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Fort Wayne – Band 1 – Kapitel 8

F. Randolph Jones
Fort Wayne
Eine Erzählung aus Tennessee
Erster Band
Verlag von Christian Ernst Kollmann. Leipzig. 1854

Achtes Kapitel

Vielleicht zu lange schon haben wir die Familie Morris aus den Augen gelassen und wir kehren nunmehr umso lieber zu ihr zurück, da wir hoffen dürfen, der Leser werde begierig sein, das Schicksal der armen Edista und die Wechselfälle kennen zu lernen, welche sie in die Hände der Indianer und zuletzt unter den Schutz des Chevaliers de Raucourt gebracht hatten.

Drei Tage waren seit jener blutigen Nacht am Tennessee verflossen und wiederum finden wir die Familie beschäftigt, das Lager aufzuschlagen, was vonseiten der jüngeren Mitglieder mit umso lebhafterem Eifer geschah, da es nach der Aussage der beiden Indianer, welche getreulich ihre Dienst als Scouts versehen hatten, das letzte Nachtquartier vor der Ankunft in Fort Wayne sein sollte. Nach einem mühseligen und gefährlichen Marsch durch die Wildnis hatten sie am vorhergehenden Tag glücklich die Ufer des Duck River und einige an demselben zerstreut liegende Farmen erreicht, die ersten Zeichen von Kultur, die von den Reisenden ersichtlich mit freudigerem Interesse begrüßt wurden als von den beiden Indianern. Letztere waren, als die Ansiedler sich neugierig und nach Neuigkeiten fragend um die kleine Karawane drängten, spurlos verschwunden und fanden sich erst wieder ein, als ihre Schutzbefohlenen nach einer verhältnismäßig komfortabel zugebrachten Nacht den Fluss überschritten und aufs Neue das Dunkel des Urwaldes betreten hatten.

Der Zug war gegen Abend auf eine offene Stelle gelangt, die in verschiedenen Hufspuren und selbst Rädergeleisen untrügliche Anzeichen von Verkehr darbot und umso lieber zum Lagerplatz erwählt wurde, als Richard Morris von Takannah vernahm, dass sich hier die Straßen nach Nashville in östlicher, die nach Fort Wayne in westlicher Richtung trennten, sie sich demnach also bereits innerhalb eines verhältnismäßig sicheren und europäischen Schutz erreichbaren Bezirkes befanden. Während das Zugvieh ausgespannt, Holz für das Feuer gesammelt und der stark auf die Neige gehende Mundvorrat auf dem kurzen trockenen Rasen ausgebreitet wurde, nahm Richard Edistas Arm und schritt mit ihr eine schmale Lichtung entlang, bis sie einen bemoosten Steinblock erreicht hatten, der unter dem Schatten eines ungeheuren, vor Alter geborstenen Nussbaumes einen ebenso malerischen, wie bequemen Ruhepunkt darbot. Hier begegneten sich ihre Seelen im tiefernsten, doch innig zärtlichen Gespräch, ihre Lippen in manchem, die opferfähigste Liebe besiegelnden Kuss. Während das schräg durch den Waldpfad sich ergießende Licht der Abendsonne das schöne, junge und schon so hart geprüfte Paar wie mit einem Glorienschein umgab, murmelte der Bach zu ihren Füßen, als wolle er harmonisch das Rauschen der hohen Baumwipfel begleiten und das Menschenherz mit Frieden und Hoffnung erfüllen.

In der entgegengesetzten Richtung waren Takannah und Watungo im Gebüsch verschwunden, um nach gewohnter Weise der gemeinschaftlichen Mahlzeit ein Stück Wild hinzuzufügen. Noch verriet das schwankende Unterholz ihre Spur, als der alte Morris seinen Platz am Wagen verließ und ihnen, die sorglose Miene müßigen Herumschlenders annehmend, aber doch mit einer gewissen Eile folgte. Als er sich etwa hundert Schritt vom Lagerplatz befand und die dichter stehenden Bäume ein Belauschtwerden nicht mehr befürchten ließen, stieß er einen kurzen Ruf aus, der Takannah und seinen jungen Gefährten veranlasste, stehen zu bleiben.

