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Die Sternkammer – Band 3 – Kapitel 18

William Harrison Ainsworth
Die Sternkammer – Band 3
Ein historischer Roman
Christian Ernst Kollmann Verlag, Leipzig, 1854

Achtzehntes Kapitel

Wie die Lehrlinge sich der Sache des Sir Jocelyn annahmen.

Fast bis zum Wahnsinn gebracht durch das unerträgliche Unrecht, welches ihm widerfuhr, verließ unser junger Ritter Whitehall, um, wie er in dem Augenblick dachte, nie wieder in den Palast einzutreten. Doch fühlte er sich durch seine Ungnade nicht gedemütigt, weil er wusste, dass dieselbe gänzlich unverdient war.

Seine Feinde hatten über ihn triumphiert, aber er würde die Niederlage nicht beachtet haben, wenn er den seinem Ruf zugefügten Makel hätte entfernen und die von Gondomar gegen ihn vorgebrachte falsche Anklage hätte widerlegen können.

Mit einem von Wut und Bitterkeit erfüllten Herzen, während tausend wilde Pläne durch sein Gehirn dahinzogen, nahm Sir Jocelyn ein Boot an der Treppe von Whitehall und befahl den Matrosen, den Fluss hinunterzurudern, ohne einem besonderen Landungsplatz anzugeben. Nach einer Weile gelang es ihm, in gewissem Grade seine zornigen Gemütsbewegungen zu beherrschen. Als die Bootsleute sich einen Augenblick auf ihre Ruder lehnten, um nach seiner Bestimmung zu fragen, sah er sich um und bemerkte, dass er den Drei Kranichen gerade gegenüber sei und ließ sich ans Ufer setzen.

Kein besserer Zufluchtsort, wo er seine Fassung wieder erlangen könne, schien sich darzubieten, als das vortreffliche Gasthaus der Madame Bonaventure. Dorthin begab er sich und wurde auf seine Bitte in ein Privatzimmer geführt, von wo er den Fluss übersah. Kaum war er dort angekommen, als die schöne Wirtin, die ihn die Treppe hatte hinaufsteigen sehen, eintrat und ihn in ihren schmeichelhaftesten Tönen und mit ihrem bezauberndsten Lächeln um seine Befehle bat und erklärte, alles, was ihr Haus vermöge, stehe zu seinen Diensten.

So fuhr sie fort, zu reden, als sie aber bemerkte, dass der junge Ritter sehr niedergeschlagen sei, veränderte sie augenblicklich ihren Ton und sprach so viel Teilnahme für ihn aus, dass er nicht umhin konnte, sehr gerührt davon zu werden. Ohne sie völlig zu seiner Vertrauten zu machen, sagte ihr Sir Jocelyn genug von dem, was sich zugetragen hatte, um ihr seine Lage begreiflich zu machen. Sie war sehr unwillig über die ihm widerfahrene Behandlung. Sie tat ihr Möglichstes, ihn zu trösten, und es gelang ihr so weit, dass sie ihn bewog, von den Leckerbissen zu sich zu nehmen, die Cyprien ihm nebst einer Flasche von dem besten Wein aus ihrem Keller vorsetzen musste. Diese guten Dinge, vereint mit der Teilnahme der Wirtin, wirkten gewiss als ein Balsam auf seine verwundeten Gefühle.

Als die Mahlzeit vorüber war, hielt die gutmütige Wirtin es für das Beste, ihn allein zu lassen. Seinen Stuhl zu dem offenen Fenster hinziehend, begann er über die seltsamen Ereignisse nachzudenken, die ihm begegnet waren, seitdem er zuerst jene schöne Aussicht fast von demselben Punkt aus gesehen hatte. Er gab sich diesem Rückblick hin, als sein Name, von bekannten Tönen ausgesprochen, sein Ohr erreichte, und hinausblickend, bemerkte er Dick Taverner, der auf einer Bank vor dem Haus saß und in Gesellschaft von einem halben Dutzend anderer Lehrlinge trank.

Die Unterhaltung dieser lärmenden Burschen wurde in so lautem Ton geführt, dass sie nicht umhin konnte, sein Ohr zu erreichen. Er vernahm bald, dass seine Entlassung vom Hof der Gegenstand ihrer Unterredung sei, und dass sie dieselbe – ohne Zweifel infolge der von ihrer Wirtin erhaltenen Nachricht – der Mitwirkung Gondomars zuschrieben. Es war offenbar Dick Taverners Absicht, den Unwillen seiner Kameraden zu erregen, und es machte ihm wenig Schwierigkeit, seinen Zweck zu erreichen, da alle aus sehr entzündbarem Stoff bestanden und geneigt waren, bei der geringsten Annäherung der Lunte Feuer zu fangen. Dick erklärte den ränkevollen und ungetreuen Spanier für einen Verräter am König und für einen Feind des protestantischen Glaubens und riet, Rache an ihm zu nehmen.

