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Einsendeschluss 31.05.2021

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Elfenärger

Eine Fantasy-Kurzgeschichte mit Jack, dem Haustiersitter

So sieht also das Ende aus, dachte Jack.

Mit aller Kraft hielt er sich am Dach eines heruntergekommenen Hauses in einer namenlosen Seitengasse der Unterstadt fest.

Unendlich weit weg lag das Straßenpflaster unter ihm, und erträglich nah war das triumphierende Grinsen seines Widersachers über ihm, der bereits seinen Fuß zum entscheidenden Schlag platziert hatte.

Genaugenommen stand die Elfe mit beiden Füßen auf der Hand, die Jack vorm Absturz bewahrte. Er spürte ihr Gewicht kaum, wog sie doch nicht mehr als ein Schmetterling oder eine Maus, die einen Schmetterling gefressen hatte.

Dieser Umstand änderte jedoch nichts daran, dass er ihrer Gnade ausgeliefert war. Ihr leises Kichern – manch einer hätte es niedlich gefunden, doch Jack hörte die höhnische Bosheit dahinter – ließ eine düstere Vorahnung in ihm aufsteigen.

Die Elfe schüttelte sich kräftig und streckte Jack den blanken Hintern mit einer Geste entgegen, die ihm zeigte, was er machen dürfte, wenn er denn könnte.

Feiner, giftig-grüner Staub rieselte auf Jacks Hand. Sofort als der Staub sie berührte, verlor Jack jegliches Gefühl in ihr. Sie wurde kalt und taub.

Hilflos sah er mit an, wie seine Finger über den Rand des Daches glitten und er fühlte das flaue Gefühl im Magen aufsteigen, das mit dem freien Fall einherging.

Wer auch immer die Behauptung aufgestellt hat, in solchen Situationen laufe das ganze Leben vor dem inneren Auge ab, der war noch nie in einer solchen Situation.

Während er den Boden näher kommen sah und sich eine Sekunde des Sturzes zu einer Ewigkeit auszudehnen begann, sah Jack nur ein einziges Bild in seinem Kopf aufblitzen: den verfluchten Tag, an dem sein Leben diese verhängnisvolle Wendung vollziehen sollte.

 

Es war kaum mehr als einen Monat her, dass Jack die Stadt vor einem marodierenden Oger gerettet hatte – zumindest erzählten es die Leute so, da sie nicht selbst an dem Vorfall teilgenommen hatten – und noch immer war es heiß. Brütend heiß. Unerträglich heiß. So heiß, dass man das Gefühl hatte, bei lebendigem Leib im eigenen Saft gekocht zu werden. So heiß, dass Jack nichts Besseres einfiel, als auf seinem Küchen-/Wohnzimmer-/Schlafzimmertisch – sein Haus hatte nur einen Raum, also musste der Tisch alle Funktionen übernehmen – zu liegen, und sich immer neue Steigerungsformen für heiß auszudenken. Und es gab auch wenig Aussicht darauf, dass sich in nächster Zeit etwas daran änderte.

Die Hitzewelle hatte die gesamte Stadt lahmgelegt.

Die Aristokraten waren schon lange aus der Stadt in ihre Anwesen am Meer oder in den Bergen, überall dorthin eben, wo es kühler war als hier, geflohen und hatten damit Jack seiner wichtigsten – und offen gesagt einzigen – Einnahmequelle beraubt.

Es war zwar nicht so, dass Jack bald am Hungertuch nagen würde, obwohl es Ausgaben gab, die ständig von ihm zehrten.

Im Gegenteil, von der Bezahlung für das Ogersitten war noch so viel übrig, dass Jack überall kleine Münzverstecke angelegt hatte, wo er sein Erspartes sicher aufbewahren konnte.

Die Unterstadt war nicht dafür bekannt, besonders sicher zu sein, auch wenn es schlimmere Teile gab, als den, in welchem er wohnte.

Früher oder später würde es auffallen, dass er trotz mangelnder Arbeit stets Geld zum Ausgeben hatte.

Und wenn das Gerücht aufkam, jemand habe mehr Geld, als er brauchte, bekam man hier schon mal unerwarteten Besuch und fand sich anschließend bestenfalls nur beraubt, aber wenigstens lebendig wieder.

Diese momentane Durststrecke drohte also nicht nur, Jacks Langeweile zu fördern, sondern auch seine gut getarnte Armut auffliegen zu lassen. Just in diesem Moment, als Jack in den Wirren großstädtischer Paranoia versunken war, klopfte es an der Tür.