»Meine Freunde werden mich nun bald verlassen!«, sagte Morris, als er Takannah erreicht hatte. »Morgen um diese Zeit sind wir in Fort Wayne und Takannah erhält die versprochene Büchse, obwohl ich nicht zweifle«, setzte er murmelnd hinzu, »dass der erste Probeschuss den Schädel eines Weißen zerschmettern wird.«

Der Häuptling zeigte sich augenscheinlich erfreut, dass der Lohn der geleisteten Dienste in so naher Aussicht stand. Seine Blicke hingen zärtlich und begehrlich an der treulichen Rifle, die Morris fast nie, selbst bei seinen Gebetübungen nicht ablegte. Indem er mit der Hand den glatt polierten Kolben wie die Wange eines geliebten Kindes streichelte, sagte er: »Takannah liebt den kleinen Donner. Er wird ihn tönen lassen in den Jagdgründen seines Stammes und auf dem Kriegspfad. Aber wer wird ihm Pulver geben und Kugeln?«, setzte er rasch hinzu, »soll das Gewehr schlafen in der Hand des großen Kriegers?«

Morris’ Gesicht verzog sich zu einem mürrischen Lächeln. »Ich denke, Eure roten Feinde, die Osage, Hiwassee und wie die Burschen heißen, werden am bloßen Anblick einer Büchse genug haben und nicht auf das Abfeuern warten. Indessen«, setzte er anscheinend gleichgültig hinzu, »warum solltet Ihr nicht die Ladung verdienen, wie Ihr das Gewehr verdient? Dienst gegen Dienst. Ich werde Euch bei meinen Landsleuten als Führer rekommandieren.«

Takannah schien einen Augenblick über den Sinn der vernommenen Worte nachzudenken, während Watungo sorglos und ohne an der Verhandlung Anteil zu nehmen, in graziöser Haltung an einem Baum lehnte. »Denkt mein weißer Vater«, nahm Takannah nach einer längeren Pause das Wort, »dass der Häuptling der Cherokee zu nichts gut sei, als die Fremdlinge mit ihren Ochsen und Wagen durch die Wälder zu führen? Seine Worte klingen übel in den Ohren eines Kriegers.«

»Desto besser der scharfe Knall einer Büchse, wie diese hier!«, versetzte Morris, indem er spielend den Hahn des Gewehres knacken ließ. »Ohne Arbeit keine Bezahlung, vielleicht findet sich jemand in Fort Wayne, der für einen tüchtigen Beutel voll Munition ein Frauenzimmer nach Georgia hinunter geleitet. Es fällt mir nicht ein, Euch weiter zur Last zu fallen.«

Damit wendete sich David rasch um und war keineswegs überrascht, als er Takannahs Hand auf seinen Schultern fühlte, der nur noch schwach und mehr zum Schein zwischen der Gravität eines legitimen Fürsten und der Begierde nach so kostbaren Schätzen wie die in Aussicht gestellten, kämpfte. »Meine Ohren sind offen der Rede des weißen Vaters!«, sagte er. »Niemand kennt besser die Pfade über die Berge und die Fährten der Flüsse als Takannah. Er ist bereit, was soll er tun?«

David spähte vorsichtig in der Runde umher und ließ seinen Blick zögernd auf Watungo verweilen, als nehme er Anstand, in dessen Gegenwart seinen geheimnisvollen Auftrag zu verkündigen. Die Überlegung jedoch, dass die Beihilfe des jungen Mannes unentbehrlich und in vieler Beziehung wünschenswert sein werde, beseitigte umso mehr alle Bedenklichkeiten, da die Zeit gebieterisch zum Abschluss der Unterhandlung drängte.

»Das junge Frauenzimmer, welches sie Edista nennen, darf nicht länger bei uns bleiben. Sie ist aus dem Wigwam ihres Vaters entflohen und hat Unglück und Jammer über uns gebracht. Wahkondah blickt zornig auf uns, solange sie an unserem Feuer sitzt und auf unserem Pfade wandelt. Sie muss zurück und den Segen ihres Vaters holen oder nimmer soll sie wieder das Antlitz eines Morris schauen!«

David hatte seinen verräterischen Anschlag der Sprech- und Anschauungsweise der Indianer gemäß einkleiden wollen, aber die tiefe Erbitterung, der abergläubische Groll, der ihn stets durchbebte, wenn er Edista erblickte oder nur ihren Namen hörte, ließ ihn auch nun aus der Rolle fallen. Takannah schaute den finsteren Greis, der beim Schluss seiner Rede die Büchse zornig auf den Boden stieß, mit einigem Erstaunen an, obwohl es weder ihm noch Watungo einfiel, über die moralische Beschaffenheit der Tat, welche man von ihnen erwartete, die geringste Bedenklichkeit zu hegen. Überdies hatte Morris schlau genug als Hauptpunkt hervorgehoben, dass Edista ein Flüchtling aus dem Haus des Vaters sei, was in den Augen der beiden Cherokee eine umso schwerere Versündigung war, da dergleichen fast nie im indianischen Leben vorkam und den Verhältnissen gemäß auch nicht wohl vorkommen konnte. Als daher Takannah lange Zeit schweigend vor sich hinblickte und Watungos Auge forschend an den sinnenden Zügen seines Verwandten hing, dachte keiner an den Wert oder Unwert der Unternehmung, sondern lediglich an die Art der Ausführung. David hätte sich die Furcht, wie die erläuternden Worte sparen können, mit denen er die Notwendigkeit einer schleunigen Entführung Edistas hervorzuheben und als eine verdienstliche Handlung zu preisen bemüht war.

