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Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

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Ein Ostseepirat Band 1 – Der böse Wind

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman
Erster Band
XVI.

Der böse Wind

Der Major hatte seine letzte Äußerung in einer Weise gemacht, die gar nicht zweifeln ließ, wie willkommen ihm der Besuch des Barons Staelswerd im Grunde genommen war.

Dennoch erhob er sich, demselben entgegen zu gehen, um ihn zu empfangen und zu bewillkommnen.

Staelswerd war zu viel Weltmann, um nicht die Bedeutung dieser scheinbaren Freundlichkeit zu erkennen und errötete, während er sich verbeugte.

»Sturm und Unwetter bringen mir werte Gäste«, sagte dagegen der Major. »Sie sind der Zweite, Herr Baron. Jenen Herren dort darf ich Ihnen wohl nur als den Ersten bezeichnen, Sie werden ihn ohnehin kennen!«

Staelswerd erblasste. Ob dies nun aber infolge der Doppeldeutigkeit geschah, die in der Rede des Majors lag, oder ob der Blick Dyks den Farbwechsel seines Gesichts hervorrief, blieb zweifelhaft.

Denn Dyks große Augen hatten in diesem Moment etwas in sich, was man verzehrendes Feuer nennen könnte. Und seine Stirn zeigte sich so drohend, dass sie wirklich ein furchtbares Aussehen hatte.

Doch diese Zeichen der Bewegungen im Inneren Dyks schwanden schnell. Er erhob sich, verbeugte sich leicht und blieb stehen, als Staelswerd seine Begrüßung nicht erwiderte, sondern sich dem Major zuwendete.

»Ich muss um Verzeihung bitten, Herr Major, dass ich hier erscheine!«, sagte er wieder mit vollkommener Sicherheit in der Stimme. »Es wäre mehr als rücksichtslos von mir, wenn es nach dem Vorgefallenen geschähe, ohne dass ich mich mit dem Gebot der Pflicht entschuldigen dürfte!«

Diese Worte, deren Ton zuletzt kalt und scharf wurde, machte einen bedenkenden Eindruck auf alle Glieder der Gesellschaft.

Sophie, das muntere unschuldige Kind, sah in demselben nur die gereizte Stimmung des abgewiesenen Werbers um die Hand der älteren Schwester und lächelte still vor sich hin.

Clara fühlte durch den eisigen Ton, welchen der Baron angenommen hatte, ihr Herz unangenehm getroffen. Sie hätte demselben mehr Edelmut zugetraut, als derselbe in diesem Augenblick ihrer Meinung nach an den Tag legte.

Die Mutter fühlte inniges Bedauern mit dem Mann, dessen vornehme Manieren ihm ihre Gunst erworben hatte, und blickte verlegen vor sich nieder.

Der Prediger Huldreich räusperte sich und rückte mit seinem Stuhl. Wahrscheinlich dachte er daran, das Vermittleramt zu übernehmen, welches zwar für seinen Stand jedoch, wie wir bald sehen werden, nicht zu der gegenwärtigen Situation passte.

Dyk allein schien nun vollkommen ruhig zu sein, als gingen ihm eben die gesprochenen Worte nichts an.

Der Major dagegen nahm bei denselben eine ernste Haltung an, denn wenn er auch geneigt war, gegen den Baron Staelswerd alle Rücksichten des Anstandes zu beobachten, so war der Kommandeur einer Kriegsbrigg doch eine zu geringe Person für ihn, wenn derselbe rein geschäftlich oder amtlich mit ihm zu verhandeln hatte.

»Das ist etwas anderes, mein Herr!«, sagte er scharf. »Wünschen Sie vielleicht mit mir in ein anderes Zimmer zu gehen?«

»Nein, Herr Major«, antwortete der Baron, »denn meine Anwesenheit gilt Ihnen nicht direkt. Ich habe an Sie nur die Bitte um Entschuldigung zu richten, wenn ich hier jemand suche, um mit demselben eine kleine Unterhaltung zu führen.«

Der Major machte ein etwas erstauntes Gesicht und blickte zu Dyk hinüber, um dessen Mund sich nun ein leichtes Lächeln zeigte. Der Major verbeugte sich und trat einen Schritt zurück.

»Verzeihung, meine Herrschaften!«, fuhr Staelswerd, sich an die Tischgesellschaft wendend, fort, »ich musste Sie leider stören. Kapitän Dyk, darf ich Sie bitten, mir eine Viertelstunde zu schenken?«

»Ich darf mir natürlich nicht anmaßen«, sagte Dyk spöttisch, »etwas besser zu wissen als der Baron Staelswerd, doch so weit die Sache mich betrifft, bin ich der Ansicht, dass unsere Geschäfte Zeit hätten!«

Staelswerd presste seine Lippen zusammen und zeigte auf verschiedene Weise, dass sein Stolz empfindlich verletzt worden war, doch er fasste sich bald wieder; seine Stimme blieb ruhig.