Misstrauisch beäugte er seinen Besucher, entschied sich aber ihn als ungefährlich einzustufen.

Sein Aufzug war heruntergekommen, aber er war kein Bettler – oder Schlimmeres.

Seine Kleidung hatte wohl einmal eine Stange Geld gekostet, aber inzwischen war sie zerschlissen, fleckig und passte damit gut zu ihrem Träger.

Dieser war klein und untersetzt, was darauf hindeutete, dass er durchaus genug Geld übrig hatte, um regelmäßig und reichhaltig zu speisen. Trotzdem wucherte ein ungepflegter Bart um sein Doppelkinn und sein Haar, das nur noch an den Seiten des Kopfes eine angemessene Länge erreichte, war ungekämmt und verfilzt.

Immer wieder sah er sich nervös um und zuckte bei jedem kleinen Geräusch zusammen. Er erinnerte Jack an eine geprügelte Katze.

»Du bist Jack?«, fragte der Mann mit dünner, krächzender Stimme. »Der Jack?«

Als Jack seine Identität bestätigte, hellte sich die Miene des Mannes auf, und seine müden Augen funkelten. Eilig schob er sich an Jack vorbei und hievte einen schweren Kasten auf den Allzwecktisch.

»Ein Auftrag. Pass darauf auf.« Der Mann machte nicht viele Worte und wartete auch nicht auf eine Antwort von Jack. Er warf dem Kasten nur einen letzten, finsteren Blick zu und stürmte dann so schnell wieder hinaus, wie er hineingekommen war.

Im Nachhinein hätte es Jack eine Warnung sein sollen, doch wie so häufig übertönte das Klirren des Geldbeutels, den der Mann auf den Tisch warf, jede Vorsicht. So überhörte er auch das fröhliche, befreite Lachen des Mannes, das noch lange durch die Straße widerhallte.

Jack kämpfte eine Weile mit der unbändigen Neugier, die der Kasten in ihm geweckt hatte. Es war ein ungewöhnliches Gebilde. Natürlich hatte Jack schon einige Transportkäfige bei seinen Kunden gesehen, aber einen solchen noch nie. Der Käfig war sehr massiv gearbeitet. Aus dickem schwarzem Holz, wie man es hier in der Gegend auf keinen Fall finden konnte. Und dieses Holz war zusätzlich mit Eisenbeschlägen verstärkt. Selbst die vergitterte Tür an der Vorderseite erinnerte mehr an ein tragbares Gefängnis, als an einen Transportkäfig für Haustiere.

Aus dem Inneren drangen von Zeit zu Zeit ein leises Scharren und Flattern und ein zartes Zirpen und Seufzen, das im krassen Gegensatz zum wuchtigen Käfig stand.

Was soll’s, dachte er sich. Früher oder später muss ich den Käfig ohnehin öffnen. Durch das engmaschige Türgitter kann ich das Was-auch-immer kaum füttern.

Er nahm also den Schlüssel, zumindest vermutete er – zu Recht -, der kleine Schlüssel am Riemen des Geldbeutels gehöre zum Käfig, und öffnete damit die Tür.

Er nahm nur einen verschwommenen Schatten wahr, der an ihm vorbeischoss, kaum dass er den Käfig einen kleinen Spalt geöffnet hatte.

Erschrocken taumelte Jack zurück und verfehlte nur um ein Haar ein Stuhlbein, das ihn den letzten Halt gekostet hätte, den er noch hatte.

Leicht verwirrt sah sich Jack um, und suchte in der groben Richtung, in die der Schatten geflüchtet war.

Tatsächlich fand er, was er suchte.

Zwischen all den kleinen Töpfen und Gefäßen, in denen Jack dies und das, nicht nur Kräuter und Gewürze aufbewahrte, verstecke sich eine kleine, nicht mehr als zwanzig Zentimeter große Elfe.

Das zierliche, blassblaue, oder blassgrüne – so genau konnte man die Farbe nicht ausmachen, denn genau wie die zarten Flügel auf seinem Rücken, schimmerte der ganze Körper in allen Regenbogenfarben – Wesen lugte verstohlen aus seinem Versteck hervor und blickte Jack unschuldig und etwas misstrauisch an.

Erleichtert atmete Jack auf. Bei dem Käfig hätte eine viel gefährlichere Kreatur herauskommen können, als eine Elfe. Ein stachelbewehrter Tanzender Teufel zum Beispiel, der nicht gerade bekannt dafür ist, besonders handzahm zu sein.