»Es ist gut!«, unterbrach Takannah endlich den mit biblischen Beweisstellen und profanen Kraftwerten ausgestatteten Wortschwall des bereits vom bösen Gewissen geängstigten Morris, »die junge Squaw soll die Hütte ihres Vaters wiederfinden und ihm Wasser tragen und Speise bereiten wie zuvor. Mein weißer Vater wird die Hand weit öffnen, denn der Mund des Mädchens muss stumm sein und doch rot bleiben vor Gesundheit. Und hat nicht der junge Krieger, dem sie dient, eine Büchse und viele Kugeln und ist er nicht stark und geschwind wie der Hirsch der Allegheny?«

Die Erwähnung seines Sohnes Richard und die Hindeutung auf die Energie, welche derselbe im Falle der Entführung seines Weibes auch gelingen sollte, in der Verfolgung der Räuber jedenfalls entwickeln würde, vermehrte nur die düsteren Schatten auf Morris’ Stirn. Er hatte einen schweren Kampf gekämpft, ehe er zu dem unheilvollen Entschluss gekommen war, der ihm, wenn seine Urheberschaft je entdeckt wurde, für immer die Liebe, ja die Achtung des Sohnes verscherzen musste, auf den er vor allen stolz war und in dessen Schicksal er sich eben deshalb in sonderbarer Geistesverblendung so furchtbar einzugreifen berechtigt und berufen glaubte. Der Verlust seines jüngsten Knaben und das schreckenvolle Geschick, welches die treue Gefährtin seines Lebens unter dem Mordbeil der Indianer enden ließ, hatte den vorgefassten Widerwillen gegen Edista endlich zu der fixen Idee heranreifen lassen, welche in ihr eine vom Vaterfluch verfolgte und jedermann Verderben bringende Ausgestoßene sah, deren Schicksal um jeden Preis von dem seines Sohnes wie der Familie Morris überhaupt geschieden werden müsse. Er rechnete dabei auf den Zorn des Obersten Beaufort, der die Entführung seines Kindes gewiss nicht verzeihen und eine legale Trennung mit allen Mitteln herbeiführen werde. Auch waren ihm die Absichten des Chevaliers de Raucourt auf Edistas Hand nicht unbekannt geblieben und so setzte sich denn in ihm der Gedanke fest, dass die Zurückführung Edistas in das väterliche Haus sowohl sie als auch Richard zwar anfangs mit Schmerz und Verzweiflung erfüllen, endlich jedoch zu einem befriedigenden Ende, zu einer Gott wohlgefälligen Sühne führen werde. Einen festen Blick in die Zukunft, eine ernste Prüfung seiner Tat vermied David geflissentlich. Deshalb hatte er in Takannahs letzten Worten nur die, allerdings auch wohl allein zu Grunde liegende Absicht aufgefasst, durch Hervorhebung der Gefahr des Unternehmens den Preis dafür zu erhöhen und sagte mit einem spöttischen Achselzucken: »Wenn Euch Richard Morris ertappt, hat allerdings Euer letztes Stündlein geschlagen, daran ist kein Zweifel. Seid Ihr aber klug und bringt das Mädchen unbemerkt nach Georgia hinüber, so sollt Ihr einen Zettel an John Coppers, den Hausierer, haben, der jedem von Euch noch einen hübschen Karabiner und einen Beutel voll Munition einbringen wird. Den Coppers von Brunswick werdet Ihr kennen. Das verräterische Vieh ist mehr Indianer als Weißer – und ich denke, er soll bald genug hängen für seinen Schleichhandel mit den roten Hallunken!«