Sir Jocelyn bemerkte, dass Dicks Vorschläge von seinen Kameraden lebhaft angenommen wurden und dass die Anzahl seiner Zuhörer sich jeden Augenblick vermehre, während alle von dem, was der Redner sagte, aufgeregt wurden. Da er fürchtete, es möchte Unheil daraus entstehen, so hielt er es für recht, einzuschreiten. Er lehnte sich daher aus dem Fenster und gab sich der unten befindlichen Gruppe zu erkennen.

Als sie ihn sahen und erfuhren, wer er sei, begannen die Lehrlinge heftig zu rufen und sich gegen den spanischen Gesandten zu erklären. Von Dick Taverner angespornt, welcher sich weigerte, auf die Bitten oder Befehle des jungen Ritters zu horchen, ergriffen alle ihre Stöcke, zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen und riefen: »Knittel! Knittel!«

Es war jetzt ebenso vergebens, sie aufzuhalten, als hätte man den Fortschritt einer Feuersbrunst hemmen wollen, und Sir Jocelyn beklagte den Schaden, den diese unverständigen Freunde notwendigerweise seiner Sache zufügen mussten, als Dick Taverner ins Zimmer stürzte, seinen Knittel mit frohlockendem Blick schwang und rief: »Wir haben alles von Madame Bonaventure gehört. Wir wissen um Gondomars Treulosigkeit und die Ungerechtigkeit Seiner Majestät. Wir wollen Euch

Recht verschaffen. Die kühnen Londoner Lehrlinge haben sich für Eure Sache erklärt und wollen Euch rächen. Sie wollen den verräterischen Spanier hängen und sein Haus niederbrennen!«

»Hört, mein guter Freund Dick«, sagte Sir Jocelyn, »dies darf nicht geschehen. Wenn ich auch ungerecht behandelt worden bin und es schwierig finden möchte, Genugtuung zu erhalten, so folgt daraus noch nicht, dass Ihr und Eure Kameraden das Gesetz verletzen dürft. Dieses stürmische Verfahren wird meiner Sache eher nachteilig als günstig sein; und wenn Ihr irgendeine Rücksicht für mich habt, so werdet Ihr Euren Einfluss bei Euren Kameraden anwenden, um sie zurückzuhalten, ehe Unheil angerichtet wird.«

»Unmöglich!«, rief Dick. »Die Sache ist zu weit gegangen, um jetzt gehemmt zu werden. Ihr könnt ebenso gut versuchen, einen durchbrochenen Mühlendamm wieder aufzurichten, als die halsstarrigen Londoner Lehrlinge zurückzurufen, wenn sie ihre Knittel zur Hand genommen haben. Die Sache muss durchgeführt werden. Dies ist nicht die einzige Klage, die wir gegen Gondomar haben. Wir hassen ihn wegen seiner Frechheit und Anmaßung, die er oft gegen uns gezeigt hat. Wir hassen ihn, weil er der geschworene Feind unserer Religion ist und sie umstürzen möchte, wenn er könnte. Was mich betrifft, ich habe meine eigenen besonderen Gründe, ihn zu hassen. Mischt Ihr Euch nicht in die Sache, sondern überlasst uns die Ausführung.«

»Aber ich muss mich einmischen«, rief Sir Jocelyn, »wenn Ihr ungeachtet aller meiner Vorstellungen so handelt. Ich muss Euch eher als Feinde, denn als Freunde ansehen und werde Beistand leisten, um die Störung zu unterdrücken, die Ihr verursachen wollt. Lasst Euch von mir leiten, guter Dickon, und steht davon ab. Ruft Eure Kameraden zurück, die wie losgelassene wilde Hunde umhertoben.«

»Wenn es Hunde sind«, versetzte Dick lachend, »so wird der spanische Gesandte wahrscheinlich mit ihren Zähnen bekannt werden. Aber ich könnte laut pfeifen, ehe diese mächtigen Hunde zu mir zurückkommen würden, und in Wahrheit, Sir Jocelyn, bin ich nicht geneigt, in diesem Fall Euren Befehlen zu gehorchen.«

So redend und fürchtend, dass er gänzlich zurück gehalten werde, wenn er noch länger warte, eilte er aus dem Zimmer und gleich darauf hörte man ihn mit den lautesten seiner lärmenden Kameraden auf dem Kai rufen: »Keine Katholiken! Keine spanischen Spione! Knittel! Knittel!«

Sir Jocelyn sah, dass ein Sturm erregt sei, den man nur mit Schwierigkeit unterdrücken könne; aber es musste eine Anstrengung gemacht werden, auch wenn er genötigt sein sollte, gegen seine Freunde zu handeln. Er war im Begriff, dem Lehrling auf die Straße zu folgen, als er daran durch den plötzlichen Eintritt eines maskierten und in einen schwarzen Mantel gehüllten Mannes verhindert wurde, den er sogleich als denselben erkannte, der ihm das Zeichen für Gondomar gegeben hatte.

