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Ritter Busso von Falkenstein – 3. Teil

Ritter Busso von Falkenstein
oder die Geheimnisse der Totengruft
Ein schauderhaftes Gemälde aus den Ritterzeiten
Verlegt durch Gottfried Basse zu Quedlinburg, 1813

Endlich versuchte er all diese Ideen wieder zu verscheuchen. Der Gedanke an seine geliebte Adelheid, von deren Aufenthalt er nicht mehr fern war, trat an ihre Stelle. Erst am hellen Tag übermannte ihn der Schlaf und er schlummerte ein. Seine Träume waren verschieden von den süßen Ideen, mit welchen er eingeschlafen war. Sie waren in der Tat traurig, rätselhaft und schrecklich. Er glaubte noch neben dem Burgherrn bei Tafel zu sitzen. Die lieblichen Töne der Hörner widerhallten noch in seinen Ohren, Freude strahlte von allen Gesichtern der Gäste und der helle Schein einer unzähligen Menge Lichter machte die Dunkelheit der Nacht dem hellsten Tag gleich.

Auf einmal aber schien diese Helle sich durch die Herablassung eines dicken Nebels zu verdunkeln, welcher sich schnell im ganzen Zimmer verbreitete. Dieses Dunkel durchbrach ein heller Glanz. Ritter Busso und die übrigen Gäste schauten empor, eine grässliche Gestalt von riesenmäßiger Größe gewahrten sie, welche im langsamen Flug über ihren Häuptern schwebte. Ihr furchtbares Aussehen setzte alle in Furcht und Schrecken. Während die erstaunte Ritterschar ihre Blicke darauf heftete, sprach eine dumpfe Grabesstimme folgende Worte:

»Die verhängnisvolle Stunde ist da; die Geister der Rache schicken sich an, den Bösewicht zu züchtigen.«

Nach diesen Worten erbebte das ganze Schloss. Der schwebende schüttelte seine großen Flügel und ein dichter Nebel verdunkelte den ganzen Saal wieder. Ritter Busso konnte nichts mehr unterscheiden; aber mitten in dieser Dunkelheit hörte er dreimal ein fürchterliches Geschrei. In diesem Augenblick erleuchtete ein heller Strahl den Sitz des Ritters Busso. Er sah empor und wurde ein Gewölk gewahr, dem gleich, welches ihn im Wald den Weg zur Totengruft gezeigt hatte. Hierauf sah er mitten im Saal einen Krieger in kostbarer Rüstung, mit blinkenden Waffen und einem Kreuz auf der Brust. Der ihn umgebende Glanz zerstreute den Nebel und der Ritter bemerkte, dass alle übrigen Gäste verschwunden waren.

Jene grässliche Erscheinung war ebenfalls nicht mehr zu sehen, und dieser Krieger, welcher ein weit menschlicheres Ansehen hatte, nahm dessen Stelle ein. Er sah den Ritter mit holdseligem Blick an und streckte seine Arme aus, ihn zu umarmen.

Der Ritter, obwohl von einem noch nie empfundenen Schrecken ergriffen, ermannte sich und trat ihm näher. Sobald er aber die Erscheinung berührte, verschwand die blendende Rüstung und hatte ein Totengerippe in seinen Armen. Er zitterte und sprang vor Schrecken zurück. Das Gerippe blieb stehen, schwang ein Schwert über seinem Haupt, welches

der Ritter vorher nicht gesehen hatte, und sagte mit matter und seufzender Stimme: »Empfange dieses Schwert aus meiner kalten Hand. Es soll meinen Tod rächen und dich wieder in deine Rechte einsetzen.«

Nach diesen Worten verschwand es.

Angst und Schrecken hatten den Ritter aus seinem tiefen Schlaf geweckt. Er war mit einem kalten Schweiß bedeckt. In den ersten Augenblicken wagte er kaum emporzuschauen, aus Furcht, nochmals einen so Schauder erregenden Gegenstand zu erblicken, denn die Furcht, welche sich seiner bemächtigt hatte, war vielleicht für ihn die schrecklichste Qual, die er sonst nie dergleichen gekannt hatte.

