschlossen sitzen musste, in das Holz des Baumes beißen mögen. Dann dachte er an seine Mutter, die sich wohl von Fred Auskunft über seinen Gang hatte geben lassen und mit Sorge ihm in Gedanken jetzt auf seinem Weg folgte. Er hatte nur diese beiden Menschen, die er auf der Welt liebte, und er liebte auch beide mit der ganzen Ungezügeltheit seines Herzens vor allem hätte er seiner Mutter ein besseres Los schaffen mögen, hätte er es auch mit seinem Herzblut tun sollen. Unwillkürlich blickte er zurück zu der Zeit, wo sein Vater noch gelebt hatte und wo alles ein so anderes Aussehen gehabt. Sein Vater war Kaufmann und Postmeister in dem kaum entstandenen Ort gewesen und hatte seine Mutter, die als armes Mädchen mit Verwandten nach Missouri gekommen, mit dem frischen Mut der Jugend geheiratet. Fred Minner, der später als Gehilfe in das Geschäft getreten war, hatte dem Knaben oft erzählt, wie lieb sich die beiden gehabt hatten. Aber der Mann war gestorben, ehe er etwas für seine Hinterbleibenden hatte zurücklegen können, und Bill hatte sich mit seiner Mutter in ein kleines Haus versetzt gesehen, in welchem die verlassene Frau lange Zeit ihre Tage nur mit angestrengter Näherei und Tränen verbracht hatte. Erst als Fred sich ein eigenes Geschäft gegründet, waren durch seine Vermittelung und Hilfe die Verhältnisse etwas leichter geworden, und er hatte auch den Knaben, als dieser kräftig genug geworden, zur Farm des Squire Anderson gebracht, der den anstelligen jungen Menschen wohl zu verwerten gewusst. Und hier war Bill der Mitwisser eines Verhältnisses zwischen der Tochter seines Brotherrn und seines Freundes Minner geworden, welches der Alte nie gern gesehen zu haben schien, dass aber seit Ausbruch der Rebellion und der Ächtung aller Deutschen ihn augenscheinlich zu Freds Todfeind gemacht hatte.

Über den Burschen war, seit er auf dem Ast ein vorläufig sicheres Versteck gefunden, eine Abspannung aller seiner Kräfte gekommen, wie lange er hier gesessen und von seinen gegenwärtigen und vergangenen Verhältnissen geträumt haben mochte, wusste er nicht, er fuhr auf, als er sich von seinem Sitz gleiten fühlte, und nur ein rasches Fassen der nächsten Zweige verhinderte seinen Sturz. Er musste trotz seiner gefährlichen Lage geschlafen haben, und eben überlegte er, ob er nicht hinabsteigen und einen behutsamen Blick über die Eisenbahn werfen solle, als ein Rauschen der Zweige, aus kurzer Entfernung kommend, seine Aufmerksamkeit erregte. Es war so dunkel um ihn geworden, dass nicht einmal mehr ein Lichtschimmer von der Waldöffnung her zu ihm drang, und alle Wahrnehmungskraft in seinem Ohr vereinigend, lauschte er. Bald meinte er halblautes Gemurmel zu vernehmen und deutlich unterschied er endlich gedämpft gegebene Befehle. Jetzt hörte er das Gesträuch an der Böschung der Bahn fortdauernd knacken und prasseln, er konnte sich kaum täuschen, seine Feinde waren im Abzug begriffen, aber die Vorsicht, mit welcher dies geschah, ließ eben so wenig Zweifel übrig, dass sie auf dem Weg zu einem Überfall auf Pleasant-Grove waren. Ein Schauer durchfuhr bei dieser Überzeugung den Knaben, seine Mutter! Seine Mutter! Und in derselben Sekunde wusste er auch, dass er sein halbes Leben daran setzen musste, um vor der Bande in dem Städtchen zu sein und Kunde zu bringen. Angestrengt lauschte er, bis das letzte Geräusch verstummt war. Dann glitt er von dem Baum herab und trat vorsichtig zur Eisenbahn hinaus. Zu sehen vermochte er hier nichts. Der Himmel hatte sich mit dichtem Dunst umzogen und ließ den früher so erhellten Nachthimmel kaum erkennen, und nur durch das Gehör vermochte Bill zu entdecken, in welcher Richtung der abziehende Trupp sich entfernte.

