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Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reise und Abenteuer … 16

Des Freiherrn von Münchhausen
wunderbare Reise und Abenteuer zu Wasser und zu Lande, wie er dieselbe bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte
Mit 16 Federzeichnungen von Hosemann
Neue Originalausgabe, Dieterich’schen Buchhandlung Göttingen, Berlin, 1840

Des Freiherrn von Münchhausen Seeabenteuer

Zehntes Seeabenteuer

Eine zweite Reise zum Mond

Ich habe Ihnen, meine Herren, schon ehemals von einer kleinen Reise erzählt, die ich zum Mond machte, um meine silberne Axt wieder zu holen. Ich kam nachher noch einmal auf eine viel angenehmere Art dahin und blieb lange genug da selbst, um von verschiedenen Dingen mich gehörig zu unterrichten, die ich Ihnen nun so genau, wie mein Gedächtnis mir erlaubt, beschreiben will.

Ein weitläufiger Verwandter von mir hatte sich die Grille in den Kopf gesetzt, es müsste notwendig ein Volk geben, das dem an Größe gleichkäme, welches Gulliver in dem Königreich Brobdignag gefunden haben will. Dies aufzusuchen, ging er auf eine Entdeckungsreise aus und bat mich, ihn zu begleiten. Ich meines Orts hatte nun zwar jene Erzählung nie für etwas mehr als für ein gutes Märchen gehalten und glaubte so wenig an ein Brobdignag wie an ein Eldorado. Der Mann hatte mich indessen zum Erben eingesetzt, und ich war ihm also wieder Gefälligkeiten schuldig. Wir kamen auch glücklich nach der Südsee, ohne dass uns irgendetwas aufstieß, das verdiente, angeführt zu werden, außer einige fliegende Männer und Frauen, die in der Luft Menuett tanzten oder Springerkünste machten und dergleichen Kleinigkeiten.

Den achtzehnten Tag, nachdem wir bei der Insel Otaheiti vorbei gekommen waren, führte ein Orkan unser Schiff wenigstens tausend Meilen von der Oberfläche des Wassers weg und hielt es eine geraume Zeit in dieser Höhe. Endlich füllte ein frischer Wind unsere Segel und nun ging es mit unglaublicher Geschwindigkeit fort. Sechs Wochen waren wir über den Wolken gereist, als wir ein großes Land entdeckten, rund und glänzend, gleichsam eine schimmernde Insel. Wir liefen in einen bequemen Hafen ein, gingen an das Ufer und fanden das Land bewohnt. Unter uns sahen wir eine andere Erde mit Städten, Bäumen, Bergen, Flüssen, Seen usw., das, wie wir vermuteten, die Welt war, die wir verlassen hatten.

Im Mond, denn das war die schimmernde Insel, an der wir gelandet waren, sahen wir große Gestalten, die auf Geiern ritten, von denen jeder drei Köpfe hatte. Um Ihnen einen Begriff von der Größe dieser Vögel zu geben, muss ich Ihnen sagen, dass die Entfernung von einem Ende ihres Flügels bis zum anderen sechsmal so lang war, wie das längste Segeltau an unserem Schiff. Anstatt wir nun in dieser Welt auf Pferden reiten, fliegen die Einwohner des Mondes auf diesen Vögeln umher.

Der König hatte gerade einen Krieg mit der Sonne. Er bot mir eine Offiziersstelle an; allein ich verbat mir die Ehre, die Seine Majestät mir zudachte.

Alles ist in dieser Welt außerordentlich groß, eine gewöhnliche Fliege zum Beispiel ist nicht viel kleiner als eins unserer Schaaf. Die vorzüglichsten Waffen, deren sich die Einwohner des Mondes im Krieg bedienen, sind Rettiche, die wie Wurfspieße gebraucht werden, und den, der damit verwundet wird, augenblicklich töten. Ihre Schilde sind aus Pilzen gemacht, und wenn die Zeit der Rettiche vorbei ist, so vertreten Spargelstängel ihre Stelle.

Ich sah auch hier einige von den Eingeborenen des Hundssterns, die der Handlungsgeist zu der gleichen Streifereien verleitet. Diese haben ein Gesicht wie große Bullenbeißer. Ihre Augen stehen zu beiden Seiten der Spitze oder vielmehr des unteren Endes ihrer Nase. Sie haben keine Augenlider, sondern bedecken ihre Augen, wenn sie schlafen gehen, mit ihrer Zunge. Gewöhnlich sind sie zwanzig Fuß hoch; von den Einwohnern des Mondes aber ist keiner unter sechsunddreißig Fuß. Der Name, den die Letzteren führen, ist etwas sonderbar. Sie heißen nicht Menschen, sondern kochende Geschöpfe, weil sie ebenso wie wir ihre Speisen beim Feuer zurecht machen. Übrigens nimmt ihnen das Essen sehr wenig Zeit weg, denn sie öffnen nur die linke Seite und schieben die ganze Portion auf einmal in den Magen hinein. Dann schließen sie wieder zu, bis nach Verlauf eines Monats derselbe Tag wiederkommt. Sie haben mithin das ganze Jahr hindurch nicht mehr als zwölf Mahlzeiten – eine Einrichtung, die jeder, der kein Fresser oder Schlemmer ist, der unseren weit vorziehen muss.