»Es ist mir lieb, Euch gefunden zu haben«, sagte dieser geheimnisvolle Mann. »Ich habe mich nach Euch umgesehen, um Euch eine Warnung zu erteilen. Vermeidet jeden Ort, den Ihr sonst zu besuchen pflegtet, und vor allen Dingen kommt nicht in die Nähe von Avelines Wohnung! Die Offizianten der Sternkammer lauern Euch auf, und wenn sie Euch finden, ist Eure Verhaftung gewiss.«

»Ich kann mich wenig auf das verlassen, was Ihr mir sagt, mein Herr«, versetzte Sir Jocelyn, »nach dem Streich, den Ihr mir gespielt habt, indem Ihr mich veranlasst, jenen Ring dem Grafen von Gondomar zu überliefern. Nichts, was Ihr sagen könnt, soll mich hindern, auszugehen, wie ich es gewohnt bin; und es ist meine Absicht, bald zu der Wohnung zu gehen, welche zu vermeiden Ihr mir besonders angeraten habt.«

»Ihr werdet Eure Unbesonnenheit bereuen, junger Herr«, sagte der andere, »aber ich bitte Euch, nicht eher hinauszugehen, bis Ihr gewisse Mittheilungen gehört habt, die ich Euch zu machen habe und die, wie ich fest überzeugt bin, Euch bewegen werden, Eure Meinung von mir zu ändern.«

»Ich kann den Angaben eines gedungenen Spions keinen Glauben schenken, der für den Feind seines Vaterlandes handelt«, versetzte Sir Jocelyn verächtlich.

»Lasst mich vorüber, Herr. »Euer Patron Gondomar ist in Gefahr, von diesen heißköpfigen Lehrlingen, und wenn Ihr ihm für vergangene Gunst Dank schuldig seid, so könnt Ihr jetzt Gelegenheit finden, sie an den Tag zu legen.«

»Was! Seid Ihr im Begriff, für Euren Feind und gegen Eure Freunde Partei zu nehmen? Diese Lehrlinge sind im Begriff, Euer Unrecht zu rächen – freilich auf ungesetzliche Weise – aber die Umstände rechtfertigen ihre Handlungen.«

»Keine Umstände können je Gewalttätigkeit und Verletzung des Gesetzes rechtfertigen«, sagte Sir Jocelyn, »und wenn man gegen Gondomar Gewalttätigkeiten unternimmt, muss ich ihn verteidigen.

»Dies ist Wahnsinn!«, rief der andere. »Bleibt und hört, was ich Euch zu sagen habe. Es ist von großer Wichtigkeit für Euch, es zu wissen.«

»Nicht jetzt«, versetzte Sir Jocelyn, sich an ihm vorüberdrängend, »bei einer anderen Gelegenheit.«

»Ihr werft Leben und Freiheit von Euch, Sir Jocelyn, und zwar ohne allen Zweck«, rief der andere.

»Er achtet nicht auf mich«, fügte er im Ton der getäuschten Erwartung hinzu. »Der Unbesonnene wird alle Pläne vereiteln, die ich für ihn entworfen habe, und zwar in demselben Augenblick, wo sie zur Reife gelangt sind. Ich muss ihm folgen und ihn beschützen.«

Auch er eilte die Treppe hinunter und eilte Sir Jocelyn über dem Kai nach; doch dieser lief eine enge Gasse hinauf, die mit Thannes Street in Verbindung stand.

Hier hatte sich bereits eine zahlreiche Menge von Lehrlingen versammelt, die eine Beratung über ihren Angriffsplan hielten. Nachdem sie eine kurze, aber aufregende Anrede von Dick Taverner angehört hatten, der zu dem Zweck auf einen Stein stieg und ihnen riet, zu der Wohnung des verhassten Gesandten in Holborn zu gehen und dort seine Rückkehr von Whitehall abzuwarten, billigten sie seinen Vorschlag, wählten Dick einstimmig zu ihrem Anführer, traten ihre Expedition an und erhielten unterwegs noch weitere Verstärkung.

Als sie Blackfriars erreichten, zählten sie bereits viele Hunderte. Es wurde ihnen wenig oder gar kein Hindernis in den Weg gestellt und die geringe Störung, die ihnen eine Abteilung der Stadtwache entgegenstellte, wurde bald beseitigt. Bridewell umgehend, schritten sie durch Shoe Lane, stiegen Holborn Hill hinauf und befanden sich in der Nähe von Ely House, wo sie Halt machten und ihre Streitkräfte sammelten.

Ende des dritten Bandes

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