Diese letzte in den Bart gemurmelte Apostrophe, in welcher David seiner eigenen Handlungsweise das schlimmste Prognostikon stellte, wurde von Takannah und Watungo überhört oder unbeachtet gelassen, die vielmehr mit einer der indianischen Würde starken Eintrag tuenden Hast nach einem sorgfältig zusammengerollten Zettel griffen, den Morris zögernd und scheue Blicke umherwerfend in die Hand des Häuptlings gleiten ließ. Er kannte die indianischen Sitten und die Zuverlässigkeit, mit welcher jeder einmal abgeschlossene Kauf- oder Dienstvertrag von den Eingeborenen beobachtet wurde, gut genug, um nicht vor der Überzeugung zu erröten, dass er in diesem Augenblick ein schuldloses Weib verraten und das Lebensglück seines Sohnes zertrümmert habe. Ein beängstigendes Gefühl, an welchem Scham und Gewissensbisse den meisten Anteil haben mochten, hielt ihn ab, auch nur mit einem Wort nach dem Plan zu fragen, den Takannah befolgen werde oder seinerseits Andeutungen über die Ausführung des Raubes zu geben.

»Bedenkt, dass wir morgen hinter den Palisaden von Fort Wayne lagern!« Dies war die einzige Hindeutung auf ein schleuniges Inswerksetzen des Besprochenen, womit er von den Indianern Abschied nahm. Rasch, ohne sich umzublicken, schritt er dem Lagerplatz zu, während Takannah und Watungo sich schweigend in dem Dunkel des Waldes verloren.

 

*

 

Die kurze Abenddämmerung, welche jene Gegenden bereits mit den südlicher gelegenen Landstrichen gemein haben, war bereits zur Nacht geworden, die finsterer als gewöhnlich hereinzubrechen drohte, da trübes Regengewölk den größten Teil des Himmels umzog und nur hier und da einen vereinzelten Stern erblicken ließ. Lustig flammte das Feuer empor und warf, vom Wind bewegt, sein flackerndes Licht auf die im Kreis gelagerte Familie, zu der auch Richard und Edista sich wieder gesellt hatten, während Pompeys schwarzglänzende Haut und rollende Augäpfel nur bisweilen zugleich mit den Ochsen, zwischen denen er sich bequem auf den Boden gestreckt hatte, von der Flamme beleuchtet wurde. Schweigend, wie gewöhnlich, nahm David seinen Platz ein. Als der bescheidene Inhalt des über dem Feuer schwebenden Kessels, gekochter Mais und ein wenig würfelförmig geschnittener Speck, ausgeteilt und verzehrt war, griff der Alte nach seiner Bibel, während die Übrigen im flüsternden, allmählich verstummenden Gespräch der Stunde des Schlafes entgegen harrten. Seit die beiden Indianer die Führung der Reisenden übernommen hatten, war man im Gefühl der Sicherheit, welche das rastlose Umherspähen und die unermüdliche Wachsamkeit derselben gewährte, wegen eines Überfalles weniger besorgt und glaubte sich ohne den Vorwurf sträflicher Nachlässigkeit der nötigen Ruhe hingeben zu dürfen. Obwohl das häufige Erscheinen einzelner Indianertrupps, die im vollen Kriegsschmuck einherschreitend, sich nach einigen leise mit Takannah gewechselten Worten stets so schweigend, wie sie aufgetaucht waren, wieder in der Tiefe des Waldes verloren, anfangs einiges Misstrauen über die Gesinnung und Absicht dieser geheimnisvollen Bedeckung erregte, so waren die Auswanderer allmählich gerade durch dies ungefährdete Passieren so bedrohlicher Streitkräfte in dem Vertrauen auf die Gewissenhaftigkeit und Autorität des Häuptlings nur umso mehr bestärkt worden.

Desto größer war die Überraschung und umso schneller sprang alles empor, als etwa eine Stunde vor Mitternacht ein donnerndes Holla! Hoiho! die Schläfer aufschreckte und sie sich von einem Kreis bewaffneter Männer, wenigstens ein Dutzend an der Zahl, umgeben sahen. Instinktmäßig flogen die Büchsen der Auswanderer an die Wangen, senken aber ebenso schnell mit dem Gefühl ungemeiner Befriedigung herab, als sie bei dem verglimmenden Schein des Feuers die wettergebräunten Gesichter und einfachen Uniformen regulärer Soldaten erblickten, deren Anführer, ein kurzer, derber Geselle, sich an dem Schrecken der Erwachenden höchlichst zu ergötzen schien.