Einige Sekunden stand er, sich ein Bild der ganzen Umgegend vor seinen Geist stellend; er wusste, dass bei Verfolgung der Eisenbahn ein Umweg gemacht wurde, und dass, wenn es ihm nur gelang, den Wald in gerader Richtung zu durchschneiden, er mindestens eine halbe Stunde vor den Abmarschierten das Städtchen erreichen musste. Er entsann sich der Querstraße, die sein Entweichen vereitelt, sie konnte kaum zu einem anderen Ort als der niedergebrannten Mühle führen, und auf ihr hatte die Bande jedenfalls ihren soeben verlassenen Lagerplatz erreicht, er sprang die Böschung hinab und nach kaum hundert Schritten, welche er neben den Schienen hin geeilt, sah er den Seitenweg sich zwischen dem dunklen Wald öffnen. Gern hätte er jetzt, die neue Richtung im vollen Lauf verfolgt, aber die steinige, von Baumwurzeln durchgezogene Straße verlangte in der Dunkelheit volle Vorsicht, wenn nicht ein Sturz ihn vielleicht ganz unfähig zum Weitergehen machen sollte; schon jetzt musste er zu Zeiten seinen Gang anhalten, um den Schmerz, den das öftere Anstoßen an die Hindernisse im Weg ihm verursachte, vorübergehen zu lassen, und er tröstete sich nur damit, dass die Sezessionisten-Truppe, sobald sie ihren Weg durch den Wald zu nehmen hatte, noch schwierigeren Boden zu überwinden haben würde, als er selbst. Eine halbe Stunde mochte er mit möglichster Eile darauf los geschritten sein, und eine matte, sich über den trüben Himmel verbreitende Helle zeigte ihm den Anbruch des Morgens, als er plötzlich anhielt und seinen Körper rückwärts warf; ihm war es soeben gewesen, als habe er seinen nächsten Schritt in eine dunkle Tiefe hinab tun wollen, und er bedurfte einiger Sekunden, um sich von dem schlagartigen Schrecken, der ihn ergriffen hatte, zu erholen. Scharf blickte er vor sich, aber was sein Auge, das den Himmel gemustert, nicht sofort zu unterscheiden vermochte, das ließ ihn sein Ohr ahnen. Tief unten vor seinen Füßen rauschte Wasser, bald entdeckte auch sein angestrengter Blick eine breite, dunkle Schlucht, und seine Hand berührte das obere Ende eines hinab gestürzten Balkens, die Sezessionisten hatten die Brücke abgebrochen, um nach ihrem Angriff auf die Mühle jeder direkten Verfolgung durch die Bewohner der Stadt vorzubeugen. Jetzt wusste auch Bill, warum sie den Umweg, die Eisenbahn hinab, genommen hatten, und einen Augenblick wollte die Verzweiflung ihre Krallen in sein Herz schlagen; der nächste Gedanke schon brachte ihm hellen Trost. Er kannte den Bach, der hier unten floss, er wusste, dass er in geringer Entfernung im Wald einen Fall bildete und dass es dort leicht sein musste, ihn zu überschreiten. Und mit dem Gedanken fühlte er auch seine volle Kraft wiederkehren; vorsichtig trat er von der Straße zwischen die Bäume hinein, dem Geräusch des Wassers folgend und sich bald mit den Händen an dem Gebüsch weiter fühlend, bald mit dem Fuß die Nähe der Schlucht erkundend. Es war ein langsames, mühseliges Vorwärtskommen, und Bill meinte oft in der aufsteigenden Angst und Ungeduld vergehen zu müssen; lange währte es, bis das Geräusch des kleinen Wasserfalles zu seinen Ohren drang, und als er diesen endlich erreicht und oberhalb desselben das dämmernde Licht des anbrechenden Morgens sich in dem ruhigen Wasser widerspiegeln sah, erkannte er erst, welchen Sprung es erforderte, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, ohne in den kleinen Strom, dessen Tiefe ihm fremd war, zu geraten. Zu langem Besinnen hatte er keine Zeit; er nahm auf jede Gefahr hin seinen Ansatz, spannte seine Muskeln zu voller Schnellkraft an, und wenn er auch an dem schlüpfrigen jenseitigen Boden ausglitt und in die Dunkelheit des Gesträuches stürzte, dass dieses wie mit Messern in sein Gesicht einschnitt, so war er doch trocken auf dem ersehnten Land angelangt und eilte, kaum wieder recht zu sich selbst gekommen, durch Zweige und Gestrüpp sich arbeitend, zu der Straße zurück. Und jetzt schien er unempfindlich gegen alle Unebenheiten des Wegs geworden zu sein. Er wusste, welche kostbare, unersetzliche Zeit er verloren hatte. Schon sandte der umwölkte Himmel die volle Morgenhelle hernieder, und in raschem Trab eilte er vorwärts. In der Entfernung sah er bereits den Wald sich lichten, dort ging es zur Mühle hinab, und von da aus hatte er nur noch ein schmales Gehölz zu passieren, um in Pleasant-Grove zu sein. Mehr und mehr begannen die Bäume von der Straße zurückzutreten, und der Knabe erwartete jeden Augenblick die Brandruinen der Mühle vor sich auftauchen zu sehen, als plötzlich, wie ein scharfes Prasseln, der Klang einer Anzahl von Schüssen an sein Ohr schlug, und kaum war er, wie von Schrecken an die Erde gebannt, stehen geblieben, als eine volle Salve dem ersten Gewehrfeuer folgte.