»Was haben wir denn da?« Langsam näherte sich Jack dem offenbar verstörten Fabelwesen und streckte ihm seine Hand entgegen. »Keine Angst Kleines. Ich tue dir nichts. Komm her, komm he … Verdammt!«, fluchte Jack, als die Elfe, statt sich auf die dargebotene Hand zu setzen, lieber beherzt zubiss.

Jack tanzte, weitere wilde Flüche ausstoßend durch den Raum und versuchte verzweifelt die Elfe abzuschütteln, die sich hoffnungslos in seine Hand verbissen zu haben schien.

Es dauerte einige Augenblicke, bis die Elfe endlich losließ, sich auf dem Deckel des Käfigs niederließ und Jack ein beleidigtes Zirpen zuwarf – und dabei in einem aggressiven rot leuchtete -, das zu sagen schien: Was glaubst du denn, was ich bin? Ein dressierter Köter, der nach deiner Pfeife tanzt?

Kein guter Start, dachte Jack, als er sich der Elfe gegenübersetzte, und begann sich mit ihr wortlos um die Wette anzustarren. Wirklich kein guter Start!

 

Doch bringt ein schlechter Anfang noch niemanden dazu jemand anderen – in diesem Fall Jack –, von einem Dach zu stoßen.

Und es lag auch nicht an Jacks mangelndem Willen, das Eis zu brechen. Im Gegenteil, schon am nächsten Tag, genauer am Morgen, tat er sein Bestes, um die kühle Abneigung der Elfe durch Bestechung zum Schmelzen zu bringen.

Schon vor Sonnenaufgang hatte er die noch taufeuchten Blüten einiger Blumen seines Gartens gepflückt und damit ein ganz ansehnliches Bouquet, oder eher Büfett, zusammengestellt, das von einem Fingerhut – er konnte sich nicht vorstellen, dass eine Elfe mehr essen konnte – gefüllt mit Honig gekrönt wurde. Stolz auf diesen optischen – und kulinarischen – Leckerbissen stellte er ihn in einem respektablen Abstand zu seinem Platz auf den Tisch und erwartete die Elfe zum Frühstück – diese hatte bereits am Tag zuvor damit begonnen, sich im Gebälk des Daches ein Nest zu bauen.

Amüsiert nahm die Elfe das Friedensangebot zur Kenntnis, als sie es überflog, um sich die Räucherwurst, die sich Jack als Frühstück bereitgelegt hatte, zu stibitzen, und sich wieder in ihr Nest zurück zu ziehen.

Also eher der herzhafte Typ, stellte Jack fest, räumte den Tisch ab und widmete sich seinem unausweichlichen Tagewerk.

Natürlich bestand dieses Tagewerk nur aus der alltäglichen Gartenpflege. Wie gesagt, Jobs als Haustiersitter, und sei es auch nur für einen Tag, waren rar. Es blieben ihm also nur Haus und Garten, um sich zu beschäftigen.

Insgeheim hatte er gehofft, gemeinsame Gartenarbeit könnte einen ähnlichen Erfolg erzielen, wie zuvor bei dem Oger Gor. Aber er wurde enttäuscht. Die Elfe zeigte nicht das geringste Interesse, sondern schwirrte nur hin und wieder hinaus, während Jack die durstige Erde bearbeitete, und suchte sich weiteres Material für ihr Nest. Jack seufzte. Der Oger war wirklich eine enthusiastischere Hilfe gewesen, so grobschlächtig er auch war. Und darüber hinaus war er auch noch gesprächiger.

Seine Gedanken, was er noch tun könnte, um die Elfe für sich zu gewinnen, wurden umso vordringlicher, je näher der Mittag mit seiner unbarmherzigen Hitze rückte. Dann könnte er sich nicht mehr im Garten verstecken, sondern musste sich seinem eigenwilligen Hausgast stellen.

Als Jack sein Haus wieder betrat, erwartete ihn eine unangenehme Überraschung. Es war weder das mittelschwere Chaos, das die Elfe in der Küche hinterlassen hatte – offenbar hatte die Elfe einige seiner Münzverstecke ausgeräumt-, noch war es die Tatsache, dass sein bestes Bettlaken jetzt zur Innenausstattung eines komfortablen Elfenheims gehörte, er kam gar nicht mehr dazu, solche Details zu bemerken.

Direkt hinter der Türschwelle wartete eine wohlplatzierte Landmine auf ihn – wer Hundebesitzer in seiner Nachbarschaft hat, weiß, von welchen Landminen ich spreche -, nur das der Staubhaufen, den die Elfe hinterlassen hatte, tatsächlich dazu neigte, zu explodieren.