»Holla! Hoiho!«, fuhr der gutgelaunte Korporal zu schreien fort, »die Schädelhäute scheinen billig im Preis zu stehen, dort, wo Ihr herkommt. Schade, dass wir keine Cherokee und Kommandant Murchinson kein Takannah ist, wir hätten morgen eine hübsche Skalpsammlung nach Fort Wayne bringen können. Auf, Leutchen! Ihr seid hier nicht in Boston und nicht einmal in Mutter Coiwaddles Löwentaverne in Nashville, dass Ihr so unbesorgt schnarcht, als gäbe es keine roten Halsabschneider fünfzig Meilen in der Runde!«

Es bedurfte nur des Austausches weniger Worte, um die Besorgnisse der Auswanderer in ein Gefühl lebhaften Vergnügens zu verwandeln, für welches allein der alte David unzugänglich schien, der mit unverhehltem Missvergnügen, ja mit einer Art stillen Ingrimms die willkommene Begegnung aufnahm. Richard fühlte einen Stein vom Herzen fallen, als er erfuhr, dass die kleine Militärabteilung im Begriff stand, nach Fort Wayne zurückzukehren, von wo sie behufs einer größeren Rekognoszierung ausmarschiert war, veranlasst durch wiederholte Gerüchte feindseliger Bewegungen unter den Indianern. Korporal Jiggins gab eine genaue, reichlich mit technischen Ausdrücken gespickte Relation seines Zuges über Reynoldsburg, Nashville und den Harpeth River hinab. Nachdem er sodann ein paar Posten ausgestellt und die übrigen Söhne des Mars sich zu der Familie um das mit frischem Holz genährte, hoch aufflammende Feuer gelagert hatten, wurde die Gemütlichkeit nicht wenig durch das Erscheinen einer ledernen Flasche voll duftenden Genevers erhöht, die freilich trotz der freundlichsten Nötigung von dem finster hinbrütenden David störrisch zurückgewiesen wurde. Als des Korporals Jiggins kleine blinzelnde Augen die Anwesenheit einer Dame entdeckt hatten, nahmen seine Züge einen höchst liebenswürdigen Ausdruck an. Während die eine Hand ein paar mächtige, durch den beschwerlichen Marsch in Unordnung geratene Seitenlocken glättete, schüttelte er mit der anderen Edistas Rechte mit der selbstbewussten Miene eines ritterlichen Freundes und allmächtigen Protektors.

»Wunderbar, Ma’am, höchst wunderbar, ein so zartes Geschöpf mitten im Busch zu sehen«, sagte er und blickte dabei auf Richard, als erwarte er von diesem, in dem sein militärischer Scharfblick sogleich den Gatten oder Liebhaber Edistas erkannt hatte, eine Erklärung des wunderbaren Umstandes.

»In Zeiten wie diese, wo Krieg und Frieden einander so ähnlich sehen wie eine Muskete der anderen, möchte ich weder Frau noch Tochter, wenn ich dergleichen hätte, weiter als einen Büchsenschuss von Fort Wayne wissen.«

»Desto besser, dass wir uns nunmehr sicher fühlen dürfen!«, versetzte Edista lächelnd. »Ich hoffe, Ihr werdet uns morgen Eure Begleitung nicht versagen. Wollte Gott, wir hätten uns Ihrer eher erfreuen dürfen.«

Der traurige Ton in Edistas letzten Worten erregte bei dem galanten Korporal, der sich in Beteuerungen seiner Bereitwilligkeit, als Sauve-garde zu dienen, erschöpfte, die verzeihliche Begierde, etwas Näheres von den Schicksalen seiner Schutzbefohlenen zu vernehmen. Richard konnte nicht umhin, diesen Wunsch durch eine kurze Schilderung des Überfalles am Tennessee einigermaßen zu befriedigen, obwohl ihn das eigentümliche Gebaren seines Vaters, der in der lebhaftesten Unruhe bald aufstand und eine Strecke zum Wald hin schritt, dann wieder zurückkehrte und Blicke voll Hass und brennender Ungeduld auf die Soldaten schleuderte, nicht wenig störte und befremdete. Zuletzt schien der Alte den Anblick des traulichen Kreises nicht mehr ertragen zu können. Seine Wolldecke aufnehmend und ohne jemand eines Blickes zu würdigen, zog er sich zum Wagen zurück und warf sich, nachdem er noch einmal lange und scharf in die dunkle Nacht hinausgespäht hatte, mit einem dumpfen, konvulsivischen Stöhnen auf den Boden. Bald darauf schien er im festen Schlaf zu liegen.