Die Freuden der Liebe sind im Mond gänzlich unbekannt, denn sowohl unter den kochenden Geschöpfen als auch allen übrigen Tieren gibt es nur ein einziges Geschlecht. Alles wächst auf Bäumen, die aber nach ihren verschiedenen Früchten auch an der Größe und den Blättern sich sehr voneinander unterscheiden. Diejenigen, auf denen die kochenden Geschöpfe oder die Menschen wachsen, sind

viel schöner als die andern, haben große gerade Äste und fleischfarbene Blätter. Ihre Frucht besteht in Nüssen, die sehr harte Schalen haben und wenigstens sechs Fuß lang sind. Wenn diese reif sind, welches man an der Veränderung ihrer Farbe sehen kann, so werden sie mit großer Sorgfalt gepflückt und so lange, wie man es für gut findet, aufgehoben. Will man nun den Samen dieser Nüsse lebendig haben, so wirft man sie in einen großen Kessel kochenden Wassers, und in wenigen Stunden öffnen sich die Schalen und das Geschöpf springt heraus.

Ihr Geist ist immer schon, ehe sie in die Welt kommen, von der Natur zu einer besonderen Bestimmung gebildet. Aus einer Schale kommt ein Soldat, aus einer anderen ein Philosoph, aus einer dritten ein Gottesgelehrter, aus einer vierten ein Jurist, aus einer fünften ein Pächter, aus einer sechsten ein Bauer und so fort. Jeder fängt sogleich an, sich in der Ausübung dessen, was er vorher bloß theoretisch wusste, vollkommen zu machen. Der Schale mit Gewissheit anzusehen, was in ihr steckt, ist sehr schwer, doch machte ein lunarischer Theologe zu meiner Zeit mächtigen Lärm, er sei im Besitz dieses Geheimnisses. Man achtete aber wenig auf ihn und hielt ihn durchgängig für krank.

Wenn die Leute im Mond alt werden, so sterben sie nicht, sondern lösen sich in Luft auf und verfliegen wie Rauch.

Trinken haben sie nicht nötig, denn es finden gar keine Ausleerungen bei ihnen statt, ausgenommen durch das Aushauchen. Sie haben nur einen Finger an jeder Hand, mit dem sie alles tun können, so gut und noch besser als wir, die wir außer dem Daumen vier haben.

Ihren Kopf haben sie unter dem rechten Arm, und wenn sie auf eine Reise oder an eine Arbeit gehen, bei der sie sich heftig bewegen müssen, so lassen sie ihn gemeiniglich zu Hause, denn um Rat fragen können sie ihn, sie mögen von ihm entfernt sein, so weit sie wollen. Auch pflegen die Vornehmen unter den Mondbewohnern, wenn sie gern wissen möchten, was unter dem gemeinen Volk

vorgeht, nicht unter dasselbe sich zu begeben. Sie bleiben zu Hause, das heißt der Körper bleibt zu Hause und schickt nur den Kopf aus, der inkognito gegenwärtig sein kann und dann nach Gefallen seines Herrn mit der eingezogenen Kundschaft zurückkehrt.

Die Traubenkerne im Mond sind vollkommen unserem Hagel ähnlich, und ich bin fest überzeugt, dass, wenn ein Sturm im Mond die Trauben von ihren Stielen abschlägt, die Kerne dann auf unsere Erde herunterfallen und den Hagel bilden. Ich

glaube auch, dass diese meine Bemerkung manchem Weinverkäufer schon lange bekannt sein muss, wenigstens habe ich öfter Wein bekommen, der aus

Hagelkörnern gemacht zu sein schien und vollkommen so schmeckte wie der Mondwein.

Einen merkwürdigen Umstand hätte ich bald vergessen. Der Bauch tut den Leuten im Mond ganz die Dienste, die uns ein Ranzen tut; sie stecken in ihn hinein, was sie nötig haben, und schließen ihn ebenso wie ihren Magen nach Belieben auf und zu, denn mit Gedärmen, Leber, Herz und anderen Eingeweiden sind sie nicht beschwert, ebenso wenig mit Kleidern. Sie haben aber auch kein Glied an ihrem ganzen Körper, das ihnen die Schamhaftigkeit zu bedecken geböte.

Ihre Augen können sie nach Gefallen herausnehmen und einsetzen, ebenso gut damit sehen, wenn sie in ihrem Kopf, als wenn sie in ihrer Hand sind. Verlieren oder beschädigen sie zufälligerweise eins, so können sie ein anderes borgen oder kaufen und dasselbe so gut gebrauchen, wie ihr eigenes. Man trifft daher allenthalben im Mond Leute an, die mit Augen handeln. In dieser einzigen Sache haben alle Einwohner ihre Grillen; bald sind grüne, bald gelbe Augen Mode.

Ich gestehe, diese Dinge klingen seltsam, aber ich stelle es jedem, der den geringsten Zweifel hat, frei, selbst zum Mond zu gehen und sich zu überzeugen, dass ich der Wahrheit so treu geblieben bin als vielleicht nur wenig andere Reisende.

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