Im hohen Bogen landete Jack höchst unsanft wieder im Garten.

Kämpfte er noch etwas mit seiner Fassung, hatte man ihm doch verschwiegen, dass die Elfe nicht ganz stubenrein war – hellsichtig, wie er war, erkannte er die Hinterlassenschaft der Elfe als das, was es war. Ihm riss endgültig der Geduldsfaden, als er das Chaos in seinen vier Wänden sah. Speziell die leeren, zerbrochenen Gefäße, die vorher seine Notgroschen beherbergt hatten, brachten ihn in Rage.

»Jetzt reicht’s aber!«, fauchte Jack. »Du kommst sofort zurück zu deinem Besitzer! Meinetwegen kann er sein Geld zurückhaben!«

Die Elfe antwortete mit einem rebellischen Zischen. Jack stieg auf Stuhl und Tisch und war bereit, die Elfe an ihrem dürren Hals aus ihrem Nest zu ziehen. Erneut wurde ihm glitzernder Staub entgegen geworfen, der nun jedoch nicht explodierte, sondern dafür sorgte, dass sich die Welt um Jack zu drehen begann und er erneut unsanfte Bekanntschaft mit dem Boden machte.

Noch während er sich von den Nachwirkungen des Elfenstaubs erholte, musste sich Jack zwei Probleme eingestehen, die er bisher ignoriert hatte.

Erstens wusste er weder wer der Besitzer der Elfe war, noch wo er zu finden war. Und zweitens musste er feststellen, dass der Schlüssel für den Transportkäfig offenbar nicht mehr dort hing, wo er ihn gestern noch höchstpersönlich platziert hatte. Natürlich musste er nicht lange nachdenken, wer den Schlüssel jetzt hatte. Das gemeine Kichern der Elfe sagte mehr, als er wissen musste.

In Ordnung, diese Runde geht an dich!

Einen Frontalangriff würde er erst einmal nicht mehr versuchen. Lieber auf Abstand gehen, beobachten, abwarten und im richtigen Moment zuschlagen.

Es dauerte einige Zeit, bis sich die Elfe vorsichtig heraustraute und Jack durch Anlegen einer roten Warnfärbung anzeigte, weiterhin auf Abstand zu bleiben. Jack wiederrum signalisierte sein Einverständnis. Wie gesagt, ein Frontalangriff war sinnlos, solange die Elfe mit ihrem Staub um sich werfen konnte.

Sein kleiner Haustyrann genoss den offensichtlichen Sieg und machte sich erst einmal über Jacks Vorräte her, und schleppte dabei deutlich mehr weg, als so ein kleines Ding auf einmal essen konnte. Offenbar richtete sie sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Über diese fatale Schlussfolgerung konnte auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass die Elfe zwischenzeitlich mehrere Stunden ausgeflogen war und erst gegen Abend wieder zurückkam.

Sie schimmerte in sehr harmonischen Farben, was Jack als Zeichen deutete, dass sie ungewöhnlich fröhlich und entspannt war. Es hätte ihn sehr interessiert, wo die Elfe gewesen war. Bei einem Menschen hätte er einen Verdacht gehabt, bezweifelte aber, dass es entsprechende Etablissements für Elfen gab.

Jack konnte sich ihr sogar bis auf Armeslänge nähern, ohne mehr als einen misstrauischen Blick zu ernten.

Wie dem auch sei, diese Chance wollte sich Jack nicht entgehen lassen. Doch als er den neu gewonnenen Frieden nutzen wollte, um wenigstens an den Schlüssel für den Käfig heranzukommen, der erste Schritt, um sich dieses Gastes zu entledigen, der sich mehr wie der Hausherr aufführte, erntete er einen Schlag, der stark genug war, um ihn für diese Nacht aus seinem eigenen Haus zu vertreiben. 2:0 für die Elfe.

 

Jack suchte sich ein nettes kleines Gasthaus. Er kannte den Laden. Eine Garküche, die auch ein paar Betten vermietete. Sie war beliebt und zog immer viel buntes Volk an, aber auch nicht zu beliebt, sodass er relativ sicher sein konnte, zumindest noch eine Pritsche für die Nacht zu ergattern.

Der Gastraum war übersichtlich gefüllt. Nur ein paar kleine Grüppchen von Reisenden und Händlern, die auch die Hitze nicht davon abhalten konnte, Urban, die Stadt der Magier, zu besuchen.

