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Der Stern der Anthold – Band 1.2.

Adolph Streckfuß
Der Stern der Anthold
Band 1
Kriminalroman aus dem Jahr 1883

2.

Trotz der Verständigung, die auf Grund des gegenseitigen Versprechens scheinbar zwischen Vater und Sohn zu Stande gekommen war, blieb doch in beiden eine Verstimmung zurück, die sich nicht wieder beseitigen ließ.

Der Baron Anthold war für seinen ältesten Sohn niemals ein liebevoller Vater gewesen. Der scheue, unschöne Knabe, der seiner verstorbenen Mutter sehr ähnlich sah, hatte in ihm stets die Erinnerung an diese erweckt, eine unliebsame Erinnerung, denn der Baron hatte seine erste Frau fast verabscheut. Dem Willen des strengen Vaters gehorsam, hatte er das hässliche Fräulein geheiratet, um sich mit einem der vornehmsten Adelsgeschlechter des Landes zu verbinden. Er hatte einer Herzensneigung entsagen müssen, dafür war ihm die aufgedrungene Gemahlin im Grund der Seele verhasst. Er hatte einige Jahre mit ihr in der unglücklichsten Ehe gelebt. Die Geburt eines Sohnes hatte den häuslichen Frieden nicht herzustellen vermocht, und selbst nach dem Tod der unglücklichen Frau vermochte der Baron seine Abneigung gegen dieselbe nicht zu verwinden.

Diese Abneigung gegen die Mutter übertrug sich auf den Sohn, der an Körper und Geist das kindliche Ebenbild der früh Gestorbenen war. Wenn das Kind den Vater mit den dunklen Augen so ernst und sinnig, mit einem fast finsteren Blick betrachtete, meinte der Baron, die verstorbene Mutter schaue ihn aus des Kindes Augen an. Derselbe vorwurfsvolle, finstere Blick hatte bei den häuslichen Zwistigkeiten so häufig auf ihm geruht. Er mochte den Knaben nicht um sich dulden, er überließ ihn der Erziehung einer alten Kinderfrau. Nie hatte er ein freundliches Wort für das hässliche, unliebenswürdige Kind. Wenn er dasselbe je einer Beachtung würdigte, geschah es nur, um es wegen irgendeiner ihm gemeldeten Unart zu strafen. Die Kluft zwischen Vater und Sohn wurde noch tiefer, als der Baron sich bald nach dem Tod seines Vaters wieder verheiratete. Er konnte nun frei seiner Neigung folgen, die er gewaltsam hatte unterdrücken müssen. Seine Exzellenz, der wirkliche Geheimrat Baron von Anthold, der herzlose, strenge Aristokrat, würde es nie geduldet haben, dass einer seiner Söhne ein bürgerliches Mädchen heirate, und die Söhne fühlten eine so große Furcht vor dem Vater, dass sie gar nicht wagten, ihm ungehorsam zu sein. Nach seinem Tod aber waren sie frei, Baron Robert kehrte zu seiner ersten Liebe zurück. Johanna Söchting, die schöne Tochter des reichen Fabrikanten, war ihm treu geblieben. Sie hatte zahlreiche Heiratsanträge zurückgewiesen, freudig folgte sie ihm als Gattin nach Schloss Warnitz.

Wie dem eigenen Vater war Hermann der Stiefmutter eine stets widerliche Erinnerung an seine verstorbene Mutter. Der Hass, den Johanna Söchting gegen die beneidete Nebenbuhlerin gehegt hatte, vererbte sich auf den Knaben und dieser Hass erhöhte sich, je mehr Hermann heranwuchs.

Die tiefe Abneigung, welche die Baronin gegen ihren Stiefsohn fühlte, schien einer gewissen Berechtigung nicht zu entbehren, zeigte doch auch ihr der hässliche, störrische Knabe stets offen und rücksichtslos, dass sie ihm weder Liebe noch Achtung einflöße. Er vergalt Hass mit Hass. Auch durch die strengste Strafe konnte es der Baron nicht dahin bringen, dass Hermann je der Stiefmutter ein freundliches Wort gegönnt hätte. Widerwillig befolgte der Knabe die ihm erteilten Befehle, es war eine Pflicht, die er erfüllte, wie jede andere. Der Pfarrer hatte ihm gelehrt, dass Gehorsam gegen die Eltern Sohnespflicht sei. Er gehorchte daher, aber zur Liebe konnte er sich nicht zwingen, weder gegen den Vater noch gegen die Stiefmutter, und zu heucheln vermochte er nicht. Er gab sich, wie er war, ohne jede Rücksicht zeigte er seine tiefe Abneigung gegen die schöne Frau, die daran gewöhnt war, dass alle Welt ihrer Schönheit huldigte.