»Sie sind da, sie sind da!«, schrie Bill wie in Verzweiflung auf, seine Knie drohten sichtlich unter ihm zu brechen; in der nächsten Minute flog er wie ein gescheuchtes Reh dem Ausgang des Waldes zu. Dort aber hielt er von neuem an, und seine Augen blickten, wie im Entsetzen weit aufgerissen in die Ferne. Links lag ein Haufen halb verkohlter, noch glimmender Balken, die frühere Mühle bezeichnend; rechts lief, eine leichte buschige Anhöhe hinab, der Weg zur Stadt, und dort wälzten sich soeben schwarze schwere Rauchwolken empor, den Beginn einer Feuersbrunst anzeigend.

»O du Gott im Himmel!« presste es sich aus der Brust des Knaben, »und meine Mutter!«

Da zuckten die ersten spitzen Flammen durch den Qualm, und, als hätten sie nur anderen Bahn brechen wollen, hoben sich an drei verschiedenen Orten gewaltige Feuersäulen ihnen nach; zugleich begann das Schießen von neuem, bald wie Gliederfeuer, bald in rascher Aufeinanderfolge einzelner Schüsse; Schreien und Rufen klangen vom Wind halb verweht herüber, und mit einem Aufschrei der Todesangst stürzte der Knabe die zur Stadt hinab führende Straße vorwärts.

Aus den Büschen vor ihm trat schweißtriefend ein Mann in der gewöhnlichen Tracht der kleinen Farmer, der beim Anblick des wie sinnlos heraneilenden Knaben seinen Schritt anhielt.