Erleichtert fand Jack unter den wenigen Gästen ein bekanntes Gesicht. Lyras, ein fahrender Händler, saß im hinteren Teil des Gastraumes alleine an einem Tisch und beobachtete bei einer Schüssel Nudelsuppe das Geschehen um ihn herum.

Jack stand zwar nicht so verzweifelt der Sinn nach Gesellschaft, zumindest nicht mehr als sonst auch, aber Lyras war bekannt dafür, viel herumzukommen. Wenn jemand etwas über die Elfe und ihren Besitzer wusste, dann er. Oder er kannte zumindest jemanden, der ihm weiterhelfen konnte.

»Hallo, hallo, hallo, wen haben wir denn da? Welch seltenes Gesicht«, säuselte Lyras, als Jack sich zu ihm setzte.. »Du siehst etwas mitgenommen aus, Jack.« Der fremdländische Akzent des schwarzhäutigen Händlers war noch schwerer zu verstehen als sonst. Offenbar hatte er schon einiges mehr gehabt als bloß Nudelsuppe.

»Habe schon bessere Tage gehabt«, entgegnete Jack knapp und winkte die Bedienung heran, um für sie beide einen Krug Wein zu bestellen.

»Die Geschäfte laufen wohl nicht so gut in letzter Zeit?«

Eher im Gegenteil, dachte Jack. »Du kennst doch Gott und die Welt.«

»Die Welt ganz sicher. Aber ob ich schon einmal Gott begegnet bin, da bin ich mir nicht so sicher«, lachte Lyras. Jacks finsterer Blick ließ ihn jäh verstummen. »Bist wohl nicht zum Quatschen gekommen, was? Ok, kommen wir zum Geschäft.«

»Ich suche jemanden. Einen Mann, möglicherweise ein Händler, vielleicht auch ein niedriger Adliger. Gut anderthalb Köpfe kleiner als ich, Halbglatze, um die Vierzig. Hat bestimmt auch schon mal bessere Zeiten erlebt.«

Lyras überlegte eine Weile und wischte mit einer Geste seines Fingers all jene Bilder vor seinem geistigen Auge weg, die nicht auf die Beschreibung passten.

»Klingt für mich nach dem glücklosen Hans«, sagte er schließlich. »Er ist ein kleiner Händler in der Stadt und als solcher gar nicht mal unbegabt. Leider träumt er schon immer von dem einen großen Geschäft. Das hat ihm schon so manche Pleite eingebracht.«

»Bisher ist er immer wieder auf den Füßen gelandet, aber nachdem was ich jetzt so höre …« Er legte eine dramatische Pause ein und nahm einen Schluck Wein. »Ahh. Die Kehle war schon ganz trocken. Sein letzter Versuch, ans große Geld zu kommen, ist wohl gehörig in die Hose gegangen. Er hat sich irgendetwas besorgt. Etwas Seltenes, was ihm viel Geld einbringen sollte. Hat ihm aber nichts als Kosten beschert, mehr als er hatte. Musste Schulden machen bei gefährlichen Leuten.«

»Wo kann ich diesen glücklosen Hans finden?«, fragte Jack fordernd.

»Wenn er überhaupt noch in der Stadt ist, meinst du. Er wird seine sieben Sachen gepackt haben und versuchen, so schnell es geht zu verschwinden, bevor ihn seine Gläubiger kriegen. Wenn du mich fragst, wird er alles, was er noch besitzt, zu Geld machen und sich einen Platz in irgendeiner Karawane erkaufen, die so weit von hier weg reist, wie es nur irgend geht.«

Dem hatte Jack nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht: Verdammt! Nur nutzte er eine weniger blumige Wortwahl – Verfi… Sch… Lyras‘ Ausführungen zufolge würde Jack die Elfe wohl nie mehr loswerden. Wenn er den glücklosen Hans überhaupt noch auftreiben konnte, zweifelte er doch stark daran, ihn überreden zu können, die Wurzel all seinen Übels wieder an sich zu nehmen. Und er konnte ihn ja schlecht dazu zwingen. Womit sollte er einen Mann schon unter Druck setzen, der vor dem sicheren Tod flieht?

»Eine Karawane also? Ich glaube kaum, dass er als gewöhnlicher Fahrgast reisen wird«, stellte Jack fest.