Der Baron machte niemals einen Versuch, seinen ältesten Sohn durch Liebe an sich heranzuziehen und das böse Verhältnis zwischen demselben und der Stiefmutter zu einem freundlichen zu gestalten. Er war zu schwach im Charakter, um die Abneigung, welche er selbst gegen den Knaben fühlte, besiegen zu können. Je weniger er vom Sohn sah und hörte, je lieber war es ihm. Er überließ dessen Erziehung ganz dem alten Dorfprediger, dem er den ersten Unterricht übertragen hatte.

So führte Hermann im väterlichen Schloss als Knabe ein trauriges, freudloses Leben, bei welchem sein Gemüt sich mehr und mehr verfinsterte. Er war störrisch und unliebenswürdig, ein scheues, unangenehmes, hässliches Kind. Und doch lebte in diesem Knaben eine der Liebe bedürftige Seele, doch bewahrte er sich ein tiefes, inniges Gefühl, welches überall da zum Durchbruch kam, wo es nicht künstlich unterdrückt wurde.

Dem alten Pfarrer zeigte Hermann eine tiefe Dankbarkeit, er zollte dem pflichttreuen, milden Lehrer eine innige Verehrung, freudig lernte er. Ohne je zu widerstreben, gehorchte er. Die goldene Lehre des würdigen alten Herrn, sei stets wahr gegen dich selbst und gegen die Welt, befolgte er mit eiserner Konsequenz und Gewissenhaftigkeit.

Dass er auch freundlich, sanft und liebenswürdig sein könne, zeigte er gegen den um fünf Jahre jüngeren Stiefbruder Hans, den verhätschelten Liebling des Vaters und der Mutter. Er fühlte für den schönen Knaben eine rührende, zärtliche Liebe, und Hans erwiderte sie mit vollem Herzen.

Die beiden Brüder waren unzertrennliche Spielgefährten.

Gegen Hans zeigte sich Hermann niemals finster oder eigenwillig, freudig erfüllte er jeden Wunsch, den der jüngere Bruder irgend äußern mochte. Dafür aber verehrte auch Hans seinen Hermann, dem er viel bereitwilliger gehorchte als der Mutter und selbst dem Vater. Wenn er glaubte, dass seinem Hermann ein Unrecht geschehe, konnte der sonst so sanfte und nachgiebige Knabe in heftigen Zorn geraten und nicht selten leistete er der Mutter offenen Widerstand, wenn diese ungerecht gegen Hermann war.

Die Liebe der beiden Knaben zueinander besänftigte den Hass der Baronin gegen den Stiefsohn nicht, sie erhöhte ihn im Gegenteil. Die eitle Frau fühlte sich gekränkt dadurch, dass ihr Liebling eine so zärtliche Zuneigung für den Stiefbruder fühlte. Sie war auf diesen eifersüchtig und sie wusste deshalb ihren schwachen Gatten zu bewegen, dass er den ihr so widerwärtigen Knaben aus Schloss Warnitz entfernte.

Hermann wurde zur Stadt in eine Pension gebracht, um dort das Gymnasium zu besuchen. Die Baronin hoffte durch die Trennung, Hans seinem Bruder zu entfremden, aber sie erhöhte durch dieselbe nur die zärtliche Liebe der beiden Brüder zueinander. Diese Liebe trotzte allen Versuchen, sie zu unterdrücken. Die beiden Knaben schrieben sich die liebevollsten Briefe, und als nun die ersten Ferien kamen und Hermann auf vierzehn Tage nach Schloss Warnitz zurückkehrte, waren sie vollständig unzertrennlich.

Der Baron hätte gern seiner Gattin zum Gefallen Hermann auch während der Ferienzeiten von Schloss Warnitz entfernt gehalten; das aber ging doch nicht an. Vor den Augen der Welt musste die Täuschung aufrechterhalten werden, dass zwischen den Eltern und dem Sohn ein angemessenes Familienverhältnis bestehe. Nicht zu auffällig durfte der ältere Sohn aus erster Ehe gegen den Stiefbruder zurückgesetzt werden. Den Geboten der Schicklichkeit fügte sich auch die Baronin, dafür aber entschädigte sie sich, indem sie Hermann, so viel sie irgend es vermochte, kränkte und peinigte, wenn er nach Schloss Warnitz zum Besuch kam.

