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Schauernovellen 8 – Die neue Griseldis 9

Ferdinand Kleophas
Schauernovellen Band 2
Verlag Franz Peter, Leipzig 1843

Die neue Griseldis
9. Kapitel

Letzter und Hauptschauer

Schriebe oder dichtete ich ein Epos, gleichviel, ob ernst, ob komisch, ich würde hier nichts Besseres tun können, als die Musen, Apollo und einige andere heidnische Gottheiten in aller Form anzurufen, damit ich das Schwerste von allem glücklich vollbrächte, nämlich das Ganze mit einem recht anständigen Schluss und Knalleffekt krönte.

Sechs Wochen waren vergangen und mein kleiner Stiefsohn lachte an dem blühenden Busen der Mutter ganz mit meinem Lachen. »Nicht ähnlicher könnte dir dieses Kind sein, wenn es dein leibliches wäre«, sagte dann oft die glückliche Mutter und küsste den kleinen Ferdinand, während der große Ferdinand die hold errötende Wange der Verschämten mit Küssen bedeckte.

Felicie war eine liebende Braut und ich war glücklich an ihrer Seite. Für die Umgebung war ich ihr Bruder. Doch die Männer sind begehrliche Geschöpfe. Ich brannte vor Ungeduld, Felicie an den Altar zu führen. Das durfte nun nicht in der Badestadt geschehen, wo mein kleiner Stiefsohn für einen posthumus galt. Ich drängte Felicie, den Wohnsitz zu wechseln. Siehe, da kam noch eine Bedingung! Ich lächelte, als Felicie mir versprach, mir sogleich zum Altar zu folgen, wenn …

»Wenn?«, fragte ich. »Teure Felicie, wirst du nicht noch ein Wenn und ein Aber einwenden, wenn wir Hymens Tempel betreten.«

Felicie errötete und sagte nach einer kleinen Pause: »Dieses einzige letzte Wenn erfülle mir noch, teurer Ferdinand. Es dient zu meiner und deiner Ruhe; zu unserer ehelichen Glückseligkeit. Veranlasse den Baron D., der, nachdem ich mich ihm als Braut ergeben habe, mich verschmäht, den Grund anzuführen, warum er treulos gehandelt hatte.«

Ich machte Einwendungen, beteuerte Felicie, dass sie mir ewig teuer sein werde, dass nichts mir ihre reinen Gesinnungen verdächtigen könne, aber sie bat und küsste das Ja gar bald von meinem Mund.

Felicie tat Unrecht, in meinem Herzen gewaltsam den Gedanken zu erwecken, dass sie einen anderen schon mit ihrer höchsten Gunst beglückt habe; aber mein Vertrauen war stark genug, dass sich diesem wohl etwas peinlichen Gedanken auch nicht der geringste Zweifel an ihrer Tugend beimischte. Sie hatte gesündigt, was tausend Bräute sündigen, wenn der Altar nahe genug ist, um die Schwachheit eines verliebten Momentes mit christlichem Mantel zu bedecken. Sie hatte ihre Liebe rein und geläutert auf mich übergetragen, auf mich, der ich nichts weniger als ein Tugendheld gewesen war.

Der Zufall begünstigt oft unsere grillenhaftesten Wünsche. Baron D. hatte mir seit seiner Abreise nach Wien nicht wieder geschrieben. An dem Tag, wo Felicies Wunsch mir die Aufgabe stellte, seinen Aufenthalt zu ermitteln, um ihn zu einer Erklärung zu veranlassen, empfing ich nachstehenden Brief von ihm:

Mein lieber Doktor,

ich suche Sie überall und finde Sie nirgends, weil Sie an einem obskuren Badeort in den Armen der Liebe liegen. Ha, ha! Und in welchen Armen, Doktor, Sie sind bei Gott zum Dichter geboren, denn Ihre Fantasie scheint stark genug zu sein, einem weiblichen Wesen Tugend anzudichten, welche fähig war, einen liebenden Bräutigam vierzehn Tage vor der Hochzeit auf das Schändlichste zu hintergehen.
Ha, ha! Wird Ihr Doktormantel weit genug sein, das zu bedecken, was ich der Welt enthüllen könnte?

Grüßen Sie Ihren Engel von Ihrem Freund
Fr. v. D.

Ich hatte mit steigendem Schrecken, mit Erblassen und Zittern das höhnende Billett zu Ende gelesen, das mir meinen Himmel und meinen Engel raubte. Felicie hatte mich beobachtet. Ich konnte und wollte ihr den Inhalt des Briefes nicht verhehlen und ließ es geschehen, dass sie den Brief aus meinen Händen nahm und las. Als sie gelesen hatte, knitterte sie konvulsivisch das Papier zusammen und sprach mit Seele und Leben durchschneidendem Ton, während sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte: »Sie sind frei.« Dann sank die hohe, schöne Frau auf das Sofa, bedeckte ihr blasses Gesicht mit ihren Händen und rief: »Elender, war es dir nicht genug, den Frieden, die Unschuld meines Herzens zu rauben. Musst du mich mit ewiger Schmach bedecken?«

Sie weinte; das Übermaß des Schmerzes hatte ihren stolzen Gleichmut gebrochen.

Ich war vor ihr auf die Knie gesunken und versicherte ihr mit tausend Schwüren, dass nichts mir den Glauben an ihre Unschuld rauben könnte. Sie hörte mich nicht.

Da öffnete sich die Thür; ich sprang auf. Ein Kellner meldet den Baron D.