»Wohl kaum. Er wird eher als ungewöhnliches Gepäckstück mitreisen«, witzelte Lyras. »Du hast Glück, Jack. Im Moment ist nicht so viel los. Da kann man die Karawanen, die die Stadt verlassen, an einer Hand abzählen.«

»Wäre nicht das erste Mal, dass mir mein Glück als Einziger zur Seite steht. Danke, Lyras.« Jack ließ noch ein Kupferstück auf dem Tisch zurück, damit sich sein Freund noch eine Runde Wein auf seine Kosten genehmigen konnte. Dann machte er sich auf den Weg.

Er musste schnell handeln. Wenn man zögert, lässt einen das Glück gerne mal im Stich.

 

Jack ging zu den Karawanenhäusern am Stadttor. Dort ruhten die Lasttiere und lagerte auch die Fracht für die kommenden Handelsreisen.

Es kostete ihn nur ein paar Münzen, um die von ihm gesuchte Fracht ausfindig zu machen.

Der glücklose Hans hockte zusammengekauert in einem Fass und schaute recht verdutzt, als Jack ihn an seinen schwindenden Haarschopf herauszog.

»J-Jack?! Welch eine Überraschung. Mit dir hä-hätte ich am wenigsten gerechnet«, stammelte der Mann.

»Wieso denn, Hans? Ich muss mich doch für das Abschiedsgeschenk bedanken, dass du mir gemacht hast. Und das, wo wir uns eigentlich doch gar nicht kennen.«

»Du verstehst doch sicher, ich konnte das Biest ja nicht mitnehmen. Sie würde mein Versteck doch sofort auffliegen lassen.»

Daran zweifelte Jack keine Sekunde.

»Sie hat mir ja von Anfang an nur Ärger gemacht … Auf den ersten Blick schien es eine gute Geschäftsidee: Elfenstaub. Ein Wundermittel … vom kleinen Rausch bis zur Heilung. Alles ist möglich! Die Alchemisten zahlen in purem Gold für jedes Gramm!«

Jack bereitete den Erklärungen mit einer kurzen Geste ein Ende.

»Versteh bitte. Wem hätte ich sie denn besser anvertrauen können, als dir, dem Jack, von dem alle Welt spricht?«, keuchte Hans verzweifelt.

Na toll, ich hatte befürchtet, dass mein Ruf mir eines Tages in den Rücken fällt. Doch musste es schon so früh sein?, lamentierte Jack innerlich. »Keine Sorge, ich werde dir deine … unsere Nemesis nicht wieder an den Hals hängen.« Jack sah sich die wimmernde Gestalt an, die zu seinen Füßen kroch. »Du hast wahrlich schon genug durchgemacht. Sag mir nur eins, Hans, wie bei allen Teufeln der Hölle hast du dieses kleine, hinterhältige Ding in den Käfig bekommen?«

Hans grinste listig und zog ein Tuch aus seinem Reisefass hervor und präsentierte Jack ein unscheinbar wirkendes Schmetterlingsnetz.

»Sieht harmlos aus, nicht wahr? Sehr magisch ist es tatsächlich nicht, aber für eine Elfe reicht‘s. Sobald sie darin gefangen ist, kommt sie nicht wieder heraus. Was sie auch versucht, sie findet einfach keinen Weg hinaus. Ich habe es zusammen mit der Elfe erworben. Eigentlich wollte ich es verkaufen, wenn ich meinen neuen Platz in der Welt gefunden habe. Als Startkapital sozusagen. Aber du kannst es im Moment sicher besser gebrauchen. Ich würde dir einen guten Preis machen.«

»Wie wäre es mit meinem Schweigen?«, erwiderte Jack.

Hans sah ihn fragend an.

»Du gibst mir das Netz, und ich schweige, sollte ich jemanden treffen, der nach einem säumigen Schuldner Ausschau hält. Am Tor finde ich bestimmt jemanden, der aufpassen soll, damit du nicht heimlich hindurchschlüpfst.«

Dem glücklosen Hans ging das Glück auch weiterhin aus dem Weg. Kreidebleich vor Furcht willigte er in das Geschäft ein und verkroch sich wieder in seinem Fass.

Jack hingegen blieb sein Glück treu. Es hatte ihn mit der passenden Waffe für seinen Gegner ausgestattet. Neuer Punktestand: 2:1.

 

Mit seiner neuen Trumpfkarte im Rücken legte sich Jack am nächsten Morgen auf die Lauer. Er vertraute noch einmal auf sein Glück und hoffte, dass hinter dem Ausflug, der die Elfe gestern mehrere Stunden aus dem Haus geführt hatte, eine tägliche Routine stand.