Der Baron ließ sie gewähren, er mischte sich nicht in die Zwiste zwischen Stiefmutter und Stiefsohn, er nahm Hermann nicht in Schutz, aber er kränkte ihn auch nicht absichtlich.

Sein früherer Hass gegen den Sohn hatte sich gemildert, er war der Gleichgültigkeit gewichen. Der Baron kümmerte sich um Hermann wenig oder gar nicht. Wie früher der Pfarrer Erdmann, so leitete nun der Gymnasialdirektor Harder, bei welchem Hermann in Pension war, dessen Erziehung ganz selbstständig. Der Baron meinte, seine Pflicht erfüllt zu haben, wenn er die Pension pünktlich zahlte und wenn er gestattete, dass sein Sohn während der Ferienzeit sich in Schloss Warnitz ausruhe, aber Weiteres zu tun, hielt er sich nicht für verpflichtet. Während er für Hans große Summen ausgab, um die besten Lehrer aus der Stadt nach Schloss Warnitz kommen zu lassen, mussten die Zinsen aus dem kleinen Muttererbe Hermanns hinreichen, um für dessen Bedürfnisse zu sorgen. Nur als Hermann die Universität bezog, wurde ihm ein Zuschuss aus der väterlichen Kasse gewährt, damit er als künftiger Diplomat sich seinem Stand gemäß in den höheren Gesellschaftskreisen der Universitätsstadt bewegen könne; aber diese Unterstützung zog der Baron sofort zurück, als Hermann die ihm anbefohlenen Studien aufgab und sich dem Studium der Medizin zuwandte.

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war durch des Letzteren Ungehorsam aufs Neue gelockert worden. Der Baron glaubte sich nun in seinem guten Recht, wenn er den Sohn sich ganz selbst überließ. Er tat dies umso lieber, als seine pekuniären Verhältnisse sich mit jedem Jahr mehr verwickelten und es ihm recht angenehm war, die bisher dem Sohn gewährte Unterstützung zu sparen; aber er löste sich doch nicht ganz von demselben. Zu einem öffentlichen Skandal wollte er es nicht kommen lassen, und nach wie vor brachte Hermann die Ferien auf Schloss Warnitz zu und traf hier mit Hans zusammen, der inzwischen Offizier geworden war und sich stets so einrichtete, dass sein Urlaub mit Hermanns Ferien zusammenfiel.

Der lockere Verband zwischen Hermann und dem Vaterhaus war auch während seiner Reise bestehen geblieben.

Er hatte niemals eine Unterstützung vom Vater verlangt. Die Zinsen seines Kapitals und die Erträge einiger kleinen literarischen Arbeiten, welche Aufnahme in eine größere Zeitung fanden, hatten ihm genügt, um meist zu Fuß weite Reisen machen zu können. Einige Male hatte er diese unterbrochen, um ein paar Monate mit Hans vereint in Schloss Warnitz zu leben, dann aber war er wieder in die Welt hinaus gegangen, um endlich vom Vater aus Italien zurückberufen zu werden.

Es war ihm längst kein Geheimnis gewesen, dass die scheinbar so glänzenden Verhältnisse, in welchen sein Vater lebte, innerlich schwer zerrüttet seien. Er hatte auf seiner Reise sich bemüht, seine landwirtschaftlichen Kenntnisse zu erweitern. Dies war ihm umso leichter gelungen, als er schon als Knabe sich mit Vorliebe der Landwirtschaft angenommen hatte. Gerade weil er seine Freistunden nicht in der Gesellschaft der Eltern zubringen konnte und weil er auf die Gesellschaft der Wirtschaftsinspektoren und der höheren Dienerschaft angewiesen gewesen war, hatte er seine natürliche Erholung darin gefunden, mit den Inspektoren auf das Feld zu gehen. Er war so ein tüchtiger Landwirt geworden und konnte seine Kenntnisse in anderen Ländern weiter ausbilden.