Endlich ermannte er sich, indem er sich überzeugte, dass alles nur ein Traum war. Mit welcher Mühe versuchte er jene schrecklichen Bilder aus seiner Seele zu verdrängen, die ihm noch bis zu diesem Augenblick so lebhaft vor Augen schwebten. Er glaubte diesen Traum, der unmöglich bloß von einer erhitzten Einbildungskraft herrühren konnte, als eine wichtige Vorbedeutung größerer Begebenheiten ansehen zu müssen.

Es war schon hoch am Tage. Busso erhob sich von seinem Lager, setzte sich ans Fenster und überließ sich seinen Gedanken. Die Worte des Geistes, welcher auf einmal eine so schreckliche Gestalt angenommen hatte, tönten noch in seinen Ohren. Er war fest überzeugt, dass irgendein Ereignis ihm das ganze Rätsel bald lösen würde. Denn bei allem Nachsinnen konnte er es sich doch nicht erklären, wer derjenige wohl sein könnte, dem jene Nebelgestalt so schreckliche Rache verkündete. Er war schon geneigt, zu glauben, dass es, nach den Aussagen und Meinungen des Volkes, derjenige sei, welcher einen Mord in der Totengruft begangen haben sollte.

Er war noch ganz in Gedanken vertieft, als ein Knappe des Burgherrn hereintrat und ihn ersuchte, sich zum Frühstück auf dessen Zimmer zu begeben. Er fand den Burgherrn daselbst allein, welcher ihn mit ausgezeichneter Freundlichkeit aufnahm und mit allen nur möglichen Lobeserhebungen überhäufte. Er rühmte seinen Charakter und besonders seine Heldentaten. Alle diese Schmeicheleien aber waren dem Ritter zuwider, dessen außerordentliche Bescheidenheit jede übertriebene Lobeserhebung verabscheute.

Er benutzte daher die erste Gelegenheit, das Gespräch auf einen anderen Gegen stand zu lenken und beantwortete dem Burgherrn noch verschiedene Fragen, die er ihm über die Länder, welche er durchreist hatte, vorlegte. Endlich befragte ihn der Burgherr um den Namen seines Geburtsortes.

»Ich bin auf dem Schloss Falkenstein geboren«, erwiderte Busso.

»Und was für ein Landsmann war Euer Vater?«, fragte der Burgherr weiter.

»Das ist mir unbekannt«, antwortete Busso. »Es wird Euch befremden, dass ich Euch meines Vaters Ahnenstamm nicht mit Gewissheit nennen kann. Meine Mutter, Isabelle von der Asseburg, stammte aus der alten gräflichen Familie gleichen Namens. Meine Eltern wurden mir aber zu früh durch den Tod entrissen, als das ich mich ihrer noch erinnern könnte. Ihre Unglücksfälle, und selbst diejenigen, welche ich dadurch erlitten habe, sind mir bis auf einige, die ich aus der Erzählung meines Oheims kenne, welchem ich meine Erziehung verdanke, unbekannt geblieben.

Ihr erregt meine Neugierde, Ritter, sagte der Burgherr. Darf ich wohl die Unfälle wissen, die Euch schon in früher Jugend trafen?

Ich kann Euch selbige nicht ausführlich erzählen. So viel ich mir aber erinnern kann, nahm mein Oheim in seiner Jugend das Kreuz, durchreiste viele Länder und trat endlich, da er sich vor den Verfolgungen seiner Feinde nicht mehr zu schlagen wusste, bei Balduin II., König von Jerusalem, in Dienste. Bei einem Kampf gegen die Türken wurde dieser Regent vom Bahar Danusch gefangen, und mein Oheim, sagte man allgemein, sollte dabei getötet worden sein. Es war aber ein leeres Gerücht; er war noch am Leben, um traurige Schicksale zu erfahren. Er fiel lebendig in die Hände der Ungläubigen, welche in elf Jahre peinlich gefangen hielten. Endlich war er doch so glücklich, zu entkommen; aber bei seiner Rückkehr, wo er im Kreise seiner Familie die vielen Leiden zu vergessen gedachte, sah er sich in seiner Erwartung schrecklich getäuscht. Sein Vater und seine Mutter sowie sein älterer Bruder waren gestorben. Sein jüngerer Bruder, in der Meinung, er sei tot, hatte all seine Güter mit in Besitz genommen. Es waren ihm bei seiner etwaigen Rückkehr keine Rechte vorbehalten.

