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Andreas Brandhorst – Sleepless

Andreas Brandhorst
Sleepless
Thriller, Krimi, Paperback, Klappenbroschur, Piper Verlag, München, Juli 2021, 720 Seiten, 17,00 EUR, ISBN: 9783492062305

Hand auf‘s Herz: Ein jeder wäre bisweilen froh, besäße der Tag mehr als die üblichen 24 Stunden. Ein legitimer, wenngleich frommer Wunsch in dieser immer hektischeren Zeit; bedingt durch persönliche wie gesellschaftliche Fesseln und Verpflichtungen. Höher, schneller, weiter. Im Beruf, beim Konsum, im Privatleben. Nicht selten reduziert man die notwendigen Schlafphasen oder überlistet sie sogleich vollständig für maximale Leistung,  maximale Unterhaltung oder direkt beides in einem. Umgekehrt entzieht man somit dem eigenen Körper nicht nur ein Anrecht – über kurz oder lang zahlt man einen entsprechend hohen  Preis. Unter anderem mit Wahrnehmungsstörungen, Apathie und Depressionen. Lappalien? Mitnichten. Laut dem 2017 veröffentlichten Gesundheitsreport einer deutschen Krankenkasse nahmen die Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren innerhalb eines Zeitraums von sieben Jahren um 66 Prozent zu, demzufolge auch die Verdoppelung, was das Einnehmen von Schlafmitteln anbelangt.

Man möge sich nun ein paar findige Geschäftsmänner wie -frauen vorstellen, die an letztem Punkt die Stellschrauben ansetzen würden: Wozu Mittel für den Schlaf? Warum keine Mittel gegen den Schlaf?

Diese aktuelle sowie hochspannende Frage ist die Ausgangslage von Andreas Brandhorsts aktuellem Thriller Sleepless. Es mag – berechtigterweise – ein leichter Science Fiction-Beigeschmack einhergehen, doch betrachtet man allein den Markt respektive den Pro-Kopf-Konsum von Energy Drinks hierzulande … Ist da ein Medikament, welches ein nahezu vollkommen schlaffreies Leben ermöglicht, wirklich so weit hergeholt? Und was macht es aus jenen, die dieses neuartige Wundermittel vertreiben; was macht dies aus uns allen, unserer Welt?

Der gebürtige Sielhorster Brandhorst platziert einen Großteil von Sleepless in und um Hamburg; vertrautes Terrain mitsamt lokaler Eigenheiten und Umstände. Was man spürt und was dem Roman eine ureigene Note verleiht; gewichtig nicht nur bei diesem, sondern nahezu bei allen Thrillern: die Ortskenntnis. Ebendort, in der Speicherstadt, hat das Start Up-Unternehmen Harmony ihren Firmensitz, geleitet von Noah Gunnason und Carolin Alberts, deren Partnerschaft sich nicht nur auf das Geschäftliche beschränkt. Ist Gunnason mitunter etwas zögerlich, überwacht dessen Partnerin die geschäftlichen Belange mit Argusaugen; bereit, Harmony notfalls bis aufs Blut zu verteidigen. Verständlich, wenn man über Nacht zu einem der angesagtesten Konzerne aufstieg und der hauseigenen Smart Drug geradezu mirakulöse Wirkungen auf womöglich globaler Ebene prophezeit werden, die die Welt nicht nur sprichwörtlich aus den Angeln heben könnten. Größentechnisch ist Harmony allerdings noch ein kleiner Fisch, der mit Leichtigkeit von einem der ganz großen Business-Haie verputzt werden kann – wenn er nicht Acht gibt oder den Fressen-und-Gefressen-Regeln des modernen Kapitalismus entzieht. Wobei die Gefahren nicht nur dort lauern. Kaum vorstellbar, wenn die noch Ausstehende Marktzulassung für Sleepless scheitern würde, unabhängig ob der Tatsache, dass es bereits vereinzelt konsumiert wird.

Als wären die Sorgen für Alberts und Gunnason nicht ausreichend, gesellt sich mit dem  beharrlichen, auf Gerechtigkeit determinierten Kommissar der Hamburger Mordkommission Alexander Rieker ein zusätzlicher potenzieller Stolperstein hinzu; respektive die mysteriösen Todesumstände eines jungen Mannes, der auf den ersten Blick Suizid beging. Wären da nicht  merkwürdige Umstände und eine Verbindung zu Harmony. Besteht die Möglichkeit, dass die Einnahme von Sleepless etwa ungeahnte Nebenwirkungen hervorrufen könnte?

Noch ahnt Rieker nicht, das er den Groll ziemlich mächtiger Menschen auf sich ziehen wird. Mächtiger Menschen, die unter anderem noch mit ihm eine Rechnung offen haben …

Ursprünglich eine E-Book-/Hörbuch-Reihe, kompaktierte der Autor die sieben Teile, ferner ergänzt  durch neues Material. Mit etwas über 700 Seiten darf man von Sleepless durchaus von einem Wälzer sprechen, gleichwohl unterstreicht die Dimension des Buches dessen Ambition. Etwas anderes käme bei Andreas Brandhost auch einer Überraschung gleich. Das Brandhorst längst in einer eigenen Liga spielt und dessen Werke mühelos mit den internationalen Maßstäben mithalten können, ist längst kein Geheimnis mehr. Wen wundert es also, dass Sleepless bisweilen Erinnerungen an die besten Werke eines Michael Crichton hervorruft, auch dank der überwiegend kurz gehaltenen Kapitel, die zusätzlich die Handlung vorantreiben. Trotz allem bleibt Platz für zum Beispiel notwendige Erläuterungen, ohne ausufernd oder geschwätzig zu wirken. Sleepless ist ein Roman mit Sogwirkung und somit ist da der Titel Programm. Was Brandhorsts Roman indessen vollends abrundet, sind zum einen die prächtig ausgearbeiteten Schlüsselfiguren, sei es die nach Erfolg und Macht strebende Carolin Alberts, der nicht aufgebende Schnüffler Riekers einschließlich Helferin/Partnerin Black Lily – eine gleichermaßen gewiefte wie gerissene Hackerin oder den Profikiller Konstantin, aufgrund einer Kette unglücklicher Ereignisse mittendrin im Strudel gravierender Umwälzungen. Er ist es auch, der die Geschichte nach draußen trägt, unter anderen nach Sizilien sowie Frankreich und somit die internationale Verstrickungen und Ränkespielchen offenlegt, die mit dem Aufstieg von Sleepless in Verbindung stehen. Denn einzig auf die revolutionäre Smart Drug fokussieren, das ist für Brandhost viel zu simpel. Vielmehr zeigt er das Schneeballsystem auf, das eine Erfindung Marke Sleepless  auslöst. Was gar nicht so weit weg von Hier und Jetzt ist.  Mag der Grundgedanke des Romans futuristischer Natur sein, das Drumherum ist erschreckend real und hallt noch lange nach Beendigung des Buches nach, einem geradezu mustergültigen Thriller und Jahreshighlight nicht nur im Thrillerbereich.

(ts)

2 Antworten auf Andreas Brandhorst – Sleepless