Es konnte ihm nicht verborgen bleiben, wenn er wieder nach Schloss Warnitz zurückkehrte, dass in jedem Jahr sich die Zeichen des Verfalls des väterlichen Vermögens mehrten. Er hörte die Klagen der Wirtschaftsinspektoren, dass niemals Geld vorhanden sei, um notwendige Verbesserungen in den Wirtschaftseinrichtungen herzustellen, dass das Getreide häufig schon verkauft werde, ehe es gedroschen, die Wolle, ehe sie geschoren sei. Der Förster erzählte ihm, dass die Wälder in fast forstfrevlerischer Weise ausgenutzt würden, die Stammschäferei kam zurück, es wurden aus derselben nur edle Böcke verkauft, aber ihr kein frisches Blut durch Ankauf zugeführt.

Wie es möglich geworden war, dass der Vater in Schulden hatte geraten können, vermochte Hermann nicht zu begreifen, aber dass es geschehen sei, war ihm klar. Wohl war der Baron noch immer der Herr eines ausgebreiteten Güterbesitzes, der bei intensiver Bewirtschaftung größere Erträge geben musste, aber das Kapital für eine solche Bewirtschaftung fehlte. Die Güter waren mit Schulden überlastet und die Inspektoren aus Schloss Warnitz sprachen es offen aus, dass auf Befehl des Herrn Barons die Wirtschaft lediglich darauf hin gerichtet sei, ohne Rücksicht auf die Zukunft so viel Geld wie möglich aus den Gütern herauszuschlagen.

Da musste denn freilich der Verfall mit entsetzlicher Schnelligkeit um sich greifen und das sichere Endresultat, der Ruin, war vorauszusehen. Aber über die ursprüngliche Ursache dieses Verfalls vermochte Hermann sich nicht klar zu werden.

Ein Verschwender war der Baron nie gewesen. Er hatte wohl auf großem Fuß gelebt, Schloss Warnitz und Schloss Lösen waren sehr elegant, ja luxuriös eingerichtet, die Gastfreiheit, welche geübt wurde, erforderte erhebliche Summen, aber die Erträge der großen, früher fast schuldenfreien Güter gestatteten wohl einen noch größeren Aufwand.

Hatte der Baron vielleicht, getrieben von Gewinnsucht, um sein ohnehin schon bedeutendes Vermögen noch zu vergrößern, sich in gefährliche Spekulationen eingelassen? Eine solche Lösung des Rätsels war vielleicht die wahrscheinlichste und für dieselbe sprachen manche Äußerungen, welche der Baron gelegentlich getan hatte. Eben sowohl wie der Umstand, dass nun der geheime Kommerzienrat Treu sein gefährlichster und Hauptgläubiger war.

Treu war bekannt als kühner, gewissenloser, glücklicher Spekulant. Er war ein Jugendfreund des Barons, mit dem er stets in intimer Verbindung geblieben war. Nichts war wahrscheinlicher, als dass Treu den Freund zu gewagten Spekulationen verleitet und dass der Charakter schwache und gewinnsüchtige Mann der Verführung nicht habe widerstehen können. So erklärte es sich, dass der Baron in den letzten Jahren stets mit großer Erbitterung vom einstigen Freund gesprochen, ja ihn mit dem hässlichen Schimpfnamen eines Wucherers belegt hatte, während er nun plötzlich die Verbindung seines ältesten Sohnes mit der Tochter dieses Wucherers forderte.

Hermann hatte sich dem Willen des Vaters wenigstens insoweit gefügt, dass er seine ablehnende Entscheidung auf drei Monate hinausgeschoben hatte, aber er hatte es ungern und mit Verleugnung seines Rechtsgefühls getan. Er fühlte sich gedrückt dadurch, dass er wider seine bessere Überzeugung, um eine Verständigung mit seinem Vater herbeizuführen, diesem nachgegeben hatte. Je mehr er bei reiflichem Nachdenken sich klar darüber wurde, dass Treu wahrscheinlich der Urheber des Unglücks seines Vaters sei, je widerlicher war ihm der Gedanke, einem solchen Mann in irgendeiner Weise nähertreten zu müssen. Er war verstimmt darüber, dass er ein Versprechen gegeben hatte, welches er bereute.

Und nicht minder verstimmt war der Baron. Er hatte zwar das Wichtigste erreicht, er hatte Zeit gewonnen. Aber um welchen Preis? Er hatte sich demütigen müssen vor seinem ältesten Sohn, gegen den er die frühere Abneigung nie ganz hatte überwinden können. Er war gezwungen gewesen zum Geständnis seiner unglückseligen Lage, und endlich hatte er sogar die seinen aristokratischen Stolz tief verletzende Erlaubnis geben müssen, dass sein Sohn als Arzt ein bürgerliches Gewerbe treibe! Das konnte er Hermann nicht verzeihen, und wenn er seinem Ingrimm nun nicht offen durch Worte Luft machen durfte, im Herzen behielt er ihn doch.