Es konnte nicht nur für seine Inneneinrichtung fatal werden, sollte er gezwungen sein, im Haus hinter der Elfe herjagen zu müssen. Besser er stellte sich ihr an einem Ort, wo er mehr Bewegungsfreiheit hatte, besonders wenn es darum ging, Attacken mit Elfenstaub auszuweichen.

Als Ausgangspunkt für seine Beobachtungsmission hatte Jack sich eine schattige Ecke schräg gegenüber seinem Haus gesucht. Von dort aus konnte er nicht nur die Tür im Blick behalten, sondern auch die Mauer des Gartens, sollte die Elfe aus dem Hinterhof starten.

Er hatte sich als Bettler verkleidet und sich dafür in einen alten, abgewetzten Mantel gehüllt. Zur Untermalung seiner Tarnung schwenkte er einen kleinen Tonbecher, wenn ab und zu ein Passant vorbei kam. Sein Spiel überzeugte. Er hatte schon ein paar Münzen eingenommen.

Die Sonne brannte unerbittlich an diesem Tag und die Hitze erreichte den bisherigen Höchststand. Gepaart mit der eintönigen Langeweile war es eine fatale Mischung.

Jack nickte kurz ein. Beiläufig nahm er einen vorbeihuschenden Schatten war. Reflexartig rüttelte er den Tonbecher.

Ein unbehaglich bekanntes Summen brachte seine Sinne wieder zusammen. Weniger als eine Armlänge von seinem Gesicht entfernt schwebte die Elfe.

Jack sank in sich zusammen, zog die Kapuze des Mantels tiefer ins Gesicht und betete, seine Tarnung möge halten.

Vorsichtig spähte er unter der Kapuze hervor, sein Herz pochte bis zum Hals und er umfasste fest den Griff des Schmetterlingsnetzes, das er unter seinem Mantel versteckte.

Die Elfe leuchtete gelb und lachte ihn fröhlich an.

Dann hörte Jack das Klimpern von Münzen, die in seinen Becher geworfen wurden und sein Herzschlag beruhigte sich. »Vielen Dank der Herr«, brachte er krächzend hervor. Der Schock und die Hitze hatten seine Kehle derart ausgetrocknet, er selbst erkannte seine Stimme kaum.

Die Elfe lächelte freundlich und winkte, bevor sie weiterflog.

Jack entspannte sich. Das ist ja nochmal gut gegangen, dachte er sich und vergaß beinahe, wieso er sich verkleidet hatte.

Zu seinem Glück funkelte der kleine Flattermann wie der Festtagsanzug eines Magiers, und so fiel es Jack nicht sonderlich schwer, die Elfe wiederzufinden, und sie in gebührendem Abstand zu verfolgen.

Wäre auf den Straßen mehr losgewesen, hätte er einen Abstand wählen können, der ihm die Verfolgung leichter gemacht hätte, andererseits sah Jack, vermummt wie er war, wie ein Dieb aus, der sicher nichts Gutes im Sinn hatte – was ja gar nicht so falsch war -, und besorgte Bürger hätten schon längst die Wachen gerufen, hätten sie ihn durch ihre Hinterhöfe schleichen sehen.

Doch die Straßen waren relativ leer, und die wenigen Menschen, die sich auf die Straße wagten, schienen wenig besorgt zu sein.

Ihr Weg führte sie immer tiefer in den schäbigsten Teil der Unterstadt.

Jack fürchtete schon, er könnte sein Ziel in dem Gewirr aus Lehmhütten und notdürftig zusammengezimmerten Häusern doch noch verlieren. Aber in der Ruine eines ausgebrannten Hauses stoppte die Elfe plötzlich und stieß ein lautes Zirpen aus.

Mehrfach stieß sie ihren gurrenden Lockruf aus, bis er schließlich beantwortet wurde. Aus allen Richtungen eilten lachende Kinder herbei. »Glitzer ist zurück! Kommt zum Spielen!«, riefen sie.

Kinder, das verkompliziert die Sache, dachte Jack. Natürlich konnte er nicht in eine Gruppe von Kindern stürmen und ihnen ihren Spielkameraden entreißen, jedenfalls brachte er das nicht übers Herz. Er musste wohl oder übel warten, bis die Elfe wieder alleine war.

Er kroch näher heran, erklomm die zusammengestürzten Reste einer Mauer, und fand einen Unterschlupf in dem verkohlten Gebälk. Von dort aus konnte er ungesehen beobachten.