Mitternacht war vorüber. Korporal Jiggins ließ die Posten ablösen. Da er sah, dass das Bedürfnis nach Ruhe allgemein geteilt wurde, er auch durch geschickte und ungeschickte Fragen und Schlussfolgerungen einen ziemlich befriedigenden Blick in die Verhältnisse der Auswanderer erlangt zu haben glaubte, so krönte er nun sein gentleman’sches Benehmen, indem er Edista, die zu frösteln begann, mit Richard zum Wagen begleitete und unter anmutigem Hutschwenken zum zwanzigsten Mal die Versicherung wiederholte, sie dürfe so ruhig schlafen wie im Schloss des englischen Königs zu London. Richard nahm mit einem schweigenden Händedruck von der Geliebten Abschied. In beider Zügen malte sich die Hoffnung einer beglückten Zukunft, der sie nun, wo die beschlossene Trennung von dem finsteren Morris und das Erreichen der östlichen Kolonien in naher Aussicht stand, sich mit begründeterem Recht hingeben durften als jemals.

Wieder war eine Stunde verflossen und der eintönige Ruf der Schildwachen erweckte Richard aus einem unerquicklichen, von ängstlichen Träumen gestörten Schlummer. Sein erster Blick richtete sich zu dem Wagen, der sein teuerstes Kleinod umschloss. Da er Davids und Pompeys dunkle Gestalten noch in derselben Lage und augenscheinlich im tiefen Schlaf erblickte, auch zugleich den festen, taktmäßigen Schritt der Wache vernahm, war er im Begriff, wieder die Augen zu schließen und weiter zu schlummern. Da deuchte es ihm, als vernehme er ein leises, ganz eigentümliches Knacken und Knistern, welches unmittelbar aus der Tiefe des Erdbodens zu kommen schien. Eine Zeitlang horchte er, das Ohr auf den Boden gedrückt, dem seltsamen Geräusch, das er endlich nicht länger einer Sinnestäuschung zuschreiben konnte, denn ein kurzer, dumpfer Knall, ungefähr wie das plötzliche Bersten eines starken Baumstammes, machte jeder Ungewissheit umso mehr ein Ende, als zugleich ein Alarmschuss und der laute Ruf der Wachen die Schläfer im Nu emporspringen ließen und das ganze Lager in Bewegung brachten.

»Die Pest über die Teufelskinder!«, schrie Korporal Jiggins, mit einer Hand das Schwert ergreifend, mit der anderen Richard am Arm fassend und den Vorposten zustürzend. »Ich denke, Ihr werdet Euch als Freiwilliger meinen Truppen anschließen, Mr. Morris, wäre es auch nur um der Dame Willen, der kein Haar gekrümmt werden soll, und wenn ganz Indien heranzöge. He, Collin! Scrubb! Wo ist der Feind? Bei Jingo! Seit wann geht die Sonne im Westen auf?«

Dieser letzte Ausruf des wackeren Korporals, dessen Fuß plötzlich vor Bestürzung im Boden wurzelte, während seine Leute, durch die Söhne Morris verstärkt, sich so ruhig wie auf dem Exerzierplatz in Reih und Glied formierten, wurde durch ein seltsames und unheildrohendes Phänomen hervorgerufen. Gerade vor ihnen, in der Richtung nach Westen, erschien ein hellroter Streif über den Baumwipfeln. Zwischen den Stämmen leuchteten zuckende Flämmchen auf, als tanze eine Schar Irrlichter in dem dichten Unterholz umher. Nun dehnten sie sich aus, weiter und weiter, eine weißliche, schwere Rauchwolke schwebte langsam nach oben, und im nächsten Augenblicke rollte ein Meer von Flammen, heulend, prasselnd, alles um sich her mit gieriger Wut erfassend, den bestürzten Reisenden entgegen.

»Mord und Tod! Sie haben den Wald angezündet!«, schrie Korporal Jiggins und schüttelte grimmig das Schwert gegen das heranwogende Feuer. »Ruhig! Fest geschlossen, Leutchen! Wenn wir uns zerstreuen, werden sie über uns herfallen, wie losgelassene Teufel. Noch ist keine Gefahr. Wir können nach drei Seiten zurück und ich begreife überhaupt nicht, wozu …«

Jeder Zweifel über die Absicht, welche der Feind beim Anzünden des Waldes geleitet haben konnte, schien nun durch ein lang anhaltendes Geschrei, welches zu beiden Seiten der Feuersbrunst aus den Rauchwolken zu dringen schien, gehoben zu werden. Man musste eines doppelten Angriffs gewärtig sein. Da man über die Anzahl der Gegner nicht die geringste Vermutung hegen konnte, wendete sich Jiggins an Richard mit der Weisung, mit der Hälfte der Mannschaft sich zum Mittelpunkt des Lagers zurückzuziehen, um für den Fall eines Angriffs als Reserve und Stützpunkt zu dienen.

