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Marshal Crown – Band 52

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Otto III. lässt sich die Gruft Karl des Großen öffnen (1000)

Historische Denkwürdigkeiten

Otto III. lässt sich die Gruft Karl des Großen öffnen (1000)

Nachdem das von der fränkischen Monarchie durch den Vertrag zu Verdun losgerissene Frankenreich nach der Absetzung Karl des Dicken im Jahr 887 ein Wahlreich, als für sich bestehend geworden ist, gelangte es durch die Tüchtigkeit seiner Regenten bald zu einer überwiegenden Größe in dem europäischen Völkerverband und trug als Preis seiner Macht die Kaiserkrone davon, welche eigentlich nur den Franken bestimmt war.

Nach dem Tode Konrads von Franken, dem ersten Wahlkönig, gelangte das sächsische Haus durch die Wahl der Fürsten auf den Kaiserthron, und Heinrich I., beigenannt der Vogelsteller, war aus demselben der erste und auch würdige Regent.

Ihm folgte im Jahr 936 sein Sohn Otto I., beigenannt der Große, der die von seinem Vater gebrochene Bahn wider in- und ausländische Feinde mächtig erweiterte und mit Recht sein Sohn zu sein verdiente.

Otto war der erste Fürst, der in Gegenwart aller Herzoge zu Aachen gekrönt wurde. Seit dieser Zeit blieb diese Stadt durch viele Jahrhunderte die Krönungsstadt der deutschen Kaiser.

Bei dieser Feierlichkeit traten zuerst die nachher üblich gewordenen Zeremonialwürden der großen Vasallen die des Erzkämmerers, Erztruchsessen, Erzschenken und Erzmarschalls hervor. Der Herzog Giselbert von Lothringen besorgte nämlich die allgemeine Bewirtung, da Aachen zu seinem Herzogtum gehörte. Eberhard von Franken sorgte für das Essen, Herzog Hermann von Schwaben machte den Mundschenk, und Arnulf von Bayern sorgte für das Heer und den Marstall. Auch die drei Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln waren zugegen, von welchen dem Mainzer Erzbischof das Salbungsgeschäft zufiel.

Ottos merkwürdigste Taten waren die völlige Bezwingung und Vertreibung der raublustigen Magyaren auf dem Lechfeld bei Augsburg im August 955 sowie die Vereinigung Italiens mit Ostfranken, als Berengar, dem wohl Italien zum Lehn erteilt worden war, durch seine willkürlichen Handlungen von den Bischöfen und Grafen ohne Widerstand für abgesetzt erklärt und Otto I. vom Erzbischof von Mailand zum König von Italien gekrönt wurde[1].

Bald darauf erfolgte auch zu Rom, nämlich am 2. Februar 962 vom Papst Johann dem XII. die Kaiserkrönung, durch welchen Letztere Otto zunächst die Oberherrschaft über die Stadt Rom und ihr Gebiet erhielt. Aber noch viel folgenreicher war es, dass die Kaiserwürde, welche unter den schwachen italienischen und burgundischen Fürsten ihre Bedeutung ganz eingebüßt hatte, durch die Macht des Königs, bei dessen Nachfolgern sie blieb, bis auf die gänzliche Auflösung des Reiches in unseren Tagen neuen Glanz erhielt und die Vorstellung von jener höheren den Nachfolgern Augusts und Konstantins zustehenden Ohnmacht wieder erwachte.

Otto, schon bei seinem Leben der Große genannt, starb im Jahre 973 in seinem einundsechzigsten Jahr allgemein geehrt und gefürchtet, als der mächtigste Herrscher seiner Zeit. Ihm folgte sein jüngster Sohn Otto II., der, da dessen Brüder vor dem Vater gestorben waren, von diesem als Mitregent angenommen und zum römischen König gekrönt wurde; also der erste römische König, den uns die Geschichte der Deutschen aufstellt.