Nur äußerlich war zwischen Vater und Sohn eine Verständigung erfolgt, innerlich standen sie sich ferner als jemals. Sie waren so grundverschieden in allen ihren Lebensanschauungen, in ihrem ganzen Sein und Wesen, dass es kaum ein anderes Bereinigungsband zwischen ihnen gab als das der Blutsverwandtschaft. Ihre Seelen waren getrennt durch eine unüberbrückbare Kluft, die sich noch mehr vertiefen sollte, nachdem kaum die Scheinverständigung geschlossen worden war.

Der alte Dubois brachte auf dem silbernen Präsentierteller zwei Briefe, welche soeben vom Landbriefträger in Schloss Warnitz abgegeben worden waren. Er bot den Teller dem Baron. Als dieser aber beide Briefe nehmen wollte, sagte er: »Bitte um Entschuldigung, gnädiger Herr, der eine Brief ist an den Herrn Baron Hermann von Anthold adressiert.«

»Ein Brief an mich hierher, nach Schloss Warnitz adressiert? Das muss wohl ein Irrtum sein!«, rief Hermann verwundert.

»Nein, die Adresse ist ganz klar«, entgegnete der Baron, der den Brief vom Präsentierteller genommen hatte und ihn neugierig anschaute. »Eine schöne und doch feste, eine zierliche, kleine und doch charaktervolle Damenhand hat sie geschrieben, sie lautet: An den Herrn Baron Hermann von Anthold, zurzeit in Schloss Warnitz bei Station F.«

»Das begreife ich nicht! Ich kenne keine Dame, die ein Recht hätte, an mich schreiben zu dürfen.«

»Das Rätsel wird sich dir lösen, wenn du den Brief öffnest!«

Der Baron übergab seinem Sohn das zierliche Schreiben. Noch einmal las Hermann die Adresse, sie war so klar, dass sie jeden Irrtum ausschloss, der Brief war sicherlich an ihn gerichtet. Kopfschüttelnd zerriss er das Kuvert und nicht ohne eine gewisse Neugier las er den Brief, der mit jeder Zeile sein Interesse höher spannte und fesselte.

Mein Vater hat mir gestern eine Eröffnung gemacht, welche mich zwingt, die Schranken der gesellschaftlichen Sitte zu durchbrechen. Wie unschicklich und unzart es Ihnen auch erscheinen mag, dass ich mich mit offenem Wort an Sie wende, es muss dennoch geschehen. Sie müssen es durch mich selbst erfahren, welchen tiefen Abscheu mir die Absichten einflößen, die Ihr Vater und der meine für unser beiderseitiges Schicksal haben. Ihr Vater hat Sie aus Italien zurückberufen, er hat von Ihnen gefordert oder wird von Ihnen fordern, dass Sie um meine Hand werben, wie mein Vater von mir gefordert hat, dass ich aus meinem schönen Gebirgsdörfchen im Harz, in welchem ich so glückliche, friedliche Tage verlebt habe, zurückkehre nach D., um Ihren Besuch zu empfangen und mit einem freudigen Ja Ihre Werbung zu beantworten. Ich kenne Sie nicht. Ich weiß nicht, ob Sie die tiefinnerliche Empörung begreifen, die meine Seele erfüllt bei dem Gedanken, dass ich als willenloses Werkzeug dem Plan meines Vaters dienen soll! Ich kenne Sie nicht und will Sie nicht kennen lernen. Wenn Sie ein Mann von Ehre sind, dann werden Sie nach dieser Erklärung sich weigern, sich zum Werkzeug der Pläne Ihres Vaters zu machen, wie ich mich geweigert habe, die meines Vaters zu erfüllen! Ich werde mich niemals, niemals zwingen lassen, einem Mann, den ich weder lieben noch achten kann, mich selbst zu eigen zu geben! Dies habe ich meinem Vater erklärt, ich habe ihn angefleht, seine verabscheuungswürdigen Pläne aufzugeben; aber sein eiserner Wille ist nicht zu beugen. Ich muss nach D. zurückkehren, ich werde gezwungen werden, Ihren Besuch zu empfangen. Werden Sie ihn mir aufdrängen? Mein Abscheu vor dem Mann, der nach meiner offenen Erklärung dies wagte, könnte nur durch meine Verachtung überboten werden!
Soll ich Sie bitten, kommen Sie nicht? Nein, ich spreche kein Wort der Bitte aus. Wenn Ihre Ehre es Ihnen erlaubt, mögen Sie kommen! Ich werde Sie empfangen, aber, dies schwöre ich Ihnen, ich werde Nein sagen und immer wieder Nein, letztendlich selbst vor dem Altar, wenn man mich dahin schleppen sollte! … Adele Treu.

