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Deutsche Märchen und Sagen 121

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

160. Zaubereier

Zu Oultre wohnte vor Zeiten einmal ein Mann mit seiner Magd in einem großen Haus. Es trug sich aber zu, dass der Mann eines Morgens auf dem Kamin ein paar schöne große Eier fand, von denen weder er noch die Magd wusste, wie sie dahin gekommen waren. Sie aßen dieselben ohne Argwohn auf. Bald danach fanden sie abermals Eier da liegen und der Mann sprach: »Wir haben sicherlich einen Hausgeist, der uns die Eier bringt, aber lass ihn nur machen. Die Eier sollen mir schmecken.« Er aß dieselben auch wieder auf und das geschah noch ein paar Mal hintereinander.

Es dauerte aber nicht lange und der Mann wurde so voll Ungeziefer, dass er nicht mehr gehen, noch sich bewegen konnte, ohne dass es ihm zu Hunderten vom Leibe fiel. Er brauchte alle möglichen Mittel dagegen, aber nichts wollte helfen. Da ging endlich die Magd zu dem Dekan nach Geeraertsberge und fragte den um Rat.

Da sprach der Dekan: »Mein Kind, da kann wohl Rat geschafft werden, aber es hält schwer. Bist du bang?«

»Nein«, antwortete die Magd, » um meinen Herrn zu erlösen, will ich gern alles wagen.«

»Gut«, sprach der Dekan, »dann gehe diese Nacht um zwölf Uhr aus dem Haus und komm gradenwegs hierher in die Kirche, aber lass dich durch nichts von dem Weg abbringen; es mag dir vorkommen, was will.«

Das gelobte die Magd zu tun. Als es zwölf Uhr schlug, da ging sie aus dem Haus und auf Geeraertsberge zu. Sie war aber noch nicht weit von Oultre, als ihr ein großes Heer Soldaten entgegenzog. Da das die Straße in ihrer ganzen Breite einnahm, so sprang sie auf die Seite und ließ es vorüberziehen, ging dann unangefochten weiter nach Geeraertsberge.

Wie sie aber zum Dekan kam, da sprach der: »Mein Kind, ich kann dir nicht helfen, du hast deinen Weg nicht gut gemacht. Du hättest durch die Soldaten durchgehen müssen, darum komm morgen wieder und mach es besser.«

Da ging das Mädchen betrübt nach Oultre zurück und machte sich in der folgenden Nacht noch einmal auf den Weg. Bald sah sie die Soldaten wieder kommen, aber sie blieb mitten auf der Straße und ging grade auf sie los. Die Soldaten wehten wie ein Wind an ihr vorbei. Als sie ein wenig weiter gegangen war, kam eine große Herde wilder Tiere von allen Sorten auf sie losgerannt, aber sie hielt sich standhaft und auch die wilden Tiere flogen an ihr vorbei. Nun schien sie Ruhe zu haben und setzte ihren Weg fort bis an das Tor von Geeraertsberge. Da fuhr urplötzlich eine Kutsche, mit zwei schnaubenden Pferden bespannt, ihr entgegen, aber sie blieb auf der Straße stehen und die Kutsche sauste über ihr Haupt hin. Als sie nun in die Kirche kam, da stand der Dekan bereit und begann eine Beschwörung. Da sah sie, dass es ihre alte Nachbarsfrau war, welche ihrem Herrn das mit dem Ungeziefer angetan hatte.

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