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Hanns Heiling … – Teil 3

Friedrich Wilhelm Bruckbräu
Hanns Heiling, vierter und letzter Regent der Erd-, Luft-, Wasser- und Feuergeister und sein Kampf mit den Teufeln der Hölle
Eine höchst merkwürdige, abenteuerliche und wundervolle Ritter-, Räuber-, Geister- und Teufelsgeschichte
Verlag der J. Lutzenberger’schen Buchhandlung, Altötting, 1860

Wo ist Martha?

Am anderen Morgen ging Kurt sogleich zum Herrn Pfarrer und zeigte ihm an, dass Martha noch nicht heimgekommen sei. Der Pfarrer meinte, sie könne wohl in der Herzensfreude über ihre Erbschaft Verwandte in der Nachbarschaft besucht haben und ihre Heimkehr alle Tage bevorstehen. Da aber diese selbst in acht Tagen noch nicht erfolgte, schickte der Pfarrer einen reitenden Boten ins Kloster, um nachzufragen. Dort hieß es, dass sie bei den Bauers­eheleuten nach Empfang der Erbschaft übernachtet, bei ihnen am anderen Tag noch Mittag gemacht und dann sich mit der Bemerkung auf den Weg begeben habe, dass sie eilen müsste, um noch zur guten Zeit durch den gefährlichen Wald heimzukommen.

Nun wurde eine allgemeine Streife durch den endlosen Wald angeordnet, an welcher auch Kurt teilnahm, der sich aber wohl hütete, zu sagen, dass er selbst Martha auf dem Heimweg gesehen habe, um bei dem bekannten Unfrieden zwischen ihr und ihm keinen Verdacht zu erregen.

Das Suchen den ganzen Tag hindurch war vergebens; man fand kein Kleidungsstück von ihr, auch keine Blutspur, die zur Vermutung hätte berechtigen können, dass sie vielleicht ermordet in irgendeinen Felsenabgrund geworfen oder von einem Bären in seine Höhle geschleppt und dort von ihm gefressen worden sei.

Martha schien tatsächlich verschwunden zu sein, wie Kurt zu seiner Frau gesagt hatte, aber beide waren doch recht froh, keinen Mord begangen zu haben. Als Martha vom Kloster aus den Heimweg antrat, in ihrem Handkorb ein Stück geräuchertes Fleisch, Brot und einen Krug Wein tragend, ein Geschenk der Baumannseheleute, machte sie allerlei Pläne für die Zukunft und sagte laut: »Jetzt bin ich so reich, dass ich unser ganzes Dorf kaufen könnte und unter den schönsten Bauerburschen nur so die Wahl hätte zum Heiraten. Das will ich auch tun, ja, ja, das tu ich auch. Zuvor will ich einen ganzen Bauernhof herrichten und ein schönes Haus mir bauen lassen. Ich will auch recht hoffärtig werden und mir Kleider kaufen, schöner und kostbarer als irgendeine Rittersfrau. Den Kurt und auch die Sabine schau ich gar nicht mehr an, aber den Austrag müssen sie mir doch fortbezahlen und nur von diesem Geld gebe ich solchen Armen bisweilen ein Almosen, die mich kniefällig darum bitten. In der Kirche muss ich einen eigenen Betstuhl haben; ich mag nicht mehr unter dem gemeinen Bauerng’sik sitzen. Mit meinem vielen Geld kann ich auch eine Rittersfrau werden! Warum denn nicht? Will’s noch überlegen!«

Mit diesen hochmütigen und herzlosen Gedanken und lauten Worten beschäftigt, übersah Martha den Weg und bog links in einen Seitenweg in dem Augenblick ein, da Kurt sie nicht mehr sah. Sie wanderte getrost fort, bis die einbrechende Dunkelheit sie wieder zur Besinnung brachte; dann merkte sie zu spät, dass sie sich verirrt habe, ohne Aussicht, in dieser Nacht noch den rechten Heimweg zu finden.

Aus Furcht vor Bären und Wölfen wagte sie es nicht, unter einem Baum zu übernachten und dort den Anbruch der Morgendämmerung zu erwarten. Sie bat daher in ihrer Angst zu ihrem Schutzengel um seinen Beistand und ging hastigen Schrittes fort und fort, bis ihr endlich aus der Ferne ein schwaches Licht entgegenschimmerte, wohin sie ihre Schritte lenkte.

Innerhalb der offenen Tür der Klause saß ein ehrwürdiger Eremit mit langem schneeweißen Bart und las in einem großen, auf seine Knie aufgeschlagenen Buch bei dem kleinen Licht einer aus Ton geformten Lampe.

»Ehrwürdiger Vater«, begann sie, »ich bitte Euch um Herberge für diese Nacht, da ich, eine arme Austräglerin aus dem Dorf da drüben, auf dem Heimweg vom Kloster mich verirrt habe.«

»Die Herberge sei dir gewährt, meine Tochter. Dort in der Ecke rechts ist ein Mooslager für ver­irrte Wanderer; dort kannst du schlafen. Vergiss aber nicht in deinem Nachtgebet Gott zu bitten, dass er dir alle bösen Gedanken und alle Sünden verzeihen möge: Es steht geschrieben: Wachet und betet, denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde!«

Martha fühlte sich von diesen Worten sehr erschüttert, da sie wie eine Mahnung an ihren nahen Tod klangen. Sie bot dem Eremiten von ihren Lebensmitteln an. Er äußerte jedoch dankend, dass er sein kärgliches Nachtmahl schon gehalten habe. Auf einer Bank neben ihrem Mooslager sitzend, aß und trank sie, dann wünschte sie dem Eremiten Gute Nacht und bat ihn um seinen Segen, den er ihr auch gab.

»Schlafe ruhig«, sagte er, »ich werde in jener Nebenhöhle ruhen, wenn ich die Tür der Einsiedelei geschlossen habe. Habe keine Furcht! Nach deinem stärkenden Schlaf wirst du wie neugeboren erwachen!«

Er las wieder in seinem Buch weiter . Martha legte sich auf ihr Mooslager, nachdem sie das Päc­kchen Gold in ihrem Brustlatz betastet hatte, um sich zu überzeugen, dass sie es noch besitze, und sank bald in einen tiefen Schlaf.