Otto hatte von seinem Vater jenen heftigen unsteten Geist geerbt, der sich mit großen Entwürfen beschäftigt und zu ihrer Ausführung eilt, bevor sie noch völlig gereift sind. Da er aber schon im neunundzwanzigsten Jahr seinen misslungenen Entwürfen unterlag, so hatte er nicht das Glück, die Welt mit den Übereilungen seiner Jugend auszusöhnen.

[1] Damals lebte in Italien ein treuloser Tyrann namens Berengar, Markgraf zu Ivrea. Dieser hatte Lothar, den jungen König von Italien, durch Gift aus der Welt geschafft und dessen Witwe, die schöne Adelheid, welche von Geburt eine Königstochter aus Burgund war, gefangen genommen, weil sie sich weigerte, seinen Sohn Adalbert zum Mann zu nehmen. In dem finsteren Turm eines Schlosses am Gardasee saß die Unglückliche vier Monate, bis sie endlich durch Hilfe ihres getreuen Kaplans die Flucht ergreifen und zu dem festen Schloss Canossa, das an einem hohen Felsen stand, gelangen konnte, wo sie Azzo, der Herr des Schlosses, in Schutz nahm und gegen Berengar verteidigte. Otto, der gerade Witwer war und dem nun die schöne Adelheid Hand und Reich anbot, zog mit seinem Heer heran und trieb Berengar voll Schrecken von den Mauern des Schlosses hinweg. Gleich darauf huldigte ihm das Reich Italien, wo seit Arnulf kein Franke mehr als König oder Kaiser geherrscht hatte. Otto kehrte nach dem Hochzeitsfest, welches zu Pavia mit großer Herrlichkeit gefeiert wurde, im nächsten Jahr mit Adelheid wieder nach Franken zurück.

Sein Nachfolger Otto III., ein Fürst von herrlichen Anlagen, vieler Bildung und empfänglich für große Unternehmungen, war drei Jahre alt, als ihm auf den Vorschlag seines Vaters die Fürsten nach Verona zu einem Reichstag beriefen und dort zum Nachfolger wählten, worauf er in Aachen vom Mainzer Erzbischof gekrönt wurde.

Nach dem Tod seines Vaters entschieden nun die Fürsten treu dem Wort, das sie Otto III. gegeben hatten, und bestimmten zugleich, dass seine Mutter Theophanu indessen die Vormundschaft führe.

Heinrich von Bayern, der Vormund werden wollte, musste gehorchen. Die Eintracht der Fürsten festigte das Reich, in welchem die geistvolle und tätige Mutter als Vormünderin, die kluge Großmutter Adelheid und Otto II. verständige Schwester Mathilde, Äbtissin von Quedlinburg, die bisherige Reichsverweserin, für Ordnung und Ruhe sorgten.

Schon als Knabe begleitete Otto die Kriegsheere auf ihren Zügen gegen die Slaven, als er aber heranwuchs, richtete er besonders seine Aufmerksamkeit nach Italien.

Die Römer konnten bei dem Gedränge der Parteien gegeneinander einer auswärtigen Macht, welche für die eine oder die andere entschied, nicht entbehren. Da doch einmal der ottonische König als Kaiser ihr Oberhaupt sein sollte, so wandten sie sich immer wieder an diesen.

So geschah es auch nun, nachdem ein edler Römer, namens Crescentius I. Nomentanus, mit dem Titel eines Konsuls aufs Neue das Übergewicht in Rom erhalten hatte und nun mit tyrannischer Gewalt über die Stadt sowie über den Papst Johannes XV. gebot. Otto trat nach dem Verlangen des römischen Bischofs den Zug nach Italien an; allein in Ravenna angelangt, erhielt er schon die Nachricht von dem Tod des Papstes, worauf er beschloss, ein Mittel anzuwenden, durch welches seine Herrschaft am besten in Italien behauptet werden könnte.

Da bisher ausschließend nur Italiener auf dem päpstlichen Stuhl gesessen hatten, so wollte er nun die Wahl eines neuen Papstes und bestimmte dazu den jungen Bruno von Kärnten, einen Enkel des verstorbenen Frankenherzogs Konrad des Roten, den er durch den Erzbischof von Mainz unter dem Namen Gregor V. einführen ließ. Otto ging hierauf selbst nach Rom und wurde als ein sechzehnjähriger Jüngling von dem neuen Papst mit der Kaiserkrone geschmückt.