»Dennoch sollten Sie gerade, mein Herr«, antwortete er, »sich beeilen, das kleine Geschäft zu beenden.«

»Durchaus nicht so sehr!«, entgegnete Dyk, »um dadurch Störung in einer Familie und einer Gesellschaft zu veranlassen, gegen die wir beide Rücksichten zu nehmen haben!«

»Gerade deswegen!«, sagte der Leutnant nun jedoch mit bebender Stimme, »ich tat mehr, als ich tun durfte, wenn ich Sie bat, mir eine Viertelstunde zu schenken!«

»Ich würde Ihnen nicht nur eine Viertel-, sondern sogar eine halbe Stunde mit Vergnügen später geschenkt haben!«, antwortete Dyk, »doch nun keine Viertelminute!«

»Mein Herr!«, rief Staelswerd auffahrend.

Dyk verbeugte sich.

Wenn zwei Leute sich zürnend einander gegenübertreten, so gibt es einen gewissen Höhepunkt, der nicht überstiegen werden darf, ohne dass die Folgen unangenehm, mitunter sogar furchtbar werden.

Dieser war nun jedenfalls von den beiden streitenden Männern erreicht und zu erkennen, dass keiner nachgeben, sondern jeder auf seinem Boden fest stehen werde.

Für die Zeugen dieser Begegnung hatte dieselbe viel Unerklärliches; nur das leuchtete den Männern wenigstens ein, dass sich der Baron auf seine amtliche Stellung, der Kapitän dagegen auf die gewöhnlichen Schicklichkeitsregeln zu stützen schien.

»Einen Augenblick, meine Herren!«, sagte deshalb der Major in der besten Absicht, »sollte es sich um Schmuggel handeln, so bürge ich für den Kapitän; Kapitän Dyk hat sich eben so benommen, dass vielleicht ganz Hiddensee für ihn bürgen dürfte!«

»Jawohl, Herr Baron!«, fiel der Prediger ein. »Gottes Gnade hat den braven Kapitän wiederum zu seinem Werkzeug gemacht, das Gute zu vollbringen – seine Hand ist sichtbar auf ihm!«

»Ich danke!«, sagte Dyk in scherzhaftem Ton. »Ein Diener des Herrn kann keine Unwahrheit sagen!«

Staelswerd kämpfte inzwischen unbedingt einen harten Kampf mit sich selbst. Seine finstere Stirn, sein bleiches Gesicht und seine zusammengekniffenen Lippen deuteten dies an.

»Meine Herrn, ich bitte Sie zu glauben!«, sagte er, »dass ich eben darauf Rücksicht genommen habe. Doch jede Rücksicht hört auf, wenn Herr Dyk sich länger weigert, mir zu folgen!«

»Ich weigere mich!«, sagte Dyk kalt.

In diesem Augenblick und gerade, als der Baron den Mund öffnete, krachte ein Kanonenschuss, dann ein zweiter, ein dritter und endlich eine ganze Salve.

Man fuhr auf; nur Dyk blieb sitzen und blickte den Baron mit einem eigentümlichen Ausdruck seines Auges an.

»Das haben Sie nicht erwartet?«, fragte er ruhig. »Ich dächte, damit könnte alles abgemacht sein!«

Doch der Baron, welcher sich schnell von seiner Überraschung erholte, warf den Kopf stolz empor.

»Sie irren!«, sagte er bestimmt. »Ich bin Offizier im Dienst meines Staates und Vaterlandes – Peter Jacobson, ich verhafte Euch im Namen des Reichsrates und Gesetzes wegen Schmuggel, Spionage, Diebstahl, Raub und Piraterie!«

Der Baron war bei diesen letzten Worten näher getreten und hatte seine Hand auf die Schulter des Kapitäns gelegt.

Wenn plötzlich eins der Geschosse, welche draußen gewechselt wurden, durch die Decke des Zimmers unter die Gesellschaft gefallen wäre, so hätte die Wirkung dieses Ereignisses nicht ärger sein können als diejenige, welche die Worte des Barons hervorriefen.

Peter Jacobson war schon seit fast einem halben Jahrhundert ein gefürchteter Name, und wenn die Gegend auch nie der eigentliche Schauplatz seiner Taten gewesen war, so war der Ruf derselben doch ziemlich laut bis in diesen Winkel gedrungen.

Die Frauen sahen daher mit Schreck, der Pastor mit Entsetzen und der Major wenigstens mit so großem Staunen auf den Kapitän, dass er mit geöffnetem Mund starr dastand.

Draußen donnerte indessen das Geschütz der offenbar kämpfenden Schiffe weiter fort, und die Situation der Gesellschaft war nun wirklich eine unangenehme geworden.

»Das ist viel auf einmal!«, sagte Dyk vollkommen ruhig. »Und deshalb auch eigentlich zu viel!«

»Es ist ja gar nicht möglich!«, rief der Major endlich aus. »Der Kapitän ist ja noch ein junger Mann!«

»Ganz recht!«, erwiderte Staelswerd. »Was der Vater begonnen hatte, setzt der Sohn fort!«

Das war allerdings mehr, als man zu hören erwarten konnte und, ob nur aus diesem Grund oder weil der Schreck erst jetzt vollkommen wirkte, laut aufschreiend sank Clara abermals ohnmächtig zusammen.

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