»Ich denke, diese Illumination, die mit dem Verzehren des dürren Unterholzes bald genug zu Ende sein wird, ist nichts als eine Kriegslist, um uns aus dem Freien in die Büsche zu locken«, sagte der Korporal. »Es war sichtlich mehr auf Euch und Euren Wagen abgesehen, den die Burschen gern geplündert hätten, als auf einen ernstlichen Strauß mit regulärem Militär.«

Morris warf einen prüfenden Blick zum Wagen, der, so viel der Rauch erkennen ließ, unberührt an seinem alten Platz stand, und war im Begriff, sich mit seinem kleinen Kommando von Jiggins zu trennen, als er plötzlich vor Schreck gleichsam versteinerte, denn es schien ihm, als flattere die Decke des Wagens, die er selbst stets mit der äußersten Sorgfalt zu befestigen pflegte, leise im Nachtwind. Zugleich erspähte sein durch die Angst geschärftes Auge einen dunklen Körper, der sich zwischen den Rädern umherwälzte, als sei er seiner freien Bewegung beraubt. Mehr bedurfte es nicht, um Richard alles um sich her vergessen zu lassen und, ohne auf die Donnerstimme des Korporals zu hören, im geflügelten Lauf zu dem Platz hinzueilen, dessen tiefe Schatten ein neues und zwar das schlimmste Unglück zu enthüllen bestimmt waren. In zwei Minuten war er am Wagen und ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf die Gestalt des alten Morris zu werfen, der mit gebundenen Händen und Füßen und einen Knebel im Mund auf dem Rasen umherrollte, schob er mit verzweifelter Hast die Decke zurück. Ach, vergebens irrte sein brennendes Auge in dem engen Behältnis umher – es war leer! Edista war verschwunden, geraubt von den Indianern, deren Kriegsgeheul inzwischen verstummt war, während auch der Waldbrand allmählich zu verlöschen begann.

Im ersten Moment war Morris von diesem neuen Schlag völlig betäubt. Eine Wolke schwebte vor seinen Augen und die Beine drohten zusammenzubrechen. Seine Einbildungskraft malte ihm die furchtbarsten Bilder; er sah die Frau seines Herzens von rauen Fäusten durch die unwegsame Wildnis fortgerissen, er hörte sie in Todesangst verglich seinen Namen rufen, während das Mordbeil der grimmen Räuber über ihrem Haupt schwebte. Er glaubte wahnsinnig werden zu müssen und erst das Hinzueilen seiner Gefährten, die mit Schrecken und Erstaunen den mit unbegreiflicher Schnelligkeit und List ausgeführten Raub entdeckt hatten, rief ihn wieder zum Leben, zum Bewusstsein seines Unglücks zurück. Mit erloschenen Blicken sah er zu, wie sein Vater losgebunden und vom Boden aufgehoben wurde. Wie aus einer weiten Ferne drang die Stimme Davids zu seinen Ohren, der mit wenig Worten und unsteten Blicken die Fragen und Ausrufungen beantwortete, mit denen man ihn bestürmte. Seinem Bericht nach war er, durch den Alarm geweckt, im Begriff gewesen, der erschreckten Edista aus dem Wagen zu helfen, als beide sich urplötzlich von einer Schar Indianer umringt sahen, die ihn, ehe er noch einen Hilferuf habe ausstoßen können, geknebelt und gebunden hätten, während die ohnmächtige Edista vom Anführer in das Dickicht getragen worden sei. Im Nu sei alles verschwunden gewesen, gleichwohl glaubte Morris, Takannah und Watungo unter den Räubern erkannt zu haben.

Dies war alles, was aus dem Greis herauszubringen war, der, zugleich beschämt und erzürnt über die ihm widerfahrene Behandlung, sich finster zu seinem Platz zurück begab und jede weitere Frage dadurch abschnitt, dass er sich wieder in seine Decke hüllte und zum Schlafen niederlegte. Korporal Jiggins hatte kopfschüttelnd und unter verschiedenen zweifelhaften Hms! und Hos! die wortkarge und lückenhafte Schilderung des Alten angehört und wendete sich nun zu Richard, den er durch einen kräftigen Schlag auf die Schulter aus seiner Betäubung weckte.