So hatte Jack die Elfe noch nicht erlebt. Noch vor einer Stunde hätte er jeden, der behauptet hätte, sie könne freundlich und liebevoll sein, ausgelacht.

Hier sah er aber, wie sie fröhlich funkelnd hinter den Kindern hinterherjagte, während sie Fangen und Verstecken spielten. Sie führte Kunststücke und Tricks mit ihrem Elfenstaub vor, und zum Abschluss vergab sie noch großzügige Geschenke – vermutlich Jacks Ersparnisse.

Die Sonne stand tief und färbte den Himmel in ein feuriges Orange, als sich die Gruppe langsam aufzulösen begann. Wehmütig, fast sehnsüchtig blickte sie den Kindern nach, bis auch die Letzten von ihnen außer Sicht waren. Schließlich blieb die Elfe allein zurück.

Der Moment war gekommen. Jack verließ sein Versteck.

»Zeit für meine Revanche!«, rief er laut und erhob das Schmetterlingsnetz wie ein mächtiges Schwert gegen seinen Gegner.

Die Elfe wirbelte herum und fauchte, nachdem der erste Moment der Verwirrung verflogen war, und erkannte Jack. Elfenstaub flog durch die Luft und verbrannte lautlos in einem gleißenden Licht.

Jack hechtete zur Seite und entging der blendenden Wirkung des Angriffs.

Nun ging er in die Offensive. Ein beherzter Sprung überwand die Distanz zwischen ihm und der Elfe so weit, dass er mit dem Netz zuschlagen konnte.

Die Elfe wich aus. Doch anders als sonst zeigte sie Respekt angesichts des tückischen Netzes, das gefertigt worden war, um sie zu fangen.

Sie wich zurück und suchte einen sicheren Fluchtweg. Natürlich war sie dabei im Vorteil. Sie konnte fliegen und überwand mühelos die Wand eines Hauses, um sich schnell davon zu machen.

Doch Jack wollte hier einen Schlussstrich ziehen. Man sah es ihm auf den ersten Blick nicht an, aber er war ausgesprochen flink und beweglich. Es kostete ihn nur wenig mehr Mühe als die Elfe, die Wand zu erklimmen und die Verfolgung aufzunehmen.

Jacks lange Beine konnten sich problemlos mit den kurzen Flügeln der Elfe messen, und er schloss schnell auf.

Eine wilde Jagd über die Dächer der Stadt begann. Dabei übersprang Jack die schmalen Gassen zwischen den Häusern, ohne darüber nachzudenken, dass er abstürzen könnte. Seine Sinne waren zu sehr auf sein Ziel fixiert, als dass er Zeit gehabt hätte, wegen der Höhe, in der die Verfolgung stattfand, Angst zu empfinden.

So sehr war er auf die Jagd fixiert, dass ihm gar nicht auffiel, dass die Elfe ein Ziel verfolgte.

Hinter der kopflos wirkenden Flucht stand in Wahrheit Kalkül. Sie kannte die Dächer der Gegend besser als Jack und wollte ihn in eine Falle locken.

Jack merkte es erst, als er nach einem kräftigen Sprung auf ein niedriger gelegenes Dach mit dem Fuß durch die morsche Holzdecke brach.

Zu seinem Glück war das Holz nicht sehr stark durchgefault. Nur ein Fuß brach ein und brachte ihn kurz aus dem Gleichgewicht. Aber er konnte sich rechtzeitig wieder aufrappeln, um einer weiteren Blendattacke der Elfe auszuweichen. Er sprang zurück, doch hinter ihm war kein Dach mehr, und seine Füße landeten in der Leere.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis. Jack gelang es noch, sich mit einer Hand am Dach festzuhalten, musste aber hilflos mit ansehen, wie die Elfe betäubenden Staub auf seine Hand rieseln ließ und er fiel.

Es zeigte sich, dass die Sekunde des Falls buchstäblich eine Sekunde war. Unter Jacks Füßen, das hatte er schon ertastet, befand sich ein breiter Sims, auf dem er sicheren Halt fand.

Das Schmetterlingsnetz schnellte nach oben und stülpte sich über die in Erstaunen erstarrte Elfe.

Sie flatterte wild in ihrem heimtückischen Gefängnis. Doch durch seine Magie konnte das Netz weder reißen, noch konnte sie ihren Staub benutzen, um sich zu befreien.

»Zeit unsere Mitbewohnervereinbarung zu besprechen!«, sagte Jack, während er vorsichtig das Netz lüftete. Endstand: 2:2. Unentschieden.

Ende

 Copyright © 2012 by Christian Ziemann