Seine Schwester, welche noch am Leben war, war die Einzige in seiner Familie, von der er in seiner traurigen Lage einige Unterstützung erhoffte. Mehrere Wochen verflossen, ehe er ihren Aufenthaltsort herausfinden konnte. Aber welcher Schrecken für sein zärtlich fühlendes Herz war der Anblick einer Schwester, welche von Sinnen und der Großmut fremder Menschen überlassen war! Von Letzten erfuhr er, dass diese Unglückliche nach dem Tod ihrer Eltern sich den Hass ihres Bruders, von dem sie nun gänzlich abhing, durch die Vermählung mit einem gewissen Ritter Rudolph von der Eiche, zugezogen habe. Von diesem wussten sie weiter nichts zu sagen, als dass er ein junger Fremdling gewesen sei, der sich in einem Kampf gegen einen vornehmen böhmischen Ritter besonders hervorgetan hatte.

Kurz nach der Vermählung mit seiner Schwester habe er das Kreuz genommen und sei gegen die Ungläubigen zu Felde gezogen, um ein getanes Gelübde zu erfüllen. Nach einer zweijährigen Abwesenheit sei die Nachricht von seinem Tod eingegangen. Seine Gemahlin konnte dieses Unglück nicht verschmerzen, sie wurde von einem hitzigen Fieber befallen, wozu sich Wahnsinn gesellte, der in wenigen Tagen aufs Höchste stieg. Sie entging aber dennoch dem Tod und blieb bis jetzt in diesem bedauernswürdigen Zustand. Mein Oheim führte meine Mutter und mich zu ihr. Er war untröstlich, ließ die geschicktesten Ärzte kommen und wandte alles an, um seine Schwester von dieser schrecklichen Krankheit zu befreien, aber alle Bemühungen waren vergebens. Ihrem schweren Leiden machte endlich der Tod ein Ende. Sie starb ungefähr ein Jahr nach der Rückkehr ihres Bruders als ein unglückliches Opfer der Liebe und Verzweiflung.

Von diesem Augenblick an schien alle Liebe und Zuneigung, welche mein Oheim bis dahin für seine Schwester gehabt hatte, auf mich überzugehen. Er gab sich alle mögliche Mühe, einige Nachrichten von meinen Großeltern einzuziehen, in der Absicht, mir ihren Schutz zu verschaffen. Es ist ihm aber nie gelungen, zu erfahren, in welchem Teil Deutschlands sie ihren Sitz hatten. Meine Mutter hatte in einem Anfalle von Melancholie, die Briefe verbrannt welche ihr mein Vater geschrieben hatte, und folglich waren die einzigen Urkunden, welche noch einige Aufklärung über seine Herkunft hätten geben können, vernichtet. Sie hatte nichts als diesen Ring von ihm aufbewahrt, welchen Ihr gestern Abend gesehen habt. Er war das erste Geschenk, welches er ihr gemacht hatte. Sie trug ihn zu seinem Andenken bis ans Ende ihres Lebens.

Da nun die Nachforschungen meines Oheims nach meinen Eltern ohne allen Erfolg waren, so vertrat er deren Stelle und machte mir ihren Verlust wenig fühlbar. Seine Einkünfte waren sehr mittelmäßig, daher tat er auf alle Vergnügungen Verzicht und wandte das dadurch Erübrigte zu meiner Erziehung an. Sobald ich imstande war, die Waffen zu tragen, war er selbst mein Führer auf dem Weg des Ruhms. Ich, unglücklich genug, meinen natürlichen Vater nie gekannt zu haben, hegte gegen diesen braven Oheim stets die aufrichtigsten Gesinnungen eines wirklichen Sohnes. Ach! Vor einigen Jahren entriss ihn mir der Tod. Sein Bild schwebt mir noch immer vor Augen und sein Andenken wird mir bis zu meinem letzten Hauch heilig sein.«

Der Burgherr hörte diese Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit an. Seine Gesichtszüge bezeugten den Anteil, welchen er an dem Schicksal der unglücklichen Ahnen Bussos nahm. Unser Ritter bemerkte es und wusste ihm für seine Anteilnahme herzlichen Dank. Sie unterhielten sich nun noch einige Zeit miteinander. Busso aber, eingedenk des Wunsches, welchen Ritter Friedrich geäußert hatte, ihn allein zu sprechen, glaubte nun, dass es nun Zeit sei, selbigen aufzusuchen. Er beurlaubte sich also beim Burgherrn, und beide schieden aufs Freundschaftlichste voneinander.

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