»Nun, Mr. Morris!«, sagte er, »das ist allerdings ein mächtiges Unglück, obwohl ich den ganzen Handel noch immer nicht begreife, trotz der wundervollen Geschichte Eures Papas; indessen kalkuliere ich, Ihr solltet den Räubern nachsetzen, die nur einen geringen Vorsprung haben.«

»Ja, ja«, rief Richard mit flammenden Blicken und mit einer Stimme, die bewies, dass er seine volle Energie wiedergefunden hatte, »ich werde den Elenden folgen Tag und Nacht, und wäre es bis an die Ufer des Ozeans! Edista soll frei werden – und ist es zu spät«, setzte er mit krampfhaftem Stöhnen hinzu, »so sei nur der Rache fortan mein elendes Leben gewidmet!«

Dem Impuls seines glühenden Inneren folgend, ergriff Morris die Büchse und stürzte dem Wald zu, als er sich von Jiggins zurückgehalten sah.

»Wäre es nicht besser«, sagte der bedächtige Soldat, »wenn Ihr uns vorerst nach Fort Wayne begleitet? Wie ich den Kommandanten kenne, wird er, trotz seiner geringen Mannschaft, nicht anstehen, Euch ein Piket als Begleitung mitzugeben, vorausgesetzt, dass Ihr wartet, bis …«

»Warten? Könnt Ihr von Warten reden, während meine Frau von diesen Teufeln der Gefangenschaft, der Schmach, vielleicht dem Tod entgegengeschleppt wird? Jede verlorene Minute ist ein Verbrechen, größer als das der elenden Verräter, die sie entführt. Mein war die Pflicht, sie zu schützen, meine Pflicht ist es auch, für meine Blindheit zu büßen oder sie zu sühnen!«

»Jedenfalls werdet Ihr die Hilfe Eurer Brüder nicht verschmähen!«, fuhr Jiggins mit einem musternden Blick auf die athletischen Gestalten der Jünglinge fort. »Vier Burschen, wie diese da, mögen genügen, Eure Frau mit List oder Gewalt mitten aus einem Indianerlager herauszuholen.«

Die Blicke der Brüder wendeten sich unschlüssig und fragend zum alten Morris. So bereitwillig sie waren, mit Richard die Verfolgung zu beginnen, so waren sie doch zu sehr an Gehorsam und blinde Unterwürfigkeit gegen das Familienhaupt gewöhnt, um ohne dessen Zustimmung selbst dem Gebot der Pflicht und Bruderliebe zu folgen. Aber David, der nahe genug lag, um dem Auftritt folgen zu können, rührte und regte sich nicht, und Richard, dessen Seele bereits von einem unbestimmten, schrecklichen Verdacht gefoltert wurde, schnitt jede weitere Verhandlung durch eine verächtliche Handbewegung ab, während er, die Büchse im Arm, die Mütze tief in die Stirn drückend, mit düsterem Schweigen in das Dickicht drang.

Schon hatte er, den Tod im Herzen, aber mit eisernen Entschlüssen gerüstet, den Lagerplatz aus dem Blickfeld verloren und war eine Strecke in die Tiefe des Waldes fortgeeilt, auf dessen mächtigen Stämmen das erste Grauen des Tages spielte, als er leise seinen Namen rufen hörte. Rasch sich umwendend, erblickte er Pompey, seinen getreuen Diener, der wie ein Kobold aus der Erde emporstieg und mit einer Miene voll Schrecken und Abscheu zum Lager zurück deutete, während eine gewaltige innere Bewegung ihn jedes Wortes beraubte. Desto heftiger entlud sich Richards Zorn über den armen Schwarzen. »Fort, feiger Hund!«, schrie er den Mann an, »hättest du wenigstens nicht dein elendes Leben an einen Hilferuf für Edista wagen können? Beim Himmel! Ich sollte dir den Schädel zerschmettern dafür, dass du geflohen bist, anstatt auf deinem Posten zu sterben.«

»Pompey mehr getan, Massa!«, flüsterte der gescholtene Diener, während seine Augen ruhelos umherrollten, »Pompey gesehen haben und wissen, warum schlechte Indianer Missus gestohlen!«

»Warum? Was meinst Du …«

»Pompey gut Massa alles sagen und mit ihm gehen und fechten«, setzte der Schwarze mit gesteigerter Hast hinzu, »aber wir erst weit fort sein müssen von alten bösen Großvater, schlimmen alten Mann!

Und damit eilte er in dem eigentümlichen Trab der Neger flink und geschmeidig wie eine Schlange zwischen den Bäumen fort, während Morris, düster wie die Verzweiflung, voll Ungeduld und doch mit bangem Schrecken den seiner harrenden Eröffnungen entgegensetzend, dem getreuen Diener nicht minder rasch in den schweigenden Schoß der Wildnis folgte.

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