»Halt, Bill!«, rief er, als jener, ohne nur von ihm Notiz zu nehmen, an ihm vorbei schießen wollte, und fasste kräftig des Burschen Arm, »hier läufst du der Bande gerade in die Hände!«

»Lasst mich, lasst mich!«, erwiderte Bill angstvoll, als habe er die Worte kaum gehört, und versuchte sich eilig loszuwinden, »die untere Stadt brennt und meiner Mutter Haus mit!«

»Aber Du kannst nichts helfen, Junge, und wirst nur totgeschlagen«, gab der Mann zurück, »was sich hat retten können, ist in die obere Stadt geflüchtet, die scharf verteidigt wird, und nun schießt die Mordbrennerbande nieder, was sich nur ihren Augen zeigt. Geh zurück oder komm mit mir, bis der Weg wieder frei wird!«

In des Knaben Gesicht begann sich ein Kampf zwischen Vernunft und Herzensangst zu spiegeln, bis er endlich wortlos und mit einem Ausdruck unendlichen Jammers in das aufgehende Feuer hineinstarrte. Da klangen Schüsse in größerer Nähe als bisher, und von Neuem fasste der Mann Bills Arm. »Wir sind hier nicht sicher«, rief jener, den Burschen zu einem schmalen, abseits führenden Pfad ziehend; »warte wenigstens bei mir ab, wie die Sachen ausgehen, und dann tue, was du willst!« Und wie von aller Kraft verlassen, ließ sich Bill widerstandslos durch das Gesträuch führen, wo nach kurzem Gang ein rohes Blockhaus sich vor ihnen zeigte und das angstvolle Gesicht einer jungen Frau ihnen entgegen blickte. Bill hörte nichts von dem Wortaustausch der beiden; kaum hatte er den inneren Raum des Hauses betreten, als er wie gebrochen in einen Stuhl fiel und in ein krampfhaftes Weinen ausbrach; und je mehr der Mann Versuche machte, den Knaben durch Zureden zu beruhigen, je lauter schluchzte er, je stärker strömten seine Tränen, die Natur schien nach den übermäßigen Anspannungen der Nacht mit Gewalt ihr Recht zu fordern. Endlich rückte er zum Fenster, ließ den Kopf auf beiden untergestützten Ellbogen ruhen und horchte gespannt den sich bald nähernden, bald entfernenden Schüssen, nach kurzer Zeit vermochte er der wie Blei sich über ihn legenden Müdigkeit nicht mehr zu widerstehen und war eingeschlafen, ohne dass er es nur wusste. Sein letzter Gedanke, der wie ein Gespenst vor ihm stand, war, was aus seiner Mutter werden solle, wenn das Städtchen dem wilden Feind zur Beute würde, und Fred Minner, selbst wenn er mit dem Leben davon käme, so arm würde, dass er mit sich allein schon übergenug zu tun haben werde.

Als er sich nach geraumer Zeit wieder aufgerüttelt fühlte, zog der Geruch von gebratenem Fleisch dem Knaben in die Nase und weckte, trotzdem der erste Blick auf seine Umgebung ihm die letzte Vergangenheit klar vor die Seele rief, den Appetit der Jugend in voller Schärfe in ihm.

»Es ist Mittag, Bill, und du hast noch kein Frühstück im Leib«, sagte der Farmer gutmütig, »iss mit uns und dann tue, was du willst; der Regen scheint den Mordbrennern das Pulver nass gemacht zu haben, und ich denke, Du hast jetzt freien Weg.«

Bills Auge flog unwillkürlich durch das Fenster ins Freie, wo der Wind die Bäume bog, während die noch triefenden Scheiben einen kaum beendigten Regenguss andeuteten. Dann horchte er auf, aber das Schießen war verstummt, und nur das Sausen des Windes drang zu seinen Ohren. »Ich esse etwas, damit ich wieder Kraft bekomme«, sagte er, dem Mann nach dem mit derber Kost besetzten Tisch folgend, wo bereits die Frau ihrer harrte, »ich werde sie vielleicht heute noch brauchen!« Und damit begann er schweigend und eifrig zuzulangen. Kaum mochte er aber seinen Hunger gestillt haben, als er sich wieder erhob und seinem Wirt die Hand reichte. Er fragte nach nichts, als scheue er sich vor jeder neuen Mitteilung, er nickte den Farmerleuten dankend zu und schritt dann hastig ins Freie hinaus, durch die nassen Büsche den Rückweg nach der Straße suchend.

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