Hermann las den seltsamen Brief mehrere Male. Er fühlte sich eigentümlich angezogen und zugleich abgestoßen.

Diese klaren, festen Schriftzüge entsprachen der Entschiedenheit, mit welcher die Schreiberin seine Werbung zurückwies. Der Abscheu, den sie vor einer Verbindung mit dem Unbekannten fühlte, harmonierte mit Hermanns eigenem Widerwillen gegen den Plan seines Vaters. Und doch berührte ihn das ganze Schreiben höchst peinlich.

Er war empört über den Zwang, den es ihm auferlegen wollte, über die Beeinträchtigung seines eigenen freien Willens.

»Ein hübsches Pröbchen weiblichen Zartgefühls!«, sagte er bitter lachend und seinem Vater den Brief überreichend.

»Lies dieses reizende, echt mädchenhafte Briefchen der ebenso schönen, wie liebenswürdigen und feingebildeten Adele Treu und dann sage, ob du noch immer darauf bestehst, dass ich dem Herrn Geheimrat einen Besuch mache!«

»Ich dächte, die Sache sei abgetan?«, erwiderte der Baron unwirsch vom Brief aufschauend, den er empfangen und mit großer Aufmerksamkeit gelesen hatte. »Du hast mir dein Wort gegeben, willst du es brechen?«

»Nein, was ich versprochen, erfülle ich, wenn du es verlangst, aber ich meine, du solltest von deinem Verlangen freiwillig Abstand nehmen, wenn du dies Briefchen gelesen haben wirst.«

Der Baron nahm Adeles Schreiben aus der Hand des Sohnes, er las es, ohne eine Miene zu verziehen, dann sagte er, es zurückgebend: »Ich konnte mir nach Treus Brief, den ich soeben erhalten habe, fast denken, dass du ein ähnliches Schreiben erhalten würdest. Fräulein Adele Treu ist eine sehr schöne und liebreizende junge Dame, aber ein wenig exzentrisch. Treu teilt mir mit, dass er eine heftige Szene mit ihr gehabt habe, aber er fügt hinzu, dass seine Absicht hierdurch nicht erschüttert werde. Augenblicklich befindet er sich mit seiner Tochter noch im Harz, er wird aber in den nächsten Tagen nach D. zurückkehren und wünscht dort deinen Besuch. Er meint, der törichte Widerstand, den nun seine Tochter noch gegen unsere Verabredung leiste, werde von selbst aufhören, wenn du nach D. kämst, schlimmstenfalls würde er durch ein strenges, väterliches Machtwort gebrochen werden können. Der Brief des Fräulein Adele Treu ändert nichts in der Sachlage. Magst du schließlich dich entscheiden, wie du willst, an dem gegebenen Wort halte ich dich! Ich muss Zeit gewinnen, das wiederhole ich dir, und mahne dich an dein Wort. Ich fordere von dir, dass du es wiederholst, dass du mir noch einmal versprichst, in D. dem Geheimrat deinen Besuch zu machen und erst nach frühestens drei Monaten Dein entscheidendes Nein zu sprechen!«

»Was ich einmal verspreche, halte ich!«, entgegnete Hermann, mit finster gerunzelter Stirn den Vater anschauend. »Ich werde deinen Willen erfüllen, aber ich werde nie vergessen, welchen empörenden Zwang du auf mich ausgeübt hast.«

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2 Antworten auf Der Stern der Anthold – Band 1.2.

  • Paule sagt:

    Hallo Wolfgang.
    Kommen die anderen 27 Kapitel auch noch?

  • W. Brandt sagt:

    Guten Morgen, Paule,

    nach einem FP-Crash bin ich derzeit dabei, verlorene Dateien irgendwie zu retten und auf den neuen Rechner zu speichern. Das braucht seine Zeit, die ich zum Glück als Vollzeitrentner nun habe.

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