»Baron D.?«, riefen wir beide mit Entsetzen, Felicie, die ihr tränenfeuchtes Antlitz emporhob und ich.

»Er wünscht, Sie allein zu sprechen, Herr Doktor«, fügte der Kellner hinzu.

Ich wollte hinauseilen.

»Bleiben Sie, Ferdinand; diese letzte Gnade erflehe ich von Ihnen. Lassen Sie ihn hierher kommen.« Die letzten Worte sagte Felicie zum Kellner, und dieser verließ das Zimmer.

Baron D. trat ein, blieb aber auf der Schwelle der Tür stehen. Sein Brief lag auf dem Boden. Er konnte ahnen, was vorgegangen war.

»Ich glaubte, Sie allein zu treffen, Herr Doktor«, hob er endlich an.

»Vielleicht um desto ungestörter Ihr Opfer von Neuem zu zerfleischen?«, fragte Felicie mit bitterem Ton.

»Nicht doch, gnädiges Fräulein oder Frau«, verbesserte er mit einem höhnenden Blick auf das schlafende Kind in der Wiege, »es könnte eine Unterredung mit dem Herrn Doktor vielleicht dazu dienen, das nicht ein zweites Herz durch Sie gebrochen werde.«

»Das Ihrige brach wohl, als Sie den heroischen Entschluss fassten, mich, nachdem ich Ihnen der Liebe höchste Gunst gewährte, schmachvoll zu verlassen?«

»Wenn Sie mir ein so schönes Geschenk zudachten«, höhnte der Baron, »so bedaure ich unendlich, es nicht empfangen zu haben.«

»Herr, lästern Sie sich nicht selbst; denken Sie an jenen Abend, wo Sie nach einem kleinen Zwist mit mir aus dem Theater nach Hause fuhren.«

»Fürwahr, ich erinnere mich desselben nicht«, entgegnete der Baron.

»Man hatte Griseldis gegeben; ich traf Sie in der äußeren Galerie vor den Parterrelogen. Sie bestellten einen Wagen, wir fuhren zusammen vor meine Wohnung, Sie sprachen wenig oder gar nicht, aber Ihre Küsse versicherten mir, dass Sie mir verziehen hatten und …«

»Und ich versichere Sie, dass ich an jenem Abend weit entfernt war, zu küssen und wieder geküsst zu werden. Ich lag im Duell verwundet in einem nahen Dorf und dachte an Sie, für deren Namen ich mich geschlagen habe. Ich erlitt also an diesem Tag eine zweimalige Niederlage, wovon ich mir wenigstens die im Duell hätte ersparen können«, erwiderte immer bitterer der gereizte Baron.

»Theodor«, rief nun verzweiflungsvoll Felicie und ich erstarrte bei Nennung dieses Namens. »Theodor, um Ihrer einstigen Seligkeit willen, gestehen Sie, dass Sie an jenem Abend sich mit mir ins Haus drängten, dass ich Sie beschwor, kein lautes Wort zu reden, dass Sie mir auf mein Zimmer folgten, dass Sie mich hinderten, Licht zu machen, und dass ich Ihrem Wunsch geneigt war, weil ich an unsere nahe Verbindung dachte. Der Ring, den ich Ihnen noch in jener Nacht schenkte, muss Sie an alles erinnern.«

Bei diesen Worten überdeckte tiefe Schamröte Felicies schönes Antlitz, aber der Baron beachtete es nicht und schonungslos antwortete er: »Dass Sie mich für den Räuber Ihrer Unschuld halten, kann mich nicht aus der Fassung bringen, als dass es nunmehr scheinen könnte, als wolle ich den geschenkten Ring verleugnen und mich eines Ringdiebstahles schuldig machen.«

»Viper!«, kreischte Felicie und klammerte sich an die Wiege des erwachenden Kindes. Wir sahen beide hin; ich erkannte deutlicher als je die Züge meines Gesichtes in dem unschuldigen Antlitz des Säuglings.

Der Baron sagte: »Doktor, wenn ich nicht wüsste, dass Sie zu jener Zeit in Paris gewesen, dieses Kind könnte wider Sie zeugen und mich veranlassen, Genugtuung zu fordern.«

»Fordern Sie Genugtuung, ich gebe Sie Ihnen. Aber verkennen Sie jene unglückliche Getäuschte nicht. Hören Sie, als Ihnen Felicie nach jener Nacht geschrieben hatte, dass Sie durch eine schnelle Verbindung den möglichen Folgen Ihrer Liebe vorbeugen möchten und Sie Felicie deshalb verließen, weil Sie dieselbe für untreu halten mussten, war ich es gewesen, der Felicies Irrtum, der die Nacht, die Gelegenheit, die reuige Stimmung Ihrer Geliebten benutzte und Vater jenes Kindes wurde. Ihnen Baron, gebe ich jede Genugtuung, die Sie nur verlangen, aber Sie Felicie, werden Sie den Vater Ihres Kindes verdammen?«

Ich war bei diesen Worten zu ihren Füßen gesunken und reichte ihr den Ring. Sie starrte mich sprachlos an, dann nahm sie den Ring, nahm das lallende Kind aus der Wiege und ging, eine zweite Griseldis, an mir vorüber mit den Worten: »Wer so handeln konnte an eines fremden Mannes Braut, verdient selbst die Hand einer Schmachbedeckten nicht.«

Sie ging in das Nebenzimmer und schloss sich ein. Ich folgte dem Baron in den nahen Park. Er hatte den ersten Schuss und traf. Ich wurde verwundet hinweggetragen, während er mit raschen Pferden fernen Gegenden zueilte.

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