Aber kaum war der junge Otto in seine Heimat zurückgekehrt, so erschien wieder der wilde Crescentius I. Nomentanus und rief zu dem römischen Volk: »Schlaft ihr, Männer von Rom? Unsere Urväter haben einst die ganze Welt beherrscht und wir sollen jetzt einen Fremden aus jenem Volk, das einst den Römern um Sold gedient hat, über uns als Herrn erkennen?«

Mit diesen Worten spornte er den Stolz des römischen Volkes und brachte es ganz auf seine Seite, worauf er den Papst vertrieb und einen schlauen Kalabreser auf dessen Stelle, unter dem Namen Johannes XV., erheben ließ. Er wollte sogar die Stadt Rom von dem abendländischen Kaisertum trennen und sie dem griechischen unterwerfen. Otto eilte aber auf diese Nachricht sogleich mit einem Heer nach Rom, belagerte Crescentius I. Nomentanus in einem starken Turm, welcher später die Engelsburg genannt wurde. Als sich der Trotzige nach langem Widerstand ergeben hatte, ließ er ihn nebst zwölf anderen Mitschuldigen enthaupten.

Otto stellte Ruhe und Ordnung wieder her, und Gregor V. bestieg aufs Neue den römischen Stuhl, erfuhr aber bald das Schicksal so vieler in Italien und starb in einem jugendlichen Alter, worauf Otto seinen Freund und Lehrer Gerbert von Aurillac zum Papst wählen ließ, der dann als solcher unter dem Namen Silvester II. den päpstlichen Stuhl bestieg.

Je länger aber Otto in der Stadt zwischen den Trümmern der alten Herrlichkeit wandelte, umso heftiger wurde seine Liebe zu ihr, und schon fasste er den Entschluss, für immer in Rom zu bleiben und es wieder zum Mittelpunkt der Weltherrschaft zu machen, aber damit war niemand zufrieden, und so kehrte Otto nach Hause zurück.

Bei seiner Rückkehr, welche zu Anfang des Jahres 1000 geschah, begleiteten ihn viele vornehme Römer, mit welchen er eine Wallfahrt nach Polen unternahm, wo der heilige Adalbert, Bischof von Prag, welchen die Preußen erschlagen hatten, als er ihnen das Evangelium predigte, begraben lag, und stiftete diesem Märtyrer zu Ehren ein Erzbistum zu Gnesen.

Hierauf zog er durch das Sachsenland an den Rhein und zeigte den Römern, wie ganz anders sein Reich geworden war, seit jener Zeit, wo Arminius den römischen Feldherrn Publius Quinctilius Varus im Teutoburger Wald geschlagen hatte.

Dann ging er nach Aachen und verlangte andachtsvoll, das Grab Karl des Großen zu öffnen. Als man nun das Gewölbe, in welchem der Leichnam dieses unsterblichen Helden aufbewahrt war, geöffnet hatte, fand man diesen noch nicht verwesen auf seinem Thron in aufrechter Stellung sitzend im kaiserlichen Schmuck, auf dem Haupt eine Krone, in der Hand einen Kelch, an der Seite das Schwert, auf den Knien das Evangelienbuch und zu den Füßen Zepter und Heerschild des Reiches.

Otto betrachtete mit stiller Ehrfurcht das bleiche und noch im Tode majestätische Antlitz des gewaltigen Eroberers und nahm sodann zum Andenken ein goldenes Kreuz, welches Karl auf der Brust hängen hatte, an sich. Nachts darauf soll ihm, wie das Volk sich erzählte, Karl der Große im Traum erschienen sein und ihm seinen nahen Tod geweissagt haben. Und wirklich starb er zwei Jahre darauf in seinem zweiundzwanzigsten Jahr, der jedoch unbestätigten Sage nach an Gift, was ihm die Witwe des Crescentius I. Nomentanus beigebracht haben soll.

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